Smaragdherz - FdG - Band 2

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Summary

Ich bin der Sohn eines Alphas. Ich wurde entführt, brutal gefoltert und mit Blutmagie verflucht. Ich konnte nur mit Glück entkommen. Die Leute, die mich halb tot im Wald gefunden haben, denken, ich soll sie ausspionieren. Dabei will ich nur diesen Fluch loswerden und diesem Arsch eines Blutmagiers seine erbärmliche Seele aus dem Leib reißen.

Status
Complete
Chapters
44
Rating
5.0 24 reviews
Age Rating
18+

(1) Seelenlos und Willenlos

"Die größte Furcht eines Mannes, liegt nicht in der Angst verletzt oder getötet zu werden - seine größte Furcht liegt in seiner Angst des Versagens, nicht den genügenden Mut aufzubringen, im Augenblick der Gefahr!

Horst Bulla


Blutmagie ist alles verzehrend und allgegenwärtig. Wenn sie dich einmal zur Gänze in ihre Klauen gerissen hat, entlässt sie dich nie wieder. Sie verbrennt deinen Stolz, nährt sich an deinem Leid.

Zurück bliebe nur der Widerhall eines Schattens, ein flüchtiger Hauch deines Selbst und des Lebens, das dich einmal zeichnete, was dir Bestimmung verlieh, was dich ausmachte.

Die Person, die du gewesen bist, existiert nicht länger, sobald diese karmesinrote Nebelwandlermagie* deinen Verstand vollständig eingenommen hat.

Du versuchst dich zu wehren und dich aufzulehnen, doch deine Seele erleidet dennoch Risse, bröckelt, während die zerstörerische Wut der Blutzauber auf sie herniederfährt.

Die Einwirkung dieser Gewalt auf Körper, Geist und Empfinden wäre so erschütternd, dass du spüren kannst, wie dir die kleinen Splitter und schließlich größere Scherben mit jedem psychischen Einschlag auf dein Dasein, auf dein Wesen herausgebrochen werden.

Wie sie dir durch die Finger rinnen, entgleiten, auf dem Boden des Abgrunds rieseln und zerschellen, für immer verloren.

Die mentale Qual dieser Folter ist mehr als bloßer Schmerz, mehr als das grauenvollste Leiden des Leibs. Diese Wunden vernarben das Herz, entstellen das Innerste auf so abstrakte Weise, dass es keinen Weg zurück geben kann.

Nicht einmal die Erinnerung an die Gesichter derjenigen bleiben, die einst dein Leben mit Sonne erfüllten. Die Gefühle werden verdreht, vergehen und verwesen, werden verscharrt unter eben diesen Splittern deiner Selbst in der Finsternis des Verschlingers.


Nach meiner Entführung war ich nackt in größeren Zellen mit einer Vielzahl anderer Wolfswandler zusammengepfercht worden in den Tiefen einer heruntergekommenen Festung, vorwiegend Männer, aber auch Frauen.

Die unterirdischen Gewölbe sind ausladend und bieten Platz für mehrere dieser Zellen. Zwei große Kampfplätze befanden sich in der Mitte, sodass wir alle einen Ausblick auf unsere Zukunft erhielten.

An einander gepresst saßen wir da. Kaum ein Fleckchen des schiefergrauen Mauerbodens war zu sehen. Dicht an dicht mit Leibern versklavter Wölfe vollgestopft.




Nicht gänzlich Herr meiner Sinne versuchte ich trotz aller Widrigkeiten immer wieder, die auf meinen Verstand einbrandenden Flutwellen aus vernichtender Magie abzuwehren und somit mich den auferlegten Anweisungen von Typhus -selbst halb Wolf, halb Hexer, seines Zeichens ein Nebelwandler und damit ein Blutmagier- entgegen zu stellen.

