The Red Book 1
The Red Book
Die Schulglocke läutete und ein aufgeregtes Murmeln schwang durch das Klassenzimmer wie ein frischer Winterwind. Schülerinnen und Schüler sprangen sofort von ihren Plätzen auf, als die Lehrerin ihnen mit strahlenden Augen zurief: “Ich wünsche euch wundervolle Weihnachtstage und eine erholsame Zeit im Kreis eurer Liebsten. Lasst uns voller Vorfreude ins neue Jahr blicken.”
Inmitten der Menge drängte sich ein energisches Mädchen voran, ihre Entschlossenheit schnitt durch die Schüler wie ein heißes Messer durch Butter. Ohne Rücksicht auf die anderen und gelegentlich einen Schulterkontakt ignorierend, hastete Amy zum Ausgang. Ihr Herz pochte im Takt ihrer Schritte, während sie an nichts anderes dachte als daran, endlich nach Hause zu kommen.
Vor der Schule wartete bereits der Schulbus, dessen Motor dumpf vor sich hin brummte. Amy sprang die Stufen des Busses hinauf, ihre blonden Haare, die sie oft zu einem Dutt gebunden hatte, flatterten hinter ihr her. Sie suchte eifrig nach einem freien Platz und entdeckte in der letzten Reihe eine kleine Lücke. Wie ein Fisch, der sich durch ein dichtes Netz zwängt, schlängelte sie sich zwischen den anderen Fahrgästen hindurch, bis sie endlich ihren Sitz erreichte. Mit einem keuchenden Seufzer ließ sie sich nieder und lehnte ihren Kopf erschöpft gegen die kalte Fensterscheibe, die sich wie Eis gegen ihre heiße Stirn anfühlte.
Draußen lag der Schnee wie eine weiche, weiße Decke über der Stadt, ein vertrautes Bild in dieser Jahreszeit in Chicago. Doch Amy wohnte außerhalb der Stadt, in Kingsbury, einem verschlafenen Dorf, in dem jeder jeden kannte. Die Enge des Dorfes schien manchmal wie eine unsichtbare Kette um ihre Träume zu liegen, aber sie ließ sich davon nicht abschrecken. In Kingsbury etwas unbemerkt anzustellen, war schier unmöglich, doch in Amy brannte ein Feuer, das größer war als die Grenzen ihres Dorfes.
Während der Bus über die vereisten Straßen rumpelte, wanderten Amys Gedanken zu ihrem großen Traum: ein Journalismus Studium an der Yale University. Sie sah sich schon auf dem Campus, wie sie mit einem Notizbuch unter dem Arm durch die alten Gebäude eilte, bereit, die Welt zu erobern. Die zehnte Klasse der Kingsbury Elementary School zu besuchen, bedeutete für Amy hartes Arbeiten, aber jeder Moment der Anstrengung war ein Schritt näher an ihr Ziel. Ihre Träume waren die Sterne, die durch die Dunkelheit ihrer kleinen Welt funkelten und ihr den Weg wiesen.
Amy war eine Schülerin, die jede freie Minute in ihre Bücher vertiefte, als wären sie die Schätze einer vergessenen Welt. Lernen war ihre Leidenschaft und gleichzeitig ihr Fluchtweg. Freunde hatten in ihrem straffen Zeitplan kaum Platz, außer Clary, ihre Seelenverwandte und Lernpartnerin. Die beiden verbrachten endlose Stunden zusammen, über Büchern gebeugt und in ihre Notizen vertieft, als ob sie gemeinsam gegen die Zeit kämpften.
Liebe war für Amy ein unentdecktes Land, das sie nur aus Geschichten kannte. Trotz der vielen Verehrer, die ihr wegen ihres auffälligen Aussehens und ihrer beneidenswerten Figur den Hof machten, hatte sie nie das Bedürfnis verspürt, sich darauf einzulassen. Ihre langen Haare, die wie ein goldener Wasserfall bis zu ihrem Po reichten, versteckte sie oft unter einem pragmatischen Dutt. In Jeans und Turnschuhen fand sie ihre Rüstung, simpel und funktional, weit entfernt vom Glamour.
