Kapitel 1 - Stimmen in der Ferne
Ich sitze auf dem Stuhl und bin ziemlich nervös. Natürlich würde ich es zu Hause nicht sagen, so viel ist klar. Meine Eltern sind sehr integer. Alles muss seine Richtigkeit haben, alles muss am rechten Platz sein. Das Leben muss in geordneten Bahnen verlaufen. Da habe ich einfach keinen Bock auf den Ärger, der mir blühen könnte.
Na ja, aber ich habe seit einer Woche unentschuldigt gefehlt. Und dass das an meinem Chef nicht unerkannt vorbeigeht, das hätte ich mir auch denken können. Jetzt sitze ich hier auf diesem Stuhl und warte darauf, dass er zur Tür reinkommt und mir mein Disziplinarverfahren auferlegt.
Der Job ist ja eigentlich gar nicht so schlecht. Ich bin seit drei Monaten im Zivildienst, hier im Altenheim, und eigentlich sind die Leute hier ganz cool drauf. Manchen von ihnen sieht man ja gar nicht an, dass sie schon 70 oder 80 Jahre alt sind. Die sind so voller Lebensfreude. Sie fühlen sich ganz und gar nicht abgeschoben. Ja, manche von ihnen blühen hier erst richtig auf. Ich denke oft bei mir, Mensch, wenn ich mal so alt werde, dann möchte ich auch so voller Lebensfreude sein.
Aber ich war letzte Woche irgendwie auf Achse, da hatte ich zum Arbeiten keine Zeit. Ich bin morgens nicht raus gekommen. Und mittags hatte ich dann vergessen, anzurufen. Vielleicht auch absichtlich, das weiß ich nicht genau. Als ich dann abends wieder dran gedacht habe, hing ich aber schon wieder in der Kneipe oder in der Disco. Ich trinke mir gerne mal einen. Nicht übermäßig viel, aber so zehn, zwölf Gläser sind es schon. Darf ich ja auch mit meinen 18 Jahren. Aber letzte Woche hatte ich wohl etwas übertrieben, und jetzt habe ich das Disziplinarverfahren am Hals.
Ich hole aus meiner Tasche gerade die Flasche Wasser raus, um meinen Brand zu löschen, den ich noch vom Vorabend habe. Da kommt Herr Schrödel dann rein.
„Guten Tag, Leon, wie geht es dir?“, fragt er super höflich. Man kann ihn hinter seinem Rauschebart fast nicht verstehen. Würde man ihn beschreiben wollen, käme die Figur des Catweasel ihm wahrscheinlich am nächsten.
„Ja, es geht“, antworte ich.
„Nun, dann nehmen wir mal deine Personalien auf“, beginnt er.
Ich bin genervt. Ich stoße einen lauten Atemzug aus und blicke Herrn Schrödel finster an.
„Sie kennen meine Personalien”, sage ich. „Sie haben mich vor drei Monaten an die Dienststelle überwiesen, ich war hier bei Ihnen im Büro zum Erstgespräch.“
Herr Schrödel tut so, als hätte er mich gar nicht gehört.
„Name?“, fragt er.
„Leon“, sage ich angenervt.
„Der volle Name.“
„Leon Ludwig“, antworte ich.
„Adresse?“, will er wissen.
Die kennt er auch, dennoch fragt er mich.
„Villa Kunterbunt 7003“, flüstere ich.
„Nochmal, bitte, ich habe dich nicht verstanden.“
Ich stoße einen lauten Seufzer aus.
„Hahnenweg 7 in Düsseldorf“, antworte ich dann.
„Nun, Leon, du weißt, warum du heute hier bist?“
Ich nicke stumm.
„Seit letzter Woche Dienstag bist du in deiner Dienststelle nicht erschienen. Vor drei Wochen hattest du im Altenheim schon einmal einen Tag unentschuldigt gefehlt, und jetzt hast du dich in der ganzen letzten Woche nicht einmal dort gemeldet.“
„Wissen Sie, ich darf zu meiner Verteidigung sagen, dass ich eigentlich vorgesehen war für einen Job im Büro des Bundesamtes für...“, beginne ich, werde aber dann von Herrn Schrödel unterbrochen.
„Der Zivildienst ist eine sehr ernste Angelegenheit, die man heute, Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends, schon alleine deshalb ernst nehmen sollte, weil er bald schon wegfallen könnte. Und dann sind erst recht Menschen wie diejenigen, die du betreust, angewiesen auf Menschen wie dich. Da kann man sich einen solchen Lapsus nicht mehr erlauben. Wer dann ein freiwilliges Jahr macht, der ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft.“
„Das heißt ja aber auch, dass man heute Menschen wie mich noch ersetzen kann“, werfe ich ein.
„Willst du deine Stelle unbedingt aufs Spiel setzen?“, fragt Herr Schrödel nach. „Weißt du, welches Strafmaß vorgesehen ist bei Nichteinhaltung der Richtlinien? Wären wir bei der Bundeswehr – die übrigens auch demnächst in eine Berufsarmee umgewandelt werden soll – käme das einer Fahnenflucht gleich.“
Ich stoße einen genervten Seufzer aus. „Herr Gott nochmal, dann sagen Sie mir doch, was Sie von mir erwarten.“
„Ich erwarte, dass du dir über die möglichen Konsequenzen in der Zukunft, sollte so etwas noch einmal vorkommen, im Klaren bist. Ich erwarte, dass du nicht mehr unentschuldigt fehlst und für jedes Fehlen ein ärztliches Attest anbringst. Du wirst dich bei mir, bei der Heimleitung und gesondert beim Bundesamt schriftlich entschuldigen. Verstanden?“
Das soll alles sein? Ein Schreiben machen, oder von mir aus mehrere, auf dem steht: Ich war ein unartiger, böser Junge? Das dürfte ja zu machen sein.
