Kapitel 1 - Flashbacks
Der Weg schlängelt sich durch das einsame riesige Feld. Obgleich er sich gerade anfühlt, hat er viele Kurven und Windungen. Das leise Rauschen der Blätter, die sich an den Bäumen am Wegrand befinden, streift mein Ohr nur schwach. Ich höre es fast nicht, aber ich nehme es irgendwie wahr.
Über mir ist eine sternklare Nacht, und es scheint angenehm warm hier draußen zu sein, wo immer ich gerade bin.
Ich renne. Ich spüre meinen schnellen Atem, und mein Herz rast, auch wenn ich nicht weiß, warum. Da ist einfach dieses blöde Gefühl, ich müsste rennen. Und das ohne ersichtlichen Grund.
In der Ferne sehe ich hinter dem riesigen, endlos erscheinenden Feld einen Hügel. Mehrere, um genau zu sein, aber der höchste von ihnen ist mir ins Auge gestochen. Dort müsste es einen Wald geben, denke ich. Vielleicht würden sie mich dort nicht finden.
Mich nicht finden? Wer? Vor wem renne ich denn weg?
Immer wieder drehe ich mich um und sehe nach, ob sie mir gefolgt sind. Ich kann sie nicht sehen, aber ich weiß, dass sie da sind.
Ich habe Angst. Große Angst. Das merke ich schon alleine daran, wie sehr mein Herz pocht, im Rhythmus meiner Schritte. Ich weiß, ich kann nicht anhalten. Jetzt nicht.
Sie sind da irgendwo. Keine Ahnung, wer, aber ich glaube, sie sehen mich. Und wenn ich nicht schnellstmöglich ein Versteck finde, dann würden sie mich kriegen.
Plötzlich höre ich einen Ast knarren. Er scheint zu brechen und zu Boden zu fallen. Ich sehe mich ängstlich um.
Jetzt haben sie mich, überlege ich vor Angst. Sie verstecken sich hinter den Bäumen und lauern mir auf.
Ich muss weiter. Ich bin total außer Puste und kann fast keinen klaren Gedanken fassen, aber ich weiß und spüre, dass ich weiter rennen muss.
Diese Hügel am Horizont, wo vielleicht der schützende Wald gewesen sein könnte, kommen einfach nicht näher. Aber es muss doch etwas geben – etwas hier in der Nähe – wo ich mich verkriechen kann.
Nichts. Hier ist nichts, außer diesem anscheinend geraden Weg, der sich kurvenreich durch die Gegend schlängelt.
„Bleib’ stehen“, höre ich auf einmal eine tiefe Stimme rufen. Sie klingt weit weg, aber gleichzeitig sehr nah.
Das gibt mir Recht in meiner Vermutung, dass sie mich verfolgen. Reflexartig hüpfe ich hinter einen Busch, der plötzlich am Wegrand auftaucht. Ich hatte ihn wohl vorher nicht bemerkt, aber er ist groß genug, damit ich mich wenigstens für ein paar Sekunden verstecken kann. So lange, bis sie an mir vorbei gelaufen sind. Und inständig hoffe ich, dass dies gleich geschieht und sie mich dabei nicht bemerken.
„Bleib’ stehen!“
Der Stimme geht ein eigenartiges Echo voraus. Normalerweise kommt das Echo immer erst am Schluss. Dass ich es höre, bevor ich die Stimme rufen höre, macht das alles hier sehr gruselig.
Hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Aber meine Angst ist zu groß, um darüber nachzudenken.
Ich weiß noch immer nicht, wo ich hier eigentlich bin, geschweige denn, wie ich hierher kam. Ich versuchte es schon ein paar Mal in meinen Kopf zu kriegen, versuche mich zu erinnern – aber das Letzte woran ich mich erinnern kann, ist dieser Weg inmitten dieses großen Feldes.
Mein Atem geht immer noch schnell, während ich hier hinter diesem Busch ausharre. Ich spitze die Ohren und versuche etwas wahrzunehmen. Ob sie schon vorbei gegangen sind? Ich höre nichts.
Das Rascheln der Blätter verstummt. Der Wind scheint damit aufzuhören, sich durch meine langen dunklen Haare zu kämpfen. Das Rufen, welches gerade noch an mein Ohr drang, ist weg.
