RISK & ROSES

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Summary

Nora Seinfield hat ihren gutbürgerlichen Eltern und ihrem alten Leben den Rücken gekehrt, um Freiheit und Abenteuer in New York zu suchen. Doch die Stadt der Träume entpuppt sich für sie als wahrer Alptraum. Ihre kleine Wohnung in Queens wird zur Hölle, die Rechnungen häufen sich und der Mann, dem sie blind vertraut hat – Carlos, ein rebellischer und undurchsichtiger Draufgänger, der illegal in den Vereinigten Staaten lebt – zieht sie immer weiter in seine kriminellen Machenschaften. Während Nora zwischen toxischer Liebe, kalten Duschen und krummen Deals balanciert, stellt sich ihr die Frage, ob sie noch rechtzeitig entkommen kann, bevor sie in Carlos’ Welt untergeht.

Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

PROLOG

Liebe Mom,

ich dachte, ich würde mir ein wenig Zeit lassen, bevor ich mich bei dir und Dad melde. Okay, ich gebe zu: es sind schon drei oder vier Monate vergangen, seit ich ausgezogen bin. Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse.

Wahrscheinlich denkt ihr jetzt das Schlimmste von mir.

Nora hat es nicht geschafft. Nora braucht Geld, deshalb meldet sie sich. Nora will zurück nach Hause, weil sie eingesehen hat, dass ihr Auszug mehr als nur überstürzt war. Nora ist schwanger von irgendeinem Kerl, der sie sitzen lassen hat und pocht nun auf unsere Hilfe. Großer Gott.

Nein, keine Sorge.

Nora ist gefestigt, hat einen guten Job gefunden und lebt in einer (den Umständen entsprechend) schönen Wohnung. Alles gut.

Aber ich vermisse euch.

Ich will zurück nach Hause.

Ich halte es nicht mehr aus…


Nein, das ist scheiße.

Auf keinen Fall konnte ich denen jetzt wieder in den Arsch kriechen. Auf keinen Fall würde ich mich zurück in die moralische Schlangengrube begeben, bei meinen Eltern angekrochen zu kommen und mir anhören zu dürfen, wie unkonventionell es von mir war, mich bei Nacht und Nebel aus dem Staub gemacht zu haben. Sicherlich würden sie mir wieder vorhalten, in was für ein schlechtes Licht ich die Familie gerückt hatte.

Dabei traf mich nicht auch nur die geringste Schuld. Einzig und allein Mom und Dad waren der Grund, weshalb wir uns entfremdet hatten. Der Grund, weshalb ich im zarten Alter von neunzehn Jahren keinen Bock mehr gehabt und den Entschluss gesetzt hatte, mir ein neues, freies Leben unter meinen eigenen Vorstellungen zu ermöglichen. Nur wegen ihnen hatte ich alles stehen und liegen lassen und war von meinem trauten Heim ausgerissen.

Nun saß ich hier, schaufelte Instantnudeln und billige Dosencola in mich hinein, während ich im Bett einer maroden Einzimmerwohnung hockte, in der die Heizungen ausgefallen waren und meine einzige Wärmequelle der dreckige Sex mit diesem illegalen Einwanderer war, der sein Leben einfach nicht im Griff hatte. Man konnte meinen, dass mein Leben einer Talfahrt glich.

Ich fühlte mich wie bestellt und nicht abgeholt. Hielt mich mit Aushilfsjobs und der Kohle, die mir nach allen Abzügen noch übrig blieb, über Wasser, wusste aber ansonsten nie, wie ich den nächsten Tag überhaupt bestreiten sollte.

Denn immer, wenn ich zum Ende des Monats ein wenig Geld angespart hatte, um Mietschulden und offene Rechnungen zu bezahlen, musste ich entsetzt feststellen, dass jemand die Ersparnisse geplündert hatte, um sich davon Stoff zu kaufen. Womit ich wieder bei Null anfangen musste.

