Kapitel 1
The singing Angel
Die Bronx, ein Stadtteil von New York, berüchtigt für Kriminalität und tägliche Morde, Schauplatz ständiger Bandenkriege, wo Schüsse an der Tagesordnung sind. Doch nicht alles ist düster. Es gibt Orte wie den Freizeitpark und Sportplätze, die dank Sicherheitspersonal ein sicherer Rückzugsort sind. Hier lebte die sechzehnjährige Sally, ein hinreißendes Mädchen mit langen braunen Haaren und einer Vorliebe für Jeanshosen. Ihre blauen Augen strahlten im Sonnenlicht. Obwohl sie nicht groß war, war sie im harten Leben der Bronx dennoch stark.
Sally spürte, wie die Angst vor ihrem Vater ihren Herzschlag beschleunigte. Jeden Abend, wenn sie die vertrauten Schritte auf der knarrenden Holztreppe hörte und das Knirschen seiner Schuhe auf dem schäbigen Linoleumboden, drückte sie sich fester an die Wand ihres winzigen Zimmers. Die Worte ihrer Mutter, halbherzige Tröstungen in ihren Augen, verhallten schnell im Lärm der Schreie und Schluchzer. Der Entschluss reifte in ihr wie ein Keimling, der trotz der Asphaltwüste der Bronx Mut schöpfte.
Die Nacht, in der Sally aus ihrem Elternhaus floh, war eine Melodie aus Autolichtern und entfernten Sirenen, die die Dunkelheit durchschnitten. Ihre Schritte auf dem staubigen Bürgersteig waren leise, fast zögerlich, als würde sie die Last ihrer Entscheidung auf ihren Schultern tragen. Sie lief durch die Straßen, die eine graue Decke aus Gefahr und Hoffnungslosigkeit über ihr ausbreiteten. In der Lee Ave fand sie zwischen den Wohnhäusern einen schützenden Raum. Der mit einem schäbigen Schloss gesicherte Maschendrahtzaun war kein Hindernis, sondern ein Symbol ihrer neu gewonnenen Freiheit.
Mit geschickten Händen und einem Hauch von Stolz baute sie aus Europaletten und Planen eine kleine Hütte. Die Nächte wurden zu ihren Verbündeten, als sie die alte Matratze mit Decken umhüllte, die sie auf ihren Streifzügen gefunden hatte. Eine Kiste diente als improvisierte Sitzgelegenheit, während eine verstaubte Truhe zum Tisch wurde, auf dem sie ihre Gedanken ordnete und ihre Zukunft zu planen begann.
Das Ölfass, das sie unter einer Brücke gefunden hatte, bot Sally Wärme in den knisternden Flammen. Die Hitze, die sie umhüllte, war mehr als nur das Glühen des Feuers. Es war ein Versprechen, dass sie nun ihre eigene Geschichte schreiben konnte, abseits der Schatten ihrer Vergangenheit.
Trotz des gemütlichen Zuhauses plagte Sally ein ernstes Problem: Das Geld wurde knapp. Gedankenverloren strich sie über die abgenutzten Saiten ihrer geliebten Gitarre, ihrem einzigen wertvollen Besitz aus vergangenen Tagen. Vor Jahren hatte sie sich das Instrument von ihrem Ersparten gekauft und sich das Spielen selbst beigebracht. Die Klänge, die sie hervorbrachte, schienen durch die improvisierten Wände ihrer kleinen Hütte zu dringen und die Aufmerksamkeit der Nachbarn zu fesseln. “Das Mädchen singt wie ein Engel,” flüsterte eine Stimme aus der Dunkelheit.
Sally lächelte, obwohl Scham sie am liebsten hätte weglaufen lassen. Als das Lied endete, dankte sie mit einer leichten Verbeugung und verschwand wieder in der Stille der Nacht.
Plötzlich durchbrach eine männliche Stimme die Dunkelheit. “Hast du schon einmal darüber nachgedacht, damit Geld zu verdienen?” Der Mann, etwa Mitte zwanzig, stand am Zaun und betrachtete sie mit großen, neugierigen Augen. Seine stilvolle Kleidung passte zur Umgebung: eine locker sitzende Hose, die tief auf seinen Hüften hing, und ein blütenweißes T-Shirt, das halb in der Hose steckte. Sein herzliches Lächeln war wie ein Leuchtfeuer in der Dämmerung. Trotz seiner dunkleren Hautfarbe strahlte er keine Bedrohung aus, im Gegensatz zu den Gestalten, denen Sally oft auf ihren Streifzügen begegnet war.
Sallys Herz schlug schneller, als sie sich vorsichtig erhob und dem Zaun näherte. “Nein, bisher noch nicht,” antwortete sie leise und senkte ihren Kopf, als hätte sie Angst, dass ihre Träume durch einen lauten Ton zerbrechen könnten.
“Zieh das mal in Erwägung,” sagte der Mann, der sich als Mike vorstellte, und deutete auf die gegenüberliegende Grünanlage. “Im Van Cortlandt Park gibt es einige Sänger und andere Künstler, die dort ihre besten Shows präsentieren.”