Gegen sein Bestreben meine Sinne, mein Denken zu trüben, ins Gegenteil zu verkehren und mich zu unterwerfen, war ich trotz all der Folter fest entschlossen weiter aufzubegehren.

Mal um Mal verlor mein Körper schlussendlich den Kampf, doch meinen Willen brach er bislang nicht. Besser ohnmächtig vor Qualen, als gebrochen und ein ewig Verdammter zu sein.

Ich sah es in den ziellosen Blicken der leeren Hüllen der Wölfe um mich herum. Sie waren längst nicht mehr die, die sie vor nicht allzu vielen Wochen noch waren.

Mein Freund Torr ist ebenfalls ein Werkzeug von Typhus geworden. Seine Augen zeigten von da an das Blutorange der Ergebenheit zu diesem Nebelwandler.

Die Veränderungen in Torr schlichen sich ein und erwuchsen schnell zu der Lawine, die seine Seele für immer Typhus, dem Nebelwandler und damit dem Verschlinger der Welten höchstselbst überschrieb.

Zunächst war sein Blick nur verwaschen, als würde er niemanden mehr erkennen. Seine einst tief blauen Iriden wurden milchig grau, wie von Nebeln verhangen. Sein ohnehin unruhiges Wesen wurde noch rastloser und er begann, sich und andere fortwährend anzugreifen und zu verletzen.

Als würde er den inneren Kampf gegen die Unterwerfung durch die Blutmagie nach außen tragen können. Sie von sich weg zu lenken, brachte jedoch nur weitere Probleme und unerwünschte Aufmerksamkeit mit sich.

Er war mein Freund und das allein war Grund genug, ihn vor sich selbst zu schützen. Viele Male klammerte ich mich an ihm fest und hielt ihn davon ab, sich auf andere zu stützen, sie zu zerfleischen und das letzte Flackern des Lichts in ihm ersterben zu lassen.

Durch zu wenig Nahrung und mit Wolfskraut versetztes Wasser geschwächt hatten die meisten von uns keine Reserven mehr, um sich gegen die Blutzauber des Nebelwandlers zu behaupten.

In regelmäßigen Abständen wurden wir zudem getrennt von den anderen malträtiert. Aus unserer 'Unterkunft' gezerrt, in einzelne Käfige gesperrt und ohne Aussicht auf Entkommen schickte Typhus seine blutroten Nebelschwaden auf den jeweiligen Wolf vor ihm.

Gestern - wie fast jeden Tag - war ich unter den 'Glücklichen'.

„Gib endlich auf, Cainym“, befahl der Nebelwandler mir und starrte hönisch auf mich herab. „Wobei ich zugegebener Maßen sagen muss, dass ich es genieße, dass du dich so ehern wehrst ... Es ist ... unterhaltsam.“

Ich biss meine Zähne auf einander und weigerte mich, ihm nachzugeben. Ich sterbe lieber, als ihm zu verfallen. Meine einzige Genugtuung war es, dass auch die Kräfte des Nebelwandlers nicht völlig unerschöpflich waren.

Nach einer Weile erkannte ich die Anzeichen dafür. Sein überhebliches Grinsen im Gesicht tragend, verlor er dennoch ein wenig seiner Standhaftigkeit. Sein Körper schwankte nur eine Spur, zu schnell hatte er sich wieder im Griff. Doch das kleine Zucken verriet mir, dass auch er nicht so unaufhaltsam war, wie er uns glauben machen wollte.

Ich konnte keine wirklich nutzbare Schwachstelle entdecken, doch die Aussicht auf Rache und eine mögliche Läuterung meiner Leidensgefährten ließ mich meinen Gegner zudem detaillierter wahrnehmen.

Da war eine Kette um den Hals dieses miesen Bastards von einem Nebelwandler. Der Anhänger daran war aus feinstem Mondsilber. Doch Artefakte dieser Art werden von Selene nicht leichtfertig übergeben und sicher nicht an solch ein verachtenswertes Scheusal.

