Kapitel 1
Liebliche Violinmusik erfüllte die Flure des Schlosses auf der Insel Lindor Istana und vermischten sich mit dem Vogelgezwitscher. Trotz der geschlossenen, hohen Fenster war es deutlich zu hören. Die Sonne schickte ihre Strahlen durch die bunten Gläser und erwärmte den Marmorboden. Dadurch wirkte er noch edler. Das passte zu Aarons Residenz, die eine Mischung aus Palast und Schloss war.
Ohne auf die tuschelnden Dienstmädchen zu achten, rannte Saori mit dem Stoffhasen in ihrem Arm den sonnendurchfluteten Gang entlang. Ihr Glöckchen am Dämonenschwanz gab zwischen den anderen Geräuschen eine eigene Melodie von sich, und sie war froh, dass niemand den wahren Grund dafür kannte.
Aufgewühlt durch die Audienz mit der Königin versuchte Saori ihr Zimmer zu finden. Lieber würde sie den Garten aufsuchen, um dort zur Ruhe zu kommen, doch sie war sich nicht sicher, ob Aarons Verbot weiterhin bestand. Zusätzlichen Ärger wollte sie nicht heraufbeschwören.
Abgehetzt und völlig außer Puste erreichte sie den Raum, den der Engel ihr zur Verfügung gestellt hatte. Hier war es angenehm kühl und erschöpft lehnte sich Saori an die Tür. Langsam rutschte sie hinab und zog ihre Beine an sich. Ihren Hasen auf dem Schoß platzierend, senkte sie den Kopf, bis ihre silber-violetten Haare nach vorne fielen und ihre Brust bedeckten. Es war ihr egal, dass sie auf dem Boden saß. Sie war allein und niemandem in dem Moment Rechenschaft schuldig.
Da Aaron sicher noch mit der Königin der Engel sprach, bestand nicht die Gefahr, dass er vorbeikam.
So hatte Saori Zeit, das Geschehene zu verarbeiten.
Waren Aarons Worte wahr? Erkonnteunddurftenichts für sie empfinden! Verstand er nicht, wie schlimm das war? Sie war ein Dämon und ihre Familie war der Grund, dass er seine Eltern verloren hatte!
Inständig hoffte sie, dass er gelogen hatte, doch ihr fielen all die kleinen Gesten ein, die er mit ihr ausgetauscht hatte. In Gesprächen hatte er Anzeichen gezeigt, mit denen Saori aufgrund ihrer Herkunft nichts anfangen konnte.
Nein, es konnte nicht wahr sein, dass Aaron etwas für sie empfand!
Vielleicht war er ein hervorragender Lügner und versuchte, Saori zu manipulieren. War es daher besser, in Zukunft jegliche Freundlichkeit seinerseits abzulehnen?
Der Gedanke versetzte Saori einen Stich ins Herz. Ein schmerzhaftes Gefühl von Trauer, als würde sie etwas Wichtiges verlieren, breitete sich in ihr aus. Es war so überwältigend und verwirrend zugleich, dass Saori kaum atmen konnte. Was hatte das Ganze zu bedeuten?
Was war, wenn Aaron die Wahrheit sprach?
Lange saß Saori regungslos auf dem Boden und spielte mit den Ohren des Stofftiers, während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
Schließlich erhob sie sich und sah sich in ihrem kleinen Rückzugsort um. Ihr Blick fiel auf das Bett, und im ersten Moment zog die Erschöpfung sie dorthin, doch Saori wandte sich kopfschüttelnd ab. Sie durfte nicht daran denken, was alles darin mit Aaron geschehen konnte.
Bevor es zu einer Panikattacke kam, entschied sich die Dämonin, sich seinem Verbot zu widersetzen. Sie würde den Garten allein aufsuchen und zu den Schaukeln gehen.
Leise öffnete Saori die Tür und spähte hinaus. Hier unten war es still und sie atmete zum letzten Mal die kalte Luft ein, ehe sie den Gang entlang huschte. Nur wenige Meter von ihrem Zimmer entfernt, umwehte die Hitze ihren Körper und zwang Saori, das Halsband zu aktivieren.
Aufatmend nahm sie die Kühle wahr und spähte vorsichtig um jede Ecke, da sie weder Aaron, Tabitha noch Leika begegnen wollte.