Sallys Augen leuchteten kurz auf. “Danke für den Tipp. Ich werde mir das morgen mal anschauen. Vielleicht wäre das wirklich eine Möglichkeit, mir etwas dazu zu verdienen. Ich brauche dringend Geld,” sagte sie und schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln. “Ich bin Sally, und das hier,” sie breitete ihre Arme aus und drehte sich langsam im Kreis, “ist meine Behausung. Ich hoffe, das ist für euch in Ordnung, dass ich es mir gemütlich gemacht habe?”
Mike nickte und lachte leicht. “Klar. Ich denke, die anderen haben auch nichts dagegen. Sonst hätten sie dich schon längst verjagt. Du bist ja schon einige Zeit hier, und wir haben dich beobachtet. Da du friedlich zu sein scheinst, denke ich, ist alles gut.”
Sally spürte eine Welle der Erleichterung durch ihren Körper fließen. Sie hatte sich oft gefragt, ob die anderen Bewohner sie dulden würden. Jetzt wusste sie, dass sie zumindest ein gewisses Maß an Akzeptanz gefunden hatte. Ihre Gedanken wanderten zu dem morgigen Tag und der Möglichkeit, ihr Talent für etwas mehr als nur Trost zu nutzen. Sie fühlte sich, als hätte sie eine kleine Flamme der Hoffnung in ihrem Inneren entzündet, bereit, sie durch die Dunkelheit zu führen.
“Danke. Das bedeutet mir viel. Hab nämlich keine Lust, mir was Neues zu suchen und wieder alles aufzubauen. Das hier hat mir schon viel Zeit und Mühe gekostet,” sagte Sally, während sie den Kopf leicht zur Seite legte und nach hinten schaute. Ihr Blick wanderte über ihre improvisierte kleine Welt, die sie sich mühsam erschaffen hatte.
Mike lächelte verständnisvoll. “Kann ich nachvollziehen. Ich wünsche dir noch eine angenehme Nachtruhe. Man sieht sich bestimmt noch.” Mit diesen Worten drehte er sich um und marschierte zum Eingang des Wohnhauses.
Sally beobachtete ihn, bis er im Schatten des Gebäudes verschwand. “Na dann wollen wir uns auch mal hinlegen. Ich muss für morgen fit sein,” murmelte sie leise vor sich hin. Hinter einer Plane, die ihr Badezimmer darstellte, zog sie sich ihre Schlafsachen an, wusch sich und begab sich zu ihrem Schlafplatz. Völlig erschöpft kroch sie unter ihren Schlafsack. Die Dunkelheit umfing sie wie eine schützende Decke. Im Schlaf lächelte sie, träumend von einem besseren Morgen, als wäre die Zukunft ein offenes Buch, bereit für ihre Geschichte.
Am nächsten Morgen wurde sie abrupt aus dem Schlaf gerissen. Ein lauter Knall, gefolgt von dem schrillen Schrei einer Frau, ließ sie hochschrecken. Sirenen durchbrachen die Stille, als eine Polizeistreife mit quietschenden Reifen ankam und in das Gebäude eindrang. Die rot-blauen Lichter der Streifenwagen flackerten bedrohlich über die Szenerie. Sallys Herz raste, und sie zog die Decke über ihren Kopf, als könnte sie sich so vor der Realität verstecken. Sie fühlte die Angst, wie eine eiskalte Hand, die sich um ihr Herz legte.
Die Minuten schienen endlos, doch schließlich hörte sie die Beamten das Gebäude verlassen. Einer von ihnen lachte schallend. “Da hat es wohl jemand mit dem Spielen zu genau genommen. Hätte nicht gedacht, dass es solche Spiele beim Beischlaf gibt.”
Sally atmete erleichtert aus, als die Stimmen der Polizisten verklangen. Die unangenehme Situation war vorüber. Schnell stand sie auf, fest entschlossen, den Tag zu nutzen. Der Gedanke an den Park, mit seiner grünen Weite und den Menschen, die sie mit ihrem Gesang erreichen konnte, gab ihr neue Zuversicht.
Als sie den Park betrat, umgab sie eine lebhafte Atmosphäre. Die Menschen strömten durch die Wege, Kinder spielten und lachten, und in der Luft lag ein Hauch von Sommer. Sally suchte sich einen Platz am See und setzte sich nieder, die Gitarre auf dem Schoß. Die sanften Wellen des Wassers schienen ihre Sorgen wegzuspülen. Sie schloss kurz die Augen, um die Ruhe in sich aufzunehmen. Dann begann sie zu spielen, ihre Finger glitten über die Saiten, und ihre Stimme erhob sich, klar und rein, durchdrang die Umgebung wie ein Hoffnungsschimmer in einer dunklen Nacht.