Habe ich es geschafft? Sind sie vorüber gerauscht und haben mich nicht bemerkt?
Es wird auf einmal mucksmäuschenstill. Ich spüre, dass sich mein Atem langsam beruhigt.
Was ist denn jetzt los?
Seltsam. Es fühlt sich an, als ob auf einmal die Zeit still steht.
Wer sind sie? Warum sind sie hinter mir her? Ich habe nichts getan, und ich habe niemandem gegenüber irgendwelche bösen Absichten. Aber ich komme mir so verurteilt vor, und tief in mir weiß ich, dass ich Grund habe, ängstlich zu sein. Wenngleich ich auch nicht weiß, warum.
Was also wollen sie von mir?
Plötzlich geschieht etwas unglaublich Seltsames, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Gerade jetzt, wo ich anfange, mich sicher zu fühlen…
Die Erde links und rechts neben mir scheint sich auf einmal zu erheben. Zuerst sehe ich kleine Maulwurfhügel aus ihr wachsen, anschließend richtige Erhebungen, die ähnlich aussehen wie Dünen, nur aus Erde eben.
In der weiteren Umgebung wächst der Boden noch viel schneller und höher an. Regelrechte Felswände formieren sich auf einmal und schießen aus dem Boden.
Die ganze Gegend – das ganze Feld mitsamt dem Weg – scheint verschluckt zu werden.
Die Sterne über mir verschwinden, als der Boden sich absenkt und die aus ihm entstandenen Wände sich über mir verschließen wollen.
Im immer matter werdenden Lichtschein erkenne ich oberhalb die Wurzeln von Bäumen, die aus der Fels- und Erddecke ragen. Ich recke mich nach oben, um sie zu ergreifen, weil ich nur raus will und nicht hier eingeschlossen sein will, aber es scheint zu spät zu sein.
Kurz darauf schließt sich die Decke über mir ganz, und es wird stockfinster.
Die Fläche, auf der ich hier hinter dem Busch kauere – einfach alles – wird plötzlich von der Erde und den Felsen komplett eingeschlossen. Ich befinde mich mitten in einer riesigen Höhle. Links, rechts und über mir ist nur noch reine Felswand. Und im Dunkeln kann ich nicht mal erkennen, wie viel von der Gegend hier eingeschlossen ist.
Mir stockt der Atem. Mein Puls rast und mein Herz schlägt wie das eines Kolibris.
Was ist nur geschehen? Was um alles in der Welt geschieht hier?
„Faith!“
Das ist jedenfalls nicht die tiefe Stimme meiner Verfolger, die ich gerade eben leise höre. Sie klingt auch nicht aufgebracht, eher ruhig. Und vor allem klingt sie nicht Angst einflößend.
„Faith“, ruft die helle Stimme erneut.
Ich sehe mich um, aber hier scheint niemand zu sein.
„Hallo?“, sage ich zaghaft. „Ist hier wer?“
Keine Antwort. Es ist still.
Hat mir mein Gehirn nur einen Streich gespielt, oder hat wirklich jemand gerade meinen Namen gerufen?
„Da ist doch jemand“, sage ich mit etwas festerer Stimme.
Mist, dass es so dunkel ist. Könnte ich doch nur etwas sehen…
Plötzlich dringt – als hätte ich es herauf beschworen – ein mattes Licht durch die Höhle. Ich weiß nicht, wie das möglich ist, und ich habe keine Ahnung, woher es kommt. Aber es ist auf einmal da.
Und dann sehe ich auch, wie groß die Höhle ist.
Eine ganze Stadt hätte hier unten Platz. Die Höhle ist so riesig, dass das Echo eines Rufes Minuten braucht, um die eigene Stimme zurückzuwerfen. Sie ist so groß, dass man nicht mehr merkt, dass man in einer Höhle ist. Fast das ganze Feld ist in ihr, und in der Mitte davon sitze ich hinter diesem Busch und sehe mich fragend um.
Dieses kleine Haus unweit von mir ist mir vorher nicht aufgefallen. Aber es ist plötzlich da.
Nachdem sich mein Puls senkt, mein Herz langsam wieder normal schlägt und ich mich einiger Maßen sicher fühle, recke ich mich hoch und laufe ein paar Schritte.
