Prolog
Zitadelle von Luze, Königreich Honor, früh am Morgen
– Die Fäden des Schicksals waren die ganze Zeit präsent. Es wäre
töricht, euch das Gegenteil zu sagen, auch wenn die Meinung der Gesellschaft eine andere ist. Selbst dann, wenn euch ein
Gott etwas anderes sagt. Doch nun geht es nicht um die Frage, ob die Fäden existierten oder nicht, sondern vielmehr darum, auf welche Weise sie gezogen wurden – und von wem. Die erste Geschichte, von der ich euch berichten werde, beginnt 31 Jahre nach dem sogenannten „Tag des Schicksals“:
Burg Strong, Königreich Equin, zur Mittagsstunde
– Zwei Ritter in voller Montur saßen auf dem Boden vor einem
Lagerfeuer inmitten eines ansonsten verlassenen und staubigen Thronsaals. Obwohl es Frühling war, blieb der
Morgen zu dieser Zeit noch immer eiskalt. Der jüngere der beiden Ritter stach mit dem Schürhaken gedankenverloren im Feuer herum. Seine Rüstung war düster grau, mit gelben Bemalungen darauf verteilt – die Farben seines Hauses. Auch der andere, deutlich ältere Ritter trug eine solche Rüstung, jedoch sah man der seinen die vielen Schlachten mehr, die sie ausgetragen hatte, an. Sie beide warteten darauf, dass
es geschah. Seit Wochen warteten sie darauf, dass es geschehen würde. Niemand wusste, wie viele Besitztümer dem
Adel noch geblieben waren. Doch was sie beide wussten, war, dass die Burg das letzte war, was dem Hause Sorfaest noch
gehörte. Keine weitere Burg, keine Stadt, kein Dorf, nicht einmal ein einfacher Hof. Sollte es also an der Tür des Saals klopfen, wären sie von einem Moment auf den anderen nicht mehr als einfache Männer in einem im Chaos versinkenden Königreich.
Schließlich klopfte es. Die Tür wurde aufgestoßen und ein junger Bediensteter stürmte hinein.
„Sie sind hier!”,
brach es aus ihm heraus.
„Wie viele?”,
fragte der ältere Ritter, während er aufstand und seinen mächtigen Zweihänder vom Boden aufhob.
„Über hundert. Sie fordern die Burg und …“
Dem jungen Bediensteten verschlug es die Sprache.
Nicht aus Angst, sondern aus Mitleid.
„Und meinen Kopf.”,
erkannte der alte Ritter ernst.
Die Tränen zurückhaltend, nickte der Junge.
Der andere Ritter trat vor.
„So sei es.“
Mit einem kräftigen Schlag haute der Ältere dem Jüngeren auf die Brust.
„Du nicht! Geh durch den Tunnel und verschwinde!“
So hatte man es dem jungen Ritter nicht beigebracht. Im Gegenteil, man hatte ihn gelehrt, seinem Schicksal mit erhobenem Haupt entgegenzutreten.
„Ich bin kein Feigling. Ich werde mich genauso stellen wie du, genauso wie mein Vater.“
Diesmal legte der ältere Ritter dem Jüngeren sanftmütig die Hand auf die Schulter.
„Du bist kein Feigling. Du bist das Schwert, das Schild und die Krone des Hauses Sorfaest. Du bist die einzige Hoffnung,
Gerechtigkeit zu erlangen.“
Der Jüngere zögerte. Der Alte hatte recht, das musste er zugeben.
Aber …
„Dann komm mit mir! Ich werde deine Hilfe brauchen.“
Stolz hob der Ältere sein Schwert hoch. Auch wenn er einen Helm trug, konnte man sein Lächeln förmlich spüren.
„Ich werde dir den Rücken freihalten!“
Der Jüngere wusste, egal, was er sagte oder tat, er würde den Alten nicht von seinem Vorhaben abhalten können. Wenn er
selbst bliebe, wäre alles umsonst.
„Dann lebt wohl, Onkel!“
Entschlossen nickte der Ältere ihm zu.