Zu Beginn sang sie leise und zurückhaltend, ihre Stimme ein zarter Hauch im Wind. Doch nach und nach, wie eine Knospe, die sich zur Blume entfaltet, gewann sie an Mut. Ihre Stimme wurde kräftiger, erfüllte den Raum und zog die Menschen um sie herum in ihren Bann. Familien blieben stehen, hielten den Atem an, und bald fielen die ersten Geldscheine zu ihren Füßen. Dankbar lächelte sie und sang weiter, ihre Augen funkelten vor Freude. Jemand reichte ihr eine Dose, um das Geld zu sammeln. Die herzliche Reaktion der Zuhörer berührte sie zutiefst, und vor Freude liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie sang fröhlich weiter und schien in ihrem Element aufzugehen. Die Bevölkerung applaudierte begeistert und genoss ihre Musik, ihre Stimmen vermischten sich mit dem Klang ihrer Gitarre.
Am Ende des Tages hatte sich die Dose mit Geld gefüllt, und Sally war überglücklich. Der Gedanke, ohne Mittel dazustehen, war verflogen, und sie war zuversichtlich, dass sie über die Runden kommen konnte. Mutig trat sie jede Woche im Park auf und begeisterte die Besucher. Die Herbsttage vergingen wie Blätter im Wind, und der Winter zog heran. Die Menschen im Park wurden weniger, und Sally verdiente bald kein Geld mehr. Doch sie hatte genug gespart, um die Wintertage zu überbrücken, und fühlte sich auch im Stammcafé willkommen, wo sie eine warme Mahlzeit ohne Geld erhielt. Ihre Einnahmen verstaute sie sicher in einer Bauchtasche, um nicht beklaut zu werden.
Eines Tages, während sie leise vor sich hinmurmelte, kam Mike aus dem Nichts am Zaun heran. Erschrocken blickte sie auf und erkannte ihn. Sie öffnete das Tor und ließ ihn eintreten. Die beiden begrüßten sich herzlich, und Sally vertraute ihm ihre Geschichte an, da ihre Freundschaft immer tiefer wurde. Die Worte sprudelten aus ihr heraus wie ein Fluss, der endlich sein Bett gefunden hatte.
Mike war erstaunt über die heftigen familiären Probleme von Sally. Seine Augen weiteten sich vor Schreck, da er solche Schwierigkeiten nicht erwartet hatte. Um ihr Trost und Liebe zu geben, umarmte er sie spontan und drückte sie fest an sich. Sally, die einen Kopf kleiner war, ließ die Tränen fließen, während sie von Mike festgehalten wurde. Die Last, die sie so lange mit sich getragen hatte, schien sich in diesem Moment ein wenig zu heben.
Er schlug vor, dass sie bei ihm abschließt und mit ihm mitkommt. Dort könnten sie warm duschen, und er würde ihnen etwas Tolles zu Essen machen. Sally, unfähig zu sprechen, nickte stumm und erhob sich. Sie schloss ihr Zuhause ab, fühlte, wie die Kälte der Winterluft ihre Haut berührte, und begleitete ihren neu gewonnenen Freund zu seiner Wohnung. Oben angekommen, keuchte sie vor Anstrengung, da sie die vielen Treppen schon lange nicht mehr bewältigt hatte. Jede Stufe schien ein Schritt in eine bessere Zukunft zu sein, ein kleiner Sieg über die Dunkelheit ihrer Vergangenheit.
Mike lachte über ihr schweres Atmen und öffnete die Wohnungstür, die sie wie eine Schwelle zu einem anderen Leben empfand. Die Wohnung wirkte harmonisch, mit einer einfach eingerichteten Küche, einem Tisch und zwei Stühlen. Das Wohnzimmer war spärlich möbliert, mit einer Anrichte, einem nicht funktionierenden Fernseher und einem funktionsfähigen Laptop. Mike schien wehmütig, als er auf die Bilder auf dem Laptop-Bildschirm schaute, die seine Familie und Freunde zeigten. Sein Lächeln verblasste, und seine Augen wurden glasig, als ob er sich in eine andere Zeit zurückversetzt fühlte.
Neugierig fragte Sally, ob das seine Familie sei, und Mike bestätigte es. Er schien in Gedanken zu versinken, und Sally erkundigte sich besorgt, ob alles in Ordnung sei. “Alles gut,” murmelte er, obwohl seine Stimme die Traurigkeit nicht verbergen konnte. Sally entschuldigte sich für ihre Frage, doch Mike schüttelte den Kopf und lenkte das Gespräch auf das Essen. “Warum duschst du nicht zuerst? Das wird dir guttun.”
Im Badezimmer genoss Sally das warme Wasser, das wie ein sanfter Regen ihre Sorgen wegwusch. Sie fühlte sich wie neugeboren, als der Dampf sie umhüllte und die Anspannung aus ihren Schultern wich. Als sie herauskam, entdeckte sie frische Kleidung auf dem Toilettensitz. Sie war überrascht und fragte sich, woher sie kam, da sie niemanden ins Bad hatte kommen sehen. Die weichen Stoffe fühlten sich wie eine Umarmung an, als sie die Kleidung anzog, und sie trat aus dem Badezimmer mit einem Gefühl der Erneuerung.