Der Bus hielt ruckartig an, und Amy stieg aus, ihre Gedanken immer noch bei den Schulaufgaben, die auf sie warteten. Sie überquerte die Hauptstraße, die sich wie eine Barriere zwischen ihrem Schulalltag und ihrem Zuhause spannte, und bog in einen schmalen, schneebedeckten Gehweg ein. Jeder ihrer Schritte hinterließ tiefe Spuren im frisch gefallenen Schnee, als ob sie eine Spur zu einem geheimen Ziel legen würde.
Nach einigen Metern erreichte sie schließlich ihr Haus, ein Ort der Ruhe und Geborgenheit. Sie klopfte ihre Schuhe am Geländer ab, die Schneeflocken wirbelten wie kleine weiße Geister zu Boden. Die Außenfassade ihres Hauses schimmerte im Licht der untergehenden Sonne, als wäre sie mit den Kristallen des Schnees überzogen. Für einen Moment hielt Amy inne und betrachtete die Szene, die sie so oft gesehen hatte und die doch immer wieder einen Hauch von Magie in sich trug.
In ihrem Inneren spürte sie die Last des Tages, aber auch die Hoffnung, die sie antrieb. Sie träumte von Yale, von einem Leben, das größer war als die engen Gassen von Kingsbury. Doch für jetzt, in diesem Moment, war sie einfach nur Amy, eine Schülerin, die ihren Weg nach Hause gefunden hatte.
“Mum, ich bin wieder zuhause”, rief Amy, während sie ihre Jacke von den Schultern gleiten ließ und sie achtlos über einen Stuhl warf. Ihre Schuhe landeten mit einem dumpfen Schlag im Regal, als sie die Treppe hinaufstürmte. Anstatt der vertrauten Antwort hörte sie das Poltern von Gegenständen im Schlafzimmer. Verwirrung durchzog ihr Gesicht wie eine dunkle Wolke.
Voller Neugier und mit einem Hauch von Unbehagen stieg Amy die Stufen hinauf, jeder Schritt hallte wie ein Herzschlag in der Stille des Hauses. Ein Koffer ragte aus dem Zimmer hervor, sich langsam vorwärts bewegend wie ein ungebetener Gast. Amys Augen weiteten sich vor Überraschung, als sie ihre Mutter sah, die ihren Kopf aus dem Zimmer streckte und ihre Tochter mit einem angespannten Lächeln ansah.
“Mum, was machst du da?” Amys Stimme war ein dünner Faden aus Schock und Unglauben.
“Wonach sieht es wohl aus? Ich packe”, antwortete ihre Mutter, ihre Stimme fest, aber in ihren Augen lag ein Schatten, den Amy nicht deuten konnte.
“Ich wusste nicht, dass wir verreisen!” Amys Gedanken rasten. Warum hatte ihre Mutter nichts gesagt? Hatte sie etwas übersehen, einen Hinweis, ein Zeichen?
Ihre Mutter wandte sich ab, der Koffer klappte zu wie das Kapitel eines Buches. “Tun wir auch nicht. Nur dein Vater und ich”, erklärte ihre Mutter, ihren Kopf hebend und Amy mit einem sanften, aber bestimmten Blick musternd. “Wir beide werden über Weihnachten deine Großeltern besuchen und etwas Zeit für uns nehmen. Du und dein Bruder seid alt genug, ein paar Tage ohne uns zurechtzukommen.”
“Mum, es ist Weihnachten,” protestierte Amy, ihre Stimme brach leicht, als das Wort “Weihnachten” in der Luft hing wie eine unausgesprochene Bitte.
“Amy, jetzt hab dich mal nicht so,” erwiderte ihre Mutter mit einem Hauch von Müdigkeit in der Stimme. “Wir sind das ganze Jahr für euch da, und nun gönnen dein Vater und ich uns ein paar Tage, wo wir einfach nur wir sein können.” Sie sprach ernst, während sie den Koffer weiter schob, seine Räder knirschten leise über den Boden. “Hilf mir, den Koffer nach unten zu bringen.”
Widerwillig fügte sich Amy ihrem Schicksal und packte das Ende des Monstrums, das sie die Treppe hinab bugsieren mussten. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie einen schweren Stein den Berg hinunterrollen, das Poltern des Koffers widerhallte in der stillen Halle.