Vielleicht musste ich mir aber auch eingestehen, dass New York eine Nummer zu groß für mich war und ich Maryland niemals den Rücken hätte kehren dürfen. Vielleicht hätte ich lieber brav aufs College gehen und ein Studium in Yale dranhängen sollen, um später in die breiten Fußstapfen meiner Eltern zu treten und eine gefeierte Anwältin zu werden. Um das ewig währende Kalkül von Strebsamkeit und Erfolg fortzusetzen, wie es mir bereits von kleinauf eingetrichtert wurde.

Schade nur, dass Nora Seinfields Wille zu stark war, um sich von der gutbürgerlichen, zähen Wonne ihrer Eltern einlullen zu lassen. Ich war viel zu eigensinnig gewesen, um auf ein jahrelanges Studium zu setzen, nur um irgendwann sechs Tage die Woche arbeiten zu müssen und mich mit Menschen auseinanderzusetzen, die mich im Grunde genommen nicht interessieren. Genießen konnte ich mein Leben auch ohne all das.

Und wie ich das Leben genoss.

Ich genoss es so sehr, dass mich nicht mal der daumendicke Staub auf den Fensterbänken störte. So sehr, dass mich nicht mal der Schimmel in den Ecken kümmerte oder der ergraute Putz, der ab und zu von der Decke abbröckelte.

Dies hier war meine kleine persönliche Hölle, in die mich der Rebell Carlos entführt hatte. Oder um es korrekter auszudrücken: die Gruft, in die ich ihm blind gefolgt war, weil er mir das Blaue vom Himmel versprochen hatte.

Ein Haus in den Rockies. Nur wir beide in einen kirschroten 1967er Camaro; irgendwann, aber nur ganz vielleicht einen dicken, glänzenden Diamanten an meinem Finger ... und um das Wichtigste nicht zu vergessen: Die Freiheit, die er mir am allermeisten versprochen hatte.

Dumm nur, dass ich mich Hals über Kopf in diesem Spinner getäuscht hatte. Denn Carlos war selbst kein freier Mensch. Zumindest nicht in dem Sinne frei, wie es die Gesetzgebung der Vereinigten Staaten von Amerika definiert.

Wenn ich den Geschichten glauben konnte, die er mir immer wieder anders erzählte, war Carlos Vargas ein illegaler Einwanderer, der als Jugendlicher auf der Suche nach besseren Perspektiven in die Staaten emigriert war, nachdem seine Eltern im mexikanischen Drogenkrieg ums Leben gekommen waren.

Bisher war seine Suche nach besseren Perspektiven allerdings nicht von nennenswertem Erfolg gekrönt gewesen. Denn im Endeffekt führte Carlos dasselbe Spiel fort, welches seine Heimat 2006 in einen blutigen Krieg gestürzt hatte: Der Handel mit Drogen.

Zwar half ihm dies alle paar Monate mal dabei, unsere Wohnung zu finanzieren, welche wahrscheinlich die billigste Klitsche hier in Queens war. Der Aufbau eines einigermaßen vernünftigen Lebens schien dadurch jedoch immer weiter in die Ferne zu rücken. Für mich hatte es gereicht – schließlich waren wir beide nicht perfekt, hatten unsere Ecken und Kanten.

Und dennoch musste ich mir eingestehen, dass ich mich auf der Straße des Lebens gewaltig verfahren hatte und mir der Sprit ausgegangen war. Dass ich ein Wrack war und es keinen Abschleppdienst gab, der mich in die nächste Werkstatt schleifen konnte.


All die Ruhe, die mich bis zu diesem Augenblick umgeben hatte, verstarb im ohrenbetäubenden Quietschen der klapprigen Wohnungstür. Ich durfte mir nicht anmerken lassen, dass ich wieder zwei Tage vergeblich auf ein Lebenszeichen von ihm gewartet hatte. Sondern musste so tun, als sei das etwas ganz Normales wie in jeder anderen toxischen Beziehung auch.

