Kapitel 1
Prolog
Paris 1807, Palais des Tuileries
››Willst du mich nicht mehr, mon chère?‹‹ Mit kehligem Unterton rekelte sich die Frau in den Polstern der Chaiselongue, einen lasziv einladenden Ausdruck in den dunklen Augen. Der grazile Körper war berechnend so platziert, dass er die unübersehbaren Vorzüge dieses jungen, weiblichen Leibes auf das vortrefflichste präsentierte.
Die Mode, die Kaiserin Josephine eingeführt hatte, erfreute auch sein kaltes Herz. Die hoch angesetzte Taille, die knappen Oberteile direkt unter der Brust gegürtet und die weich fließenden, seidigen Stoffe, die sich so herrlich an die weiblichen Kurven schmiegten. Nichts blieb dem männlichen Auge verborgen, keine einzige Kontur der Weiblichkeit. Und dieses Wissen setzte Chanelle Foucotte, die Gattin des engsten Beraters des Kaisers, nun auch schamlos und berechnend ein, um ihn zu verführen.
Ein fast satanisch anmutendes Lächeln umspielte seine Lippen. Ging sie doch tatsächlich davon aus, er wäre ihr in die Falle gegangen und sie hätte ihn sich geangelt. Ihn, den begehrtesten Junggesellen am kaiserlichen Hof! Den Mann ohne Vergangenheit – von dem niemand wusste, woher er kam, noch wer er wirklich war.
Ah ja, die Damen am Hofe Bonapartes liebten Mysterien, und er war ein Geheimnis auf zwei Beinen. Doch welches dunkle Geheimnis er tatsächlich mit sich trug, davon ahnte niemand etwas.
Sein Blick glitt über sie: Nüchtern und kalkuliert überlegte er, ob sie ihn heute reizte. Sollte er sie nehmen? Sie bot es ihm regelrecht an, und das, obwohl ihm doch sein Ruf vorauseilte. Er war ganz sicher kein zärtlicher Verführer, und wenn er eine Frau benutzte, nahm er sie schnell und effizient. Wo, das war ihm dabei fast immer egal. Dieses abgeschiedene Kämmerchen in einer abgeschiedenen Ecke der Tuilerien, zu dem sie ihn bestellt hatte, wäre dafür so gut geeignet wie jeder andere, einigermaßen dunkle Ort auch. Notfalls würde er eine Frau, die er begehrte, sogar im Beisein von Zuschauern nehmen. Scham war ihm fremd. Und Moral oder ethische Grundsätze? Ach, zum Teufel, darauf pfiff er. Die gesellschaftlichen Schranken, denen sich andere unterwarfen, die kümmerten ihn nicht. Er lebte alleine nach seinem eigenen Gusto, und wem das nicht passte, der sollte es ruhig sagen.
Doch das wagte niemand, und das amüsierte ihn prächtig. Sie waren wie Opfertiere, die in ihm instinktiv das tödliche Raubtier spürten und alles versuchten, um ihn nicht zu reizen. So nahm er am napoleonischen Hof eine ganz spezielle Stellung ein. Freund und Vertrauter des Kaisers, umschmeichelter Liebling der Herren und erklärtes Objekt der Begierde bei den Damen des Adels. Nicht einmal die Kaiserin selbst war gefeit gegen seinen Charme.
Auch Chanelle war hierin natürlich keine Ausnahme. Er hatte Foucottes Gattin schon öfter besessen. Warum auch nicht? Sie war ihm in den Schoss gefallen wie eine reife Pflaume, und wenn er seinen Hunger nicht stillen musste, dann genoss er durchaus auch die Freuden einer körperlichen Vereinigung. Hinzu kam, dass er Foucotte nicht ausstehen konnte – diesen überheblichen Wicht, der meinte, er wäre neben Bonaparte der wichtigste Mann im Kaiserreich. Dabei wusste es das ganze Empire, dass der Korse ihn nur wegen seines immensen Vermögens duldete – das der Alte so reichlich und großzügig für die militärischen Pläne des Kaisers spendete.
›So ziehen wir alle unseren Nutzen aus den Möglichkeiten, die sich uns bieten‹, überlegte er. ›Der Kaiser schröpft die Schatzkammern seines Adels, und ich deren Frauen! ‹
Damit war die Entscheidung wohl gefallen. Geräuschlos machte er einen Schritt in die Kammer hinein, und ebenso lautlos schloss er die Tür hinter sich. Im selben Moment sah er das gierige, triumphierende Aufblitzen im Blick der Kokotte. Wie ein Tier sprang ihn ihr unersättlicher Hunger an.