„Leb wohl, mein Junge.“
Der Jüngere wandte sich ab und ging auf eine kleine Tür am Ende des Saals zu. Auch wenn die Zeit des Alten bald abgelaufen war – und das wusste er –, war es lange her, dass er solch eine Hoffnung verspürt hatte. Er wandte sich an den Bediensteten.
„Sag den Wachen am Tor, ich stoße gleich zu ihnen.“
Der Bedienstete nickte und befolgte den Befehl. Der Blick des Alten wanderte ein letztes Mal durch den Saal. Seit vierzig Jahren war er Herr dieser Halle gewesen. Diese Burg war sein Zuhause, und wenn sie fallen sollte, dann mit ihm.
Mit einer Fackel in der Hand stieg der Ritter eine steile und enge Wendeltreppe hinab, bis er vor einem kleinen Tor stand. Er entriegelte die drei schweren Schlösser und trat in eine große, dunkle Kammer ein. Die Kammer war zu hoch und tief, als dass seine Fackel sie in Gänze hätte erhellen können. Er legte die Fackel auf den Boden und rief in die Schwärze Hinein:
„Stanscur!”
Ein lautes Knacken, fast schon ein Beben, ertönte, und ein Immer lauter werdendes, tiefes Atmen bewegte sich auf ihn zu. Langsam, aber stetig formten sich die Umrisse einer monströsen Kreatur, ein Vielfaches größer als der Ritter. Stanscur war nichts Geringeres als ein Drache. Und nicht irgendein Drache, sondern der einzige Drache des Hauses Sorfaest. Er türmte sich vor dem Alten auf und gab ein dumpfes Kreischen von sich. Dabei wurden schließlich seine robusten, terrakottafarbenen Schuppen sichtbar. Zwar ist Stanscur verhältnismäßig ein kleiner Drache und auch nicht intelligenter als ein Hund, doch seine Schuppen gehören zu
den widerstandsfähigsten aller Drachenarten. Langsam und freundlich beugte er sich zu seinem Reiter und Freund
hinunter. Wie Seelenverwandte blickten sie sich in die Augen. Der Ritter legte sanft seine Hand auf die schuppige Nase des Drachen.
„Na, du alter Sack! Ausgeschlafen?”
Stanscur schloss und öffnete seine Augen. Drachen waren zwar nicht in der Lage zu sprechen, doch sie verstanden – ohne jeden Zweifel.
„Ich möchte, dass du weißt, wenn ich je einen wahrlichen Freund besaß, dann dich, mein Lieber!”
Das Kompliment erwidernd, rieb der Drache seinen Kopf an der alten Rüstung des Ritters, der halb aus Freude, halb aus
Trauer zu lachen begann. Der Ritter löste sich aus der sinngemäßen Umarmung und ging an dem Drachen vorbei auf ein
großes Tor am anderen Ende der Kammer zu. Verwirrt folgte Stanscurs Kopf seinem Freund. Der Ritter stellte sich an einen Hebel und versuchte, ihn zu betätigen. So einfach war das aber nicht. Der Hebel war rostig. Lange war er nicht mehr benutzt worden. Mit voller Kraft und seinem gesamten
Körpergewicht stemmte der Ritter sich gegen den Hebel. Doch der Hebel rührte sich nicht. Immer wieder gab Stanscur heulende Geräusche von sich, nicht wissend, was sein Herr vorhatte. Der Ritter begann zu schreien. Alles an Energie, die in ihm schlummerte, drückte er gegen den Hebel. Erst knirschte es, dann quietschte es, und schließlich, mit einem plötzlichen Ruck, stieß er den Hebel um, sodass der Ritter selbst zu Boden fiel. Das große Tor neben ihm stieß auf, und
der Drache erblickte zum ersten Mal seit einer viel zu langen Zeit das Tageslicht. Lachend richtete sich der Ritter vom Boden auf. Der Drache war von den Strahlen der Sonne gebannt.
„Stanscur!”
rief der Ritter ihn herbei.
Wieder blickten die beiden sich in die Augen. Mit dem Zeigefinger deutete der Ritter in Richtung Freiheit.
„Verschwinde!”
befahl er seinem Drachen.
Stanscurs Blick wanderte kurz hinaus und dann wieder zu seinem Herren. Er rührte sich nicht.
„Hast du mich nicht verstanden? Verschwinde jetzt! Sofort!”
schrie der Ritter nun.