Plötzlich packt jemand mich an meiner Schulter. Ruckartig bleibe ich stehen und drehe mich langsam um.
„Moyava lanika len missa“, spricht sie zu mir.
Ich sehe verwundert in ihre dunkelblauen Augen. Dieses kleine Mädchen mag nicht älter als zehn oder elf Jahre alt sein, also niemand, vor dem ich davon laufen sollte oder müsste. Ihre schulterlangen blonden Haare schimmern glänzend im Licht, welches man für das Mondlicht halten könnte, wenn wir nicht in einer riesigen Höhle wären.
„Wer bist du?“, frage ich sie ruhig.
Sie scheint aufgebracht. Möglicherweise hat sie mehr Angst als ich, aber ich habe die Hoffnung, dass sie vielleicht ein bisschen Licht ins Dunkle bringen könnte und mich aufklären könnte, wo ich bin und was meine Verfolger von mir wollen.
„Lana mes mia tender“, redet sie in einer mir unverständlichen Sprache.
Ich lächele sie an. „Du musst keine Angst vor mir haben“, sage ich zu ihr. „Ich bin selbst auf der Flucht. Ich weiß nur nicht, vor wem.“
„Sala lem Faith“, sagt sie leise.
„Ja“, antworte ich, ohne zu wissen, was sie meint. „Mein Name ist Faith.“
Sie sieht mich mit schräg gelegtem Kopf an. Dann hebt sie einen Arm und beginnt, mir mit ihrer Hand über meine langen, schwarz-violetten Haare zu streicheln.
„Hast du auch einen Namen?“, frage ich sie.
Aber das seltsame Mädchen sagt nichts.
Dann nimmt sie meine Hand und läuft mit mir über eine kleine Anhöhe zu dem Haus, welches mir vorhin aufgefallen ist. Vorsichtig öffnet sie die Türe.
„Wohnst du hier?“, will ich wissen.
Das Mädchen macht keine Anstalten, meine Fragen in irgendeiner Weise zu beantworten. Aber instinktiv merke ich, dass sie mir nicht böse gesinnt sein kann.
Schließlich bittet sie mich hinein.
Das Haus ist zweistöckig. In der unteren Etage kann ich den großen Wohnraum ausmachen, der mit einer sehr altmodischen Küche verbunden ist. Merkwürdig ist es schon, dass inmitten des Raumes eine offene Feuerstelle ist. Das kenne ich nur aus Filmen, die im Mittelalter spielen.
Ein mit Blumenmuster verziertes Sofa – oder etwas Vergleichbares – steht in der Ecke. Dort nimmt das fremde Mädchen Platz.
Ich schaue mir noch ein paar Minuten lang die wundervollen Gemälde an den Wänden an und bewundere den geknüpften Teppich auf dem Fußboden, dann setze ich mich neben sie.
„Du wohnst sehr schön“, sage ich zu ihr.
Aber plötzlich verschwinden all die Gemälde. Die Wand wird karg.
Ein Couchtisch, kunstvoll verziert, der eben noch hier stand, löst sich ebenso in Luft auf wie der Teppich.
Die Kochstelle verschwindet genauso plötzlich.
Und auf einmal ist hier alles aus Stein. Wie in einem Kerker. Wir sitzen plötzlich nicht mehr auf einem schönen Blumensofa, nein, wir sitzen auf einmal auf einer in Stein gemeißelten Bank. Das, was sich eben noch so weich anfühlte, ist jetzt hart und unbequem. Das fremde, blondhaarige Mädchen, das eben noch ein wunderschönes Kleid trug, hat auf einmal einen alten Kartoffelsack als Bekleidung an.
Fragend, fast flehend blickt sie mich stumm an.
„Was geschieht hier?“, will ich von ihr wissen. „Ich verstehe gar nicht, was hier los ist.“
Daraufhin steht sie schließlich auf. Wie von Zauberhand hat sie einen Gegenstand in der Hand. Ich habe nicht bemerkt, woher sie ihn genommen hat, denn hier liegt nichts herum. Aber sie hat ihn plötzlich in ihrer zitternden Hand. Ihre Lippen scheinen vor Angst zu beben, als sie ihn mir gibt.