Der köstliche Duft des Essens empfing sie, als sie die Tür öffnete. Ihr Magen knurrte laut vor Hunger, und sie lächelte. “Da bist du ja. Essen ist auch fertig. Setz dich,” sagte Mike und zog einen Stuhl am Esstisch zurück, um ihr Platz zu machen. Sally nahm die Einladung an und setzte sich. Er platzierte einen Teller vor ihr, setzte sich zu ihr und sie genossen schweigend ihr Mahl. Die Wärme des Essens erfüllte sie mit einem Gefühl der Geborgenheit, das sie lange vermisst hatte.
Nach dem Essen spülten sie gemeinsam ab und setzten sich auf die Couch, wo sie sich angeregt über verschiedene Themen unterhielten. Mike fragte, ob ihre Eltern sich Sorgen machten, dass sie weggelaufen war. Sally senkte ihren Blick, ihre Finger spielten nervös mit dem Saum ihres neuen Pullovers. “Ich glaube nicht, dass sie mich als vermisst gemeldet haben. Meine Mutter hat es vielleicht versucht, aber mein Vater... er ist wahrscheinlich froh, dass er jetzt mehr Geld für Alkohol hat,” sagte sie leise.
Mikes Gesicht verfinsterte sich, und er legte eine Hand beruhigend auf ihre. “Es tut mir leid, das zu hören, Sally. Du bist jung und hast so viel vor dir. Du kannst es besser machen als sie,” sagte er mit Nachdruck. Sally schaute auf, ihre Augen voller Hoffnung und Zweifel. “Aber wie? Ohne Schulabschluss und mit wenig Geld habe ich nicht viele Optionen. Ich muss irgendwie einen Abendkurs finanzieren, um meinen Abschluss nachzuholen,” sagte sie, ihre Stimme zitterte leicht.
Mike drückte ihre Hand fester. “Du bist stark und entschlossen. Es gibt immer einen Weg. Wir finden eine Lösung, zusammen. Vielleicht können wir herausfinden, wie du Stipendien oder finanzielle Unterstützung bekommen kannst. Und bis dahin, lass mich dir helfen, wo ich kann,” sagte er, seine Augen funkelten entschlossen.
In diesem Moment fühlte Sally eine Welle der Erleichterung und Dankbarkeit. Es war, als ob ein schwerer Stein von ihrem Herzen gehoben wurde. Sie lächelte durch ihre Tränen und nickte. “Danke, Mike. Das bedeutet mir viel,” flüsterte sie. In diesem Moment wusste sie, dass sie nicht allein war, und das gab ihr den Mut, weiterzumachen und ihre Träume zu verfolgen.
Mike schlug vor, dass sie in ihrem Stammcafé fragen könnte, ob sie als Gesangseinlage während der Weihnachtszeit auftreten könne. Das würde ihr die Möglichkeit geben, mehr zu verdienen und vielleicht sogar die Abendkurse zu finanzieren. Sally fand die Idee gut und war begeistert von der Möglichkeit, ihre Gesangskünste in einem festen Rahmen zu präsentieren.
„Wir sollten das morgen angehen,“ sagte Mike, „aber jetzt solltest du schlafen.“ Sally war auf dem Weg, um in ihrem Versteck zu übernachten, als Mike sie sanft am Arm hielt. „Du musst nicht draußen schlafen. Nimm mein Bett, ich schlafe auf der Couch. Du brauchst eine richtige Nachtruhe.“
Dankbar, aber auch ein wenig verlegen, nickte Sally. Die Aussicht, nach Monaten wieder in einem Bett zu schlafen, war verlockend. Sie schnappte sich ein Shirt aus seinem Kleiderschrank, das ihr viel zu groß war, aber sich gemütlich und weich anfühlte. Sie versteckte ihren Geldbeutel unter ihren Klamotten, kletterte ins Bett und zog die Decke bis zur Nasenspitze. Die Matratze umschloss sie wie eine schützende Wolke, und sie schlief so tief und fest wie schon lange nicht mehr.
Am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen, wachte Sally auf. Sie hörte das leise Klingen von Geschirr und das Summen einer Melodie aus der Küche. Mike trat ein, eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand. „Guten Morgen, Sally. Ich hoffe, du hast erholsam geschlafen?“ Seine Stimme war warm und freundlich.
Sally setzte sich auf und nahm die Tasse entgegen, das Aroma des Kaffees füllte ihre Sinne. „Guten Morgen, Mike. Ich habe hervorragend geschlafen, was man von dir nicht behaupten kann. Du siehst aus, als hättest du überhaupt kein Auge zugemacht,“ sagte sie besorgt.
„Ehrlich gesagt, nein. Ich habe mir viele Gedanken gemacht und hoffe, dass ich dir damit helfen kann,“ gestand Mike, seine Augen voller Sorge.
