Scandalous, Dirty, Rich

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Summary

Ein Jahr nach dem Tod ihrer Schwester ist Lily es leid, die auf Geld ausgelegte Trauershow ihrer Mutter zu ertragen. Sie steht kurz davor New York einfach zu verlassen, als plötzlich ein mysteriöser Brief auftaucht, der nicht nur ein gefährliches Spiel entfacht, sondern sie ausgerechnet zum unausstehlichen Carter führt. Kaum hat Lily den glamourösen Intrigen der High Society den Kampf angesagt, stößt sie auf den scheinbar perfekten Myles. Schon bald findet Lily sich in einem Strudel aus Geheimnissen und Lügen wieder, bis sie sich schließlich der Frage stellen muss, wem sie noch trauen kann. Denn sie selbst scheint nicht diejenige zu sein, für die sie sich hält ...

Genre
Romance/Mystery
Author
mary
Status
Complete
Chapters
41
Rating
4.5 2 reviews
Age Rating
18+

01. Once Upon a Time on the Upper East Side

Meine Schwester war eine narzisstische Ratte. Bisher hatte ich mich nicht getraut, den Satz in einem Stück zu denken, denn ich war mir nicht sicher, wie geschützt jegliche Gedanken vor eventuell existierenden Geistern waren. Falls es welche gab, hatte Hazel sich ihnen definitiv angeschlossen, niemals würde sie mich wenigstens nach ihrem Tod in Frieden lassen. Aber mittlerweile war es über ein Jahr her, dass sie sich mittels einer Überdosis Schlafmittel in ihrem Penthouse mit Aussicht auf den Central Park ins Jenseits geschossen hatte. Vierzehn Monate Schonfrist waren genug. Sie hatte mir meinen Schulabschluss ruiniert, dafür gesorgt, dass sich niemand so recht darüber gefreut hatte, dass ich an der Juilliard angenommen worden war und einen Sommer auf Santorin mit meinen Freunden in eine drei Monate andauernde Familien-Trauerfeier in den Hamptons verwandelt.

Ja, es war tragisch und nein, es hatte mich nicht kalt gelassen. Aber hätte es sie umgebracht, bis Ende August zu warten? Gestorben wäre sie so oder so und ich hätte meinen perfekten Sommer nicht einbüßen müssen. Sozusagen eine waschechte Win-Win-Situation.

An der heutigen Tragödie wäre dadurch nichts verändert worden. Es war Sonntag, ich befand mich im Penthouse meiner Mutter auf der Upper East Side und hatte es irgendwie geschafft, mir unbemerkt die fünfte Champagnerflöte vom Tablett einer der Angestellten zu nehmen. Mom hatte zum Brunch eingeladen. Nicht zu irgendeinem Brunch – sie lud nie einfach nur so zu irgendetwas ein –, sondern zu einem glamourösen Gabelfrühstück, exklusiv für Manhattans High Society, auf dem sie endlich die Gründung der Hazel-Estefanía-Cabrera-Dallas-Stiftung gegen Medikamentenmissbrauch verkünden konnte. Irgendjemand musste den Treuhandfond meiner Schwester schließlich ausgeben, wenn sie es nicht mehr selbst tun konnte. Wäre es nach Mom gegangen, hätte das hier bereits vor einem Jahr stattgefunden. Oder besser gesagt einen Monat, nachdem ihre Tochter überhaupt von ihrem Himmelbett im dreiundsiebzigsten Stock in den Kirschholzsarg unter der Erde umgezogen war. Aber das hatte Dad mittels eines fünf Tage andauernden Streits verhindert. Nicht einmal der Suizid ihres Kinds hatte dafür sorgen können, dass sie sich mal nicht gegenseitig an die Kehle sprangen.

Ich wollte nicht hier sein. Nicht nur, weil es mir allmählich zum Hals raushing, wie schamlos Mom den Tod ihres eigen Fleisch und Blut ausschlachtete, sondern vor allem deshalb, dass mir vermutlich ein Fehler unterlaufen würde, den ich später bereuen könnte, sollte sie ein weiteres Mal erwähnen, was für ein Meisterwerk Aarons neuer Kurzfilm wäre.