Ich nehme den Gegenstand an mich, und ich sehe, dass es eine kleine Schiefertafel ist, so wie man sie früher in den Schulen hatte. So groß wie ein Buch, nicht größer.
Plötzlich verschwindet das Mädchen.
Ich hätte schwören können, dass ich meine Augen nicht für eine Sekunde lang geschlossen habe, aber ich sehe sie nicht mehr. Ich weiß nicht, wann sie ging, aber sie ist weg, und ich sitze hier alleine in irgendeinem Haus mitten in einer riesigen Höhle.
Ich betrachte die Tafel. Sie ist schwarz und leer.
Daraufhin bemerke ich auf dem Fußboden ein kleines Stückchen weißer Kreide. Sie muss zur Tafel gehören. Vorsichtig hebe ich es auf.
Was hat das alles zu bedeuten?
„Bist du noch hier?“, rufe ich in den Raum. „Was ist das, was du mir gabst?“
Und auf einmal knarrt es. Anschließend kommen mehrere unheimliche Geräusche von irgendwo her.
„Mädchen, komm zurück“, höre ich mich rufen.
Aber sie ist weg.
Und die Angst einflößenden Geräusche werden bedrohlich lauter.
„Was passiert denn hier?“, rufe ich ängstlich.
Eilig will ich mir einen Weg nach draußen bahnen, aber da ist es schon zu spät.
Das Haus kracht über mir zusammen. Die Decke stürzt ein und droht, mich zu begraben. Die Wände fallen ebenfalls zusammen.
Ich lasse die Tafel und die Kreide fallen. Fast wie in Zeitlupe schweben sie zu Boden.
Plötzlich trifft mich ein riesiges Stück aus der Decke.
Ich zittere. Ich hechele wie ein Hund. Und mein Puls rast wieder genauso schnell wie mein Herzschlag vor Angst.
Nur eine Sekunde darauf höre ich dieses monotone Piepen. Im Sekundentakt ertönt das Signal, und ich weiß sofort, was es ist.
Das Schiffshorn ertönt, so wie jeden Morgen. Es ruft zur täglichen Versammlung, die ich abhalten werde. Meine Gefolgen möchten über den neuesten Stand unserer Lage informiert werden.
„Faith“, höre ich die sanfte Stimme meines Mannes Gil.
Ich sitze kerzengerade im Bett und sehe ihn an, als er den Raum betritt und sich zu mir setzt.
„Was ist los?“, möchte er wissen. „Geht es dir nicht gut?“
Ich schüttele den Kopf.
„Es ist alles okay“, lüge ich ihn an.
Gil nimmt mich in den Arm.
„Faith, ich sehe doch, dass es dir nicht gut geht.“
Ich schnaufe aus.
„Sag’ bitte den Anderen, dass ich gleich nach draußen komme“, spreche ich zu Gil. Daraufhin geht er aus dem Raum, und ich richte mich auf.
Ich denke nach.
Wie in einem Flashback kommen mir die Ereignisse wieder vor Augen, die dazu geführt haben, dass wir hier gelandet sind. Wie in einem Rückblick sehe ich das wieder, was geschah, nachdem wir hier waren. Es ist, als würde es genau jetzt noch einmal geschehen...
Nur eine Sekunde darauf höre ich ein leichtes Rauschen. Als ich meine Augen öffne, sehe ich, dass ich in einer kleinen Hütte auf einer weichen Matratze liege. Ich drehe mich um – und da sitzt sie neben mir.
„Nava“, sage ich erleichtert.
„Es ist alles gut, Faith“, sagt Nava ruhig. „Du hast geträumt. Jetzt bist du sicher. Dir kann nichts mehr geschehen.“
Ich recke mich auf.
Nava sitzt auf dem Rand der Matratze und sieht mich lächelnd an.
„Wo sind sie?“, frage ich das Mädchen. „Wo sind alle? Wo sind wir?“
„Es geht ihnen gut“, sagt Nava. „Sie sind alle hier. Gil ist auch hier, er hat uns hierher gebracht.“
Ich versuche, einen Blick aus dem Fenster der Hütte zu erhaschen. Aber Nava nimmt meinen Arm.
„Faith, du musst wissen, dass es noch nicht zu Ende ist“, sagt sie nachdenklich.
„Was ist geschehen?“
Nava sieht mich ernst an.