Nun, das war etwas, womit er sich bestens auskannte. Diese unersättliche, unstillbare Gier, die so plagend und quälend war und einfach nur gestillt werden wollte. Er selbst wurde sie nie wirklich los, sie marterte ihn Nacht für Nacht, schon seine ganze Existenz lang.
Auf einmal verspürte er tatsächlich ein drängendes Ziehen in den Lenden. Überrascht horchte er in sich hinein. Begehren machte sich in ihm breit – tatsächlich auch nach ihrem Leib! Ihr Blick glitt wissend zu seiner Körpermitte, und mit einem kehligen Gurren sank sie auf der Chaiselongue zurück. Ihr Lächeln sagte es ihm deutlich, sie hatte erkannt, dass sie nicht ohne Wirkung auf ihn blieb. Sie hatte Begehren geweckt, schon wähnte sie sich am Ziel ihrer ruchlosen Wünsche.
Sie war ein hemmungsloses Geschöpf, diese Chanelle Foucotte. Das war ihm längst klar. Schamlos in ihrem Hunger nach pikanten Abenteuern, sie setzte ihrem Gatten regelmäßig Hörner auf. Eine Hure mit dem Gesicht eines Engels, das war sie. Wunderschön, das gestand er ihr ohne Weiteres zu. Der dunkle Typ einer rassigen und feurigen Französin aus dem Poitou. Es heißt, dass die leidenschaftlichsten Frauen Frankreichs von dort stammten. Wie der alte, dickliche Foucotte an eine Frau wie sie geraten war, würde ihn interessieren. Bestimmt war auch hier klingende Münze der Grund gewesen. Er hatte sich seine schöne junge Braut ganz sicher gekauft. Aber wer mochte es ihr verdenken, dass sie nun versuchte, für sich das Beste aus diesem Handel zu schlagen. Ihr Gatte war weit in den Sechzigern, wie sollte der auch ihren Hunger stillen?
Ja, dafür hatte er Verständnis, aber ihren Schoßhund würde er dennoch nicht spielen. Als sie ihm nun einladend die Hand entgegenstreckte, umfasste er mit festem Griff das zarte Gelenk und zog sie mit einem Ruck zu sich heran. Sie keuchte erschrocken auf, als sie gegen seine harte Brust prallte, doch schon erstickte er den Laut mit einem fast wütend anmutenden Kuss. Seine Finger gruben sich in die kunstvoll frisierte, schwarze Mähne, sie bogen ihren Kopf in den Nacken, bis sie leise protestierte.
Sie tat es immer noch, obwohl sie längst hätte wissen müssen, dass ihr das nichts nützte. Es lief immer nach seinen Regeln ab, wenn er ihr beiwohnte – denn er gewährte wohl seine Gunst, aber niemals so, wie sie es gerne hätte oder es sich vorstellte. Aber dieser Umstand schien sie mehr zu erregen, als alles andere, sie gab es nur nicht zu und täuschte lieber Protest vor, statt zu ihren Neigungen zu stehen.
Er blieb seltsam unbeteiligt, als er sie nun küsste und ihren lächerlich schwachen Widerstand überwand. Beiläufig sandte er seine übernatürlichen Sinne aus, drang so mühelos in ihre Gedanken, wie er gleich in ihren Körper dringen würde – und stockte kurz beim Anblick des Abgrunds, den er in ihr erblickte. So viel Verderbtheit steckte in diesem Engelskörper, es war schrecklich. Er schauderte und lauschte dem Raubtier in sich nach, das sich nun rekelte, wie sie es zuvor auf der Chaiselongue getan hatte. Es streckte die Krallen nach ihr aus, und er wusste, dass diese Nacht anders enden würde, als sie es sich wünschte.
In dieser Nacht hätte sie besser nicht nach ihm gerufen …
Chanelle stöhnte gegen seinen Mund, während er sie bedächtig aus ihrer Kleidung schälte, ohne sie dabei loszulassen. Schnell entblößte er ihren Oberkörper. Die kleinen, noch so mädchenhaften Brüste schimmerten in kalkigem Weiß. Liebkosend fuhr er mit den Lippen über die zarten Wölbungen, er knabberte an den dunkleren Spitzen und ritzte sie zart mit seinen Zähnen.
