Kapitel 1
Sam wusste, dass er es versaut hatte, in dem Moment, als er auf dem Boden aufschlug. Was hatte er sich auch dabei gedacht, einfach den Plan über den Haufen zu werfen, um selbst zu versuchen, an die Flagge zu kommen? Dreimal im Jahr traten die drei Oberstufen der Highschool in gemischten Teams gegeneinander an. Es ging darum die Flagge des gegnerischen Teams zu erobern. Es gab nichts zu gewinnen, es ging nur um die Ehre, aber wenn sechzig Werwölfe gegeneinander antraten, dann konnte man sich denken, dass es um viel mehr ging, als nur die Ehre.
Sam war noch keine siebzehn, ging in die elfte Klasse der Shire Creek Highschool und hasste sein Leben. Es war nicht so, dass nicht jeder Sechzehnjährige sein Leben irgendwann mal hasste, aber Sams Leben war alles andere als leicht. In ganz Amerika, England und Teilen von Ost- und Westeuropa gab es Werwolfrudel. Sie lebten eigenständig unter den normalen Menschen, die um deren Existenz wussten, aber sie inzwischen akzeptierten. Die Werwölfe unterschieden sich auch nicht sonderlich von ihnen im Aussehen und Verhalten. Die Ammenmärchen, in denen Werwölfe bei Vollmond zu menschenfressenden Bestien wurden, waren alle samt eben Märchen. Werwölfe konnten sich jederzeit in ihren Wolf verwandeln. Mit ihrem inneren Wolf kommunizieren konnten sie zwar nicht, aber sie spürten dessen Gefühle durchaus. Untereinander konnten sie sich innerhalb ihres Rudels telepathisch verständigen. Wer jetzt glaubt, dass das ja besonders in der Schule Vorteile bringen könnte, der täuscht. Denn die Lehrer achten genau darauf, dass bei Prüfungen niemand »linkt«. Wie sie das sehen? Die Augenfarbe der Schüler ändert sich, wenn sie den Rudellink nutzen, genau wie dann, wenn ihr innerer Wolf hervorkommt.
Werwölfe haben gegenüber den Menschen aber noch einen entscheidenden Vorteil, sie heilen sehr viel schneller und erkranken nur sehr selten an gewöhnlichen Krankheiten, die Menschen plagen. Innerhalb des Rudels gibt es eine feste Rangordnung. Der Alpha ist der Rudelführer und meist besonders stark, groß und dominant. Seine Gefährtin ist die Luna des Rudels und sorgt für den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Dazu kommen ein oder mehrere Beta-Wölfe, die dem Alpha direkt als Vertraute dienen. Ansonsten leben im Rudel neben den Welpen und Jungwölfen, die ihren Rang mit acht Jahren erfahren, noch mehrere Betas und auch Alphas, die das Rudel mit dem Erwachsenwerden verlassen, um eigene zu gründen oder sich anderen anzuschließen. Dazu kommen noch weibliche Omegas. Omegas sind die Letzten in der Rangfolge des Rudels und stehen meist sogar außerhalb der Rudelhierarchie. Trotz allem sind die weiblichen Omegas wichtige Pfeiler im Rudel und kümmern sich meist um die Kindererziehung und haben oftmals Heilerfähigkeiten. Nur sehr selten kommen männliche Omegas auf die Welt. Sie sind so selten, dass es kaum Aufzeichnungen gibt, denn viele dieser Omegas erreichen das fünfte Lebensjahr nicht, da sie sehr schwach und anfällig für Krankheiten sind. Nur wenige Rudel akzeptieren sie in ihrer Mitte, denn männliche Omegas können Kinder auf die Welt bringen und das sehen viele Wölfe als widernatürlich an.