Aaron Joaquín Cabrera-Dallas war mein großer Bruder. Er war fünf Jahre älter als ich, hatte vor kurzem sein Filmstudium an der University of Southern California abgeschlossen und war diesen Sommer mit einem miserablen Filmprojekt in der Tasche zurück nach Manhattan gekehrt. Wir hatten die gleichen dunkelbraunen Haare – seine waren kurz und heute ausnahmsweise ordentlich über seinen Kopf gekämmt, während meine mir dank Stylistin in schimmernden Hollywoodwellen bis unter die Brust reichten – und wir teilten Moms goldenen Teint. Sie stammte aus einem Vorort von Mexiko City und ihre Gene hatten Dads bei all ihren drei gemeinsamen Kindern geschlagen. Hazel und ich hätten Zwillinge sein können, so ähnlich sahen wir uns und, bevor sie sich die dunklen Haare in ein helles Braun mit leuchtenden Highlights umgefärbt hatte, waren wir ständig miteinander verwechselt worden. Aaron war groß und hatte eine sportliche Statur – das hatte er von unserem Vater –, grüne Augen trug ein locker sitzendes Musselin-Hemd in ecru mitsamt passenden Chinos und hatte ein klitzekleines Drogenproblem.

Jetzt grade bahnte er sich seinen Weg durch die Gäste zu mir hindurch, stieß mit seiner Champagnerflöte gegen meine und fragte mich leise: »Können wir kurz reden? Es gibt da etwas, das ich dich dringend fragen muss.«

»Klar«, stimmte ich gemeinsam mit einem dankbaren Aufatmen zu, leerte meinen Drink in einem Zug und ignorierte Moms Kopfschütteln, mit dem sie die Geste kommentierte.

Das letzte Mal, als er mir eine dringende Frage hatte stellen müssen, wollte er wissen, ob ich Kontakt zu einem Dealer mit gutem Zeug hatte, da seiner ihm abgesprungen war. Aber jede Möglichkeit, vor Moms Show zu fliehen, galt als vielversprechende Chance. Ganz besonders heute.

Ich folgte ihm die Treppe nach oben, wo sich Arbeitszimmer, Fernsehzimmer und eine kleine Privat-Bibliothek befanden, von der aus eine breite Glastür mit schwarzen Metallverzierungen auf die Dachterrasse führte. Keiner der Gäste trieb sich dort herum und, bevor ich die Tür wieder hinter uns geschlossen hatte, klemmte eine Zigarette zwischen Aarons vollen Lippen. Er hielt mir fragend die Schachtel entgegen und ich zögerte einen Moment, nahm dann trotzdem eine heraus. Genau genommen rauchte ich nicht. Aber meine Laune war miserabel und mir standen mindestens drei weitere Stunden mit Mom bevor. Eine winzig kleine Ausnahme würde mich nicht umbringen, sondern stattdessen vielleicht sogar vor möglichen Katastrophen beschützen, die Zukunfts-Lily bei diesem absurden Brunch verursachen könnte.

»Falls du die Nummer von irgendeinem Dealer willst, brauchst du gar nicht erst zu fragen.« Ich hielt kurz inne, um mit dem Feuerzeug, das Aaron mir reichte, die Kippe anzustecken »Die Antwort darauf lautet nach wie vor nein. So lange du es vermeintlich im Griff zu haben scheinst, verpfeife ich dich nicht bei Dad. Mehr nicht.«

»Keine Sorge, ich bin versorgt«, murmelte er. Dank der dunklen Gläser seiner Sonnenbrille konnte ich nicht sehen, wohin genau er sah. Aber es schien so, als würde sein Blick sich von mir abwenden und an der Skyline von Manhattan hängen bleiben, die dank der erbarmungslosen Sonnenstrahlen wie von einem Spotlight angestrahlt wirkte.

»Worum geht es dann?«, fragte ich und zog an der Zigarette.

Aaron holte tief Luft, blies einen Schwall weißen Rauch in den wolkenlosen Himmel und sagte: »Ehe du nein sagst, hör es dir wenigstens bis zum Ende an, okay?« Er wartete ab, bis ich stumm nickte, bevor er fortfuhr: »Emma ist abgesprungen – du weißt schon, die Ballerina, für die Hauptrolle in meinem neuen Kurzfilm. Ich habe ihr vor einer Woche das vollständige Drehbuch geschickt und sie hat es sich nicht einmal bis zum Ende durchgelesen, sondern mir nach den ersten paar Seiten schon eine Nachricht geschrieben, dass sie in meinem Film nicht mitspielen will. Dass es dabei explizit nur um mein Projekt geht, war ihr so wichtig, zu betonen, dass sie es gleich drei Mal erwähnen musste. Aber das hier ist New York, wie schwierig kann es schon sein, eine neue Ballerina zu finden? Na ja, scheinbar ist es quasi unmöglich.«

»Aaron …«, begann ich langsam, doch er ließ mich nicht ausreden.