Sobald er bemerkte, wie ich das Schmuckstück betrachtete, verbarg er es wieder sorgfältig unter seiner Kleidung. Das bösartige Grinsen wich einer verbissenen Maske aus unverfälschtem Zorn, den er sogleich über mir entfesselte.

Die Flutwelle aus mentalem Schmerz bedrängte mich unerbittlich und nötigte mich zu Boden. Die Tortur ließ mich Unsägliches erleiden, sobald seine Nebel auf mich trafen.

Alle meine Rudelmitglieder, meine Eltern und meine Schwester wurden wieder und wieder aufs Grausamste in meinen Gedanken gequält und getötet. Ich versuchte, mich an die Wahrheit zu binden, dass er nur Trugbilder erschuf. Nichts davon war wirklich. Doch verdammt, es fühlte sich wahrhaftig an.

Nach schier endloser Marter verlor ich das Bewusstsein.




Zurück in den Sammelzellen erwachte ich auf dem Boden, blutend aus Nase und Mund. Mir war alles körperliche Empfinden abhanden gekommen. Meine Glieder waren so taub, dass es mir nur mit Mühe gelang, mich hoch zu stemmen.

Etwas stimmte nicht. Es war zu viel Platz hier drinnen. Ich zwang meine brennenden Augen auf und ich erahnte nur das verschwommene Bild der Zelle. Mit meinen Händen fuhr ich über mein dunkelbraunes Haar und mein Gesicht. Da meine Finger immer noch kalt und gefühllos waren, konnte ich wenigstens die Kälte meiner Finger nutzen und meine Augen ein wenig kühlen.

Was ich erblickte, als ich meine Lider abermals aufschlug, ließ mich ungläubig und erschrocken geräuschvoll einatmen. Es fehlten viele Wölfe!

Die wenigen, die noch bei mir in der Zelle waren, hatten ihre leeren Blicke auf den Dreck am Boden gerichtet.

'Wo ist Torr?'


Ich verlor wohl während meiner Folter am gestrigen Tag meinen Freund an die erzwungene Gefolgschaft zur Blutmagie und an den Verschlinger. Ich fürchte, er hat seine letzte Hoffnung zu früh verloren oder wollte die falsche, vorgetäuschte Erlösung von der seelischen Pein nicht mehr ablehnen. Doch die trügerische Errettung von den erniedrigenden, entwürdigenden und entseelenden Leiden durch Typhus barg ein noch weitreichenderes Übel.

Die gebrochenen, seelenberaubten Wölfe, die er unter sich vereint, instruiert der Nebelwandler in übertrieben grausamen Kampftechniken durch eine Gruppe von seinen 'Elitewolfswandlern'. Jeder einzelne von ihnen hat Augen, die in tiefem Rot Verderbnis bringend leuchten.

Torr war immer noch hier, doch in einem der anderen Käfige, also habe ich möglicherweise noch eine Chance, ihn zu retten. Dennoch verweigert er keinen Befehl mehr oder zeigt auch nur den Anflug eines leisen Zweifels. Seine eigenen Wünsche existieren nicht länger. Die Blutmagie und der damit einhergehenden Verheerung, die sie über uns alle zu bringen droht, ist nur mehr sein einziges Begehren.

Den bedauernswerten Marionetten, die sich dieser Ausbildung unterziehen müssen, wird nun nach ihrer geistigen Unterjochung auch noch das Los extremer körperlicher Züchtigung zuteil. Je fügsamer sie sich zeigen und je hartherziger und erbarmungsloser sie trainieren, die Gegner zu verletzen, desto weniger hart fallen die obligatorischen Bestrafungen aus.

Das treibt alle in eine Spirale aus bedingungslosem Gehorsam und gnadenloser Brutalität. Ein Heer aus gefügigen Selbstmordkriegern wird hier erschaffen, werde ich gewahr.