Sam war ein Omega und der einzige und erste in seinem Rudel. Bei der Geburt wäre er beinahe gestorben und hatte seine ersten Lebensjahre nur mit viel Glück überlebt. Seine Eltern hatten den schwächlichen Jungen von Anfang an abgelehnt. So wuchs Sam mehr oder weniger in der Gemeinschaft auf, ohne die Liebe seiner Eltern je zu spüren. Mit acht Jahren erfuhr er, dass er ein männlicher Omega ist. Niemand im Rudel wusste, was man jetzt tun sollte. Sams Eltern verstießen ihn nun endgültig und so stand man vor der Wahl den Jungen zu töten oder von der Gemeinschaft aufziehen zu lassen. Das Shire-Rudel und das benachbarte Creek-Rudel, waren nicht so groß wie andere Rudel in Neu-England und daher auf jedes Mitglied angewiesen. Also entschloss man sich Sam in die Obhut des Rudel-Alphas, Cameron Asher und seiner Frau Diana zu geben. Immerhin konnte Sam Kinder bekommen und würde, wenn er mit siebzehn seinen Gefährten fand, zum Fortbestand des Rudels beitragen können. Doch bis dahin ließen die anderen Wölfe ihn jeden Tag spüren, wie sehr sie einen männlichen Omega verabscheuten. Sam war der Prügelknabe für alle und besonders für Caden Asher, den Sohn des Alphas, der ebenfalls einen Alpharang hatte. Caden war bereits achtzehn, hatte aber seine Gefährtin noch nicht gefunden. Seinen Frust ließ er zu gerne an Sam aus, der im Alphahaus das Mädchen für alles war. Er musste kochen, waschen und putzen, bekam selbst nur wenig zu essen, meist nur das, was die Familie ihm übrigließ. Er schlief in einem Kellerzimmer ohne Fenster und hatte den Prügelattacken von Caden und dessen Vater nichts entgegenzusetzen. Er stand außerhalb der Gemeinschaft, das wurde ihm jeden Tag aufs Neue klargemacht. Er durfte den Schulbus nicht nutzen, sondern musste die 5 Meilen zu Fuß gehen. Er trug abgenutzte Kleidung und bekam kein Geld für das Essen in der Schulmensa. Trotz allem war die Schule eine Art sicherer Hafen für den jungen Omega. Die Lehrer machten keinen Unterschied zwischen ihm und den anderen Schülern. Im Gegenteil oftmals schützten sie ihn sogar, aber meistens war Sam, auf sich gestellt, denn Freunde hatte er auch hier in der Schule nicht. Die Mitglieder des Creek-Rudels, die ebenfalls die Highschool besuchten ließen ihn meist in Ruhe. Im Creek-Rudel gab es keinen männlichen Omega, aber trotzdem schien dieses Rudel ihm bei weitem nicht so abwertend gegenüberzustehen, wie Sams eigenes. Trotz allem würden aber auch sie nicht auf die Idee kommen sich mit ihm abzugeben oder sich gar mit ihm anzufreunden.
»SAM!«, der Schrei ließ den jungen Werwolf zusammenzucken. Mühsam rappelte er sich hoch. Vor ihm stand ein stämmiger Junge mit blonden Haaren und schiefen Grinsen. Sam kannte ihn nicht weiter, denn er war aus dem Creek-Rudel und eine Klasse über ihm.
»Tja Kleiner, das war’s für euch«, sagte dieser nun, drehte sich um und ging zu den anderen Mitgliedern seines Teams. Diese standen abseits, hielten triumphierend eine Flagge in der Hand und grölten.
»SAMUEL WHITE!«, während Sam noch versuchte wieder genug Luft in seine Lungen zu bekommen, wurde er gepackt. Caden stand wutschnaubend vor ihm. Das rote, dünne Leibchen, das ihn als Mitglied des roten Teams auswies und welches auch Sam trug, war dreckig und zum Teil zerrissen. Seine Augen funkelten gelb, ehe sie wieder in das normale Braun wechselten. Caden war mehr als einen Kopf größer als Sam, er hatte breite Schultern, tiefbraune Haare und Hände so groß wie Untertassen. Er hatte Sam am Kragen gepackt und schnaubte wütend.
»Was zum Fick sollte das? Du solltest die Flagge schützen und nicht einfach weglaufen, du Feigling«, knurrte Caden wütend. Inzwischen standen sie beinahe alleine auf dem matschigen Sportplatz. Die anderen waren vor dem stärker werdenenden Regen in die Schule geflüchtet, bis auf Tom und Daniel, die beiden besten Freunde von Caden, beide Betas.
»I-Ich ... ich dachte doch ...«, stotterte Sam und seine Stimme brach. Er bekam kaum Luft, den Caden würgte ihn beinahe mit seinem eigenen Shirt.
»WAS?«, schrie dieser nun und lockerten seinen Griff.