»Ich weiß, was du von meinen Filmen hältst. Du findest sie furchtbar und du kannst ihn nicht leiden …«

Diesmal war ich es, die ihm ins Wort fiel: »Ihn nicht leiden? Wovon zur Hölle spricht du, Aaron?«

»Carter Azzopardi. Ich habe ihn gefragt, ob er die männliche Hauptrolle spielen will, und er hat zugesagt, obwohl er das Drehbuch gelesen hat«, antwortete mein Bruder schluckend.

»Nein. Nein, nein, nein, nein, nein. Auf gar keinen Fall.« Ich schüttelte entschlossen den Kopf, zog an der Zigarette und hob beschwichtigend beide Hände, kaum setzte Aaron zum Widerspruch an. »Carter ist arrogant, großkotzig und dreist. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass er sich für einen verdammten Gott hält. Abgesehen davon, hattest du nicht gesagt, du brauchst für beide Hauptrollen Tänzer? Seit wann kann Carter Azzopardi tanzen?«

Und selbst wenn, würde ich es ganz sicher nicht mit ihm tun, denn der Mistkerl hatte mir – wahrscheinlich unwissentlich – vor etwas mehr als drei Jahren das Herz gebrochen. Aber das würde ich Aaron nicht sagen. Es war auch so schon peinlich genug, dass ich mir einen ganzen Sommer lang die Augen wegen nichts ausgeheult hatte.

»Keine Ahnung. Vor ein paar Tagen habe ich Cooper zufällig getroffen, ihm erzählt, dass ich dringend neue Rollen suche, und er hat Carter vorgeschlagen, weil der angeblich tanzen kann. Deswegen habe ich ihn angerufen. Er wollte das Drehbuch sehen, ich habe es ihm geschickt und er hat zugestimmt«, seufzte er, zog ein letztes Mal an seiner Zigarette und trat dabei näher an das hohe Geländer der Dachterrasse heran, bevor er den Stummel zwischen den schwarzen Metallstäben hindurch auf Nimmerwiedersehen schnippte.

»Hast du gesehen, dass er tanzen kann?«, hakte ich ernst nach.

»Nein«, gab er zu.

Ich schloss die Augen und setzte zu einer Antwort an: »Aaron …«

»Was für eine andere Möglichkeit ist mir denn geblieben?« Er drehte sich so ruckartig zu mir um, dass er kurz ins Straucheln geriet. Vermutlich wegen all der Drogen, die er sich heute schon eingeworfen hatte. »Carter war nicht meine erste Wahl. Oder zweite, dritte, vierte, ja nicht einmal fünfte. Ich habe Hunderte vor ihm gefragt. Hunderte, Lily. Und in der Sekunde, in der sie das Drehbuch gelesen haben, hatten sie sofort kein Interesse mehr. Du weißt, wie schwer unsere Treuhandfonds sind und jeder andere«, er deutete blind hinter sich auf Manhattan, »da draußen weiß das ebenfalls. Ich habe diesen verdammten Tänzern ein Vermögen angeboten, damit sie in meinem Kurzfilm mitmachen. Aber das hat offensichtlich nicht gereicht, um wieder geradezubügeln, wie beschissen das Drehbuch ist. Und ich kann es verstehen. Wirklich. Mir ist bewusst, dass aus mir nicht der nächste Steven Spielberg oder Christopher Nolan wird. Wahrscheinlich hat Mom mir meinen Abschluss erkauft. Aber was soll ich denn sonst machen?«

»Du könntest das Drehbuch neu schreiben«, schlug ich zögernd vor.

»Ich habe es neu geschrieben, nachdem Emma abgesprungen ist«, sagte er knapp und ließ sich gleichzeitig auf einen der handgefertigten Acapulco-Sessel sinken, zog sich die Sonnenbrille von der Nase und fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht.

Einen Augenblick lang breitet sich Stille über uns aus. Ich folgte stumm seinem Beispiel und schnippte die ausglühende Zigarette ebenfalls zwischen den schwarzen Gitterstäben hindurch. Dann atmete ich tief ein, verschränkte die Arme unter der Brust und musterte meinen großen Bruder einen Moment. Zum ersten Mal sorgte all unser Geld nicht dafür, dass es überhaupt keine Rolle spielte, wie brauchbar die Idee für sein neues Projekt sein mochte. Er war schon seit Wochen total neben der Spur und möglicherweise war der Grund nicht, dass Mom nach wie vor damit beschäftigt war, Hazels Tod in den größten finanziellen Erfolg seit der Gründung ihres Beautylabels »Déesse« zu verwandeln, sondern an dem niemals endenden Lob, mit dem sie Aaron überschüttete. Es war nicht fair und würde mir nicht den Preis der Schwester des Jahres einbringen, doch ich beabsichtigte nicht Teil von etwas sein, was zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war. Nicht, weil ich ihm nicht helfen wollte. Nur zählte weiterhin so zu tun, als wäre Aaron der Gott Hollywoods meiner Meinung nach nicht unter Hilfe.