„Na los!”
Aber statt zu verschwinden, kreischte der Drache zurück. Ein klares Nein.
„Du sturer Junge! Wenn ich sage, du sollst verschwinden, dann verschwindest du!”
Von Wort zu Wort wurde er lauter. Und dann schlug er dem Drachen auf die schuppige Schnauze. Man schlägt einen Drachen nicht. Auch wenn du sein Reiter bist, man schlägt ihn nicht. Niemals. Voller Zorn bauschte
sich der Drache vor ihm auf. Erst kreischte er, dann stieß er eine mächtige Flamme gegen die Decke der Kammer. Alles erhellte sich und der Ritter musste sich schützend den Arm vor das Gesicht halten, um nicht geblendet zu werden. Doch er wusste ja bereits, was er da provoziert hatte. Jemand,
der Drachen nicht kannte, würde ein furchteinflößendes Drachengeschrei hören, aber diejenigen, die mit Drachen zu tun hatten, geschweige denn auf ihnen ritten, würden den Schmerz und die Trauer hören, die in Stanscurs Geschrei lagen. Der Ritter ging vorsichtig ein paar Schritte auf ihn zu und legte sanft seine Hand auf die Schuppen der Brust des Drachen.
„Schon gut, mein Junge! Du wusstest, dass der Tag kommen
w
ürde!”
Doch in Trauer kreischte der Drache weiter. Langsam, mit zittrigen Schritten, bewegte sich Stanscur in Richtung Ausgang.
„So ist's gut”,
gab der Ritter dem Drachen mit.
Stanscur stoppte an dem Tor, hinter dem eine zig Meter tiefe Klippe folgte. Ein letzter Blick und ein letzter Schrei zu
seinem Freund.
„Flieg”,
sprach der Ritter sanft.
Mit einem Ruck stieß sich der Drache hinaus in die Freiheit, in den Wind hinein. Kreischend und feuerspeiend flog er traurig davon. Der alte Ritter blieb so lange stehen und schaute dem Drachen hinterher, bis dieser nur noch so groß wie ein Rabe am Himmel war. Nur der Helm versteckte die eine Träne, die der Alte nicht zurückhalten konnte. Auch der junge Ritter, der schon einige hundert Meter weit gekommen war, sah den Drachen kreischend am Himmel
davonfliegen und wusste sofort, wie endgültig alles an diesem Tag doch war.
Der Bedienstete vom Thronsaal stand auf einem der Türme der bröckeligen Burgmauer und beobachtete die wild gewordene
Menschenmasse, die vor dem Gitter des Burgtors stand und dagegen hämmerte. Es erfüllte den Jungen mit Angst, diese
Menschen, die sich das „gemeine Volk“ nannten, zu sehen, wie sie nach Blut gierten. Die wenigen Soldaten und Bediensteten, die der Burg geblieben waren, versammelten
sich im Hof vor dem Burgtor. Die Stimmung war, wie zu erwarten, düster und hoffnungslos. Sie starrten ihrem Tod
regelrecht in die Augen. Trotzdem waren sie von der Treue gegenüber ihrem Herren erfüllt. Der Junge auf dem Turm war
trotz aller Umstände beeindruckt von dieser Tatsache. Und er stimmte dem sogar zu. Zwar verstand er die anarchischen Gedanken, die den Niedergang des Adels zur Folge hatten, aber er verstand das Massaker nicht, das daraus resultierte. Immerhin war er dem Grafen stets treu und folgsam, weil er Selbst es so wollte und der Graf dies mit Wertschätzung, Respekt und Güte erwiderte. Außerdem waren diese Wilden ebenfalls einem selbsternannten König treu, so ironisch ein über die Anarchie herrschender König auch klingen mag. Man könnte meinen, solche Gedanken seien in so einem Moment fehl am Platz. Aber was blieb einem schon? Hoffnung? Ein Gott hatte dem ganzen Reich unmissverständlich klargemacht, dass Hoffnung bedeutungslos ist.
