Kapitel 1
Nach griechischer Zeitrechnung
2. Jahr der 112. Olympiade
Nach römischer Zeitrechnung
Ab urbe condita CDXXIII
Endlich erschien am Horizont das, was ich schon seit dem ersten Augenblick meines langen Rittes gewünscht habe zu sehen. Die Weidegründe meines Stammes, die Tiere, die Jurten, dass Feuer. Ein Schauer kroch meinen Rücken entlang, als ich bereits erste Stimmen hören konnte. Endlich war ich wieder in Sicherheit.
Vor mehreren Sonnenaufgängen hatte mich mein Vater und Stammesführer Kairat den Don entlang nach Tanais geschickt. Alleine. Sofort wollte ich widersprechen, dass er meine kleine Schwester Nazanin mit mir mitschickte, denn das Erste, was wir als Kinder gelernt hatten, war, verlasse nie alleine deinen Stamm, gehe immer in der Gruppe jagen, hüte in den Steppen draußen nur zu zweit die Pferde.
Und jetzt sollte ich alleine in das mehrere Tagesritte entfernte Tanais gehen? Um mich umzuhören, was dieser Alexander, der sich selber der Große nannte, mit uns Skythen vorhatte? Doch mein Vater ließ mich alle diese Gedanken nicht aussprechen. Er drückte mir die Zügel meines Pferdes Samsi in die Hände und zeigte mit seinem ausgestreckten Arm die Himmelsrichtung an, in der Tanais lag.
Geh, der stumme Befehl. Und als artige Häuptlingstochter hatte ich natürlich Folge zu leisten.
Das ist eine Prüfung, schoss es mir durch den Kopf. Eine Prüfung die testen sollte, ob ich eine fähige Nachkommin war. Aber was hatte Alexander damit zu tun? Nichts, wie ich selber in Tanais herausgefunden hatte. Alexander verfolgte nur ein Ziel. Alles, was die Perser in den Händen gehalten, oder nur angesehen hatten, zum Staub der Geschichte zu zerfallen lassen. Um nicht mit leeren Händen zurückzukehren war ich weiter geritten. In einem Ausschank hatte ich erfahren, dass Alexander von Ägypten herkommend gerade den Euphrat überquert hatte. Wenn ich schnell genug war, würde ich am Tigris auf ihn treffen.
Ich blickte nach hinten, dem langen Strick entlang zum kohlschwarzen Pferd, dass gezwungenermaßen mir und Samsi folgen musste. Dieses Pferd war der Beweis, dass ich es zu Alexander geschafft hatte. Bukephalos wurde es genannt und war fast genauso berühmt wie sein Reiter. Es war von Philipp für seinen Sohn für den übertriebenen Preis von 13 Talenten gekauft worden. Philipp hätte davon 1500 Soldaten einen Monatssold zahlen können. Und das nur, weil Alexander damals der Einzige gewesen sein sollte, der dieses Pferd hatte zähmen können. Ich grinste. Eine schöne Mär, denn wenn es wirklich so gewesen wäre, hätte ich den gesattelten Bukephalos am Flussufer des Tigris nicht unter den Augen Alexanders stehlen können.
Ich stieg mitten zwischen den Jurten auf dem Versammlungsplatz ab. Sofort wurde ich von den Menschen meines Stammes umringt. Mein Vater stieß als letzter zu uns. »Ich hätte dich schneller zurückerwartet.« Ich löste mich von meinen Freunden und Verwandten und ging mit Bukephalos am Seil zu meinem Vater. »Ich wäre auch früher zurück gewesen, wenn ich deine Befehle befolgt hätte.«
Mein Vater Kairat schaute mich mit großen skeptischen Augen an. Auf Befehlsverweigerung folgte Bestrafung. Wahrscheinlich dachte er bereits die geeignete Methode aus.
»Ich musste deinen Befehl verweigern, denn sonst hätte ich die eigentliche Aufgabe, die in deinem Befehl steckte, nicht zu deiner vollsten Zufriedenheit lösen können«, fügte ich sofort an, bevor er sich seine Bestrafung zu Ende gedacht hatte.
»Sprich Mehrin.«
»Dareios hat Alexander 10‘000 Talente Lösegeld für die Befreiung seines Harems, alle Gebiete westlich des Euphrats und die Anerkennung als Großkönig zum Frieden angeboten. Doch Alexander hat es abgelehnt.«
Ein Raunen ging durch die Menge.