Ich wollte grade dazu ansetzen, ihn zu fragen, wieso er sich nicht mehr Zeit nahm und so lange an dem Drehbuch arbeitete, bis es tatsächlich lobenswert war, da trat Mom zu uns auf die Dachterrasse. Der Stoff ihres locker fallenden, eierschalfarbenen Hosenanzugs schimmerte in den goldenen Sonnenstrahlen und sie rollte genervt mit den dunkelbraunen Augen, als sie uns sah. Sie strahlte Eleganz und Souveränität aus und, wenn ich könnte, würde ich ihr Outfit sofort gegen meins tauschen. Dank ihr trug ich ein elfenbeinfarbenes, besticktes Crepe Couture Kleid mit kurzen Ärmeln und großzügigen Aussparungen an der Taille. Es war von Valentino, hatte satte zwölftausend Dollar gekostet und Mom hatte es zusammen mit diamantbesetzten Ohrringen, der Einladung zu diesem fürchterlichen Brunch und einem Paar Dior-Ballerinas aus gestepptem Cannage Kalbsleder beim Portier abgeben lassen. Zwar gehörte das Kleid zu den Hübscheren, die sie bislang in meinem Namen ausgesucht hatte, wohl fühlte ich mich trotzdem nicht. Die Garderobe sorgte dafür, dass ich jünger aussah, als einundzwanzig Jahre ohnehin noch waren.

»Na endlich. Ich hatte schon befürchtet, ihr hättet euch aus dem Staub gemacht.« Mom bemühte sich kein bisschen darum, die Abfälligkeit aus ihrer Stimme zu verbergen. Den spanischen Akzent hatte sie sich bereits in meiner Kindheit vollständig abtrainiert. »Darf ich fragen, was der Sinn hinter dieser Privatparty ist?«

»Ich wollte nur kurz mit Lily reden«, beantwortete Aaron seufzend ihre Frage.

»Wie reizend, ihr wolltet miteinander reden.« Diesmal rollte sie nicht nur mit den Augen, sondern schüttelte zusätzlich den Kopf und fasste sich mit zwei Fingern an die Nasenwurzel, um tief einzuatmen. Die Geste sah genau so theatralischer aus, wie sie vermutlich hatte wirken sollen. »Ein Stockwerk unter uns haben sich einhundertfünfzig Menschen versammelt, um eurer toten Schwester zu gedenken, und ihr habt nichts Besseres zu tun, als euch zu zweit einen sonnigen Vormittag auf meiner Dachterrasse zu machen. Und wofür? Damit ihr eine Unterhaltung führen könnt. Ich fasse es nicht. Was ist bitte so wichtig, dass ihr es nicht später besprechen konntet?«

Mein Bruder setzte sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase, stand aus dem Acapulco-Sessel auf und schüttelte den Kopf. Während er zurück ins Innere des Penthouses ging, murmelte er: »Nichts, Mom. Tut mir leid.«

Ich wollte ihm grade folgen, da griff sie nach meinem linken Arm und zog mich zu sich zurück, bevor sie zischte: »Er hat dich gefragt, ob du in seinem neuen Kurzfilm mitspielen willst, nicht wahr?«

»Mom«, begann ich und wartete darauf, dass sie von mir abließ, um fortzufahren: »Du bist anscheinend der Meinung, ihm andauernd vorzulügen, was für ein künstlerisches Genie er ist, würde dafür sorgen, dass er eines Morgens aufwacht und tatsächlich eins ist, aber so funktioniert das nicht. Ich habe kein Problem damit, ihm zu helfen. Einfach die Rolle anzunehmen, anstatt ihn zu motivieren, sich zu verbessern, hat allerdings nichts mit Unterstützung zu tun. Deshalb wollte ich ihm grade sagen, dass er sich mehr Zeit nehmen sollte, um das Drehbuch so lange zu überarbeiten, bis es wirklich brauchbar ist.«

»Und woher willst du wissen, dass er überhaupt dazu in der Lage ist, ein wirklich Brauchbares zu schreiben?«, fragte sie mich kühl.

»Es ist ein Handwerk und das kann man lernen«, antwortete ich, war mir allerdings nicht sicher, ob es angebracht war, innerlich aufzuatmen, da nichts Dämlicheres gesagt hatte, oder mich lieber in Grund und Boden zu schämen, weil mir kein besseres Argument eingefallen war.

Natürlich konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob Aaron das Zeug dazu hatte, ein Meisterwerk zu erschaffen. Aber so lange er es nicht wenigstens versuchte, standen die Chancen gleich null.