Auch wenn mir klar war, dass sein Wegbleiben über einen längeren Zeitraum alles bedeuten konnte. Zum Beispiel, dass er beim Dealen abgestochen wurde. Dass ihm das Leben zu blöd geworden war und er sich die Kugel gegeben hatte. Oder dass ihm die Einwanderungsbehörde auf den Fersen lag und er sein Dasein in irgendeinem Abschiebeknast in Richtung Ciudad Juaréz fristete.

All das spielte sich jedoch nur in meinem Kopf ab. So naiv wie ich war, sprang ich vom Bett auf und stürzte mich in die kleine, nur schwach beleuchtete Flurdiele, um ihn mit einer festen Umarmung willkommen zu heißen. Zwar erprobte ich mich daran, sauer oder enttäuscht zu wirken, wusste jedoch, dass ich von jetzt auf gleich dahinschmelzen würde, sobald er mich mit seinem frechen Grinsen regelrecht auszog.

»Ich hatte zu tun, mi vida«, sprach er, während er sich an mir vorbeischob, um seine verwaschene, nach Regen und Motoröl riechende Jeansjacke an der Wand aufzuhängen. Er zückte eine dicke, dafür fettige Papiertüte hervor. »Dafür war ich bei Taco Bell und hab uns was Leckeres mitgebracht. Mal gucken, ob ich es rechtzeitig hierher geschafft habe und sie immer noch warm sind.«

Gleich darauf schritt er zu der kleinen, weißen Küchenzeile im Wohnbereich und packte den köstlich riechenden Inhalt der Papiertüte aus, als handelte es sich um eine große Überraschung. Na ja, irgendwie war es das auch, denn frisches Essen und ein voller Magen waren Mangelware, wenn man mit Carlos unter einem Dach lebte. Kleine Gesten wie diese erbrachte er mir gegenüber äußerst selten.

»Du bist der Beste!«, rief ich, ehe ich über einen der Tacos herfiel, welcher tatsächlich meine Handflächen wärmte.

»Noch warm«, bestätigte Carlos zufrieden.

Er nahm einen Bissen der mittelamerikanischen Köstlichkeit schmatzend zu sich. Dann wandte er sich wieder mir zu. »Ich hoffe, dir war nicht allzu langweilig. Das war das letzte Mal, dass ich so lange weg war, ohne es dir zu sagen. Ich verspreche es.«

Ich verdrehte die Augen, als er nicht darauf achtete. Er konnte mir versprechen, was auch immer er wollte: Mir war klar, dass ich nicht das letzte Mal allein sein würde, während er draußen auf Tour war und seine krummen Dinger drehte.

»Bald habe ich mehr als genug Kohle, um uns hier rauszuholen«, schmatzte er und lutschte daraufhin seine Finger ab, an denen noch ein wenig Tabasco klebte. »Wenn meine Rechnung aufgeht, muss ich mir nicht mal einen Kopf um die Green Card machen. Dann habe ich genug Geld, um jeden Beamten auf der Welt zu bestechen.«

Ich wollte gar nicht wissen, in was für kriminelle Machenschaften er diesmal verstrickt war. »Du bluffst doch, oder?«, rutschte es mir heraus.

Die rehbraunen, mit langen Wimpern eingerahmten Augen sprangen auf. »Mi vida! Wie redest du denn?«, rief er vorwurfsvoll. »Habe ich dir denn jemals einen Wunsch verwehrt?«

»Also wenn du schon so fragst–«

Er seufzte entnervt. »Ich schwöre, dass ich dich hier raushole, Nora. Das hab ich oft gesagt, aber es wird klappen. Mein Ehrenwort. Wenn du mir nicht glaubst, kannst du jederzeit abhauen, wie du willst.«

Ich stopfte mir den restlichen Taco in den Mund, der wie ein Felsbrocken in meiner Kehle steckenblieb. Die einzige Hilfe war die billige, viel zu süße No-Name-Cola, mit der ich die Nahrung herunterspülte.