Das Zuknallen eines Tors rüttelte den Bediensteten aus seinen Gedanken. Der alte Ritter, der Graf, betrat den Hof und gab sich seinen Untertanen zu erkennen. Erwartungsvoll lagen die Blicke auf ihm. Auch die Wilden am Gittertor der Burg erkannten ihn und kochten noch mehr vor Wut. Ruhig, aber ernst blieb der Graf vor seinen Männern stehen.
„Ich könnte nun eine motivierende Ansprache halten, und um ehrlich zu sein, mir würden einige gute Worte einfallen“,
begann er und gönnte seinen Getreuen ein letztes Schmunzeln.
„Aber diese Zeiten sind vorbei. Ich bin euch für eure Dienste, eure Treue und euren Mut, so lange an meiner Seite gestanden zu haben, bis zum Ende aller Tage dankbar.“
Der junge Bedienstete kletterte die Leiter vom Turm hinunter. Er spürte bereits, dass er gleich etwas hören würde, was er nicht hören wollte.
„Ich bitte euch, legt eure Waffen nieder. Ergebt euch und Lebt ein gutes Leben.“
Empört schüttelten die Soldaten die Köpfe.
„Niemals!“
Dieses Verhalten schenkte dem Grafen ein wenig mehr Frieden In seiner Seele, doch wünschte er ihnen, wahrlich am Leben zu bleiben.
Ein Soldat trat vor. „
Mein Herr, es tut mir leid, aber ich kann dieser Bitte nicht nachkommen. Ich habe euch meine Treue geschworen, und ich werde diesen Schwur nicht brechen.“
Entschlossen stimmte der Rest zu.
„Ein neues Zeitalter ist angebrochen. Das Adelsgeschlecht stirbt aus und das vielleicht sogar zu Recht! Ihr seid nun die Herren dieses Reiches. Jetzt ist endlich eure Zeit
gekommen“,
entgegnete er, immer flehender.
Doch der Soldat widersetzte sich weiterhin.
„Eure Zeit, mein Herr, ist unsere Zeit.“
Erneut stimmten ihm die anderen zu.
„Dann lasst ihr mir keine andere Wahl.“
Irritiert wechselten des Grafen Gefolgsleute Blicke.
„Ich, Steppen, Graf von Burg Strong, Mitglied des ehrenvollen Hauses Sorfaest, Wächter des Grabens und Drachenritter des Drachen Stanscur, befehle euch als meine treuen Diener: Legt die Waffen nieder, ergebt euch und lebt ein Leben, das euch durch meine Art verwehrt geblieben ist!“
Das war es, was der Treueschwur verlangte. Den Befehlen ihrer Herren zu folgen. Widerwillig ließen die Männer Schwert und Schild zu Boden fallen. Die Soldaten kämpften gegen ihre Trauer und die Tränen, die aus ihnen herausbrechen wollten. Der junge Bedienstete hingegen kämpfte nicht dagegen an. Ihm liefen regelrecht die Tränen
über die Wangen, während er etwas abseits seinem Herren, der ihn großgezogen hatte, dabei zusah, wie dieser sich bereit machte, sich den Angreifern allein zu stellen.
„So ist's gut. Ich wiederhole noch einmal, welch Ehre es mir war, euch als meine Gefährten in all den Abenteuern, die wir
gemeinsam erlebt haben, an meiner Seite gehabt zu haben.“
Er tröstete seine Soldaten und wandte dann den Blick zu dem jungen Bediensteten.
„Mein Junge, sei so gut und öffne das Tor.“
Doch der Junge rührte sich nicht. Er konnte nicht. Ihre Blicke lagen fest aufeinander. Steppens Helm verbarg zwar seine Augen, aber der Junge konnte dennoch dessen Gesicht hindurch sehen. Sanft nickte Steppen, dem Jungen die Sicherheit gebend, zu tun, was getan werden musste. Mit
wackeligen Beinen wandte er sich von Steppen ab und ging auf das Burgtor zu. Die Flüche der Angreifer und das Fordern von
Steppens Kopf wurden stetig lauter. Langsam, aber entschlossen, schritt der Graf an seinem Gefolge vorbei auf das Burgtor zu. Wie ein wahrer Krieger, ein wahrer Ritter,
erhob er seinen edlen und mächtigen Zweihänder, bereit für alles, was auf ihn zukommen mochte, auch den Tod.