»Er hat die letzten sechs Jahre studiert. Meinst du nicht, das reicht aus, um zu lernen, wie man ein ordentliches Drehbuch schreibt? Wäre er so ehrgeizig wie Hazel, sicher, dann könnte er es sich beibringen lassen. Abgesehen davon, wenn ich mich recht erinnere, bist du mir noch einen Gefallen schuldig. Immerhin habe ich den Brunch für dich so gelegt, dass die Mathewson nicht hier sein werden. Also sei so lieb und sag deinem Bruder, dass du die Rolle annimmst. Dann sind wir quitt«, sagte sie scharf, durchbohrte mich dabei eindringlich mit ihrem Blick und machte daraufhin einen Schritt zurück Richtung Tür. »In zehn Minuten beginne ich meine Rede zur Verkündung der Stiftung. Du hast genug Zeit, vorher deinen Lipgloss aufzufrischen, denn so«, sie deutete bedeutsam auf mich, »willst du morgen sicher nicht auf der Titelseite aller erdenklichen Tratschblätter zu sehen sein.«

Ich rollte schnaubend mit den Augen, während sie wieder nach drinnen verschwand. Mir hätte spätestens dann klar sein müssen, dass ich in eine Falle getappt war, als sie diskussionslos zugestimmt hatte, den Brunch eine Woche früher stattfinden zu lassen, als sie ursprünglich gewollt hatte. Sie hatte mir Dave schließlich überhaupt erst aufgezwungen, wieso sollte sie ihn mir plötzlich vom Hals halten wollen? Wahrscheinlich war sie es gewesen, die meinem Bruder in den Kopf gesetzt hatte, mich um die Hauptrolle in seinem Kurzfilm zu bitten, da sie gewusst hatte, dass ich ihr einen Gefallen schuldig war und somit gar keine andere Wahl hatte, als zuzustimmen. Das erste Mal war es nicht und würde sicher nicht das letzte Mal sein. Wenigstens hatte sie sich einen ihrer üblichen kritisierenden – oder besser gesagt beleidigenden – Kommentare verkniffen.

Nachdem ich wie befohlen, den pfirsichfarbenen Gloss auf meinen Lippen aufgefrischt hatte, ging ich zurück nach unten zu den übrigen Gästen. Es hatte sich nichts geändert, seitdem Aaron und ich auf die Dachterrasse verschwunden waren. Die riesigen Bilder von Hazel in den filigranen goldenen Rahmen wirkten nach wie vor vollkommen deplatziert, die Gäste in der weißen Garderobe versprühten nicht grade Traurigkeit und ehe ich mich versah, stand einer der jungen Männer in den schwarzen Sakkos vor mir, sodass ich von seinem golden glänzenden Tablett eine neue Champagnerflöte nehmen konnte. Ein wenig abseits des Spektakels befand sich ein kleines Streichquartett, das in diesem Augenblick »Stronger« von Kanye West anstimmte.

Besonders viel Zeit blieb mir nicht, da winkte Mom mich schon zu sich. Sie stand auf der anderen Seite des großzügigen Wohnbereichs, hinter ihr waren zwei auffallend große Fotografien meiner toten Schwester aufgehangen worden und das antrainierte Presse-Lächeln, welches ihr Gesicht zierte, verriet, dass sie mit der Verkündung der Stiftung beginnen wollte. Außerdem standen die drei Fotografen, die sie dem Anlass entsprechend herbestellt hatte, bereit, um ihren Job zu erledigen.

Tief einatmend bahnte ich mir den Weg durch die Menge zu ihr hindurch.

»Hatte ich dir nicht geraten, deinen Lipgloss aufzufrischen?«, raunte sie mir so leise zu, dass selbst ich die Worte kaum hatte hören können, obwohl wir nebeneinander standen.

»Ich habe ihn aufgefrischt«, antwortete ich genauso diskret und nippte sicherheitshalber an dem Champagner, um bloß nicht in Versuchung zu geraten, mein Gesicht angesäuert zu verziehen.

Sie gab einen regelrecht mitleidigen Laut von sich, dann schubste sie mich liebevoll in Aarons Richtung und zischte uns, ohne dabei das Lächeln auf ihren Lippen verschwinden zu lassen, zu: »Ihr müsst nichts weiter tun, als nett auszusehen. Ich gehe davon aus, das werdet ihr hinbekommen.«

»Sicher«, murmelte ich und zwang mich zu einer freundlichen Miene, als eine etwa fünfzigjährige Frau in weißem Cocktailkleid mir grüßend zuwinkte. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war.