So schnell es ihre Beine erlaubten, flitzte Saori zu den Schaukeln, die durch den Sonnenstand im Schatten standen. Dort ließ sie sich keuchend mit dem Hasen in ihrer Hand auf einer nieder und sah sich unruhig um, ob sie beobachtet wurde, doch alle schienen sich im Palast aufzuhalten.
Saori fing zu schwingen an und nach wenigen Minuten spürte sie, wie der Schmerz in ihrem Herzen nachließ und dem Gefühl des Fliegens und Freiseins wich. Je höher sie schaukelte, desto weiter drängten sich ihre Gedanken in den Hintergrund.
Aaron beobachtete, wie sich die Kutsche der Königin in die Wolken erhob und wie ein schimmernder Funke über den Himmel zog. Dicht begleitet von ihren Wachen.
Er seufzte und schüttelte leicht seine Flügel. Es war ein unerwarteter Besuch gewesen und trotzdem hatte er vieles geändert.
Die Königin war auf seiner Seite. Sie war ebenfalls seiner Ansicht, dass man versuchen sollte, die sanfte Seite der Dämonen zu schulen und sie sah Saori als eine Art Beweis, dass es möglich war. Das sorgte dafür, dass seine Anspannung nachließ. Trotzdem fühlte er sich unruhig und musste gestehen, dass er die Anwesenheit der Dämonin vermisste.
Ihm war klar, dass seine Worte schockierend für Saori gewesen waren, doch das Auftauchen der Königin hatte ihn selbst so verstört und zugesetzt, dass er sich nicht unter Kontrolle gehabt hatte.
Er sollte sich bei ihr entschuldigen.
Langsam folgte Aaron den Gefühlen und fand Saori auf der Schaukel, wo sie ihre Gedanken scheinbar schweifen ließ.
Während des Schwingens war ihr Blick in den Himmel gerichtet und er ahnte, dass sie den Aufbruch der Königin mitverfolgte. Die Präsenz der Engelsfrau war übernatürlich stark und Saori reagierte empfindlich darauf.
Aaron blieb stehen und bemerkte, wie die letzten schimmernden Funken den Himmel verzierten. Dann war es vorbei und als er zu Saori sah, schloss sie ihre Augen. Sie schien seine Anwesenheit nicht zu bemerken.
Ihr Griff um die Seile verfestigte sich und er spürte ihren Stimmungswechsel, weshalb er sie abwartend beobachtete. Er kam nicht umhin festzustellen, wie schön und anmutig sie war, wenn sie auf der Schaukel saß und ihr silber-violettes Haar im Licht der Sonne schimmerte.
Den Hasen fest an sich gedrückt, schwang sie weiter, bis ihre restlichen Kräfte aufgebraucht waren. Langsam stellte sie das Schwingen ein, und legte das Stofftier auf ihrem Schoß ab. Mit gesenktem Kopf schien sie mit ihm zu flüstern.
Als sich Aaron ihr näherte, zuckte sie und kniff ihre Augen aus Angst vor einer Rüge zusammen.
Er trat vor sie und ging in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. So war er ein Stück kleiner. Sanft griff er nach ihrer Hand, die den Hasen hielt. „Das hast du gut gemacht”, lobte er sie und seine Stimme war warm und herzlich.
„Bitte geht weg”, murmelte Saori und entzog ihre Hand, um sie wieder um das Stofftier zu legen. Aaron hatte ihr gerade noch gefehlt.
Ihre Worte trafen ihn und er bemerkte den Stich in der Brust, während er versuchte, gegen den Schmerz anzuatmen. „Es tut mir leid”, flüsterte er und strich sanft eine Strähne hinter ihr Ohr.
Obwohl sich die Berührung gut anfühlte, wischte Saori unwirsch seine Hand weg. Seit er vor ihr hockte, fühlte sie sich von ihm gefangen. „Ihr dürft nicht so fühlen, wie Ihr es tut. Hasst mich, das kann ich leichter akzeptieren”, bat sie mit zitternder Stimme.
„Wieso sollte ich dich hassen?“, fragte er und sah sie fragend an. Aaron verstand sie nicht, außer, dass sie allein sein wollte. Ihrem Wunsch würde er sich nicht so leicht beugen.
„Ich will nicht, dass Ihr etwas für michempfindet!“, knirschte Saori zwischen den Zähnen. „Ihr bildet Euch das nur ein, weil Ihr Mitleid mit mir habt.” Das konnte sie überhaupt nicht ertragen. Dämonen durften nicht bedauert werden!