„War’s das?“, will ich wissen.
„Fürs Erste, ja.“
Herr Schrödel packt mitten im Gespräch eine Banane aus, die er zu schälen beginnt.
„Und ich rate dir, lass den Alkohol weg. Ich rieche, dass du gestern getrunken hast.“
„Kommt nicht wieder vor“, gebe ich dann klein bei, unter der Hoffnung, dass dieses blöde Disziplinarverfahren bald zu Ende ist. Ich stehe bereits auf zum Gehen, dann dreht sich Herr Schrödel noch einmal zu mir und sieht mich aus seinem Chefsessel mit ernsten Augen an. „Ich werde deine Eltern benachrichtigen“, meint er dann.
So ein verfluchter Mist. Jetzt habe ich die Kacke richtig am Dampfen. Ich habe gehofft, dass die das nicht spitzkriegen. Aber jetzt wird er die anrufen, und was mir dann zu Hause blühen würde, daran mag ich gar nicht denken. Wäre echt besser, heute dort gar nicht aufzukreuzen, denke ich so bei mir. Meine Güte, ich bin 18. Ich darf machen, was ich will. Also heißt das für mich, ab in die nächste Kneipe und zwei, drei Alt trinken. Vielleicht auch etwas mehr.
Es ist mittlerweile Abend, so gegen zehn Uhr herum muss es sein. Ich sitze hier im Lokal und rede die meiste Zeit nicht. Ich döse so bei meinem Bier vor mich hin. Morgen habe ich eh frei… habe ich doch, oder? Es ist doch morgen Samstag, oder nicht? Ich bin schon so benebelt, dass ich nicht mehr genau weiß, welcher Tag heute ist. Aber eigentlich interessiert mich das gar nicht.
Ich weiß nicht mehr, welche Musik gerade läuft, als ich das erste Mal diese Augen sehe. Ich weiß nicht mehr, was der Typ neben mir sagt, als sie hereinkommt. Ich höre ihn nur irgendetwas sagen, aber seine Worte gehen unter meinem Herzschlag total unter. Ich sehe eigentlich auch nicht mehr, was um mich herum passiert. Aber dieses Mädchen setzt sich dann auf einmal neben mich. Als ich zu ihr rüber schaue, sehe ich dieses lila Kleid, das sie trägt. Ich sehe ihr in die Augen, und ohne etwas zu sagen, streife ich über den oberen Ärmel dieses Kleides.
„He”, macht sie nervös.
„Entschuldigung“, sage ich, unter der Hoffnung, dass sie nicht merkt, dass ich schon einen im Tee habe. „Ist das Seide?“
„Muss wohl“, meint das Mädchen. „Wenn es sich so anfühlt.“
„Ja, tut es“, gebe ich zu verstehen. Ich weiß nicht mehr, was sie sich bestellt. Aber ich sage dann dem Kellner, dass er ihr Getränk auf mich schreiben soll.
Sie sieht mich an.
„Denkst du, ich hätte es nötig, mich einladen zu lassen?“, fragt sie. „Sehe ich so aus?“
Ich schnaufe aus. So war das nicht geplant. Eigentlich war es gar nicht geplant. Aber sie geht mir von der ersten Sekunde an nicht mehr aus dem Kopf. Ich beschließe, ihre Einwände schlicht zu überhören.
„Morgen ist eine Party in der Disco im Zentrum“, beginne ich. „Du kennst doch diese riesige Diskothek in der Altstadt, wie heißt die noch gleich?“
Sie sieht mich mit großen Augen an. Dann lacht sie freundlich.
„Hör zu, wenn du mich schon anbaggern willst, dann solltest du dich vielleicht etwas besser vorbereiten, wenn du mich in eine Disco einladen willst. Den Namen solltest du schon wissen.“
Sie trinkt ihr Getränk dann leer und gibt dem Ober dann einen Fünfer. Schließlich steht sie auf, lächelt mir noch mal nett zu und verlässt genauso geheimnisvoll wie sie hereinkam das Lokal wieder.
Ich weiß nicht einmal ihren Namen. Es ist mir noch nicht einmal gelungen, wenigstens aus ihr herauszubekommen, wie sie heißt. Ich spüre, dass ich nichts mehr richtig mitbekomme.
Alles, was ich auf dem Nachhauseweg in meinem Kopf habe, ist der Duft ihres Parfüms, ihre langen Haare und ihr lila Kleid aus Seide.
Zu Hause setze ich mich aufs Bett. Ich verschränke die Arme hinter mir und liege rücklings auf meiner Bettdecke. Den Ärger vom heutigen Tag habe ich bereits vergessen, und meinen Eltern bin ich erfolgreich aus dem Weg gegangen, die hatten schon geschlafen, als ich kam.
Wer war dieses geheimnisvolle Mädchen? Ich will sie wiedersehen. Das will ich um jeden Preis.