»Chill mal, Carlos«, seufzte ich. »Meinst du, ich wäre mit dir nach New York gekommen, wenn ich mich jetzt auf einmal in Luft auflösen würde? Es kommen bessere Zeiten. Aber dafür musst du endlich mit dem Dealen aufhören und einen Asylantrag stellen!«

Er ignorierte meine Aussage gekonnt und ging mir aus dem Weg. Wie immer halt, sobald ich Themen wie legaler Aufenthalt oder ordentlicher Job offen ansprach. Das leere Stück Zeitungspapier, in welches sein Taco gehüllt war, zerknüllte er und schmiss es in Richtung Mülleimer, den er mehr als nur knapp verfehlte.

»Zehn Meter daneben ist auch vorbei«, übte ich mich in ulkigen Redewendungen. Ich machte es ihm nach und traf den Mülleimer mit Bravur. »Der Punkt geht an mich, amor

Carlos streckte sich ausgiebig und gab dabei ein mehr als nur verheißungsvolles Stöhnen ab. In dem Moment, in dem er sich aus seinem Bulls-Pullover schälte, hätte ich wegsehen müsste. Nun hatte er mich. Mein Blick verfing sich in seinem drahtigen Körper, zählte die Tattoos auf seinen perfekt gebräunten Muskelpartien. Atmen, Nora, atmen.

»Ich spring unter die Dusche«, kündigte er an und intensivierte damit das Kino, welches sich in meinem Kopf abspielte. »Kannst du mich danach massieren so wie letztens? Ich bin echt verspannt. Johnny's Karre hatte einen Motorschaden und wir mussten sie die komplette Avenue entlang schieben.«

»Klar«, stimmte ich bedingungslos zu. Im Hinterkopf behielt ich, dass er die Heizkosten nicht bezahlt hatte und wir somit mit kaltem Wasser duschen mussten. Anders als ich war der sonnengeküsste Südländer eisige Temperaturen wiederum nicht gewohnt.

Ich folgte ihm in das kleine Badezimmer, in welchem er sich entkleidete und seine Klamotten wie ein kleines Kind auf komplett auf dem Fußboden verstreute. Den Anblick seines Körpers ließ ich mir nicht entgehen, wenn auch das nicht der Grund für mein Erscheinen war.

Während er vergebens darauf wartete, dass das Wasser warm wurde, lächelte er mir zu. »Willst du direkt mit unter die Dusche, oder was?« Das warme Gelächter, in welches wir augenblicklich verfielen, war unbezahlbar und am liebsten hätte ich seine Worte in die Tat umgesetzt. »Wieso wird das eigentlich nicht warm hier?«

»Das Angebot klingt äußerst verlockend«, schlussfolgerte ich, »aber, Mister Vargas, ich steige erst wieder mit Ihnen unter die Dusche, wenn Sie die Heizkosten bezahlen.«

Er drehte den Wasserhahn zu, als hätte er mich nicht verstanden. Die dicken Augenbrauen, von denen eine von einer Schnittverletzung flankiert wurde, zogen sich zusammen und er verschränkte die Arme. Die weißen Zähne waren wieder verschwunden und ich wusste, dass ich nun eine ganz hässliche Seite von ihm zu Gesicht bekommen würde.

»Ich schwöre dir, dass ich Morty das Geld letzte Woche überwiesen habe«, beteuerte Carlos. Er suchte sich in einem Berg voll Wäsche eine graue Jogginghose zurecht und schlüpfte in diese hinein. »Ich muss da also wirklich kurz hin und diesem Wichser die Fresse polieren.«

Ich stellte mich bewusst in den Weg, konnte als Fliegengewicht, das ich war, jedoch nicht viel gegen sein eiskaltes und teuflisches Temperament tun. Sanft, aber dennoch zügig schob er mich beiseite, sodass er freie Bahn auf die Wohnungstür bekam, vor der er wieder in abgelatschte Timberlands und in die Jeansjacke schlüpfte.

