Der Anfang
Niemand wusste, wann es angefangen hatte. Niemand wusste, wann die Welt sich entschlossen hatte, sich selbst zu zerstören. Alle wussten jedoch, dass es nicht mehr sicher war. Die Luft, wie jedermann sie gekannt hatte, war vergiftet, aber nicht durch Verschmutzung, nein, das, was unsere Luft verunreinigte, war, was wir “Der Wahnsinn” nannten.
Kein Wissenschaftler hatte herausgefunden, wo diese Gase herkamen; man wusste nur, dass einmal eingeatmet, der Verstand vergiftet wurde. Man wurde „wahnsinnig“ und verlor mit der Zeit den Halt der Realität. Es fing klein an. Zuerst kamen filterlose Worte, dann zum Beispiel, nackt auf die Straße zu laufen, und zum Schluss eskalierte es. Urplötzlich stach man jemanden ab oder jagte sein eigenes Haus in die Luft.
Es gab auch schlimmere Fälle, die man nie laut aussprechen wollte, Fälle wie der alte Mortimer der zuerst die Frau und dann den kleinen Tim zuerst zerstückelt und dann gegessen hat. Man konnte ihn die ganze Straße entlang singen hören. Als ich es hörte, klang es nicht nach Singen. Mir erschien es wie Wehklagen.
Als die Polizei eintraf, hatte Mortimer schon die Teller gewaschen. Als man vergebens versucht hatte, ihn zu befragen, wiederholte er stets dieselbe Antwort.
«Die Frau hat es mir gesagt.»
Scheinbar war das Hören einer Frauenstimme das erste Symptom des Wahnsinns. Sie schien dir, deine dunkelsten Wünsche preiszugeben und dich so lange zu drängen, bis du deinen Verstand an sie verlorst. Niemand wusste, woher sie kam oder ob sie überhaupt existierte; alles, was uns bekannt war, war, was wir von ihren Opfern erfuhren, bevor man sie entsorgte, denn der Tod war die einzige Rettung.
Jahre vergingen und der Wahnsinn wurde Teil von uns. Man musste mit Gasmasken durchs Leben gehen, jeder Atemzug könnte dein letzter werden. In solch einer Katastrophe tat der Mensch das, was er am besten konnte. Sich spalten. Extremisten, die durch die Straße zogen und Gasmasken abrissen, weil der Wahnsinn ein Zeichen Gottes war, dass unsere Zeit gekommen war und wir es mit offenen Armen empfangen mussten.
Dann gab es die Verschwörungstheoretiker, die dem Staat die Schuld gab und behaupteten, dass machtgierige Menschen dieses Gift durch unsere Straßen pumpten.
Zuletzt hatten wir die armen Schweine, die nur versuchten, durch dieses Leben zu gehen, ohne zu sterben. Die, die sich von allem fern hielten und weiter machten wie bisher, als ob sie in einem langen Albtraum lebten, mit der Hoffnung, eines Tages aufzuwachen.
Um den Theorien der verängstigten und wütenden Menschen den Garaus zu machen, schafften es Wissenschaftler, Maschinen herzustellen, die die Luft reinigten und somit den Wahnsinn in Schach hielten.
Seit die Maschinen funktionierten, öffnete sich eine neue Arbeitswelt, diese Maschinen konnten unser Leben retten, aber sie mussten stets im Auge behalten und manuell betätigt werden. Es waren noch die ersten Versionen der Maschinen, da waren Wartungen, tägliche Vorgänge. Und da sie gigantisch war, konnten mehrere Menschen einen neuen Job an Land ziehen.
So wie ich. Wir gingen in Gruppen, jeden Tag eine andere, denn es war anstrengend und gefährlich. Wir mussten in den Kern der Maschine, ein riesiges, muschelförmiges Gebilde aus Metall, das die Luft einsog, den Wahnsinn „eliminierte“, indem sie es sauber wieder raus pumpte. Das war alles.
Ich gehörte zur heutigen Gruppe. Man gab uns Gasmasken, eine spezielle Dose mit sauberer Luft und ein Gebet, als ob das jemals half.
Es wurde kein Wort ausgetauscht. Wir waren bei der Arbeit, aber für uns war es unser bisher nicht geschaufeltes Grab. Alles war Routine, jeder Schritt, jeder Atemzug. Wir funktionierten wie eine gut geölte Maschine, niemand stand sich im Weg und jeder kannte seine Aufgabe.
Ich ging, ohne nachzudenken, an meinen Posten und begann die Wartung. Vor mir lagen Hebel und Knöpfe. Ich musste sicherstellen, dass die richtigen Hebel getätigt wurden und die richtigen Knöpfe leuchteten. Die Arbeit war angemessen bezahlt, da es zum Tod führen könnte, falls falsch ausgeführt, aber es war schrecklich langweilig.
Meine Augen gingen zu einem Hebel, der mit riesigen Zangen verbunden war, die die gigantische Muschel aufrecht hielten. Dieser Hebel wurde selten umgeschaltet, da es zu einer Katastrophe kommen könnte. Er wurde nur benutzt, um die Muschel selbst zu reparieren, was zum Glück selten genug geschah. Es war ein kniffliger Hebel. Schaltete man ihn ganz um, stürzte das muschelartige Gerät runter, wenn man es aber langsam anging, wurde sie zärtlich heruntergebracht.
Ich stand nun da und sah mir alles an, jeder Knopf, jeder Hebel, während ich gegen die schreckliche Langeweile ankämpfte. Plötzlich hörte ich ein Pfeifen, das so laut wurde, dass es die Geräusche um mich übertönte. Ich zuckte zusammen und presste meine Hände auf die Ohren.
Dann hörte ich sie.
«Schalte den Hebel um.»