Sally legte ihre Hand auf seine. „Du musst dir keine Gedanken um mich machen. Ich werde das alles schon alleine schaffen. Es reicht mir, wenn du mir als guter Freund zur Seite stehst und mich unterstützt.“
Mike lächelte, seine Anspannung schien sich ein wenig zu lösen. „Das werde ich auf jeden Fall,“ sagte er und setzte sich neben sie. Gemeinsam tranken sie ihren Kaffee und begannen den Tag. Ihre erste Station war das Stammlokal, in dem sie oft speisten. Als sie das Lokal betraten, umschloss sie sofort eine warme Atmosphäre, die von außen spürbar war. Die Wirtin, Magda, begrüßte sie mit einem zarten Lächeln und führte sie zu einem der Tische.
„Sally, Mike, was kann ich euch Leckeres bringen?“ fragte Magda, ihre Augen funkelten neugierig.
Sally atmete tief durch. „Magda, heute sind wir hier, um dich etwas zu fragen,“ begann sie nervös.
„Na dann mal raus mit der Sprache. Was kann ich für euch tun?“ erwiderte die Wirtin.
„Ich wollte fragen, ob die Möglichkeit besteht, hier abends aufzutreten? Vor allem an Weihnachten. Ich werde dieses Jahr zum ersten Mal ohne meine Familie feiern. Wenn ich mit meinem Gesang andere glücklich machen kann, dann ist das das Schönste für mich,“ erklärte Sally zögernd.
Magda lächelte. „Ich finde deinen Vorschlag gar nicht so schlecht. Ich weiß, dass du wie ein Engel singst, und es wäre mir eine Ehre, wenn du hier singen würdest.“
Sally strahlte vor Freude. Sie hätte nie erwartet, dass man ihr diese Chance bieten würde. Magda und sie vereinbarten Termine für ihre Auftritte. Ein paar Tage später war es soweit, und die Braunhaarige hatte ihren ersten Auftritt. Die Gäste saßen dicht gedrängt, die Lichter funkelten und Sally fühlte die Aufregung in der Luft.
Als sie zu singen begann, füllte ihre Stimme den Raum, und sie sah, wie die Sorgen der Menschen um sie herum verflogen. Die Wärme und der Applaus gaben ihr das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Der Tag an Weihnachten war komplett ausgebucht mit Gästen, die sie wiedersehen und hören wollten. Bis dahin trat sie Abend für Abend dort auf und bescherte der Wirtin volle Kassen. Sally erhielt ihren Anteil, den sie in ihrem Beutel verstaute und sparte. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wuchs in ihr, und sie plante, sich davon eine bessere Behausung zu gönnen. Ihre Träume schienen greifbar, und sie wusste, dass sie es schaffen konnte.
Der Weihnachtsabend rückte näher, und Sallys Nervosität stieg ins Unermessliche. Die Anzahl der Gäste ließ sie erschaudern. Mike hatte ihr vor einigen Tagen angekündigt, dass er eine Überraschung für sie hätte, was ihre Anspannung weiter erhöhte. Doch Aufgeben kam für sie nicht in Frage. Sie würde den Abend durchziehen, komme, was wolle.
Der Tag war da, und Sally verschanzte sich im hinteren Teil des Lokals. Sie zog ihre sauberste Kleidung an, stimmte ihre Gitarre und holte kräftig Luft, bevor sie die Räumlichkeiten mit den Gästen betrat. Auf sanften Sohlen schlich sie sich zu ihrem Barhocker und setzte sich darauf. Sie stellte das Mikrofon zurecht und legte ihr Instrument auf den Schoß. Behutsam zupfte sie die ersten Akkorde, und das Publikum hörte auf zu reden. Sie schenkten ihr volle Aufmerksamkeit und warteten gespannt.
Sallys Kopf schnellte nach oben, nachdem sie die Stille bemerkte. Sie schluckte hart, fasste ihren Mut zusammen und begann ihr Debüt-Lied. Ihre Stimme verursachte Gänsehaut und zauberte Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer. Die Braunhaarige war beflügelt und führte mit voller Hingabe ihre Musik vor. Sie war in ihrem Element. Ein paar Lieder später brauchte sie eine Pause und ging zum Tresen. Dort wartete ihr Freund Mike auf sie und schloss sie freudestrahlend in seine Arme, beglückwünschte sie zu ihrem Auftritt.
“Ihre Stimme ist Gold wert. Wissen Sie das?“, sprach sie ein eleganter Mann an, Mitte vierzig und scheinbar sehr klug gekleidet. “Danke. Es freut mich, dass Ihnen mein Gesang gefällt. Ich hoffe, Sie bleiben noch eine Weile. Es kommen noch ein paar Lieder”, erwiderte Sally nervös. “Sie wirken sehr nervös. Das müssen Sie nicht sein. Tun Sie so, als wäre ich nicht hier”, beruhigte er sie.
“Nun, das würde ich gerne. Nur weiß ich immer noch nicht, wer Sie sind?” “Mike, hast du ihr nichts davon gesagt, dass ich heute komme, um sie anzuhören?“, fragte Thomas Hanswood, der gepflegt gekleidete Plattenproduzent, als er sich an Sallys Freund wandte. “Na ja, ich habe nur gesagt, dass ich eine Überraschung für sie habe”, antwortete Mike mit einem Hauch von Wehmut.