»Du gehst da jetzt nicht ernsthaft hin, oder?«, fragte ich laut. »Was ist mit deiner Massage? Was ist mit 'Es ist Schluss mit den krummen Dingern'? Willst du das wirklich riskieren, Carlos?«

Für einen kurzen Moment dachte ich, ich hätte ihn zur Vernunft gebracht. Er blieb stehen, der Oberkörper zitterte nicht mehr vor Wut.

»Ich habe zwei Tage nicht mehr warm geduscht, was denkt dieser Fettsack, wer er ist?«, fluchte er. »Gib mir eine Stunde.«

»Carlos, warte!«

Da konnte ich das Zuknallen der Wohnungstür schon im Treppenhaus widerhallen hören und wusste, dass er außer Rand und Band war. So war er. Temperamentvoll, impulsiv und aggressiv zu den Leuten, die es seiner Meinung nach verdienten. Ich wusste, dass es nichts bringen würde, ihm zu folgen. Ich konnte nur hoffen, dass er nichts Unüberlegtes tun würde.


Das war Carlos.

Aufbrausend und empfindlich. So empfindlich, dass er unseren Vermieter aufmischen musste, weil wir kein Warmwasser hatten. So war er früher nie gewesen. Erst der exzessive Drogenkonsum und sein dauernder Stress trieben ihn dazu, Verrücktes zu tun.

Ich vergrub das Gesicht spürbar fassungslos in meinen Handflächen, seufzte einmal tief und formte mit den Lippen anschließend ein leises ›Gott erbarme‹, welches jedoch durch das Klingeln der Wohnungstür übertönt wurde. War Carlos einmal vernünftig und hatte es sich doch nochmal anders überlegt? Ich hoffte inständig, dass er es war. Wahrscheinlich hatte er wieder mal seinen Schlüssel vergessen und klingelte deshalb.


Es kam jedoch anders, als ich es zunächst erwartet hatte. Vor der Tür stand nicht etwa Carlos oder einer meiner Freunde. Es war unser Nachbar Riley, der in der Wohnung nebenan lebte und ab und zu nach dem Rechten sah, sobald Carlos die Wohnung lautstark verließ. Der Typ war charmant und stand auf mich, seit ich hier wohnte. Das Problem an der Sache war, dass wir beide vergebene Leute waren.

Ich musste zugeben, dass ich in Zeiten, in denen Carlos mehrere Wochen nicht nach Hause gekommen war, öfter darüber nachgedacht hatte, mich auf Riley einzulassen. Riley hatte sich ständig Zeit genommen, um mich aufzubauen, was mir im Gegenzug den Groll seiner Freundin Sheila eingebracht hatte. Seitdem beschränkte sich unser Kontakt auf wenige Treffen, etwa in der Waschküche oder in Momenten wie diesen, in denen sich sein Beschützerinstinkt einschaltete.

Er lehnte gelassen im Türrahmen und schaute mich einfach nur an. Er sah mich an, wie er mich meistens ansah und versuchte dabei, die Emotionen aus meinem Gesicht abzulesen. Und er tat seine Sache echt gut. 

»Er ist viel weg, das belastet dich, hm?«, schlussfolgerte er, ohne mich überhaupt gefragt zu haben. »Habt ihr euch gestritten? Ist alles okay?«

dachte kurz nach, gab wieder ein leises Seufzen ab und sprach: »Er ist ausgerastet, weil Morty uns die Heizung und das warme Wasser abgestellt hat. Klingt banal, ist es auch. So ist er halt. Er war zwei Tage weg, ohne sich zu melden und rastet dann aus, weil wir kein warmes Wasser haben.«

In Rileys Gesicht machte sich ein beklemmender Ausdruck breit. Er spielte am Reißverschluss seines Zip-Hoodies herum und schlug vor: »Sheila ist übers Wochenende bei ihren Eltern in Albany. Willst du drüben bei mir duschen, solange ihr hier kein Wasser habt?«

Ganz gleich, wie verlockend sein Angebot war, ich zuckte gleich darauf zusammen. Das war immerhin kein guter Kumpel, der vor mir stand, sondern Riley, der mir schon mehrmals offenbart hatte, dass er sofort mit mir durchbrennen würde, wenn Carlos nicht wäre. Seine Freundin, die von allen Angeboten, die Riley mir bereits gemacht hatte, nichts wusste, tat mir leid. Ich musste ablehnen, da ich nicht für das Unglück einer Liebenden verantwortlich sein wollte.