“Schatz, bist du soweit?” rief die Mutter durchs Haus. Von irgendwo hinten kam eine kaum vernehmbare bejahende Antwort, wie ein Echo aus einer fernen Höhle. Kurz darauf erschien ihr Vater, in voller Montur und mit einem entschlossenen Ausdruck im Gesicht.
“Wir können los,” sagte er, schnappte sich das Reisegepäck und marschierte zügig durch die Tür, als ob er Angst hätte, sein Entschluss könnte sich im letzten Moment auflösen.
Die Mutter zog sich ihre Schuhe und ihre Jacke an, folgte ihm nach draußen und blieb am Wagen stehen. Sie drehte sich um, ihre Augen suchten die von Amy und ihrem Bruder. Ein Moment der Stille, in dem nur der kalte Wind zu hören war, der die Schneeflocken wie funkelnde Sterne durch die Luft trug.
Amy stand da, ihre Gedanken ein Wirbelsturm aus Enttäuschung und Verlassenheit. Weihnachten ohne ihre Eltern? Die Idee fühlte sich an wie ein stechender Schmerz in ihrer Brust, ein Schatten, der die festliche Freude verdunkelte. Doch sie hielt den Blick ihrer Mutter stand, versuchte, die Tränen zurückzuhalten, die ihre Augen zu füllen drohten. Sie musste stark sein, für sich selbst und für ihren Bruder.
Ihre Mutter lächelte leicht, ein schwaches, aber warmes Lächeln, das Amys Herz ein wenig beruhigte. “Passt aufeinander auf,” sagte sie leise, bevor sie ins Auto stieg und die Tür hinter sich schloss. Der Motor sprang an, und Amy stand da, sah dem Auto nach, bis es in der Ferne verschwand, wie ein Schiff, das am Horizont verschwand und nur noch eine Spur im Wasser hinterließ.
“Essen für die nächsten Tage findet ihr im Kühlschrank und das für Weihnachten liegt im Froster,” erklärte die Mutter, während sie sich in den Wagen setzte und den Sicherheitsgurt anzog. Der Vater ließ den Motor aufheulen, und langsam rollte das Auto die Auffahrt hinunter. Amy und ihr Bruder standen verwirrt auf der Terrasse und beobachteten, wie ihre Eltern am Ende der Straße verschwanden, als wären sie ein Film, der plötzlich abbricht.
“Ich weiß ja nicht, was du jetzt machst, aber ich werde jetzt nach drinnen gehen und meine Freundin anrufen. Sie kann die Tage bei uns verbringen, und von dir möchte ich kein Wort hören,” sagte ihr Bruder schroff, bevor er ins Haus zurückmarschierte.
“Mathew, das kann nicht dein Ernst sein, mich einfach alleine zu lassen.”
“Doch. Du bist alt genug, dir dein Essen zu besorgen und dich selbst zu beschäftigen,” antwortete er, ohne sich umzudrehen.
Frustriert schnappte sich Amy ihre Jacke und Schuhe und stapfte hinaus in den Schnee. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie durch einen Sumpf aus Enttäuschung waten. Die Kälte biss ihr ins Gesicht, als sie die Straße entlang zum Supermarkt “kenn” marschierte. Drinnen klopfte sie den Schnee von ihren Schuhen und steuerte zielstrebig die Bücherabteilung an. Die Auswahl war dürftig, und sie kannte jedes Buch in diesem winzigen Laden.
Schließlich griff sie nach einem Buch mit rotem Einband und verzog sich in die Leseecke. Der Laden mochte klein sein, aber er hatte alles, was man für das tägliche Leben brauchte, und für Amy war er ein sicherer Hafen inmitten ihres inneren Sturms.
Kaum saß sie, öffnete sie das Buch und begann zu lesen. Doch es war anders als erwartet: handschriftliche Seiten, die eher wie Notizen oder eine Art Tagebuch wirkten. Das Papier roch nach alten Geschichten und verborgenen Geheimnissen. Neugierig betrachtete sie es näher und erkannte, dass es wie eine gesprochene Nachricht wirkte, als hätte jemand seine Gedanken direkt hineingeflüstert.
Ohne lange nachzudenken, zog sie einen Stift aus ihrer Tasche. Einen Stift hatte sie immer bei sich, eine Angewohnheit, die sie irgendwann begonnen und nie abgelegt hatte. Sie setzte den Kugelschreiber an und schrieb ein Einfaches ”Hallo" auf die erste freie Seite, als würde sie einen stillen Gruß in die Welt senden. Dann stellte sie das Buch zurück an seinen Platz und fühlte eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Erwartung.