„Man kann Gefühle nicht ausschalten oder einfach abschaffen”, flüsterte Aaron und strich ihr erneut über die Wange.
Hektisch schlug Saori seine Hand weg und sprang auf. „Ich werde mit Euch auf dem blöden Fest tanzen, aber lasst mich danach in Ruhe! Kümmert Euch lieber um Eure Frauen”, rief sie. Panisch wich sie einen Schritt zur Seite, da Aaron weiterhin vor ihr hockte.
Überrascht über ihre Reaktion und Ablehnung senkte er den Kopf, bevor er sich erhob. „Ich lasse dich jetzt allein”, sagte er leise.
Genau das hatte Saori gewollt.
Anstatt sich jedoch auf die Schaukel zurückzuziehen, rauschte sie an Aaron vorbei. Von Panik und schlechtem Gewissen gepackt, rannte die Dämonin mit Tränen in den Augen durch den Garten und stolperte schließlich in ihr Zimmer.
Saori schlug die Tür hinter sich zu und stürzte ins Badezimmer. Sie betätigte den magischen Stein, der Wasser in die Wanne laufen ließ und warf den anderen zur Kühlung hinein. In Windeseile entkleidete sie sich und ließ sich trotz Verband hineingleiten.
Sobald die Kälte auf ihre erhitzte Haut traf, hielt Saori ihre Tränen nicht mehr zurück. Mit Aarons freundlichem und verständnisvollem Verhalten war sie restlos überfordert und sie war sich sicher, dass er ihr nur etwas vorspielte.
Er war ein Engel und sollte sich an ihr rächen! Was tat er stattdessen? Saori verwöhnen und ihr Dinge schenken, die sie eigentlich nicht brauchte. Auch zeigte er ihr Neues, wovon sie bisher nichts gehört oder gesehen hatte.
Es war einfach zu viel.
Saori krallte sich in den Wannenrand und atmete hektisch, als sie eine unerträgliche Enge in ihrer Brust spürte. „Nein ... Panik ... Panik”, murmelte sie und schaffte es durch die Erschöpfung nicht, sich rechtzeitig umzudrehen, bevor die Flüssigkeit aus ihrem Magen ihre Speiseröhre emporkroch und teilweise im Wasser und auf dem Boden landete.
Ihr Herz begann heftig gegen die Rippen zu hämmern und sie spürte, wie das Blut durch ihre Adern floss. Schlagartig bekam sie so starke Kopfschmerzen, dass Saori ihnen nicht standhalten konnte und sich der Dunkelheit hingeben musste.
Von der Panik förmlich überrollt, rannte Aaron durch die Gänge und riss die Tür zu Saoris Zimmer fast aus den Angeln. Er machte sich keine Gedanken um den Schaden, denn diese konnte ersetzt werden.
Unruhig glitt sein Blick umher und er sah mit klopfendem Herzen in Richtung Badezimmer. Er wusste, dass sie sich ihm nicht zeigen wollte, aber das war Aaron im Augenblick egal. Zügig überwand er die Meter zur Tür und riss sie auf. Der Anblick ließ sein Herz buchstäblich in die Hose rutschen und er hatte das Gefühl, es würde stehenbleiben, doch in der nächsten Sekunde schlug es heftig weiter, als wäre es eine Ermahnung, dass er nicht tatenlos herumstehen sollte.
Aaron stürmte vor und zog Saori aus der Badewanne. Neben ihr kniend, legte er sein Ohr auf ihren Brustkorb und lauschte ihrem Herzschlag. Er war zu hören, aber nur leicht und unregelmäßig. Mal setzte es einen Schlag aus, dann machte es zwei holprige hintereinander.
Ihr regungsloser Körper lag auf dem gefliesten Boden und Aaron bemerkte den völlig durchnässten Verband, der mit Erbrochenem beschmutzt war. Das war im Moment nebensächlich.
In Gedanken rief er nach seinem Heiler Ikaia, der versprach, sich sofort auf den Weg zu machen.
Aaron wusste nicht, was er tun sollte, daher nutzte er seinen blauen Staub, in der Hoffnung Saori zu beruhigen. Dennoch war er vorsichtig, weil er es nicht verschlimmern wollte.
Trotz der Ohnmacht war ihr Körper zum Zerreißen gespannt und der Engel streichelte über ihre blasse Haut. Scheinbar kannte sie keinerlei Gefühle außer Hass ihr gegenüber und war mit seinen überfordert.
