Kapitel 1
Der Geruch von Schweiß und stickiger Luft wehte ihm entgegen, sobald er das Klassenzimmer betrat. Der Lehrer am Pult sah ihn erwartungsvoll an. Vermutlich deshalb weil man ihm von den guten Noten erzählt hatte, die er vorweisen konnte. Sicherlich erwarteten die Lehrer, dass er diese auch hier haben würde. Wenigstens eine Sache, bei der er sie nicht zu enttäuschen gedachte.
»Leute, hört mal kurz zu«, sagte der Klassenlehrer. »Das hier ist Ye-Joon.« Er drehte sich zu ihm um. »Du kannst dich mal kurz vorstellen, bis zu Unterrichtsbeginn sind es ja noch ein paar Minuten.«
Am liebsten hätte Ye-Joon die Augen verdreht. Unterließ es dann jedoch. »Also gut.« Er straffte kurz die Schultern. »Mein Name ist Ye-Joon, wie ihr gerade gehört habt«, stellte er sich mit fester Stimme vor. »Ich bin hier um zu lernen, nicht um Freunde zu finden. Also lasst mich bitte einfach in Ruhe.«
Einige der Schüler sahen sich unsicher an, während andere verwirrt oder sogar beleidigt wirkten. Ye-Joon ignorierte ihre Reaktionen und setzte sich auf den ersten freien Platz, den er fand. Er war fest entschlossen, sich von den anderen fernzuhalten und sich auf niemanden hier einzulassen. Ganz egal, was die Lehrer und seine Mitschüler von ihm denken mochten. Solange er gute Noten schrieb, konnte sich ohnehin keiner beschweren. Er beugte sich hinunter zu seinem Rucksack und nahm seine Bücher hinaus. Dabei fiel ihm auf, dass er immer noch angestarrt wurde. Insbesondere von seiner Sitznachbarin. Das aber ignorierte er gekonnt. Sollte sie doch denken, dass er seltsam war. Ihm war das egal.
»Das nenne ich direkt«, hörte Ye-Joon seine Sitznachbarin murmeln. »Wenn er so weiter macht, bekommt er sicher keine Freunde.«
»Wie schön das zu hören. Denn dann werde ich das auf jeden Fall so machen«, meinte Ye-Joon und lächelte. »Danke für die Rückmeldung.«
Jetzt sah seine Sitznachbarin ihn direkt an. Der Name Kim Minji war auf ihrem Namensschild zu lesen. Zudem fiel ihm auf, dass sie leicht verärgert ansah. Was ihn viel eher belustigte, als das es Schuldgefühle in ihm hervorrief. »Du bist echt seltsam«, hörte er sie sagen.
Ye-Joon zuckte mit den Schultern. »Was auch immer du sagst.« Er wandte sich wieder seinen Büchern zu. Sollte sie doch von ihm denken, was sie wollte. Er war nicht hier, um Freunde zu finden. Im Gegenteil.
Nach quälend langem Unterricht, in der er auch weiterhin von den anderen, inklusive ihres Klassenlehrers, angestarrt wurde, als wäre er ein Alien, läutete die Schulglocke. Ye-Joon atmete tief durch und machte sich zielstrebig auf zum Schuldach. Klar, er wusste, dass es nicht erlaubt war, hier zu sein, aber es half ihm, einen freien Kopf zu bekommen und ihn von dem Grund abzulenken, wegen dem er diese Schule besuchte. Und das war nicht das Lernen für seinen Abschluss. Zumindest nicht nur.
»Du willst das wirklich durchziehen, wie?«, erkundigte sich jemand bei ihm.
Ye-Joon sah auf. Es war niemand anderes als Minji, die da vor ihm stand und ihn breit angrinste.
Er war sich nicht sicher, wie sie herausgefunden hatte, dass er seine Mittagspause auf dem Schuldach verbringen würde. War sie ihm gefolgt? Oder hatte sie geraten und dabei zufällig ins Schwarze getroffen?
»Hier oben kommt fast nie jemand hin«, fuhr Minji fort, als er nichts erwiderte. »Und das nicht nur, weil es verboten ist hier zu sein.«
»Abgesehen von dir und mir«, entgegnete Ye-Joon missmutig. »Würdest du mich jetzt bitte in Ruhe lassen? Du nervst.«
Statt seiner Bitte nachzukommen, setzte Minji sich ihm gegenüber. »Du bist echt ein richtiger Eigenbrötler.« Sie grinste.
Ye-Joon dagegen funkelte sie wütend an, nur um sich dann direkt wieder seinem Mittagessen zuzuwenden. Sollte sie doch von ihn denken, was sie wollte. Dennoch musste er zugeben, dass es ihn ärgerte, dass sie hier bei ihm sitzen blieb. Wenn auch ohne etwas zu sagen. Er wollte alleine sein. Sie machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
»Weißt du«, fuhr sie im munteren Plauderton fort »meine Freunde haben mich gewarnt, mich mit dir einzulassen.«
»Du solltest auf sie hören«, knurrte Ye-Joon. »Wäre besser für dich.«
»Ich will aber nicht.«
Das klang so schmollend, dass er beinahe aufgelacht hätte. Doch er konnte sich zurückhalten. »Du bist kindisch.«
»Und du ein Sturkopf.« Sie blickte ihn herausfordernd an.
Ye-Joon ballte seine Hände zu Fäusten. »Beschwer dich nicht bei mir, wenn du wegen mir verletzt wirst.«
Sie lachte auf. »Verletzen? Du bist ein ganz normaler Schüler. Was willst du machen? Ein Buch nach mir werfen?«
Ye-Joon schnaubte. »Du hast ja keine Ahnung.«