Aaron zog sich die dunkle Sonnenbrille von der Nase. Seine Augen waren gerötet, was für das Publikum mutmaßlich bedeutete, dass er wegen des tragischen Anlasses, aus dem dieser Zirkus überhaupt erst veranstaltet wurde, Rotz und Wasser geheult hatte. In Wahrheit lag es an dem Marihuana, dessen Geruch aus seinen Poren stieg und sich mit seinem Aftershave vermischte, und obendrein vermutlich Schuld daran war, dass er immer mal wieder vollkommen grundlos ins Stolpern geriet. Wäre Mom keine Meisterin darin, die Aufmerksamkeit ausschließlich auf sich zu lenken, hätten einige der Gäste wegen des Anblicks seiner tellergroßen Pupillen zu tuscheln begonnen.

»Vielen Dank, dass Ihr alle heute erschienen seid.« Mom legte sich die Hände auf die Brust und ließ den Blick über die Anwesenden gleiten. Die Gespräche waren verstummt und die Aufmerksamkeit lag allein auf ihr – auf uns. »Meinen Kindern und mir bedeutet es eine Menge. Wir möchten uns nicht nur dafür bedanken, dass Ihr heute hier seid, sondern auch für all die Unterstützung, die wir von Euch in dieser schweren Zeit bekommen haben.«

Ihr. Natürlich, das hier war eine Veranstaltung im privaten Kreis.

Mom wartete, bis der Applaus verstummt war. Dann trat sie einen Schritt von uns weg, sodass sie nicht länger vor der Aufnahme von Hazel stand, in der diese mit dem gleichen Lächeln, das unsere Mutter für die Pressefotografen bereit hielt, den ganzen Raum erstrahlte. Ihr Zeichen, dass sie jetzt mit ihrer Rede beginnen würde. Wäre sie jemand anderes – jemand, der mehr Wert auf Familie legte – hätte sie sich enger an uns gestellt, um der Welt zu symbolisieren, dass wir die Stiftung ins Leben gerufen hatten, um jeden da draußen vor dem schrecklichen Schicksal unserer Schwester und ihrer Tochter zu bewahren. Aber sie war nun mal nicht jemand anderes. Ich hatte mir oft genug gewünscht, aufzuwachen und eine neue, einfühlsamere Mutter zu bekommen, doch diese Wünsche waren genauso wenig in Erfüllung gegangen, wie Moms Hoffnung, ihr Imperium eines Tages an Hazel weiterzugeben. Ihre Strafe war es, ihr einzig brauchbares Kind verloren zu haben und mit zwei nutzlosen gefangen zu sein, meine war sie.

»Vor vierzehn Monaten ist für mich der größte Alptraum wahr geworden. Einer, den ich mit jeder Mutter auf dieser Welt teile. Mein Handy hat geklingelt und mein Ex-Mann hat mir die Nachricht überbracht, dass er unsere Tochter tot in ihrem Penthouse gefunden hat. Es war ein Schock. Nicht nur für mich, sondern für uns alle. Theodore und ich haben ein Kind verloren, Aaron und Lily ihre Schwester.« Die Pause, in der Mom innehielt und einen schwermütigen Gesichtsausdruck auflegte, diente rein theatralischen Zwecken. Hätte sie es geschafft, echte Tränen anstelle dieser gespielten in ihren Augen glitzern zu lassen, wäre die Show glaubhafter gewesen. »Ich habe drei Kinder zur Welt gebracht, jedoch weder erwartet, eins von ihnen nur zweiundzwanzig Jahre später zu beerdigen, noch hat mir einer beigebracht, wie man es auf die richtige Weise tut. Wenn es denn überhaupt eine gibt. Für jede Tragödie auf diesem Planeten muss ein Sündenbock gefunden werden und, während ich versucht habe, mit dem schrecklichen Schmerz und der endlosen Leere im Herzen umzugehen, die plötzlich Teil meines Alltags geworden sind, hat die Welt entschieden, dass ich das Grab meiner eigenen Tochter geschaufelt habe.«

Betretene Laute der Zustimmung gingen durch die Menge. Manche nickten mitfühlend, andere zeigten sich fassungslos gegenüber der dreisten Art, mit der die Öffentlichkeit – die echten Menschen, welche nicht wie Götter auf dem Olymp in ihren Luxusanwesen auf der Upper East Side thronten – Victoria behandelt hatte.