Das Warten kam Aaron unendlich lang vor, doch dann näherten sich zügige Schritte und Sekunden später stürmte Ikaia in den Raum. Sich neben die Dämonin niederkniend, schimpfte er. „Sie ist unmöglich! Nichts als Ärger mit den Dämonen!”
Er griff nach seinem Abhörgerät und legte es auf ihren Brustkorb.
Sobald er fertig war, lösten Aarons Finger den Verband und er hoffte, dass Saori dadurch besser atmen konnte, doch da er sonst nicht helfen konnte, bettete er ihren Kopf auf seinem Schoß. Sanft fuhr er ihre weichen Gesichtskonturen nach und beobachtete seinen Heiler.
Sorgenvoll runzelte Ikaia die Stirn und fluchte erneut. „Dummes Mädchen, sich so zu benehmen”, knurrte er und legte ihre Brust soweit frei, um eine Herz-Druck-Massage durchzuführen. „Hat sie die Medikamente genommen?“, fragte er verbissen.
Da Aaron es nicht wusste, nahm er gedanklich Verbindung mit Leika auf. Sein Dienstmädchen verneinte und meinte, sie wüsste nichts von Tabletten. „Hat sie nicht”, gab Aaron die Information nüchtern weiter.
Verärgert schnaubte Ikaia. „Wenn sie so weiter macht, sehe ich düster”, murrte er und erhob sich. „Helft mir, sie ins Bett zu bringen. Sie kann von Glück sprechen, wenn sie überlebt.”
Aarons Herz schlug bei dieser Aussage heftig und er hob Saori sanft hoch. „So schlimm?“, fragte er atemlos. Er wollte nicht, dass diese junge Frau, die gerade erst gelernt hatte, ihre Flügel zu entfalten, starb. Der Engel trug sie ins Nebenzimmer und legte sie vorsichtig auf dem Bett ab. „Wie kann ich helfen?”
„Ja, es ist eine Katastrophe. Es sollte ihr durch die Tabletten besser gehen”, meinte Ikaia und schnalzte mit der Zunge, als er Saoris schwachen Herzschlag überprüfte.
„Würde es helfen, wenn ich meinen roten Staub dazu benutze, um ihr Herz zum Schlagen anzuregen?“, fragte Aaron hoffnungsvoll.
„Ja, das wäre eine Idee. Ich gebe ihr eine Spritze, die ihren Kreislauf in Schwung bringen soll”, antwortete der Heiler und bereitete alles vor.
Aaron nutzte seinen roten Staub und ließ diesen über Saoris Herzbereich wandern. Inständig betete er, dass es etwas brachte. Es wäre schrecklich, zu verlieren.
Bevor Ikaia ihr die Spritze gab, überprüfte er ihren Herzschlag und nickte zufrieden. „Es scheint zu helfen”, bemerkte er und legte der Dämonin einen neuen Verband an. Danach injizierte er die Lösung unter ihre Haut.
Aaron fiel ein Stein vom Herzen. Erleichtert atmete der Herrscher von Lindor Istana auf und ließ sich auf dem Bettrand nieder. „Was können wir sonst tun?“, wollte er wissen.
„Außer Ruhe nur abwarten. Wenn sie weiterhin solche Attacken in einem kurzen Abstand hat, wird sich das negativ auswirken”, erklärte Ikaia und zog noch eine Spritze auf. „Ich gebe ihr zur Vorsicht ein weiteres Medikament.”
Langsam nickte Aaron und wartete, bis sein Heiler fertig war. Saori rührte sich nicht und das bereitete ihm Sorgen.
„Lasst sie bitte nicht aus den Augen”, bat Ikaia eindringlich. „Ich komme später wieder vorbei, sobald Euer Staub nachlässt. Hoffentlich schlägt ihr Herz auch ohne regelmäßiger”, sagte er und stand auf. Bevor er ging, legte er seine Hand auf ihre Stirn. „Ihre Körpertemperatur ist zu hoch. Sie muss gekühlt werden und ruhig liegenbleiben. Notfalls bindet sie an”, befahl er.
Aaron nickte. „Ich werde sie herunterkühlen”, meinte er leise und ließ widerwillig von ihr ab, um ein nasses Tuch zu holen, das er auf ihre Stirn legen konnte.
Da Ikaia wusste, dass er sich auf Aaron verlassen konnte, ließ er den Engel und die Dämonin allein.