Schluchzend entriegelte der Junge das Tor und öffnete es. Wie ein reißender Strom preschten die Massen an Plünderern,
Banditen und Verbrechern, die sich fälschlicherweise das Volk nannten, durch das Burgtor auf Graf Steppen zu. Entschlossen und ohne Bedauern trat Steppen Sorfaest seinem letzten Kampf entgegen. Er nahm Schwung, und mit einem
mächtigen Schlag mähte er die erste Reihe Wildgewordener schlicht nieder. Trotz seines Alters von über sechzig besaß sein Schlag eine Wucht, die nur einer der mächtigsten
Krieger des Reiches vollbringen konnte. Der
respekteinflößende Schlag von Steppen versetzte die Angreifer einen Moment in Schockstarre. Eine ganze Handvoll ihrer Kameraden lag tot am Boden. Doch die Stille hielt nicht lange an. Sofort preschten die Wilden von allen Seiten auf ihn los. Für jeden Schlag, der ihn traf, verteilte er zehn gegen seine Feinde. Fast eine ganze Stunde konnte er den Angreifern standhalten. Über fünfzig Männer hatte er besiegt, dafür aber auch diverse Brüche, Schnitte und Schläge
einstecken müssen. Trauernd sahen ihm seine ehemaligen Untertanen dabei zu, wie er sich weigerte zu sterben. Keuchend und Blut spuckend kniete Steppen am Boden und
stützte sich auf sein eigenes Schwert. Seine letzte Schlacht war geschlagen. Alle Kräfte waren aufgebraucht und alle Ehre nun bedeutungslos. Graf Steppen Sorfaest, nun nur noch Steppen, blickte trotz aller Umstände mit Stolz auf seinen Tod. Gerade als Steppen endlich mit allem abgeschlossen hatte, stach der junge Bedienstete mit einem Schwert auf den
Banditen, der Steppens Leben hätte nehmen sollen, ein. Schließlich zeigte der Junge die Klinge in die Richtung Seines Herren.
„Ihre Zeit … ist unsere Zeit!”
In diesem Moment stürmten die Soldaten der Burg Strong auf Die Angreifer und entfachten einen Kampf um das Leben ihres
Grafen. Steppen versuchte, sich aufzurichten, niemals könne er seine Männer alleine kämpfen lassen. Aber die Kräfte, die dies ermöglicht hätten, lagen bereits in den Leichen des Feindes. Er brach zusammen und musste seine treu ergebenen Untertanen und Freunde dabei beobachten, wie auch sie ihre letzte Schlacht schlugen, nur um ihm ihre Treue zu beweisen. Einer nach dem anderen fiel den brutalen Angriffen der gegner zum Opfer. Nach wenigen Minuten blieb nur noch der
wild entschlossene, kaum im Kampf geübte Junge, der Steppen nicht aufgeben konnte. Die Wilden machten sich einen Spaß
daraus, den Jungen wild um sich schlagen zu lassen. Es brannte Steppen in der Seele, den Jungen so zu sehen, obwohl er den Ausgang doch schon längst kannte.
„HÖR AUF!”
schrie Steppen ihm mit seinen letzten Kräften zu.
Doch der Junge weigerte sich weiterhin.
Nicht, dass sich zu ergeben jetzt noch etwas ändern würde. Plötzlich wurde es still. Selbst die Angreifer verstummten. Der Kopf des Jungen fiel mit starren Augen zu Boden, sein
Körper in die entgegengesetzte Richtung. Steppen war nicht fähig, ein Wort von sich zu geben, doch er schrie vor den Qualen seiner Trauer. Blut tropfte von der Klinge eines großen dunklen Schwertes. Ein großer und breiter Mann in schwarzer Ritterrüstung und schwarzem Umhang stand im
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es war nicht der getötete Junge, der den Wilden die Sprache verschlagen hatte, sondern
die Anwesenheit dieses Mannes. Langsam, das Schwert über den Boden streifend, ging er auf Steppen zu. Aus heiterem Himmel
begann er, wie ein Wahnsinniger, zu lachen. Langsam beugte er sich zu Steppen hinunter.
„Ist das nicht scheiße geil?”,
fragte er lachend.