“Wenn das so ist. Überraschung. Ich bin Thomas Hanswood, Plattenproduzent”, stellte sich der Mann vor und reichte Sally seine Hand, die sie erstaunt annahm, “Mike hat mir erzählt, wie gut du singen kannst. Aber ich muss sagen, das ist untertrieben. Dein Gesang ist himmlisch, und ich würde dich gerne unter Vertrag nehmen.”
“Das... ist... nicht... Ihr... Ernst?“, stotterte das Mädchen ungläubig. Sie traute ihren Ohren nicht. Dieser Mann wollte ihr einen Plattenvertrag anbieten. Doch mit der Freude kam auch der Schock. Sie war erst sechzehn Jahre alt, hatte die Schule nicht abgeschlossen und ihre Eltern verlassen. Sie war obdachlos. Sally hatte keine Ahnung, wie das alles klappen sollte. “Mike hat mir von deiner Situation erzählt. Ehrlich, das bekommen wir hin. Sag einfach ja, und alles andere erledige ich”, versicherte Thomas.
Ihr Freund nickte ihr zu und legte seine Hand auf ihre Schulter, ermutigend und unterstützend. “Gib dir einen Ruck. So eine Chance bekommst du nie wieder”, versuchte Mike sie zu überreden, “außerdem will ich mir die Mühe nicht umsonst gemacht haben.” “Du hast ja Recht. Nur sehe ich bei meinen Eltern ein Problem”, erwiderte Sally, während sie ihren Kopf senkte und mit erstickter Stimme sprach, “mein Vater ist jähzornig und neigt dazu, gewalttätig zu werden. Meine Mutter hingegen ist zu sehr eingeschüchtert, als dass sie sich gegen ihn stellen würde. Sie werden es bei beiden nicht leicht haben.”
“Das lasse mal meine Sorge sein. Du gehst jetzt wieder auf die Bühne und beglückst uns mit deinem wunderschönen Gesang”, ermutigte Thomas sie. Gesagt und getan. Sally schritt zu ihrem Hocker, platzierte ihre Gitarre und sang erneut wie ein Engel. Das Publikum liebte sie dafür. Es war für sie keine Last, Songs zu wiederholen. Es war ihr Element, in dem sie zu versinken drohte. Der Abend neigte sich dem Ende zu, und ein erschöpftes Mädchen verließ das Lokal und kehrte in ihre Behausung zurück. Mike schlug ihr vor, bei ihm zu wohnen, und sie nahm die Einladung dankbar an. Endlich hatte sie ein Dach über dem Kopf und musste nicht mehr draußen im Freien sitzen. Es fühlte sich wie ein Geschenk des Himmels an.
Am nächsten Tag war es Weihnachten, und ihr Mitbewohner begrüßte sie mit einem heißen Kakao und Plätzchen.
“Frohe Weihnachten, Kleines”, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sally nickte stumm. Sie hatte noch nicht ganz realisiert, was am vorherigen Abend geschehen war – ein Traum, der sich erfüllt hatte. Mike bemerkte ihre Verwirrung und lächelte sie an.
“Bist du immer noch geflasht vom gestrigen Abend?” “Ja, bin ich. Was du für mich getan hast, war einfach traumhaft. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll”, erwiderte Sally dankbar.
“Ein zartes Lächeln von dir reicht mir. Und jetzt steh auf, wir haben Besuch.” Verwirrt schaute Sally ihn an. Was meinte er damit? Hastig sprang sie aus dem Bett und schnappte sich frische Kleidung. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits weit nach Mittag war. Geschockt riss sie ihre Augen auf und sah ihren Freund entgeistert an.
„Besuch? Was meinst du damit? Wer sollte uns besuchen kommen?“, fragte sie, ihre Stimme zitterte leicht vor Aufregung und Unsicherheit.
Mike lächelte geheimnisvoll und half ihr, sich zu beruhigen. „Warte ab, du wirst es gleich sehen. Es ist eine kleine Überraschung.“
Als Sally, nun in frischer Kleidung, die Tür öffnete, traf sie der Anblick wie ein Schlag ins Gesicht. Da standen ihre Mutter und ihr kleiner Bruder, beide mit Tränen in den Augen. Ihre Mutter trat zögernd vor und umarmte sie fest.
„Frohe Weihnachten, meine Liebste. Ich habe dich so vermisst“, flüsterte sie unter Tränen. Sallys Herz schlug schneller, und die Welt schien für einen Moment stillzustehen. Sie konnte die Wärme und Liebe ihrer Mutter spüren, und alle Ängste und Zweifel schmolzen dahin.
„Mama, wie…?“ stammelte Sally, unfähig, ihre Gefühle in Worte zu fassen.
„Mike hat uns kontaktiert. Er hat uns alles erzählt. Ich bin so stolz auf dich und was du erreicht hast“, sagte ihre Mutter und strich ihr sanft über das Haar. Sally konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und weinte vor Erleichterung und Freude. Ihr kleiner Bruder drückte sich an sie und hielt ihre Hand fest.