So viele zerrüttete Seelen von eigentlich höchst familiärem und beschützendem Wesen, die Kinder Selenes werden durch Typhus ins barbarisch Absurde verzerrt.

Es scheint einfach kein Ende zu nehmen.



Im Verlauf des folgenden Tages erwarten mich abermals die bekannten tief roten Nebel, doch diesmal direkt hier inmitten der anderen. Offenbar sind nur noch wenige von uns standhaft genug, sodass sich der Nebelwandler mit uns befasst, ohne uns in Einzelzellen zu verbringen. Oder gibt es noch andere Gründe?

Er wirkt nicht so arrogant wie sonst, zeigt aber auch keinen Hauch von Schwäche oder ich bemerke es nicht, mangels geistiger und körperlicher Klarheit.

Typhus stellt sich vor uns auf, beschwört seine Kräfte herauf und dann umgeben uns die von ihm entsandten Schwaden vollständig. Die Käfigtüren öffnen sich durch einen Wink seiner Hand.

Durch seine Blutmagie getrieben, bin ich wie fremdbestimmt. Ich habe keinen Einfluss auf das, was folgt. Ich stürme mit den anderen hinaus, die Treppen hoch in den Innenhof und weiter, vor die längst verfallenen Tore der großen Burg. Dort beherrscht mich das Bedürfnis, mein 'Heim' zu beschützen.

'Was zur Verschlingerhölle ist hier los? Warum drängt sich mir dieser Gedanke auf, dieses Ungeheuer und den Ort meiner Qual beschützen zu wollen?'

Mein Kopf schwirrt.

Verzweifelt um meinen Verstand bemüht, brülle ich meinem Körper und vor allem meinen Beinen zu, die Gelegenheit zur Flucht zu ergreifen, zu rennen, doch es geschieht nichts dergleichen.

'Worauf warten wir hier? Was soll das alles?'

Dann sehe ich sie. Wölfe! Viele wütende und verdammt entschlossene Wölfe kommen auf uns zu, wollen die Burg erstürmen, allen voran ein beachtlicher, nachtschwarzer Wolf. Mit Sicherheit ein Alpha so wie er die anderen überragt. Neben ihm läuft ein sandfarbener, geringfügig kleinerer Wolf, aber genauso beseelt von unbändigem Zorn.

Als sich die Horde fremder Wölfe ihren Weg gewaltvoll, blutig und ohne innezuhalten durch unsere Reihen pflügt, verstehe ich endlich ...

Wir sind das Bauernopfer in Typhus Schlacht.

Manipuliert sind wir nicht in der Lage, uns seinem Befehl zu widersetzen. Ich flehe zu Selene, zum Mond und richte meinem Blick auf die Wölfe vor mir.

Kein Entrinnen ...

Die anderen um mich herum starren teils entsetzt, teils von Typhus zur Aggression gezwungen den Angreifern entgegen.

Die fremden Wölfe stürzen sich auf uns und mähen uns schonungslos nieder. Ich sehe, wie sie ihre Krallen an den Knochen meiner Mitgefangenen wetzen. Da sie in deutlich besserer gesundheitlicher und mentaler Verfassung sind als wir, haben sie wenig ernsten Widerstand.

Dem Unausweichlichen kann ich nicht entkommen, daher schließe ich tief einatmend meine Augen und wappne mich.

Ich greife nach dem letzten Aufflackern von eigenem Willen in mir und tatsächlich gelingt es mir, mich nicht den angreifenden Wölfen zu stellen, die uns rasant entgegenströmen, sondern den verängstigten, völlig überraschten Mann neben mir zu packen und versuche, ihn mit mir an den Rand der Schlacht zu schleifen.

‘Obgleich ich wünschte, dass ich Torr hätte retten können, so vermag ich vielleicht doch irgendein anderes Leben zu retten.’

‘... Wenn es auch nicht das meine sein sollte.’

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