»Das ist schlecht. Sehr schlecht«, flüsterte Kairat so leise, dass nur ich es verstehen konnte. Am Lagerfeuer wurde den Kindern heldenhafte Geschichten unserer Vergangenheit erzählt, damit sie schneller ins Reich der Träume drifteten, aber auch daraus lernten. Eine dieser Geschichten erzählte von der sarmatischen Königin Sparetra, deren Ehemann und König der Sarmaten Armoges, vom persischen König Kyros gefangen genommen wurde. Sparetra bat das uralte massagetische Bündnis um Hilfe und so kamen ein Heer von 20‘000 Frauen und 30‘000 Männer aus den Reitervölkern der Skythen, der Sarmaten, der Saken und der Massageten zusammen, um geeint gegen die Perser anzutreten.
Es gelang ihnen, zwei Söhne und eine Tochter des persischen Königs gefangen zu nehmen und so Friedensverhandlungen und einen Gefangenenaustausch zu erzwingen. Bei diesen Friedensverhandlungen wurde vereinbart, dass die Perser nicht weiter in den Norden in das Gebiet des massagetischen Bundes vordringen durften. Der Bund jedoch Soldaten liefern musste, wenn der persische König es verlangte.
Wenn der aktuelle persische König Dareios nicht schnell eine Lösung gegen Alexander fand, bedeutete das Krieg für den massagetischen Bund, ob sie ihn wollten oder nicht.
»Es gehen Gerüchte um, dass Alexander mit dem Bund in Verhandlung treten will.«
»Und was hältst du von diesen Gerüchten?«
»Das sie durch zu viel getrunkenen Stutenmilchschnaps entstanden sind Papa. Ich habe Alexander und sein Heer am Tigris gesehen. Er bereitet sich erneut zum Krieg vor. Alles deutet auf ein Zusammentreffen in der Nähe von Gaugamela hin. Wenn er wieder gegen Dareios gewinnt, denke ich, dass er schnellst möglich Persepolis aufreiben will. Da bleibt keine Zeit für einen Abstecher nach Tanais.« Mein Vater blickte über meine Schulter zu Bukephalos.
»Und dann hast du einfach so sein Pferd gestohlen.« Es klang vorwurfsvoll, sollte es wahrscheinlich auch sein. Meiner Meinung nach jedoch nicht gerechtfertigt. Wieder ging ein Raunen durch unser Volk. Bukephalos begann zu tänzeln. Ihm war nicht mehr wohl, mir auch nicht. Das musste sich übertragen, entweder von ihm auf mich oder von mir auf ihn. Als ich jedoch sah, wie er immer wieder am Brandzeichen berührt wurde, das die Form eines Ochsenkopfs hatte und auf seiner Hinterbacke prangte, verstand ich seine Unruhe.
»Ist nicht das erste Pferd das ich geraubt habe.«
»Aber das erste des Makedoniers!«
»Sein Vater war bereit, unglaubliche 13 Talente für das Pferd zu bezahlen. Was glaubst du, wie viel der Makedonier selber bereit ist zu bezahlen, damit er es wiederbekommt? Ich habe eine Verhandlungsbasis geschaffen, damit wir Alexander daran hindern können, in das Gebiet des massagetischen Bundes vorzustoßen.«
Früher hatte mich mein Vater gelobt, wenn ich mit einem neuen Pferd das ich von verfeindeten Völkern gestohlen hatte, nach Hause kam. Immer wieder predigte er, wie wichtig eine Blutauffrischung war. Und jetzt, wo ich das beste Pferd schlechthin nach Hause brachte, redete er mir ein schlechtes Gewissen ein?
Auf alle Fälle würde ich Bukephalos mit Samsi paaren, damit sie mir ein schönes junges Fohlen auf die Welt brachte. Ganz egal, was mein Vater dachte oder sagte.
»Dem Makedonier ist die Welt nicht genug. Er wird sich das Pferd einfach wieder zurückholen und uns nebenbei mit dem kleinen Finger vernichten«, prophezeite mein Vater.
