Kapitel 1
Freya Delacour beobachtete, wie Damian MacLane Melody leicht streichelte. Diese lag mit dem Kopf auf seinem Schoß und schlief, während die Kutsche sie wieder zurück zur Schule brachte.
Die Semesterferien waren schnell verflogen und wehmütig dachte sie an die gemütlichen Stunden zurück, die sie mit Damian und ihrer Tochter verbracht hatte. Tagsüber hatten sie viel gespielt, aber auch gearbeitet. Abends hatten sie stundenlang gemeinsam gekuschelt, bis ihre Tochter friedlich eingeschlafen war.
In der Schule würden sie einen anderen Rhythmus haben. Tagsüber würde Melody im Kindergarten sein. Genau wie Freya, Damian und Elias, die den Unterricht des vierten Semesters besuchen würden.
Gedankenverloren sah Freya zu, wie ihre Tochter die Hand des Schwarzhaarigen festhielt. Als wäre er, neben Freya, ein Anker. „Freust du dich auf die Schule?“, fragte sie leise, um den ruhigen Schlaf ihrer Tochter nicht zu stören. Sie selbst freute sich darauf, Elias, aber auch Rosalie wiederzusehen. Damians Schwester war nett und fröhlich. Zeit mit ihr zu verbringen, war immer schön.
„Ich denke schon, obwohl ich die Zeit bei euch genossen habe“, sagte er ehrlich und flüsterte, damit er Melody nicht weckte.
Leise lachte Freya. „Sicher? Du hast mitgearbeitet und meine Geschwister haben dich täglich belagert“, meinte sie grinsend und ließ ihren Blick nach draußen wandern. Die Bäume im Wald waren alle nach dem strengen Winter wieder grün und strahlten förmlich. Genau wie die Wiesen, die an ihnen vorbeizogen, sobald sie den Wald verlassen hatten. Die Tage waren wieder länger geworden und machten gute Laune.
„Ich habe es trotzdem genossen“, winkte Damian ab und streichelte dann Melody weiter. „Ich fand die Arbeit auch nicht sonderlich schwer. Sie war eine gute Übung.“
Zärtlich fuhr Freya über Melodys weißblonde Haar und nickte. „Seit ich älter bin, ist es nicht mehr so schwer. Nachdem es meinem Vater besser geht, kann er auch wieder viel helfen“, erklärte sie und lehnte sich dann an Damians Schulter. Die Sorge, dass ihr Vater bald sterben würde, hatte sich durch die Unterstützung der Magier zum Glück gelegt.
„Und durch die Magie ist auch vieles leichter“, meinte Damian, der nun begann, Freya durch die Haare zu streicheln.
Seine Berührung ließ sie wohlig seufzen. Freya liebte es, wenn Damian so zart zu ihr war. „Du hast vollkommen Recht“, stimmte sie zu und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Mit Magie ist alles einfacher. Wenn man sie beherrscht“, bemerkte sie trocken. Noch gut erinnerte sie sich an ihre kläglichen Anfänge zurück, bei denen sie es nicht einmal fertiggebracht hatte, einfache Magie zu wirken.
„Ich denke, dass es auch eine Frage der Kreativität ist“, meinte Damian leicht belustigt, denn er hatte durchaus viele Ideen eingebracht, die Freya so gar nicht eingefallen waren. Eine Wasserkugel zum Haus zu bringen, war viel einfacher, als fünf Eimer hin und her schweben zu lassen.
Freya nickte zustimmend. „Vielleicht bin ich das einfache Leben zu sehr gewohnt und kann nicht immer um die Ecke denken“, gab sie bedrückt zu. So, wie sie aufgewachsen war, hatte sie keine Möglichkeit gehabt, Magie einzusetzen. Zuhause war Freya in ihrem Element und dachte nur selten daran, dass sie mit Magie alles einfacher machen konnte.
„Vielleicht, aber das wird mit der Zeit“, versicherte Damian beruhigend, der sie nun im Nacken kraulte.
„Hoffe ich doch“, brachte Freya lachend hervor. „Sonst muss ich dich die ganze Zeit holen, wenn mein Gehirn wieder blockiert“, neckte sie ihn und legte ihre Hand an seine Wange. „Es war schön, die ganze Zeit mit dir zu verbringen. Und sie hat Melody gutgetan.“
Damian bewegte sich nur leicht, um ihr einen Kuss auf die Wange zu hauchen. „Sie ist ein wundervolles Mädchen.“
Daraufhin neigte Freya ihren Kopf leicht, um ihm einen sanften Kuss auf die Lippen zu geben. „Und du bist ein wundervoller Mann“, flüsterte sie und lächelte, bevor sie einen Blick auf Melody warf, die sich im Schlaf bewegte. Das gleichmäßige Schaukeln der Kutsche war anscheinend eine Wohltat für sie.