Die Flammen der Wut sammelten sich in Steppens Augen.
„Du Monst—”
Sofort war auch Steppens Kopf von seinem Körper abgetrennt. Der ehrenvolle Krieger, für den Respekt, Ehre und Treue an oberster Stelle standen, lag, wie ein Tier geschlachtet, am Boden seiner Burg.
Der dunkle Ritter wandte sich zu seinem Gefolge und sprach:
„Mein Name ist Kommandant Wreece und ich beanspruche diese Burg.”
Er begann erneut zu lachen.
„Weil ich es liebe!”
Zitadelle von Luze, Königreich Honor, früh am Morgen
– Nun,
das wirkt jetzt alles etwas aus dem Kontext gerissen. Aber sas ist es nicht, denn der jüngere Ritter, der den Namen Bysen Sorfaest trägt und für den sich sein Onkel Steppen geopfert hatte, spielt eine entscheidende Rolle in dieser Geschichte. Zwar ist er gerade als der jüngere Ritter
beschrieben worden, doch auch er steht schon an der Grenze zu seinen Vierzigern. Er ist nicht nur einer der berüchtigtsten Ritter des Landes, er ist auch der rechtmäßige Erbe der Stadt Heathburrow, die größte Equins. Was er selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ist, dass er in nicht all zu ferner Zukunft einer der legendären sieben Ritterkönige werden würde. Aber bevor wir in der Geschichte fortfahren, frischen wir erst einmal das Grundwissen auf, damit ihr auch versteht, wie es zu einem solchen Chaos im Königreich Equin kommen konnte: 132 Jahre vor dieser Geschichte wurden die Welt und ihre Bevölkerung Opfer einer unglaublichen Lüge. Um diese Lüge zu verstehen, muss man aber erst einmal die Ordnung dieser Welt begreifen. Damit meine ich nicht die Nationen oder Menschen, Regierungen oder Diplomatie, damit meine ich die Götter. Nun, die Götter… Weder sind sie Herrscher noch Naturgesetze. So wie ihr, so wie ich, sind sie eigenständige Individuen, mit Wünschen und Ängsten, mit Stolz und
Empathie, mit Liebe und Hass. Aber die wichtigste Parallele und der größte Unterschied liegt im Verlangen nach einem
Sinn. Sie sehnen sich genauso wie wir, wenn nicht sogar noch mehr, nach einem Sinn. Der Unterschied liegt darin, dass sie tatsächlich einen Sinn haben. Zumindest hat jemand oder etwas ihnen einen Sinn auferlegt. Wer oder was, bleibt selbst mir unbekannt. Diesen Sinn, dem sie folgen, bestimmt
ihr ganzes Dasein. Alles, was sie tun, denken oder fühlen, richtet sich nach diesem auferlegten Sinn. Natürlich verfolgen die Götter nicht alle den gleichen – nein, jeder
Gott folgt seinem ganz eigenen Sinn. Zwar wissen wir von einigen tatsächlichen Kontakten mit Göttern, bzw. ihren Avataren, doch bleibt ihre Natur oder vielleicht sogar ihre Gesellschaft uns weitestgehend unbekannt. So kennen wir höchstens die Identität einer Handvoll Götter. Dabei besagt
die Theorie des Bollwerks, dass es womöglich Hunderte, wenn nicht Tausende von Göttern gibt. Einer dieser Götter, von
dem wir glauben, dass er einer der bedeutendsten unter ihnen ist, nennen wir den Fadengott. Viel über seine Kraft oder
seine Persönlichkeit wissen wir nicht, doch heißt es in uralten Schriften, er webe die Fäden des Schicksals. Ich gebe nicht viel auf das Wissen aus alten Zeiten, aber hierbei könnten sie richtig gelegen haben. Denn es war genau dieser Fadengott, dessen Avatar 100 Jahre vor dem Tag des Schicksal in allen großen Städten und Burgen des Kontinents erschien. Noch nie zuvor – zumindest nach unseren Informationen – griff ein Gott so aktiv und so offensichtlich in die Geschicke der Welt ein. An all seinen
Erscheinungsorten verwoben sich goldene Fäden zu monströsen Uhren. Heute sind diese Uhren als Fadenuhren bekannt. Wo die