Längst hatte er absolute Gewalt über sie, und auch über ihre sinnliche Triebhaftigkeit. Sie bebte in seinem Arm und war bereit für ihn. Nun gut, wenn er es recht überlegte, so war sie das immer – sobald er auch nur einen Finger auf sie legte, spöttelte er in Gedanken. Eine Herausforderung stellte sie wahrlich nicht dar – nicht jetzt, und auch vorher noch nie. Wurde er ihrer deshalb so schnell überdrüssig? Sie war einfach nur wie alle anderen Frauen. Sie alle fielen auf sein hübsches Gesicht herein, und gierten dann nach seinem Körper. Aber er gab ihnen immer, was sie wollten – schon aus Prinzip. Und dann holte er sich von ihnen das, was er selbst brauchte …
Nun war Chanelle beinahe nackt, das Kleid hatte er ihr schon ausgezogen. Sie trug nur noch ein feines Hemd aus Batist, und ihren Unterrock über den Seidenstrümpfen. Ihre kostbare Robe lag achtlos in einem seidigen Haufen neben ihm am Boden, und seine Finger räuberten ungeniert auf all jenen Körperstellen, die ihm nun schutzlos nackt ausgeliefert waren. Er steigerte ihre Erregung ganz gezielt, bis sie sich in seiner Umarmung aufbäumte und das erste Mal kam. Wimmernd presste sie sich gegen seine kundigen Finger, während sie seufzte und stöhnte.
Das war die Gnade, die er immer erwies: höchste Lust und tiefgehende, sättigende Befriedigung.
Auch dieser hier gewährte er sie.
Schwach hing sie nun in seinem Arm, für den Moment war sie still und atmete heftig. Ihre Augen hielt sie geschlossen, sie horchte der erlebten Ekstase nach. Dann schlug sie unvermittelt die Lider auf und suchte seinen Blick. Die dunklen Glutaugen waren verschleiert und sichtlich desorientiert. Zufrieden nickte er, das war der Zustand, in dem er sie wollte.
Mit hartem Griff drehte er sie um, drängte sie gegen die Kommode an der Wand, und noch während sie protestierte – nein, sie wollte nicht genommen werden wie eine Dirne, schließlich war sie doch eine Dame! – beugte er sie über die glatte Oberfläche des niedrigen Schrankes und schlug ihren Unterrock hoch.
››Was tust du, mon chère?‹‹, hörte er sie wispern. ››Nicht so, bitte!‹‹
Doch wen kümmert es, was sie wollte? Ihn ganz sicher nicht. Mit einem kalten Lächeln im Gesicht, öffnete er seine Hose und befreite sein geschwollenes Geschlecht, das schon bereit für sie war. Während sie noch versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen und sich mit ihr auf der Chaiselongue niederzulassen, spreizte er ihre blassen Schenkel mit dem Knie und drang mit einem mächtigen Stoß in sie ein.
Sogleich verstummte sie mit einem erstickten Seufzen, als er sie beinahe problemlos in ganzer Länge für sich eroberte. Feucht und gängig war sie, doch nicht nur wegen dem eben erlebten Vergnügen. Es war, weil sie ihn unbedingt wollte – und zwar genauso, wie er es ihr gerade besorgte! Ihr Körper nahm ihn willig und gierig in sich auf. Geschmeidig bewegte er sich, nahm sie von hinten, weil es ihm so am besten gefiel. Seine Stöße waren hart und rücksichtslos, und immer noch seltsam unbeteiligt.
Chanelle tat nicht mehr länger so, als würde sie sich wehren. Auch das war nichts Neues. Kaum hatte er sie in Besitz genommen, wollte sie ohnehin nur noch das eine. Genau das gab er ihr jetzt, reichlich und ausdauernd – bis sie nur mehr ein wimmerndes, bebendes Stück Fleisch war. Schon stieg das pulsierende Sehnen in seinen Lenden auf, doch er gab ihm nicht nach. Niemals – nein, wirklich niemals! – verströmte er sich in eine dieser Frauen, die für ihn doch nicht mehr waren, als einfach nur Nahrung.