„Hast du es dir eigentlich überlegt? Also ob du noch ein Jahr mehr machst?“, fragte Damian sanft.
Auf Freyas Gesicht erschien ein empörter Ausdruck. „Mit dir noch freiwillig ein Jahr?“, sagte sie spöttisch und herablassend, aber breit grinsend. Genauso, wie sie anfangs geklungen hatte, als sie ihn hatte loswerden wollen.
Damian lachte leise, weshalb es etwas rau klang. „Oder zwei“, sagte er unschuldig und neckte sie.
„Oder auch drei“, fügte Freya gut gelaunt hinzu und legte ihren Arm um ihn, ohne dass ihre Tochter aufwachte. „Wenn es sein muss und ich es schaffe, dann solange du auf der Schule bist“, flüsterte sie und schmiegte sich an ihn.
Damian lächelte. „Jetzt machst du es von mir abhängig?“, fragte er und klang überrascht. „Hast du Angst, mich sonst zu verlieren?“
Leicht nickte sie, denn damit lag er gar nicht so falsch. „Ja, ich habe Angst, dich zu verlieren“, gestand sie. Egal, wie sie ihn verlieren würde. „Egal, ob du ein anderes Mädchen kennenlernst, das dich interessiert, oder wenn du in den Krieg gehst. Oder wenn sich unsere Wege nach der Schule trennen sollten“, zählte sie niedergeschlagen auf.
„Ich werde dich auf alle Fälle besuchen kommen“, versicherte er. „Selbst, wenn sich unsere Wege vielleicht trennen oder ich in den Krieg gehe.“
„Dabei würde ich am liebsten für immer mit dir zusammen sein“, flüsterte Freya und zog den Korb, in dem Essen und Trinken war, zu sich. Einfach, weil sie sich ablenken wollte. „Willst du auch etwas?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln.
„Könntest du dir denn eine Zukunft an meiner Seite vorstellen?“, wollte er wissen und nickte, bevor er auf das Trinken deutete.
Freya reichte ihm die Flasche und nahm sich selbst einen Apfel. „Ja, aber ich weiß nicht, ob ich damit zurechtkomme. Unsere Welten sind doch unterschiedlich“, fand sie und biss in den Apfel. „Womit wir gleich beim Thema wären. Wie bist du eigentlich aufgewachsen?“, wollte sie neugierig wissen. Sie kaute langsam, um Melody nicht aufzuwecken.
Damian betrachtete die Flasche, öffnete sie aber noch nicht. „Meine Kindheit war streng. Viel üben, lernen und wenig spielen“, meinte er. „Bevor ich überhaupt in die Schule gegangen bin, habe ich schon Schwertübungen gemacht.“
Bei seiner Erzählung rümpfte Freya die Nase. Ihrer Meinung nach klang das nach keiner schönen Kindheit. „War das bei Rosalie und deinen Brüdern auch so?“, fragte sie und wischte sich den Saft von ihrer Lippen.
„Bei meinen Brüder, ja. Bei Rosalie nicht“, meinte Damian nachdenklich.
Bevor sie eine weitere Frage stellte, hielt sie ihm den angebissenen Apfel hin, um Melodys Kuscheldecke herauszuholen. Diese wollte sie ihr umlegen, denn die Kleine mochte es, mit dieser zu schlafen, auch wenn es warm war. „Warum bei ihr nicht? Weil sie eine Frau ist?“, fragte Freya, als sie Melody zudeckte.
„Nein, wegen der Sache mit dem … auserwählt sein“, meinte Damian, der scheinbar nicht genau wusste, wie er es Freya erklären sollte.
„Deswegen“, murmelte sie und seufzte, als sie sich an die schockierende Nachricht erinnerte. Freya war eine Auserwählte, aber sie wusste nicht wirklich, warum oder was genau ihre Aufgabe war. Das Mal, das wie ein Halbmond aussah und ein wenig unterhalb ihres Dekolletés zwischen ihren Brüsten lag, war das Zeichen dafür. „Wie ist es denn bei euch so zuhause? Also jetzt. Immer noch so streng?“, fragte sie und wusste, dass sie sich damit nicht anfreunden konnte.
„Es geht“, meinte Damian. „Bei meiner Mutter ist es schlimm. Sie flippt immer aus, wenn etwas nicht nach ihren Regeln geht. Mein Vater ist da viel ruhiger. Er liebt es auch, wenn etwas Chaos herrscht.“
„Wo kommst du eigentlich genau her? Und wie lebt ihr?“, wollte Freya wissen. Das wusste sie von beiden Männern gar nicht, aber es interessierte sie.