„Sasaney ist gestorben“, berichtet sie. „Das musste geschehen, damit er dir seinen Cocoon geben konnte.“
Ich weine leise.
„Ist Laura hier?“, frage ich mit ruhiger Stimme.
„Ja, Faith“, sagt Nava. „Dadurch, dass Sasaney dir seinen Cocoon gab, konntest du sie retten. Alle Minthesana sind hier. Gil hat diesen von allen Katastrophen noch unberührten Ort für uns gefunden.“
Langsam stehe ich auf.
„Sei vorsichtig, Faith“, sagt Nava. „Du bist noch etwas wackelig auf den Beinen. Du wirst deine Macht erst wieder sammeln müssen, aber wir helfen dir. Alle Minthesana helfen dir.“
Als ich nach draußen gehe, sehe ich es:
Dieser wunderschöne, unberührte Ort am Meer ist gesäumt mit kleinen, weißen Häusern. Angestrahlt von der aufgehenden Sonne leuchten sie dem blauen Himmel entgegen.
Unweit liegt der Strand. Neben uns ist ein kleiner Fischerhafen mit ein, zwei Booten, die sanft in den kleinen Wellen schaukeln.
Menschen laufen hier herum. Sie bauen an den Häusern. Sie gehen durch die Straßen oder sitzen einfach auf Bänken nahe des Meeres.
Es ist wunderschön hier. Es ist idyllisch schön.
Nava, die neben mir steht, ist mir von der Hütte nach draußen gefolgt.
„Es ist wirklich“, spricht sie leise. „Es ist nicht der Underground – es ist einfach ein unberührter Ort der Erde, an dem wir sicher sind. Aber dies ist alles wirklich.“
Als Gil mich entdeckt – er ist gerade dabei, an einem Boot zu bauen – kommt er auf mich zu gestürmt. Zugleich nimmt er mich in den Arm.
„Faith“, sagt er. „Mausi, du bist aufgewacht.“
Sanft küsst er mich.
Ich blicke ihn verwundert an.
„Wie lange habe ich geschlafen?“, möchte ich wissen. „Wie lange sind wir denn schon hier?“
Gil lächelt mich an.
„Es sind ganze drei Wochen“, erklärt er mir. „Du warst so entkräftet. Wir haben mehrmals versucht, dich zu wecken, aber du hast immer weiter geschlafen.“
Ich sehe mich um.
Unweit von uns ist eine kleine Bühne aufgebaut, umrandet von einem aus weißen Rosen bestehenden Hochzeitsbogen.
„Gil, was bedeutet das?“, frage ich ihn, als ich die Szenerie betrachte.
Verschämt sieht Gil mich an. Daraufhin holt er einen goldenen Ring aus der Tasche.
„Faith – ich weiß nicht, was ist und was sein wird. Ich weiß nicht, ob und wann wir wieder in unser Schloss im Underground zurückfinden. Aber ich möchte dich gerne fragen: Möchtest du diesen Ring annehmen und meine Frau werden?“
Überglücklich falle ich in Gils Arme.
„Ja“, sage ich. „Am Liebsten sofort.“
Ich lehne mich fest an ihn.
„Morgen Abend wird ein Fest steigen“, spricht er leise zu mir. „Und da werden wir heiraten.“
Seine starken Arme halten mich. Ich fühle solche Geborgenheit. Ich fühle solche Liebe.
Ich blicke hinauf in den Himmel. Die Unwetter sind verzogen. Es riecht nicht mehr nach Krieg und Tod. Es riecht nach Frieden, nach Natur, nach Heimat.
Dies ist nicht der Underground, ich weiß. Aber es ist wahrscheinlich der Ort, an dem wir – die Wanderer, die Minthesana – in den nächsten Monaten oder Jahren leben.
Nachdem Gil und ich gefühlte Stunden am Pier auf einer Bank sitzen, kommt ein junges Mädchen – fast schon eine junge Frau – zu uns und gesellt sich neben uns.
„Laura?“, frage ich sie, da ich sie kaum erkenne.
Das etwa 16-jährige Mädchen nickt.
„Ich bin es, Faith“, sagt sie. „Ich bin hier, im Heute und Jetzt. Ich danke dir von Herzen, dass du mich zurückgeholt hast.“
Ich blicke sie wortlos an. Sie sieht wunderschön aus, so erwachsen.
