Eine merkwürdige Lieferung
- RHEA -
Es war eine dieser Nächte, in denen die Zeit stehen zu bleiben schien, als ob die Dunkelheit die Welt um mich herum verschluckte. Nur das gedämpfte Licht meiner Schreibtischlampe durchbrach das sanfte Zwielicht, das sich über das Büro gelegt hatte.
Es war spät, viel später, als ich eigentlich hier sein wollte, aber die Lieferung, die auf meinem Schreibtisch stand, ließ mir keine Ruhe. Eine unscheinbare Kiste, mit Staub bedeckt, ohne Absender, ohne Hinweis darauf, woher sie kam.
Ich seufzte und strich mir eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Tag war lang gewesen, und eigentlich wollte ich nur noch nach Hause, ein heißes Bad nehmen und die Stille genießen. Doch da war etwas an dieser Kiste, das mich festhielt, als ob sie ein Geheimnis barg, das nur darauf wartete, entdeckt zu werden.
Vielleicht war es einfach nur die Neugier, der Drang, ein weiteres Geheimnis zu enthüllen – eine Angewohnheit, die mich in meiner Laufbahn als
„Was soll’s“, murmelte ich zu mir selbst und öffnete die Kiste. Meine Finger zitterten leicht, als ich das Papier beiseiteschob und den Inhalt freilegte.
Es war ein Stein. Ein unscheinbarer, dunkler Stein, etwa faustgroß, mit einer seltsamen, fast glatten Oberfläche, die im Licht der Lampe schimmerte. Er wirkte alt, sehr alt. Ein Artefakt, das aus einer anderen Zeit zu stammen schien, als ob es Geschichten von längst vergangenen Zivilisationen in sich trug.
„Und was bist du?“, fragte ich leise, ohne eine Antwort zu erwarten, während ich den Stein in die Hand nahm. Er fühlte sich kühl an, schwerer, als ich vermutet hatte, und für einen Moment durchzog ein seltsames Kribbeln meine Fingerspitzen.
„Hübsch“, murmelte ich und drehte ihn, suchte nach irgendeinem Zeichen, einer Inschrift, die mehr über seine Herkunft verraten könnte. Aber er blieb stumm, verriet mir nichts.
Ich hielt den Stein einen Moment länger, bevor ich ihn behutsam zurück in die Kiste legte. Gerade als ich den Deckel wieder schließen wollte, bemerkte ich etwas – eine feine, kaum sichtbare Gravur entlang der Unterseite. Mein Herz schlug schneller. Was hatte das zu bedeuten?
„Rhea, bist du immer noch hier?“
Ich fuhr herum und entdeckte Miranda, meine Assistentin, die in der Tür stand. Sie hatte sich lässig gegen den Rahmen gelehnt, ihre rotbraunen Haare fielen in weichen Wellen über ihre Schultern, und ihr enges schwarzes Kleid betonte die sinnlichen Rundungen ihres Körpers. In ihren Augen – smaragdgrün und scharf – lag der Ausdruck von jemandem, der alles sah, auch das, was man lieber verborgen halten wollte.
„Ich wollte gerade gehen“, antwortete ich, schob den Stein zurück in die Kiste und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. „Die Zeit ist schneller vergangen, als ich dachte.“
„Das ist sie immer, wenn du dich auf etwas fokussierst.“ Miranda trat näher, ihr Blick wanderte neugierig zu dem Artefakt. „Was hast du da?“
„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.“ Ich schloss die Kiste und lehnte mich zurück, um den Druck in meinem Nacken zu lindern. „Es kam heute Morgen an. Kein Absender, keine Notiz. Einfach… hier.“
„Das ist seltsam.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Glaubst du, es ist etwas Wertvolles?“
„Vielleicht.“ Ich zuckte die Schultern. „Aber ich bin zu müde, um das heute noch herauszufinden. Ich werde morgen einen genaueren Blick darauf werfen.“
„Rhea O’Connor, die sich selbst eine Pause gönnt? Das ist ein Wunder“, neckte sie, ein kleines Lächeln auf ihren Lippen.