»Ich dachte, niemand ... also niemand würde glauben, dass ich versuche, an die Flagge zu kommen und dabei unsere dabeihabe. Ich dachte ...«
»Du dachtest, dass es ein mickriger, wertloser Omega wie du, mit vierzig anderen aufnimmt, die ausnahmslos alle größer, stärker und schneller sind?«, keuchte Caden. Sam musste ihm natürlich rechgeben, es war mehr als nur dumm. Aber er dachte, wenn er es schaffen würde, dann wäre er einen Tag mal nicht der Depp vom Dienst, aber wie immer musste er einsehen, dass sich an seinem Leben nie etwas ändern würde. Kraftlos ließ er die Schultern hängen und senkte den Blick.
»Es war dumm ... es tut mir leid«, sagte er fast flüsternd. Caden lachte auf. Es war kein freundliches, nicht mal ein höhnisches Lachen. Das Lachen war kalt und angsteinflößend. Sams Nackenhaare stellten sich auf und er wich zurück, auch wenn die Hand von Caden ihn noch immer gepackt hielt.
»Oh ja, es wird dir leidtun«, sagte dieser ruhig. Im selben Moment traf der erste Schlag Sams Magen. Stöhnend fiel er auf den Boden. Was dann folgte, waren unzählige Schläge und Tritte. Caden ließ nichts aus, während er auf den hilflosen Omega einprügelte. Nur mit viel Mühe schaffte Sam es, sein Gesicht zu schützen. Er wimmerte, flehte und bettelte, aber nichts half.
»CADEN ASHER!«, ein Ruf war nun plötzlich sehr nahe. Sam spürte, wie die Schläge nachließen. Er hielt die Augen geschlossen, bereit für die nächste Attacke aber diese blieb aus.
»Komm schon Cad, lass ihn. Wir müssen weg«, hörte er Toms Stimme.
»Wir sprechen uns noch«, ein letzter Tritt traf Sams Rippen, dann hörte er wie sich schmatzende Schritte entfernten. Zitternd holte er Luft und versuchte, sich aufzusetzen, aber beinahe sofort wurde ihm schwarz vor Augen und er sank zurück auf den nassen Rasen. Plötzlich spürte er eine Hand auf der Schulter und zuckte zurück.
»Sam? Geht es?«, es war die Stimme von Andrew Conners, dem Sportlehrer. Sam öffnete die Augen und setzte sich mit Hilfe des Lehrers auf. Er nickte matt.
»Sieht aber nicht so aus«, sagte Conners und zog ihn mühsam auf die Beine. Sam schluckte schwer und hörte in sich hinein. Bis auf einige Rippen schien nichts gebrochen zu sein. Die Schmerzen waren trotzdem allzu präsent.
»Ich bring dich zur Krankenschwester, okay?«, hörte er nun wieder seinen Lehrer.
»N-Nein ... nein es geht schon«, sagte er schwach. Skeptisch sah Mr. Conners ihn an.
»Schön, aber dann geh nach Hause und ruh dich aus. Morgen ist alles wieder heil. Warte hier ich hole deine Tasche«, sagte er und ehe Sam etwas erwidern konnte, war der Mann verschwunden.
Morgen ist alles wieder heil, dachte Sam und lachte innerlich. Nichts würde morgen heil sein. Als Omega heilte er ohnehin schon schwerer und seit der Schikanen in seinem Rudel, wurde es jedes Jahr schlimmer. Seinen Wolf, Coda, spürte er kaum noch. Verwandelt hatte er sich schon lange nicht und seine Wunden heilten fast so langsam wie bei Menschen. Es dauerte nicht lange, da kam Mr. Conners wieder. In der Hand hatte er Sams alten abgenutzten Rucksack und seine normalen Sachen.
»Hier nimm, geh nach Hause und erhol dich«, sagte der Lehrer und drückte Sam die Sachen in die Hand. Dieser nickte nur, stopfte Jeans und Pullover in den Rucksack und setzte diesen mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.