»Ich habe mich für dieses Leben entschieden und von den Medien zerrissen zu werden, gehört dazu. Man braucht ein dickes Fell, das habe ich auf die harte Tour lernen müssen. Aber ich habe sicher nicht schweigend mitangesehen, wie meine Tochter von ihrer Abhängigkeit zerfressen wurde. Welche Mutter würde eiskalt die Augen davor verschließen, wenn eins ihrer Kinder sich nur mit Drogen zu helfen weiß?«, fuhr sie fort, stoppte aber, als ich reflexartig ein trockenes Schnauben von mir gab. Sie wandte sich in meine Richtung, hob eher mahnend als fragend die Augenbrauen und sagte: »Ja, Lily?«

»Entschuldigung. Die Situation ist nur sehr … viel«, brachte ich heraus.

Hazels riesige Poster-Augen bohrten sich in meinen Rücken und ich konnte regelrecht hören, wie sie mich im Jenseits auszulachen begann. Es war nur ein kleines Schnauben gewesen, das hätte alles Mögliche bedeuten können. Aber Mom würde mir dafür die Hölle heiß machen. Daran bestand überhaupt kein Zweifel.

Mom gab den Leuten einen Moment Zeit, mir mitleidige Blicke zuzuwerfen, dann widmete sie sich wieder ihrer Rede: »Wäre ich mir über die Probleme meiner Tochter im Klaren gewesen, hätte ich nicht weggesehen, sondern sie unterstützt. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Hazel hat mir nie einen Grund gegeben, mich um sie zu sorgen, sie hat nie um Hilfe gebeten oder durchscheinen lassen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Deshalb möchte ich jeden von Euch darum bitten, auf Eure Mitmenschen zu achten. Fragt, wie es ihnen geht, seid aufmerksam und bietet Unterstützung an, wenn Ihr merkt, dass sie sie brauchen. Für Hazel kam jede Hilfe zu spät, die Straßen da draußen, sind allerdings voll mit Menschen, denen eine Chance bleibt. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, das übrige Geld auf ihrem Treuhandfond dafür zu nutzen, die Hazel-Estefanía-Cabrera-Dallas-Stiftung gegen Medikamentenmissbrauch zu gründen. Selbstverständlich würde ich mir wünschen, die Neuigkeiten unter anderen – leichteren – Umständen zu verkünden, aber ich denke, dass vor allem Hazel glücklich darüber sein wird, dass in Zukunft vielen Menschen in ihrem Namen geholfen wird.«

Der Raum füllte sich mit Applaus und ich stieß Aaron möglichst unauffällig mit dem Ellenbogen in die Rippen, damit er ebenfalls mit einfiel. Die Fotografen schossen Bilder davon, wie Mom den riesigen Check von einem ihrer Angestellten entgegennahm, der bewies, dass Sie eine schwindelerregend hohe Summe an die frisch gegründete Stiftung spenden würde, und ich biss mir fest auf die Wangen, um ja keine Miene zu verziehen. Sie hatte nicht einmal den vollständigen Treuhandfonds aufgeopfert. Wieso auch? Die ganze Welt wusste, dass wir zu den reichsten der Reichen Manhattans gehörten, aber wie reich? Das waren doch bloß Gerüchte. Vermutlich hätten bereits ein paar hunderttausend Dollar gereicht, um den Tratschblättern die Story der gebrochenen Mutter zu verkaufen, der endlich die Augen geöffnet worden waren.

Mom winkte Aaron und mich zu sich, damit wir zu dritt mit dem Check posieren konnten und während die grellen Blitzlichter der Kameras in den Augen brannten, bohrten sich die spitzen Fingernägel meiner Mutter in meinen Rücken und das höhnende Lachen meiner toten Schwester klingelte mir in den Ohren. Ich ließ die Show kommentarlos über mich ergehen. Und, nachdem Mom das Buffet für eröffnet erklärt hatte, versuchte ich gar nicht erst, sie daran zu hindern, mich mit sich auf hinauf auf die Dachterrasse zu schleifen. Die Sonnenstrahlen waren heißer und blendender geworden, der Lärm, welcher von den Straßen unten nach oben hallte, ein wenig lauter und der Wind stärker. Offenbar hatte sie nicht vor, bis zum Ende des Brunchs zu warten, sondern mir sofort die Konsequenzen für meinen Ausrutscher aufzuzeigen.

Sie atmete tief ein, fasste sich mit zwei Fingern an die Nasenwurzel und fragte mich mit geschlossenen Augen: »Was sollte das, Lily? Ich war mir sicher, dass du mittlerweile alt genug bist, um dich für ein paar Minuten zusammenzureißen. Mein Gott, ich habe euch ja vorher sogar daran erinnert, dass ihr nur dastehen und still sein sollt.«

»Vielleicht hättest du eine Vorwarnung hinzufügen sollen, dass du vorhast, deine tragische Rede mit ein paar Witzen aufzulockern«, spottete ich trocken.