In diesem Moment fühlte sich Sally, als wäre sie endlich zuhause angekommen. Sie hatte nicht nur eine neue Chance für ihre Zukunft, sondern auch die Unterstützung und Liebe ihrer Familie und Freunde. Weihnachten war wirklich ein Fest der Wunder.
„Mike, warum hast du mich nicht früher geweckt?“, rief Sally lauter aus, wie sie es gewollt hatte. Ihre Stimme klang ärgerlich, aber auch verwirrt. Die Nacht war ein Wirbelsturm aus Emotionen gewesen, und jetzt fühlte sie sich, als ob sie durch Nebel wanderte.
„Du solltest dich ausschlafen. Es wurde gestern sehr spät. Dafür hatten wir Zeit, alles zu erledigen“, erklärte Mike und verließ das Zimmer. Sally blieb perplex zurück. Sie fragte sich, weshalb der Produzent vom Vorabend erneut hier war. Lächelnd begrüßte er sie und hielt ihr die Hand hin. Das Mädchen streckte ebenfalls ihre Hand aus und ergriff seine.
„Ich habe den Vertrag von dir und deinen Eltern unterschrieben“, sagte Thomas und schob ihr einen Stapel Blätter rüber. „Jetzt fehlt nur noch deine Unterschrift.“ Skeptisch zog Sally den Stapel zu sich und las ihn durch. Es klang zu unwirklich, um wahr zu sein. Trotz ihrer Skepsis entschied sie sich, den Vertrag zu unterschreiben. Kaum hatte sie den Stift in der Hand, leuchtete dieser auf. Verwundert betrachtete sie ihn und sah zu Thomas auf, der sie mit einer Handbewegung animierte, zu schreiben. Das Mädchen gehorchte, setzte den Schreibstift an und schrieb ihren Namen: „Sally Ann Writer.“
In dem Moment, als sie den Stift wieder absetzte, lösten sich die Blätter auf. Mike trat zurück und verbeugte sich. Es schien, als hätte sich ein Wunder ereignet. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter, als sie die Veränderung in der Luft spürte.
„Meine Mission ist nun erfüllt“, sagte er und sein Körper leuchtete auf. Mit weit aufgerissenen Augen sah Sally zu ihm. Sie begriff nicht, was hier passierte. Ein Gefühl der Ohnmacht überkam sie, als wäre die Realität plötzlich ein zerbrechliches Gebilde, das jeden Moment zerfallen könnte.
„Was geht hier vor sich?“, piepste Sally. Ihre Stimme versagte, so überrascht war sie von der plötzlichen Wendung. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, als sie versuchte, die Situation zu verstehen.
„Sally, ich bin dein Schutzengel.“, sagte Mike ruhig und schaute das Mädchen wehmütig an. „Ich hatte die Aufgabe, deinen Wunsch zu erfüllen und dich vor allem Unheil zu bewahren. Ich habe diesen vollbracht und nun ist es Zeit für mich zu gehen.“
„Ich versteh nicht ganz. Was meinst du mit nach Hause, Mike?“ Das Mädchen trat einen Schritt vor und stellte sich zu ihrem Freund. „Bitte, sag mir, was hier los ist?“
„Dann erklär ich es dir“, sagte Thomas und schwenkte seine Hand, und der Himmelswächter war verschwunden. Eine verblüffte Sally schaute an den Punkt, wo zuletzt ihr Kamerad stand, und war den Tränen nahe. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie streckte ihre Hände aus, in der Hoffnung nach dem Beschützer zu greifen und ihn bei sich zu halten. Leider war die Stelle leer und ihr Magen verkrampfte sich. Die Leere in ihrem Herzen war überwältigend, als ob ein Teil von ihr herausgerissen worden wäre.
„Mike!“, schrie das Mädchen und fiel auf die Knie. Der Schmerz vom Aufprall ignorierte sie; der in ihrem Herzen war größer. Es brannte und zog sich zusammen. Das Gefühl, wie ein Stromschlag, durchfloss ihren Körper. Sie drohte, daran zu zerbrechen. Es war, als ob das Leben ihr den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.
„Sally, bitte beruhige dich. Ich habe Mike zu dir geschickt. Ich bin ebenfalls ein Engel und habe dich dein Lebenslang beobachtet. Dein Schicksal lag mir besonders am Herzen, weswegen ich dir den Weg geebnet habe. Und der Vertrag ist echt. Die Plattenfirma freut sich auf dich, und dein Leben wird jetzt besonders“, schritt der Erzengel auf sie zu, packte sie am Arm und erhob sie. Er stellte sich vor sie und legte seine Hände auf ihre Schultern. Langsam beruhigte sich das Mädchen. Sie atmete schwer und im hohen Tempo weiter.