Während sie nach draußen trat, spürte sie, wie der kalte Wind ihre Wangen streichelte und die Welt um sie herum in eine stille, schneebedeckte Decke einhüllte. Amy wusste, dass Weihnachten dieses Jahr anders sein würde, aber in diesem Moment fühlte sie sich, als hätte sie einen kleinen Teil von sich selbst gefunden, versteckt zwischen den Seiten eines fremden Buches.
Ihre Gedanken wanderten bereits an andere Orte, als sie plötzlich mit einem Jungen an der Tür zusammenstieß. Sein verwirrter Blick streifte sie, doch Amy bemerkte es kaum und ging unbeirrt weiter, als wäre er unsichtbar.
“Wie wäre es mal mit einer Entschuldigung?” rief der Teenager ihr wütend hinterher. Doch Amy hörte ihn nicht, ihre Sinne betäubt vom Schneetreiben, das sich wie ein sanfter Schleier um sie legte. Sie stampfte durch den Schnee, jeder Schritt ein trotziges Zeichen ihrer Frustration. Der Junge beobachtete sie mit einem entrüsteten Blick, bevor er frustriert in den Laden verschwand.
Als sie endlich zu Hause ankam, empfing sie ihr Bruder Mathew mit verschränkten Armen und einem missbilligenden Blick. “Zieh deine Jacke und Schuhe aus, bevor du den ganzen Boden voll schneist!”
Verwirrt starrte Amy ihn an, erst dann bemerkte sie die kleinen Pfützen, die sich um ihre Füße gebildet hatten. In Gedanken versunken, hatte sie gar nicht bemerkt, dass sie den Schnee mit ins Haus getragen hatte. Hastig rannte sie zur Garderobe, zog ihre nassen Sachen aus und wischte die Wasserspuren auf dem Boden weg.
In der Küche angekommen, bereitete sie sich eine Kleinigkeit zu Essen. Während sie ihr Brot mit Butter bestrich, schweiften ihre Gedanken immer wieder zu dem roten Buch im Laden - ob jemand darauf geantwortet hatte? Wem gehörte es?
Amy zog sich in ihr Zimmer zurück, das schlicht und spärlich eingerichtet war. Ein Bett, ein Schreibtisch und eine Kommode für ihre Kleidung, alles in schlichtem Weiß gehalten. Es war ihre kleine Wohlfühloase, ein Ort der Ruhe inmitten des chaotischen Familienlebens. Sie setzte sich auf ihr Bett und genoss ihr Abendessen, während ihre Gedanken um das geheimnisvolle Buch kreisten.
Plötzlich riss sie ein lautes Gepolter aus dem Zimmer ihres Bruders aus ihren Gedanken. Mathews Freundin lachte fröhlich, und auch Mathew selbst schien von der ausgelassenen Stimmung angesteckt zu sein. Ein Lächeln huschte über Amys Gesicht, doch gleichzeitig fühlte sie eine tiefe Sehnsucht in sich aufsteigen. Mit sechzehn Jahren hatte sie noch keine wirkliche Beziehung gehabt. Die Jungs an ihrer Schule waren entweder Rebellen oder Snobs - beides nicht ihr Fall.
Amy fragte sich, welcher Typ Junge sie wohl interessieren könnte, während sie ihren Teller beiseite schob und ihr Tablet schnappte. Sie begann das Internet zu durchforsten, auf der Suche nach einem Jungen, der ihr optisch zusagte. Dabei wanderte ihr Blick immer wieder zum Fenster, wo der Schnee in dichten Flocken fiel und die Welt draußen in eine stille, weiße Decke hüllte.
Ihre Gedanken waren wie ein unruhiger Fluss, der sich durch die Landschaft ihrer Emotionen schlängelte. Sie fühlte sich einsam, sehnte sich nach jemandem, der ihre Gedanken verstand und mit dem sie ihre Träume teilen konnte. Das rote Buch im Laden war wie ein leises Flüstern in ihrem Kopf, ein Rätsel, das darauf wartete, gelöst zu werden.









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