»Dann bis morgen. Ich teile deinen Lehrern mit, dass ich dich nach Hause geschickt habe«, sagte Conners noch mitfühlend, dann war er auch schon verschwunden. Die Lehrer mischten sich in die Rangkämpfe, die immer wieder unter den Schülern ausbrachen, meist nicht ein. Es gehörte zum normalen Rudelleben dazu. Nur wenn es zu schweren Verletzungen kommen könnte, griffen sie durch und trennten die Kontrahenten. Caden hatte aber keinerlei Strafe zu erwarten, schon deswegen nicht, weil er der Sohn des Rudelalphas war und damit der zukünftige Rudelführer.
Langsam setzte sich Sam in Bewegung. Er war froh, dass er schon auf dem Sportplatz war, denn dieser lag bereits auf dem Weg nach Hause. Inzwischen hatte immerhin der Regen nachgelassen. Er schlich mehr, als das er lief. Sein ganzer Körper schmerzte furchtbar. Er schmeckte Blut, wahrscheinlich war seine Lippe aufgerissen. Ein Auge war leicht geschwollen, das spürte er. Es dauerte bald eine Stunde, ehe er den Ort erreichte. Die Highschool lag zwischen den beiden Dörfern Shirewood und Mountaincreek. Hier lebten nur Werwölfe. In jeder der beiden Dörfer rund zweihundert. Beide Orte lagen mitten im Wald. Es gab keine befestigen Straßen, aber das war auch nicht nötig, da beinahe jeder hier einen Geländewagen fuhr. Zentrum von Shirewood war das Alphahaus, in welchem auch Sam lebte, seit seine Eltern ihn verstoßen hatten. Er überquerte nun den Dorfplatz und war froh, dass niemand auf der Straße zu sehen war. Als Sam das große Holzhaus betrat, zog er sich die Schuhe aus. Diana, die Frau des Alphas hasste es, wenn der Holzboden dreckig wurde. Dabei war Sam es, der diesen immer putzte, und nicht nur das. Der junge Werwolf hielt das gesamte Haus sauber und putzte nach der Schule bis oft spät in der Nacht. Er machte die Wäsche, bereitete das Frühstück zu und kochte am Abend, wenn die Luna es nicht lieber selber tat.
Nun aber schien niemand da zu sein. Sam schlich die Kellertreppe hinunter und versuchte, nicht bei jedem Schritt laut aufzustöhnen. So leise es ging, öffnete er die Tür zu seinem Zimmer und knipste das Licht an. Die nackte Glühbirne tauchte den tristen Raum in fahles Licht. Hier gab es nicht viel. Auf dem Boden lag eine Matratze mit Decke und Kissen. In einer alten Kommode bewahrte Sam die wenige Kleidung auf, die er besaß. Es gab eine alte Gemüsekiste, die ihm als Schreibtisch diente und neben der Kommode führte eine Tür in das winzige Bad, welches nur aus einer Toilette, einem sehr kleinen Waschbecken und einer alten Dusche bestand. Warmes Wasser hatte Sam nur selten, aber das war er gewohnt und es störte ihn nicht mehr. Vorsichtig legte er nun den Rucksack ab und ging ins Bad. Sein Spiegelbild zeigte den Jungen, den er kannte und den er an manchen Tagen einfach nur hasste. Blondes, kurzes Haar, tiefblaue Augen, wenige Sommersprossen, eingefallene Wangen und eine kaum zu übersehende Narbe über der rechten Augenbraue. Dazu kam nun auch noch, dass seine linke Gesichtshälfte blau und geschwollen war. Sams Lippe war aufgesprungen. Am Hals waren ebenfalls Hämatome zu erkennen. Stöhnend zog er sich das nasse T-Shirt über den Kopf. Sein Oberkörper leuchtete blau und rot. Sein Rippenbogen war geschwollen und trat deutlich hervor. Omegas wie Sam, hatten ohnehin wenig Muskeln und es fiel ihnen auch schwer, welche aufzubauen, nun kam bei Sam noch das wenige Essen hinzu. Sein magerer Körper, seine Größe von gerade so einem Meter und siebzig und die feinen Gesichtszüge, ließen ihn viel jünger wirken, als er war. Sam seufzte. Er hätte jetzt viel für ein Schmerzmittel gegeben. Er beschloss, das Shirt auszulassen. Die klamme Jogginghose ließ er an, verließ das Bad und ließ sich vorsichtig auf die Matratze sinken. Bis er das Abendessen machen musste, könnte er vielleicht noch etwas schlafen, dachte er sich und schloss die Augen.
