Prolog
Prolog - In der Zukunft
Ich will den Videochat mit Mike gerade beenden.
Kaum bin ich zurück, spüre ich diese Leere in mir, als hätte jemand etwas aus mir herausgerissen.
Ich vermisse ihn. Sehr sogar. In diesen sechs Monaten als Austauschschülerin ist er zu etwas geworden, das niemand zuvor für mich war. Mehr als ein Freund. Vertrauter als Blut. Er wurde Familie – mehr als alles, was sich jemals Familie genannt hat. Meine Augen ruhen auf dem roten Button, doch mein Finger bewegt sich nicht. Ich schaffe es nicht, aufzulegen. Hastig schiebe ich die Dokumente, die ich eben noch in den Händen hielt, unter die Mappe auf meinem Schreibtisch.
Mein Handy bleibt liegen. In genau diesem Moment reißt sie die Tür auf. Wie ein Hurrikan stürmt sie in mein Zimmer, und ich weiß sofort: Es geht wieder los. Mein Magen zieht sich zusammen. Mein Herz rast. Eine eisige Kälte kriecht durch meine Glieder, als wäre plötzlich wieder Winter.
Ja. Sie. Meine Mutter. Eine Frau, die mich mehr zu hassen scheint als alles andere auf dieser Welt. Warum, weiß ich bis heute nicht. Und wahrscheinlich werde ich es auch nie erfahren. Würde es etwas ändern? Nein. Das glaube ich nicht.
Alles passiert so schnell, dass mein Gehirn kaum hinterherkommt. Die Worte, mit denen sie mich anschreit, ziehen sich wie ein dumpfes Rauschen an mir vorbei. Meine Gedanken hängen noch beim Videochat. Bei dem, was ich herausgefunden habe. Aber ich kann nicht auflegen. Und Mikey bekommt alles mit. Er muss zusehen, wie sie ihre Wut wieder an mir auslässt. Nicht die Version, die ich ihm sonst erzähle. Nicht die Geschönte. Sondern die Wahrheit. Nackt. Schmerzhaft. Ungefiltert. Diesmal lässt sie mir nicht einmal eine Sekunde Zeit, zu antworten. Sie packt mich an den honigblonden Haaren so fest, dass meine Kopfhaut brennt. Mein Schrei bleibt mir in der Kehle stecken, als sie mich vom Stuhl reißt. Etwas knackt in meinem Nacken, ein stechender Schmerz schießt mir durch den Rücken. Dann schleudert sie mich gegen den Schrank.
Hart. Kalt. Endgültig. Für einen Moment bleibt mir die Luft weg.
„Wie kannst du es wagen?!“ schreit sie, während ihre Hand mein Gesicht trifft. Der Schlag explodiert auf meiner Haut. Brennend. Noch bevor ich reagieren kann, folgt der zweite. Mein Ohr rauscht. Metallischer Blutgeschmack breitet sich in meinem Mund aus. Meine Augen brennen, trocken vor Angst, sie zu schließen.
„Was hast du dir dabei gedacht, Summer?!“
Ihre Finger krallen sich wieder in meine Haare und reißen meinen Kopf zurück. Mein Nacken steht in Flammen. Tränen schießen mir in die Augen, doch ich presse sie zurück. Ich werde ihr das nicht schenken.
„Undankbares Miststück!“
Ihre Stimme überschlägt sich. Das Wort trifft mich tiefer als jeder Schlag. Ich versuche herauszufinden, was ich diesmal falsch gemacht habe – obwohl ich weiß, dass sie nie einen Grund braucht. Nicht bei mir. Doch diesmal kam alles ohne Vorwarnung. Plötzlich schließt sich ihre Hand um meinen Hals. Hart. Eiskalt.
Ihre Finger pressen sich in meine Kehle. Ich ringe nach Luft, kralle ins Leere. Mein Herz hämmert, mein Puls dröhnt wie ein Presslufthammer in meinen Ohren. Mein Kopf wird taub. Schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen. Alles verschwimmt. Die Luft wird dünn, mein Blut pulsiert in meinem Schädel, während mein Gesicht vor Scham und Angst brennt. Ihre Worte zerfallen. Ich kann nur noch Bruchstücke erfassen.
„…Stipendium…Ausland…ein weiteres Jahr… Amerika?!“
Mit einem Ruck hebt sie mich höher. Meine Fußspitzen suchen Halt. Finden keinen. Der Schmerz ist überall, doch schlimmer ist das Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben. Dann trifft ein harter Schlag meine Beine. Meine Knie geben nach. Ein dumpfer Schmerz breitet sich in mir aus, als sie meinen Kopf erneut gegen den Schrank schlägt. Mir wird schwindelig. Die Welt beginnt sich zu drehen. Ich kann nicht mehr. Mit meinen letzten klaren Gedanken klammere ich mich an Tyler. An seine fast schwarzen, immer leicht zerzausten Haare. An sein breites, strahlendes Lächeln.
Warum habe ich ihn nicht noch ein letztes Mal geküsst?
Warum habe ich nicht einfach gesagt: Ich liebe dich auch?
Der nächste Schlag trifft hinter meinem Kopf. Farben verschwimmen. Schwarze Punkte verlieren sich in der Dunkelheit. Ich hätte ihm sagen sollen, wie wichtig er mir ist. Dass ich noch nie zuvor so etwas für jemanden empfunden habe. Dann der Druck an meinem Hals - bis plötzlich Luft zurückkehrt. Ich weiß nicht, was mehr wehtut: in ihren Händen fast zu ersticken oder wieder atmen zu müssen. Ich stürze zu Boden. Würge. Huste. Jeder Atemzug brennt wie Glas in meiner Kehle. Meine Finger tasten über meinen Hals. Die Haut pulsiert, heiß und geschwollen. Ich ringe weiter nach Luft. Mein Herzschlag dröhnt in meinem Kopf. Der Knoten in meiner Kehle will nicht verschwinden.
Dann höre ich, wie sie die Tür hinter sich zuschlägt. Stille. Es ist vorbei.









wow mir fehlen die Worte - spannender Einstieg 🫶🏼
wie kann eine Mutter so sein...aber leider ist es im wahren Leben auch so. traurig 😢