„Sehr witzig“, erwiderte ich trocken und begann, meine Unterlagen zu ordnen. „Ich habe auch meine Grenzen, weißt du?“
„Das sagst du ständig, und dann finde ich dich doch wieder um Mitternacht hier, wie du dich in alten Papieren vergräbst.“
Miranda trat an meinen Schreibtisch, nahm meine Jacke vom Stuhl und hielt sie mir entgegen. „Komm schon, bevor du es dir anders überlegst.“
„Danke.“ Ich nahm die Jacke und zog sie an, wobei ich das Kratzen des Stoffes auf meiner Haut spürte. „Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde.“
„Vermutlich verhungern und in einem Stapel alter Artefakte begraben werden“, konterte sie trocken. „Aber mal ehrlich, Rhea… du solltest wirklich auf dich aufpassen. Du arbeitest zu viel.“
„Ich weiß.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln, auch wenn ihre Worte einen wunden Punkt trafen. „Aber manchmal ist es einfacher, sich in der Arbeit zu verlieren, als sich mit der Realität auseinanderzusetzen.“
Miranda sah mich einen Moment lang an, als wollte sie etwas sagen, hielt sich dann jedoch zurück. Stattdessen schüttelte sie leicht den Kopf. „Du bist unverbesserlich. Aber du weißt, dass ich immer für dich da bin, oder?“
„Ja, das weiß ich.“ Meine Stimme klang weicher, als ich es beabsichtigt hatte, und für einen Moment legte sich eine angenehme Wärme über die kühle Einsamkeit, die oft in mir nistete. „Danke, Miranda.“
„Jederzeit.“ Sie nahm ihre Handtasche und nickte in Richtung Tür. „Komm, ich bring dich raus. Wir können zusammen bis zum Ausgang gehen. Vielleicht rettet das deine Vernunft vor einem Rückfall.“
„Du hast recht“, sagte ich und folgte ihr. „Ich brauche wirklich mal eine Pause.“
Gemeinsam gingen wir durch die Korridore des Museums, vorbei an den Vitrinen und Schaukästen, in denen antike Schätze aus fernen Ländern und längst vergangenen Epochen ausgestellt waren.
Der Anblick war mir vertraut, und doch verspürte ich immer wieder diese Ehrfurcht, als ob jedes einzelne Stück seine eigene Geschichte flüsterte, bereit, erzählt zu werden. Und irgendwie fühlte ich mich selbst wie ein Teil davon – gefangen zwischen der Vergangenheit und dem, was noch vor mir lag.
„Du siehst müde aus“, sagte Miranda schließlich, als wir die schwere Holztür des Haupteingangs erreichten.
„Ich bin müde“, gab ich zu. „Es war ein langer Tag.“
„Dann geh nach Hause, entspann dich, und denk nicht mehr über Steine oder Artefakte nach.“
Sie öffnete die Tür und trat nach draußen in die frische Nachtluft, bevor sie sich noch einmal zu mir umdrehte.
„Und Rhea… vielleicht solltest du dir wirklich mal Zeit für dich selbst nehmen. Nicht nur für deine Arbeit.“
„Ich werde es versuchen“, sagte ich, obwohl ich wusste, dass es eine Lüge war. „Gute Nacht, Miranda.“
„Gute Nacht.“ Sie lächelte, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit.
Ich blieb einen Moment stehen, ließ die kühle Nachtluft meine Haut streicheln und spürte das Gewicht des Steins in meiner Handtasche.
Es war absurd, aber irgendetwas in mir sagte, dass dieses unscheinbare Ding mein Leben verändern würde. Dass es nicht einfach nur ein weiterer Fund war, den ich in einer Vitrine ausstellen würde.
Mit einem letzten Blick auf das düstere, in Schatten gehüllte Museum drehte ich mich um und machte mich auf den Heimweg – ohne zu ahnen, dass dies die letzte ruhige Nacht sein würde, die mir in nächster Zeit vergönnt war.
Auf meinem Weg durch die menschenleeren Straßen bemerkte ich eine Gestalt in einem dunklen Mantel, die mich aus der Ferne beobachtete. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich nahm den Stein fester in die Hand – und beschleunigte meine Schritte.