»Sam!«, er schreckte auf, was zur Folge hatte, dass heißer Schmerz durch seinen Körper fuhr. Sam keuchte und brauchte kurz, ehe er klar sah. Diana stand in der Tür und hatte die Hände in die Hüften gestemmt.
»Es wird Zeit, beweg dich und hilf mir beim Kochen, wenn du schon die Schule schwänzt«, sagte sie streng.
»Ja Luna«, sagte Sam sofort und kam mühsam auf die Beine. Diana nickte und war gleich darauf verschwunden. Sam war natürlich klar, dass Diana nicht davon ausging, dass er ohne Grund geschwänzt hatte. Sie musste seinen Zustand gesehen haben, aber es war ihr schlicht egal. Es war ihr egal, das Caden ihn bereits fast totgeschlagen hatte, als Sam gerade neun war. Drei Tage lag er nach der Prügelattacke bewusstlos auf der Krankenstation. Es war ihr egal, dass Sam mit zwölf um ein Haar an einer Blutvergiftung gestorben wäre, und es war ihr egal, dass er jeden Tag hungerte, fror und Schmerzen hatte.
Sam nahm sich ein anderes Shirt und zog es über, ehe er zügig nach oben in die Wohnküche lief. Diana stand am Küchentresen und schnitt Gemüse klein. Sofort als sie Sam erblickte, drückte sie ihm das Messer in die Hand und machte sich dran das Fleisch in der Pfanne zu wenden. Der Geruch des Essens ließ Sam schwindlig werden. Er hatte zuletzt am vorherigen Tag zum Frühstück einen Toast bekommen. Er bekam meist nur das, was die Familie übrig ließ und das war selten viel und an manchen Tag gar nichts. Sam wusste, dass Caden nach der Sache in der Schule heute dafür sorgen würde, dass auch an diesem Abend nichts für Sam blieb. Als er noch kleiner war, hatte er hin und wieder Essen gestohlen. Entweder aus dem Haus oder in der Schule. Oft wurde er dabei erwischt und die Strafen waren schlimm, also hatte er es gelassen.
Nach einer Stunde kamen Caden und sein Vater Cameron lachend in die Küche. Sam hatte gerade die letzte Schüssel auf den Tisch gestellt und wich nun etwas zurück. Der Alpha beachtete ihn nicht weiter und setzte sich, während Caden, Sam wütend anfunkelte, aber nichts sagte und sich ebenfalls an den Tisch setzte. Sam setzte sich wie immer auf den Boden in der hintersten Ecke der Küche. Er hatte noch nie am Tisch sitzen oder mitessen dürfen. Wenn etwas übrig blieb, dann aß er es genau an dieser Stelle oder schnell im Stehen, bevor er damit begann abzuwaschen.
»Und wie war es heute in der Schule, Schatz?«, Dianas Stimme riss Sam aus seinen Gedanken. Er wagte nicht, aufzusehen.
»Geht so. Der dreckige Omega hat uns den Sieg bei capture the flag versaut«, knurrte Caden und Sam spürte seinen Blick deutlich.
»Typisch. Bist du zu irgendwas nütze?«, Cameron Ashers Stimme war tief und furchteinflößend. Als dominanter Alpha verströmte er Pheromone, die Sam permanent die Haare zu Berge stehen ließ. Er wich noch weiter zurück, was wegen der Mauer in seinem Rücken kaum möglich war.
»Lass das doch jetzt. Das Essen wird kalt«, sagte Diana und Sam war froh, als er die Blicke von Cameron und Caden nicht mehr spürte. Er sah auf. Die Familie aß und unterhielt sich leise. Sams Hunger wuchs mit jeder Minute. Sein eigener Magen hatte das Knurren längst aufgegeben, aber die Magenschmerzen und der Schwindel sprachen eine deutliche Sprache. Als er das nächste Mal wagte, zum Tisch zu sehen, sah er gerade noch, wie Caden den letzten Löffel Kartoffelbrei aus der Schüssel nahm und ihn dabei angrinste. Sam schloss die Augen um die Tränen der Verzweiflung niederzukämpfen. Auch heute würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als so viel Wasser aus dem Hahn zu trinken bis sein Magen irgendwie das Gefühl hatte voll zu sein.