„Ich lebe in der Stadt Lavarot. Sie sagt dir vielleicht etwas. Es ist eine Küstenstadt und liegt direkt gegenüber der Inseln der Dunkelheit“, erkläre er und wirkte gedankenverloren, während er sogar lächelte.
Da Damian den Apfel nicht aß, nahm sie diesen wieder und biss ab. „Ich glaube, ich habe den Namen schon einmal gehört“, gestand sie, aber so richtig erinnern konnte sie sich nicht. „Wie ist die Stadt? Und wie ist euer Leben dort?“, fragte sie neugierig weiter.
„Unser Leben unterscheidet sich von vielen anderen. Die meisten dort sind Fischer oder Seefahrer“, erklärte Damian, der nun doch die Flasche öffnete und einen Schluck nahm. „Es gibt viele Krebstiere und Fische mit denen ich als Kind am Meer gespielt habe.“
„Wirklich?“, fragte Freya überrascht und verschluckte sich beinahe. „Und wo liegen eure Höfe? Du hast doch gesagt, dass deine Familie mehrere betreibt“, erinnerte sie sich. Das Gespräch um sein Leben war so interessant, dass sie der vorbeiziehenden Landschaft keine Beachtung mehr schenkte.
„Sie liegen außerhalb der Stadt. Bei uns ist es so, dass viele Familien kleine Felder außerhalb der Mauern haben“, erklärte er gedankenverloren, als würde er alles vor sich sehen und nun versuchen, es Freya zu erklären. „Wir haben dort ganze Höfe, die fast wie kleine Dörfer anmuten. Sie werden auch vor wilden Tieren bewacht.“
Beeindruckt nickte Freya. „Ich bin noch nie so weit gekommen und kann mir nicht vorstellen, wie es dort ist“, gab sie zu. Ihr Leben hatte sich nur in Narune, ihrem Heimatdorf, angespielt. „Ist es denn normal, dass Kinder so strenge Regeln haben und so viel üben müssen wie du und deine Brüder?“
„Normal sicherlich nicht, aber Vater wollte, dass aus uns etwas wird“, winkte Damian ab und schloss dann die Flasche wieder. „Willst du nicht für ein paar Tage mit zu mir kommen? Dann zeige ich dir die Stadt.“
„Das wäre schön“, schwärmte Freya und sah gedankenverloren auf ihre Tochter, dann auf Damian und dann nach draußen. „Die Strecke ist sicherlich weit, nicht wahr?“
„Es ist in etwa so weit, wie bis zu dir. Vielleicht etwas weiter“, gestand er und streichelte Melody wieder. „Natürlich darf die Kleine auch mit.“
Freundschaftlich boxte Freya ihn in die Seite. „Du willst ihr bloß Flausen in den Kopf setzen. Gib es zu“, bemerkte sie nüchtern und lachte dann. „Du wirst ihr wohl ganz tolle Dinge zeigen, die sie dann haben will.“
Damian erwiderte ihr Lachen. „Vielleicht möchte ich, dass sie mich einfach gern besuchen kommt?“, fragte er unschuldig.
Abwinkend meinte Freya, dass Melody ihn immer gerne besuchen würde. „Sie hängt an dir und vergöttert dich. Du bist ihr Spielkamerad“, erklärte sie und fuhr sanft über das seidige Haar ihrer Tochter. „Ich finde es schade, dass deine Kindheit so streng gewesen war. Dass du nicht viel gespielt hast“, seufzte sie niedergeschlagen. Ihrer Meinung nach war es für die Entwicklung eines Kindes wichtig, zu spielen. „Wann bist du in den Krieg gezogen?“
„Mit sechs Jahren bin ich in die Schule gekommen. Mit zehn auf die Militärakademie und mit fünfzehn in den ersten Krieg“, sagte er leise. „Ich habe früh gelernt, die zu schützen, die mir wichtig sind.“
Sanft zog Freya ihn an sich. „Das tut mir leid. Ich wünschte, dir wäre das erspart geblieben. Das verdienst du nicht“, murmelte sie an seinem Ohr, auf das sie einen kleinen Kuss hauchte. „Ich hoffe, du kannst ein Stück Kindheit mit Melody nachholen.“
„So schlimm war meine Kindheit auch nicht. Ich hatte viele Freunde“, versicherte er und küsste ihre Nase. „Aber trotzdem möchte ich nicht, dass meine Kinder so viel Drill erfahren. Ich hoffe, der Krieg ist bald vorbei.“