Wenig später entdecke ich unter den Menschen auch Lauras Eltern Mary-Ann und Connor. Sie machen einen freudigen, erleichterten Eindruck. Sie sprechen mich nicht an, da sie Rücksicht darauf nehmen, dass ich noch etwas geschwächt bin. Aber ich kann ihre tiefe Dankbarkeit spüren.
Und meine erst. Ich bin Gil so dankbar, dass er diesen Ort für uns gefunden hat.
Ich muss jetzt ein wenig meine Gedanken sortieren und zu Kräften kommen. Ich bedeute Laura und Gil, dass ich gerne eine Weile alleine auf der Bank sitzen würde.
Beide verstehen es und gehen ihren weiteren Beschäftigungen nach, während ich auf das weite Meer hinaus blicke.
Ruhe. Frieden. Zufriedenheit.
Es besteht keine Gefahr für uns, hier an diesem wundersamen Ort – wo immer wir sind.
Ich denke nach.
Ja, es stimmt. Viele Fragen mögen momentan noch ungeklärt sein.
Wo sind wir wirklich? Ist dieser Ort so real wie all meine Erinnerungen? Was ist geschehen, als Sasaney starb und mir seinen Cocoon gab, damit ich ihn an Laura weiter reichen konnte?
Welche Bedeutung hat Laura, dass sie während all der ganzen Geschichte nie aufgegeben hat, ihrem eigenen Tod trotzen konnte und nun wieder hier bei uns ist?
Werden wir Wanderer zurückfinden? Werde ich eines Tages wieder die Königin des Underground sein und ihn mit einem fairen, friedvollen Regiment leiten können?
Ich muss die ganze Nacht auf der Bank gesessen haben. Jetzt ist bereits der nächste Morgen heran gebrochen. Die Sonne geht auf, und ich spüre, dass mich jemand an die Hand nimmt.
„Bist du soweit, Faith?“, höre ich Gil sagen.
Sachte stehe ich auf. Ich drehe mich dreimal um mich selbst und habe wie aus Zauberhand eine Sekunde darauf ein weißes, wunderschönes Kleid an.
Und da sehe ich, dass Gil einen wunderbaren, weißen Anzug trägt.
Die anderen sind bereits vor der Bühne versammelt. Als wir in einem Gang, den sie uns machen, entlang schreiten, erblicke ich Nava auf der Bühne.
Gil führt mich die Treppen hinauf, und beide stehen wir schließlich Hand in Hand vor Nava.
„Liebe Gemeinde“, sagt Nava laut. „Liebe Wanderer, verehrte Minthesana. Wir haben uns hier zusammengefunden, um diese Frau und diesen Mann in den Hafen der Ehe zu führen.“
Nava blickt Gil aufmerksam an.
„Gil Layante – wirst du Faith zu deiner angetrauten Frau nehmen, in guten wie in schlechten Zeiten für Faith da sein, sie achten und ehren und immer an ihrer Seite verweilen? Wirst du sie lieben, für jetzt und für alle Zeiten, so spreche mit einem deutlichen Ja, ich will.“
„Ja, ich will“, sagt Gil voller Kraft.
Nava blickt mich an.
„Faith Nawroth – Königin des Underground – wirst du Gil zu deinem angetrauten Ehemann nehmen, in guten wie in schlechten Zeiten für ihn da sein und ihn achten und ehren und immer an seiner Seite verweilen? Wirst du ihn lieben, für jetzt und alle Ewigkeit? So spreche mit einem deutlichen Ja, ich will.“
Ich sehe Gil an. Ich lächele. In dieser Sekunde fließt ein Glücksgefühl durch mich, das ich bislang so noch nie erlebt habe.
„Ja, ich will“, sage ich laut.
„Gut“, spricht Nava. „Damit erkläre ich euch zu Mann und Frau. Ihr seid verheiratet.“ Nava grinst über ihre beiden Backen. „Na, los, jetzt küsst euch schon.“
Ganz zärtlich und sehr innig gibt Gil mir daraufhin einen langen Zungenkuss.
Die sanfte Musik ertönt, als plötzlich etwas sehr Eigenartiges geschieht.