»Sam, herkommen!«, Camerons Ton ließ keinen Widerspruch zu. Sofort war Sam auf den Beinen und humpelte zum Tisch.
»Du machst den Abwasch und danach wirst du den Pick-up waschen, und zwar so sauber, dass ich mich darin spiegeln kann. Haben wir uns verstanden?«, knurrte er und seine Augen leuchteten kurz grün auf.
»J-Ja Alpha«, war alles, was Sam herausbekam.
»Dad, ich geh mit Daniel und Tom laufen, in Ordnung?«, kam es nun von Caden, der bereits nackt in der Küche stand. Sam sah schnell woanders hin, um nicht rot zu werden. Nacktheit war unter den Werwölfen nichts Besonderes, da sie sich nur nackt verwandelten, um die Sachen nicht zu zerstören, aber Sam, der seinen Körper hasste, war es bis heute unangenehm, besonders weil er eben schwul war und immer rot wurde, sobald er einen der männlichen Werwölfe nackt sah.
»Mach schon!«, riss ihn Camerons Stimme aus seiner Starre. Caden war bereits verschwunden. Schnell nickte Sam und machte sich an den Abwasch. Tatsächlich war nichts vom Essen übriggeblieben. Er musste sich zusammenreißen, um nicht die Teller abzulecken. Schnell wusch er alles ab und säuberte die Küche, ehe er nach draußen ging. Es war Mitte September und es dämmerte bereits, als er sich einen Eimer Wasser, Seife und Lappen aus der Garage holte. Es war recht frisch und Sam, der nicht ein Gramm Fett am Leibe hatte, fror trotz Shirt und Hoodie, bereits nach wenigen Minuten. Die anderen Bewohner, die ab und an vorbeiliefen, beachteten ihn nicht weiter. Oft hatte Sam das Gefühl, einfach unsichtbar zu sein, lediglich die Welpen und Jungwölfe schienen ihn zu mögen. Hin und wieder half Sam im Kindergarten des Ortes und es war die einzige Zeit, in der er wirklich glücklich war. Den Kleinen war es egal, ob er ein Omega war oder nicht. Sie mochten ihn einfach, weil er mit ihnen spielte, ihnen vorlas oder etwas sang. Hier fühlte Sam sich nicht wertlos, sondern gebraucht, aber diese Momente waren selten und konnten die anderen nur schwer aufwiegen.
Nach zwei Stunden, es war bereits bald zehn Uhr abends, war er fertig mit dem Wagen. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Er brachte die Putzutensilien weg und ging ins Haus. Aus dem Obergeschoss klang Musik aus Cadens Zimmer. Diana saß vor dem Fernseher und strickte. Sam schluckte. Er hatte gehofft, dass der Alpha auch dort war, denn auch wenn Diana ihn genauso verachtete, wie der Rest der Familie, hatte ihre Anwesenheit zur Folge, dass der Alpha, Sam nicht ganz so hart anpackte, wie wenn sie alleine waren. Seufzend ging Sam nun den Flur entlang und klopfte an die Tür zum Arbeitszimmer von Cameron. Nach einer Aufforderung trat er ein und erstarrte. Vor dem Schreibtisch saß Michael White, Sams Vater. Der Beta war im Rudel für die Finanzen zuständig und daher häufiger im Alphahaus, aber Sam konnte ein Aufeinandertreffen mit dem Mann, der ihn verstoßen hatte meistens verhindern. Michael sah ihn unbewegt an.
»Was ist?«, knurrte Cameron.
»I-ich bin fertig«, sagte Sam, so leise, dass er selber es kaum verstanden hatte.
»Ich schau es mir morgen früh an und nun verschwinde«, sagte Cameron und Sam flüchtete beinahe aus dem Büro. Schnell eilte er die Treppe hinab und atmete auf, als er in seinem Zimmer stand. Er ging ins Bad, drehte den Wasserhahn auf und trank solange bis ihm Tränen die Wangen hinabliefen. Er riss sich los, zog Shirt und Hose aus und legte sich zitternd auf die Matratze. Seinen Vater heute zu sehen, damit hatte er nicht gerechnet. Es riss längt vergangene Wunden auf und so wanderten Sams Gedanken zu dem Tag, der sein Leben noch schlimmer machte, als es ohnehin schon war.