Ihre Beine versagten, als sie zum x-ten Mal einen heftigen Höhepunkt erreichte, und sie sank entkräftet vor der Kommode zu Boden. Er ließ sie gewähren, hielt sie nicht fest. Doch jetzt griff er erneut zu, er zerrte sie an den Haaren auf die Knie und drehte sie zu sich. Völlig willenlos nahm sie ihn in den Mund, diese geübte Kokotte, die es schon mit so vielen Männern getan hatte. Doch noch niemals mit einem Tier, wie er es war, das ahnte sie nur noch nicht.
Während er es ihr gestattete, ihm nun ihrerseits Vergnügen zu bereiten, lauschte er in sich hinein. das Grollen lag schon dicht unter der zivilisierten Fassade, lange konnte er seine Triebe nicht mehr bezähmen. Der Hunger wurde übermächtig, ihre Zeit lief ab.
Für den Moment gab er seine eiserne Beherrschung auf. Er ließ es zu, dass für einen kurzen Augenblick die Lust übermächtig wurde. Er spürte, wie die Geilheit in ihm pulsierte, wie er noch härter und stärker wurde in ihrem Mund. Unnachgiebig umfasste er ihren Kopf, dirigierte ihn, wie er es brauchte.
Sie keuchte abwehrend, seine Größe bedrängte sie zu sehr. Immer noch war ihre Befindlichkeit egal, es amüsierte ihn nur, wie sie würgte und versuchte, ihn abzuwehren. Er benutzt ihren Mund bis in den Rachen hinein, so wie er zuvor ihre feuchte Grotte benutzt hatte. Immer wieder stieß er kraftvoll gegen sie und drückte sie gnadenlos auf seinen Schwanz. So lange, bis er es in sich aufsteigen fühlte. Da zog er sich ruckartig zurück. In tödlicher Stille rieb er sich, und kam dann auf ihrem Gesicht. Hinter geschlossenen Lidern genoss er seinen eigenen Orgasmus, dabei hielt er sie immer noch mit festem Griff an den Haaren, sodass sie ihm nicht ausweichen konnte. Er erniedrigte sie mit seinem Erguss zur bloßen Hure, einfach nur, indem er auf sie ejakulierte.
Doch sobald es vorbei war, wich er entschieden von ihr zurück. Grob riss er sie an ihren Haaren hoch, sie wehrte sich nicht. Flehend hing ihr Blick an ihm, aber wusste sie wirklich, worum sie gerade bettelte? Jetzt stand ihm nicht mehr der Sinn nach ihrem Fleisch, jetzt wollte er den anderen Hunger an ihr stillen. Grob wischte er seinen Samen von ihrem Gesicht, die Hand reinigte er dann an den Resten ihres Unterrocks.
Sie ließ auch das mit sich geschehen, sie merkte nicht einmal, wie verächtlich er sie behandelte. Sie spürte auch nicht, dass er sie sie nur benutzte, um seine Gier an ihr zu stillen. Sie lächelte völlig weggetreten und gab sich ihm vollkommen hin - in der Hoffnung, er würde sie gleich noch ein zweites Mal nehmen. Unersättlich, wie sie war.
Nun, ihm sollte es nur recht sein. Es gab Kämpfe, auf die auch er keinen Wert legte.
Seine Finger hielten sie fest, seine Lippen suchten die ihren. Seufzend ergab sie sich diesem Kuss, nicht ahnend, dass es der letzte in ihrem jungen Leben sein würde. Sie stöhnte, als er von ihrem Mund tiefer küsste, sie wimmerte entzückt unter der sachten Liebkosung ihres Halses. Wie von selbst bot sie ihm ihre Kehle dar – das Lamm, das sich ohne fremdes Zutun auf die Schlachtbank legte.
Gleichzeitig mit seinen Reißzähnen, die in ihre pulsierende Vene unter dem Ohr drückten und durch die harte Haut stießen, drang er auch wieder in ihre Gedanken ein. Nicht zaghaft diesmal, es war eine räuberische Eroberung voller Gewalt und Grausamkeit. Während ihm ihr Blut pulsierend und köstlich heiß in den Mund lief, trank er ihren letzten Höhepunkt. Sie krümmte sich in namenloser Ekstase, ohne zu bemerken, was mit ihr geschah – weder, dass er sie leertrank, noch dass er sie für all ihre verderbten Verbrechen bestrafte.
Ihr lasterhaftes Leben hatte noch kaum richtig begonnen – an seinen Maßstäben gemessen - , und schon verging es wieder. Es erlosch in einem flimmernden Feuerwerk, und es stillte seinen Hunger und seine dunkle Gier, bis sie dann endlich leblos in seinen Armen lag und ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen.