Erscheinung der Uhren im ersten Moment nichts als Verwirrung mit sich brachte, offenbarte der Avatar schnell ihren
schrecklichen Zweck. Nun lasst mich die überlieferten Worte des Avatars zitieren und beurteilt selbst:
„Die Götter bewerten eure Entwicklung bald als abgeschlossen. Das Ende des Chaos naht und das Schicksal wird beginnen. Manch einen wird die Trauer verschlingen, manch einer wird sein Glück finden, und manch einer wird dem Wahnsinn verfallen. Egal, wer ihr seid – ob Mann oder Frau, ob alt oder jung, ob bedeutend oder bedeutungslos – niemand wird der Konfrontation mit dem Schicksal entfliehen können. Kein Tod, kein Impuls, keine Seele, kein Wahnsinn, keine Nacht und kein Scharlachrot kann euch vor mir retten oder vor dem Lauf der Geschichte bewahren. Hundert Jahre sollt ihr Zeit haben, zu akzeptieren, was unausweichlich ist. Hundert Jahre sollen euch diese Uhren erinnern. Und hundert Jahre sollt ihr frei sein.“
Mit diesen Worten war der Avatar so plötzlich verschwunden, wie er erschienen war. Jedes der großen Reiche ging völlig
unterschiedlich mit dieser göttlichen Botschaft um. Während die einen sie schlicht ignorierten, verfielen andere ins
Chaos, wieder andere versanken in einer Jahrhundert-Depression, und einige bauten ihre Gesellschaft und Religion um die Fadenuhren und das nahende Schicksal auf. So auch das Königreich Equin, dessen Schicksal im Mittelpunkt dieser Geschichte steht. Equin, das Königreich der Geflüchteten – so würde es heute kaum jemand mehr nennen, doch es stimmt
dennoch. Gegründet wurde es etwa 60 Jahre vor dem Erscheinen der Fadenuhren von einem Adelshaus, das vor dem Chaos des
Nordens floh. Diese Dynastie zeichnete sich vor allem durch ihren außergewöhnlichen Mut aus. Ein Mut, der selbst die alten Stammeskönigreiche, die schon lange dieses Land beherrschten, dazu brachte, sich zu unterwerfen und Treue zu schwören. 160 Jahre währte die Herrschaft dieser Dynastie, bekannt als das Haus Andraed. Zwar betrachte ich den sogenannten Tag des Schicksals – der Tag, an dem die
Fadenuhren letzten Endes auf Null standen – als eine dreiste Lüge, geschaffen von einem übermenschlichen Strippenzieher,
dennoch gestehe ich ein, dass jener Tag das Schicksal des Reiches Equin in eine völlig andere Richtung lenkte. In den hundert Jahren, in denen die Fadenuhren tickten, stand nur der König über ihrer Präsenz. Alle drei Könige, die in dieser Zeit regierten, unterwarfen sich der Botschaft des
Fadengottes und richteten ihr Reich und ihre Gesellschaft darauf aus, dem Schicksal am Ende dieser Hundert Jahre entgegenzutreten. Der König war plötzlich nicht mehr nur ein Herrscher, sondern Oberhaupt einer Glaubensrichtung – einer
Religion, errichtet auf einer Lüge. Aus der Sicht des Volkes war der König und sein Adel das Symbol des nahenden Schicksals. Zwar ist die Abhängigkeit vom Adel in einem
Feudalsystem grundsätzlich schon sehr hoch, doch durch diese Entwicklung stieg die Abhängigkeit ins Unermessliche – eine
Abhängigkeit, die zum entscheidenden Zeitpunkt nicht befriedigt werden konnte. Nach einhundert Jahren war es schließlich so weit: Die Zeit war abgelaufen, die Uhren
standen auf Null, und das Volk war bereit, seinem Schicksal entgegenzutreten. Aber sie warteten weiter. Ein Tag verging, und sie warteten. Eine Woche verging, und sie warteten. Ein Monat verging, und sie warteten noch immer. Nach einem Jahr
waren die Zweifel zu einer ernstzunehmenden Bedrohung
herangewachsen. Denn, wie ihr bereits ahnt: Am Tag des Schicksals passierte … nichts.