»Alexander weilt am Tigris. Der wird sich sein Pferd nicht einfach so zurückholen.«
»Es wird sich wohl eine Gruppe Söldner finden, die für einen Obolus extra einen kleinen Umweg in Kauf nehmen«, sprach mein Vater und verschwand in seiner Jurte. »Gut! Dann bringe ich es wieder zurück!«, schrie ich wütend und pflügte durch die Menschenmenge zurück zu Samsi. Bukephalos schien es auch wohler zu sein, die Menschenansammlung endlich wieder verlassen zu können. Mit beiden Pferden im Rücken zog ich hinaus zu den Ziegen und den restlichen Pferden. Ich bereute meinen Weg sofort. Meine kleine Schwester Nazanin hütete die Tiere. Der oder diejenige welche, die mit ihr die Tiere hüten musste, war wohl seiner Neugier erlegen und diskutierte mit den anderen auf dem Platz meine Neuigkeiten und Vergehen. Mir konnte es egal sein, so musste ich mich nur mit ihr herumschlagen.
Ich ließ mich neben ihr auf den Boden plumpsen.
»Du hast dich mit Vater gestritten«, erkannte sie sofort. Wahrscheinlich war unsere Diskussion lautstark genug gewesen, dass sie alles mitangehört hatte. Ich antwortete nichts darauf, weil sie natürlich recht hatte. Mit versteinertem Gesicht schnallte ich mein Harnisch von mir los und schmiss ihn von mir. Was Bukephalos verschreckte. Doch der Gaul fasste sich schnell wieder und schlich achtsam auf den nun am Boden liegenden Harnisch zu, um ihn misstrauisch zu beschnüffeln. Ich ließ ihn, gleichzeitig packte ich die Felle, die mir Nazanin reichte, wickelte mich ein und drehte ihr den Rücken zu.
»Ich habe gedacht, dass mir diese Reise mein nächstes Tatau einbringen würde«, murmelte ich vor mich hin ohne zu erwarten, dass mich Nazanin auch hörte.
»Wenn du bereits mit der Erwartung eines Tataus an deine Aufgabe herangehst, dann kannst du nur scheitern«, sagte sie.
Nazanin hatte leicht reden, sie hatte sich für ein Leben als Jägerin und Hirtin der Tiere entschieden. Da spielten die Tataus keine Rolle. Für mich jedoch als Kriegerin, war jedes Tatau wichtig. Jedes Bildnis das meine Haut verzierte, zeugte von meinen Fähigkeiten.
Auf meiner rechten Schulter ein Wolf, der für meinen ersten selbst hergestellten geschwungenen Bogen, und den ersten Pfeil, den ich damit abgeschossen hatte und sich in das gegnerische Fleisch versenkte, stand. Der Hirsch auf meinem unteren Rücken, der für meinen ersten im Galopp rückwärts abgeschossenen Pfeil stand. Der Schneeleopard auf meinem linken Oberarm, der allen erzählte wie ich das erste Mal eine Kriegertruppe anführen durfte und einen feindlichen Stamm überrollte.
»Auch ohne die Tataus bist du eine beeindruckende Erscheinung Mehrin. Viele unserer Männer sind eifersüchtig auf Atheas.«
Als ich den feindlichen skythischen Stamm überrollt hatte und mein Vater die Verhandlungen mit dem anderen Häuptling zu Ende geführt hatte, kamen die beiden überein, dass eine Verbindung unserer beiden Stämme nur Vorteile brächte. Ich hatte nicht gewartet, bis die beiden Namen genannt hatten, sondern war vorgeprescht und hatte mir Atheas geschnappt und mit zu uns nach Hause genommen. Ich hatte meine Entscheidung keine einzige Sekunde lang bereut. Und Atheas hatte keine einzige Sekunde lang bereut, dass er mit mir mitgekommen war.
»Du solltest jetzt auch bei ihm sein und nicht hier bei mir und den Tieren.« Ich zuckte müde mit den Schultern. Für einen weiteren Ritt, auch wenn er mir noch so Freude brächte, war ich viel zu müde. Ich wollte auch nicht weiter darüber reden, sondern nur schlafen. Während ich dem Hufgetrappel der Tiere lauschte, dass mir mein Schlaflied war, ließ ich mich langsam von der Müdigkeit überwältigen und hieß die Dunkelheit willig willkommen.