»Riley...«, murmelte ich still.

»Nora, was ich dir jetzt sage, hat wenig mit meinen Gefühlen für dich zu tun. Du lebst hier in desolaten Zuständen mit einem Typen zusammen, der eure Rechnungen nicht bezahlt. Der dich laufend sitzen lässt, um dealen zu gehen. Was hat dieses Arschloch an sich, dass du ihm jedes Mal verzeihst? Du hast Besseres verdient und das weißt du.«

»Keine Ahnung, okay?«, rief ich und ging mir verlegen durch das Haar. Er hatte nicht ganz Unrecht. »Wer weiß, vielleicht erhoffe ich mir ja, dass er sich für mich ändert. Dass wir irgendwann doch glücklich werden. Aber in letzter Zeit...«

Riley lachte abwertend. Er hielt wenig von Carlos, das war mir klar. Immerhin schmachtete er mir schon lange nach und betrachtete meine Beziehung mit Zwietracht, obwohl sie ihn eigentlich nichts anging.

»Er wird sich nicht ändern«, sprach er und machte damit meinen Traum zunichte. »Vor allem nicht für dich. Einmal Arschloch, immer Arschloch. In seinem Kopf geht viel vor, aber ich glaube einfach nicht, dass er den Absprung schafft. Typen wie er ziehen nur einen Nutzen aus Personen, die sie lieben. Denk mal drüber nach.«

Er hatte recht, das konnte ich nicht leugnen. Carlos war damals immerhin bei mir eingezogen, nicht ich bei ihm. Er hatte die ersten Monate auf meine Kosten gelebt und beteiligte sich auch jetzt nur spärlich an der Finanzierung unserer Wohnung. Es war gut möglich, dass er nur mit mir zusammen lebte, um überhaupt eine Bleibe zu haben. Auch wenn ich mich fragte, was er davon hatte – er war sowieso nur selten zuhause. Würde ich ihn danach fragen, würde er es abstreiten. Das wusste ich.

»Komm mit rüber«, forderte Riley mich auf und legte seine Hand bestimmerisch, aber sanft auf meinen Arm.  Seine Finger waren ganz warm, das Lächeln einladend wie immer. »Dann bist du nicht alleine. Ich verspreche dir, es wird keine Annäherungsversuche geben. Du kannst in Ruhe duschen und ich koche uns was Leckeres. Wie wär's?«

Erneutes Seufzen meinerseits, doch ich konnte mir ein mildes Grinsen nicht verkneifen. Ich verschränkte die Arme und musterte Rileys treudoofes Gesicht, um darin irgendeine Absicht festzustellen. Ehrlich gesagt klang sein Angebot verlockend. Mein Magen knurrte furchtbar laut. Die Tacos, die Carlos mitgebracht hatte, hatten meinen Hunger nicht wirklich gestillt.

»Also gut«, gab ich nach. Ich packte auf die Schnelle ein paar Handtücher und Wechselklamotten in einen Turnbeutel, ehe ich an Riley vorbeihuschte. »Aber du versprichst mir, mich nicht anzubaggern, Deal?«

In Rileys Gesicht las ich den Triumph geradezu ab. Seine blauen Augen strahlten förmlich; wahrscheinlich freute er sich über meine Zusage innerlich wie ein kleiner Junge, der ein paar Freikarten fürs Kino gewonnen hatte.

»Deal