„Aber warum gerade ich? Es gibt so viele andere, die auch ein Leben führen, das nicht toll ist,“ sprach sie mit Tränen erstickter Stimme. „Warum darf Mike dann nicht bei mir bleiben? Ich komme mir so verloren vor.“ Sally spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog, als sie seinen Namen erwähnte. Die Abwesenheit von Mike machte ihr erst bewusst, wie viel er ihr bedeutete und wie sehr sie sich in ihn verliebt hatte. Seine bedingungslose Fürsorge und Unterstützung waren für sie etwas ganz Besonderes. In den letzten Wochen war er immer da gewesen, wenn sie ihn brauchte – eine verlässliche Schulter, an der sie sich nach Herzenslust ausweinen konnte. Seine ruhige Art gab ihr Kraft und Halt. Jetzt fragte sie sich, was sie ohne ihn machen sollte. Sie kam sich so einsam und verlassen vor.
„Glaube mir, manch einer hat es verdient, dass man ihnen hilft, manch einer nicht. Ich habe dich erwählt, weil du etwas Besonderes bist. Dies habe ich von deiner Geburt an gesehen“, lächelte der Erzengel. „Und Mike ist einer von uns, daher kann er nicht hierbleiben. Er hat seine Mission erfüllt und muss wieder zu seinesgleichen zurückkehren.“
„Ich kann es nicht wirklich glauben. Das alles klingt so surreal. Ich habe das Gefühl, gleich aufzuwachen und alles ist beim Alten.“ Sallys Stimme war ein Flüstern, ihr Blick verloren. Es war, als ob sie in einem Traum gefangen war, aus dem sie nicht erwachen konnte.
„Liebe Sally, glaub mir, dass alles ist real, und du hast es dir verdient, glücklich und sorglos zu leben.“
„Wie soll ich mich je für all das hier bedanken? Und werde ich Mike je wiedersehen, um ihm meine Dankbarkeit zu zeigen? Er hat mir in den letzten Monaten so viel gegeben, dass ich es nie wiedergutmachen kann.“
„Du wirst deinen Weg gehen und einen finden, wie du mit Mike kommunizieren kannst. Hab Vertrauen in dich.“ Thomas’ Worte waren wie ein warmer Wind, der ihre Zweifel hinwegfegte. Es war, als ob ein Funke der Hoffnung in ihrem Herzen aufglühte.
Kontinuierlich guckte sich die Braunhaarige um. War dies die Wirklichkeit oder einer ihrer Träume? Es war ihr schleierhaft, dass man sie dafür auserkoren hatte, ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Dessen ungeachtet fehlte ein Teil, ihre Mutter, die sie trotz allem liebte und neben Mike eine bedeutsame Rolle spielte. Da der eine für sie unerreichbar war, hoffte sie auf Letzteres. Es war, als ob der Engel ihre Gedanken las und auf die Tür zuschritt. Langsam öffnete er sie und ließ Sally einen Blick auf den Flur erhaschen. Was sie da sah, brachte ihr Herz zum Stillstand, um Sekunden später im eiligen Tempo weiterzuschlagen. Sie blinzelte kurz hintereinander mit ihren Augen, da sie es nicht für wahr hielt, wen sie da erblickte.
„Mum?“, flüsterte sie und schritt auf die Person zu. Diese nickte und breitete ihre Arme aus. Herzlich umschloss sie ihre Tochter und hatte nicht vor, sie je wieder loszulassen. Sally weinte vor Freude und erwartete es nicht, dass sie ihre Mutter nach langer Zeit in den Armen hielt.
„Nun heißt es auch für mich Abschied nehmen. Ich wünsche dir viel Glück. Alles, was fortan geschieht, liegt nun in deinen Händen. Wir haben dir den Weg geebnet. Mach das Beste daraus“, sprach Thomas und war im Begriff zu verschwinden. Er kehrte zurück und lächelte. „Beinahe hätte ich es vergessen. Diese Wohnung gehört dir und deiner Mutter. Ihr könnt solange hier wohnen, wie ihr wollt. Alles ist bis Ende nächsten Jahres bezahlt. Ich wünsche euch beiden alles Glück der Welt.“
Von Glückseligkeit beseelt nickten sie und sahen auf die Stelle, wo der Erzengel endgültig verschwand. Die Anspannung fiel ihnen von den Schultern, und sie setzten sich auf die Couch. Sallys Mum erzählte ihr, wie sie sich von ihrem Vater löste und erleichtert war, ihn loszuwerden. Die zwei waren wieder vereint und hatten nicht vor, es je zu ändern. Die Jahre vergingen. Ihr Traum erfüllte sich, und sie war ein gefeierter Star. Nebenbei schloss sie die Schule ab und reiste mit ihrer Mutter um die Welt. Bis zum heutigen Tag erinnerte sie sich an ihren Schutzengel, ohne den sie dies alles nicht erleben würde. Abends bedankte sie sich bei ihm, indem sie sich an einem Fenster stellte und hinauf zum Himmel sah. Und zu jeder Zeit hatte sie das Gefühl, er erhörte sie. Denn ein Stern am Horizont leuchtete im Wechsel auf, wie wenn jemand eine Taschenlampe an- und ausknipste. Sally genoss ihr Leben und war erleichtert, dass sich alles zu ihren Gunsten gewendet hatte, und sie keine Angst mehr vor der Zukunft hatte. Sie wusste, dass diese zufrieden ausgehen würde.