Ich habe meine Augen für die Dauer des Kusses geschlossen. Aber als ich sie wieder öffne, ist Nava verschwunden.
„Schenkst du mir den Hochzeitstanz?“, sagt Gil, der offenbar von Navas Verschwinden noch nichts mitbekommen hat.
Ich blicke ihn fragend an.
„Nava ist weg“, sage ich nachdenklich. „Was ist geschehen?“
Jetzt bemerkt es Gil ebenfalls.
Auch die anderen Minthesana bemerken, dass Nava plötzlich verschwunden ist. Ein Tuscheln entsteht, gefolgt von fragenden Gesichtern.
„Es ist noch nicht vorbei“, höre ich eine leise Stimme sprechen.
Ich drehe mich zu den anderen um. Ich weiß, es ist Zeit für eine Ansprache.
„Liebe Freunde“; sage ich. „Bewohner des Underground. Minthesana. Wie ihr bemerkt habt, ist Nava plötzlich verschwunden. Ein Gefühl sagt mir, dass jemand sie an einen Ort mitgenommen hat, der im Underground liegt. Momentan ist es nur ein Gefühl, ich kann es euch nicht näher erklären.“ Ich mache eine Pause. „Der Underground existiert“, setze ich daraufhin fort. „Ich spüre es. Der Underground existiert, und Nava ist dort irgendwo. Es wird in absehbarer Zeit bestimmt sein, dass wir uns auf die Suche begeben. Es wird die Suche nach der Tür, die uns zurück bringen wird – zurück in unsere Heimat, zurück in unsere Welt, zurück in den Underground.“
Die Menschen klatschen.
„Wir alle sind die Wegbereiter des Underground“, sage ich. „Wir alle haben seine schönen und seine schweren Zeiten erlebt. Man sagte uns, all dies sei in Wahrheit nur eine Illusion gewesen. Man machte uns Glauben, unser Leben sei nicht real. Aber die Wahrheit kennen nur wir. Es ist echt. Es ist alles so echt, wie wir es erlebt, gefühlt und gesehen haben. Der Underground existiert, und wir holen ihn uns zurück.“
Wieder klatschen sie.
„Wollt ihr mit mir auf diese Reise gehen? Wollt ihr mit mir einen Weg zurück finden, Nava retten und den Underground wieder zu dem machen, was er sein soll?“
„Ja“, rufen sie klatschend.
„U für Underground“, spreche ich daraufhin die legendären Worte aus.
In meiner Hand halte ich die kleine Schiefertafel. Das Wappen des Underground leuchtet in goldenen Farben auf ihr. Es muss echt sein. Es ist echt.
Ich halte die Tafel in die Höhe. Der Applaus wird noch stärker.
„U für Underground“, sage ich erneut.
Und sie rufen diesen Satz fortwährend. Alle Menschen, Wanderer, Minthesana. Sie rufen unseren Leitspruch, und ich darf mich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder als die Königin des Underground fühlen – wenngleich es auch ungewiss ist, wann unsere Suche beginnen kann und wann und wie wir wieder Zugang zu unserer magischen Welt finden werden.
Ja, die Zukunft ist noch ungewiss. Aber eines weiß ich – ich, Faith Nawroth, Königin des Underground, habe es in der Hand.
Zwei Jahre.
Seit zwei Jahren sind wir hier an diesem Ort gefangen. Die Welt um uns herum existiert nicht mehr. Dieser kleine Ort an einer fast noch unberührten Küste ist seit zwei Jahren unsere Zuflucht.
Jeden Tag hoffen wir auf einen Weg zurück in den Underground. Jeden Morgen muss ich meinen Weggefährten sagen, dass wir noch immer keinen Weg gefunden haben.
Nava ist noch immer verschollen. Vielleicht ist sie die Einzige, die uns zurückbringen kann, aber wir haben keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren. Noch immer ist ihr Verbleib ungewiss.
Wir hoffen. Wir hoffen und beten jeden Tag.
Still und langsamen Schrittes gehe ich nach draußen. Ich stelle mich in die Mitte unserer Hütten, auf den Dorfplatz, so wie wir es nennen.
Sie sehen mich an. Sie sehen zu mir auf.
Aber ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll. Vorgestern, gestern sowie heute. Ich weiß jeden Morgen nicht, was ich ihnen sagen soll.