Achtlos ließ er sie zu Boden fallen, er verschwendete keinen Blick mehr an sie. Die schöne Hülle, mit der sie alle Männer am Hof betört hatte, war nun nur noch Abfall. Aber immer noch schmeckte er dem herrlichen Aroma ihres Lebenssaftes nach und wunderte sich einmal mehr, wie ein solch verdorbenes Geschöpf doch so köstlich schmecken konnte.
Mit einem grimmigen Knurren ordnete er seine Kleidung, er schüttelte die Spitze an seinen Armmanschetten aus, und als er mit seiner Erscheinung wieder zufrieden war, bückte er sich nach dem Leichnam, den er achtlos in ihre Kleider wickelte, die er ihr erst kurz zuvor ausgezogen hatte. Wie in einen Mantel, der ihn vor allen Blicken verbarg, hüllte er sich in die Schatten, die er jederzeit um sich herum verdichten konnte. Sie machten ihn beinahe unsichtbar, als er durch die um diese späte Uhrzeit verlassen liegenden Gänge des Palais des Tuileries eilte. Durch eine versteckt liegende, geheime Pforte führte der Weg über eine feuchte, steinerne Treppe hinunter an das Ufer der Seine, wo er ihre Überreste ins Wasser gleiten ließ. Für einen Moment schaute er noch zu, wie die blutleere Frauenleiche auf den Wellen dümpelte, bis sie dann langsam in der Tiefe versank.
Irgendwann würde sie irgendwo wieder angeschwemmt werden, und falls man sie dann noch identifizieren konnte, die Nachricht von ihrem Tod die Runde machen, doch das kümmerte ich nicht. Auch nicht der Umstand, dass Foucotte sich jetzt eine neue Frau kaufen musste. Als er sich abwandte, hatte er Chanelle längst aus seinen Gedanken verbannt. Sie war keine weitere Überlegung wert. Er hatte es in ihrem Geist gesehen, sie war nicht nur eine Hure und eine vielfache Ehebrecherin, sondern obendrein eine Kindsmörderin. Drei Mal hatte sie unschuldige Wesen nach der Geburt aussetzen lassen, die Früchte ihrer zügellosen Triebhaftigkeit. Ihre Kinder, die sie in fremden Betten empfangen, und die sie nie gewollt hatte, da sie ihre Promiskuität dem Ehemann offenbart hätten.
Also hatte sie das bekommen, was sie schon längst verdiente!
Zurück im kaiserlichen Palast suchte er sich eine stille Ecke, und dort nahm er die Schatten von sich. Mit dem charmanten Lächeln, das die Gesellschaft um Bonaparte von ihm kannte, mischte er sich wieder unters Volk. Plauderte, unterhielt sich, tanzte. Chanelles Blut pulsierte in ihm, es wärmte ihn und verlieh ihm einen rosigen, lebendigen Glanz.
Eine Nacht wie alle anderen.
Bis der Korse ihn schließlich zu sich rief. ››Graf von Drăculea, auf ein Wort!‹‹
Der Kaiser stand inmitten einer kleinen Gruppe von Anhängern und deren Frauen, und als er sich dazugesellte, leuchteten die Blicke der anwesenden Damen auf. Selbst die Kaiserin war nicht immun gegen ihn, merke er. Wieder einmal lächelte sie ihn kokett über den Rand ihres Fächers hinweg an, in den blauen Augen, die so vortrefflich mit der Farbe ihres Kleides harmonierten, ein unübersehbares Versprechen verbotener Lust. Josephine galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, sie war berühmt für ihren Chic und ihre außergewöhnliche Eleganz. Und obwohl sie an der Seite ihres Gatten brillierte, zeigte sie ihm deutlich, dass sie einer kleinen Affäre nicht abgeneigt wäre.
Einer Einladung, der er aber nicht folgen würde. Seine Beziehung zum Kaiser war ihm zu wichtig, und willige Frauen gab es am Hof im Überfluss.
Mit einem hoheitsvollen Nicken wandte er sich Bonaparte zu und ließ sich von ihm in seine Überlegungen ziehen, wie man den Engländern wohl am besten beikommen möge. Er schätzte den kleinen Korsen, dem ein einzigartiges Charisma innewohnte, welches ihm nur von seiner eigenen Art vertraut war. Er konnte die Massen begeistern, die Gemüter für sich gewinnen. Manches Mal schon hatte er überlegt, ob der Kaiser womöglich wie er selber war. Gewundert hätte es ich nicht, aber er kannte alle seine Kinder. Bonaparte war keines davon, also war die Chance mehr als gering. Von seinen Brüdern lebte keiner mehr, seines Wissens nach war er der letzte und einzige Nachkomme seines Ahnen. Napoleon war also ein Mensch – wenn auch ein höchst außergewöhnlicher, und kein Bruder.
Fast bedauerte er es ein wenig.
Die Nacht war weit fortgeschritten und es schon beinahe Morgen, als er endlich in seine Residenz in der Nähe des Jardin de Palais Royal zurückkehrte. Bald würde ein neuer Tag anbrechen, es wurde Zeit für ihn, sich zurückzuziehen. Das war der Nachteil seiner Existenz, er musste das Tageslicht meiden.
Er sehnte sich nach Ruhe, doch gereizt stellte er fest, dass ein Besucher auf ihn wartete. Abweisend glitt sein Blick über die hagere Gestalt, die im Schatten neben dem Kamin in seinem Besuchersalon saß. Still, ohne das Wort zu ergreifen, wartete sie auf ihn. Erst als er sich an den unwillkommenen Gast wandte, kam Leben in sie.
››Was willst du?‹‹, herrschte er den Besucher an, seine Gereiztheit nicht verhehlend.
››Herr, ich komme von euren Astrologen aus der Heimat. Es ist so weit. Das, was die Prophezeiung vorhersieht, versteht Ihr? Es scheint, als würde sie sich bald erfüllen! So steht es in den Sternen!‹‹
Von einem Moment auf den anderen vergaß er seine Ungeduld, aufmerksam forschte er nun im Gesicht des Boten. ››Was sagen sie denn?‹‹
Schon vor Ewigkeiten hatte er von dieser seltsamen Prophezeiung gehört und seinen Hofastrologen darauf angesetzt. Doch bisher war er immer mit schwammigen Aussagen abgefertigt worden. Er wollte aber wissen, was es mit diesem seltsamen Text auf sich hatte, den er eher per Zufall in den Aufzeichnungen seines Ahnherrn entdeckt hatte. Es waren nur vage Hinweise auf eine Prophezeiung, die seine Blutlinie betraf – und deren Überleben.
Sollte sich das heute endlich ändern?
››Die Planeten wandern in die richtige Konstellation, Herr. Die Zeichen sind eindeutig, heißt es. Die Prophezeiung wird sich erfüllen.‹‹ Er zögerte kurz, wich seinem Blick aus. ››Leider kann der Zeitpunkt, wann es wirklich soweit ist, noch nicht endgültig bestimmt werden. Aber sobald es soweit ist, solltet Ihr bereit sein, Herr – und alle Hebel in Bewegung setzen, um sie zu finden und sie zu euch holen!‹‹
Genau das geschah nun, auf seine Anweisung hin. Befehle wurden ausgegeben, die Weichen gestellt. Noch in dieser Nacht setzte er alles in Bewegung, er schickte die Nachricht in alle Himmelsrichtungen, damit seine Kinder und deren Helfershelfer in Alarmbereitschaft waren und er jederzeit auf sie zurückgreifen konnte.
Zufrieden mit der Entwicklung der Dinge, hob sich seine Laune. Er war sich sicher, dass sich die Astrologen nicht irrten, sonst hätten sie ihn erst gar nicht benachrichtigt. Bald würde sie an seiner Seite sein, seine Gefährtin für die Ewigkeit. Die Jahrhunderte der Einsamkeit waren dann vorüber.
Er musste sie nur erst finden.
Jahre vergingen.
Doch für ihn waren sie nur flüchtige, kurze Momente, wie Sekunden in der Ewigkeit. Er lebte schon so lange, das Fließen der Zeit empfand er nicht wie die Menschen, die nur so ein lächerlich kurzes Leben zur Verfügung hatten – nur einen winzigen, so unendlich schnell vergänglichen Zeitraum.
Er war geduldig.
Aber er musste noch einmal zwei Jahrhunderte warten, bis ihr Stern am Nachthimmel aufging und die Astrologen mitteilen konnten: Sie ist da, deine Gefährtin ist geboren!