Wir waren allein. Es gab keinen Grund, weshalb ich die Fassade der perfekten Familie weiter aufrecht halten musste. Mom wollte ein Fass aufmachen? Meinetwegen. Was hatte ich schon zu verlieren?

»Ach ja? Was ist denn deiner Meinung nach so furchtbar lustig gewesen? Erzähl mir, weshalb du dich nicht zusammenreißen konntest«, forderte sie mich energisch auf. Ihre Stimme war hörbar lauter geworden, sie stemmte ihre Hände in die Hüften und funkelte mir mit ihren dunklen Augen herausfordernd entgegen.

»Ist das dein Ernst, Mom?« Sie tat wahrhaftig so, als würde sie nicht wissen, wovon ich sprach. »Du hast dich vor all diese Leute gestellt und einen Vortrag darüber gehalten, wie wichtig dir das Wohl deiner Kinder ist und du sie niemals mit ihren Drogenproblemen allein lassen würdest, während Aaron – dein Sohn – quasi neben dir stand. Und zwar völlig high. Hast du ihm mal in die Augen gesehen? Oder an ihm gerochen? Du hast Glück, wenn niemand mitbekommt, in was für einen Zustand er ist.«

»Ich hatte keine …«, setzte sie zu ihrer Ausrede an, doch ich unterbrach sie: »Spar dir den Mist, das brauchst du gar nicht erst zu versuchen. Bevor die Gäste kamen, hast du ihm gesagt, dass er seine Drogen rechtzeitig einwerfen soll, damit er keine Entzugserscheinungen bekommt, wenn die Fotografen anfangen, Bilder zu schießen.«

Sie schüttelte ungläubig den Kopf, strich sich mit beiden Händen ein paar ihrer gewellten schulterlangen Haarsträhnen aus dem Gesicht und verschränkte dann die Arme unter der Brust. Einen Moment lang sagte keiner von uns etwas, nach einer Weile schlug sie ihren üblichen kalten Tonfall ein und meinte: »Dein Bruder ist ein hoffnungsloser Fall, Lily. Ich habe es dir vorhin gesagt und ich wiederhole es gerne ein weiteres Mal, damit du es vielleicht endlich verstehst: Aaron hat nicht das Zeug dazu, erfolgreich zu sein. Was soll ich da schon tun können? Ihm die Drogen abnehmen, sodass er von seinem Trip runterkommt und selbst realisiert, wie beschissen seine Kurzfilme sind? Damit dann nicht einmal er noch an ihn glaubt?«

Meine Mutter war vermutlich der erste Mensch auf dieser Welt, dem es gelungen war, Drogenabhängigkeit zu rechtfertigen. Oder zumindest der Einzige, der dabei selbst keine nahm.

»Du gehst also lieber das Risiko ein, noch eins deiner Kinder beerdigen zu müssen, anstatt ihm die Wahrheit zu sagen? Er weiß, dass es sich bei seinen Filmen nicht um Meisterwerke handelt. Er wird es verkraften und eventuell geht es ihm am Ende sogar besser. Außer natürlich, du wolltest die beiden sowieso loswerden, damit ich allein mich bis zu deinem Tod mit dir herumschlagen muss«, schnaubte ich fassungslos.

»Warum sollte ich nur dich übrig lassen wollen? Hazel ist die Einzige von euch, die es zu etwas bringen wird«, lachte Mom trocken.

»War. Hazel war die Einzige von uns, die es zu irgendetwas gebracht hätte. Sie ist tot, Mom«, erinnerte ich sie kalt.

Meine Worte wirkten wie ein Zauberspruch. Binnen des Bruchteils einer Sekunde schlug die aufgeladene Stimmung zwischen uns um und wurde von erdrückender Stille abgelöst. Da waren der Lärm der Stadt und das Rauschen des Windes und, mit der ausreichenden Portion Konzentration, konnte ich sogar die Streicher und die Gäste von unten hören. Aber mehr nicht. Ich schluckte stark und starrte meine Mutter regungslos an. Leid tat es mir nicht. Warum sollte es auch? Ich hatte nichts gesagt, was ihr nicht längst hätte klar sein müssen.

Nach einer Weile, die sich wie eine Ewigkeit angefühlt hatte, nickte sie und räusperte sich: »Ja, Lily, Hazel ist tot. Deswegen mache ich all das hier. Weißt du, wenn mein Ruf kaputt geht, werdet ihr genauso untergehen. Eigentlich solltest ausgerechnet du das wissen müssen. Also reiß dich zusammen, hör auf, so eine Show abzuziehen, und sieh verdammt noch mal zu, dass Aarons nächster Kurzfilm nicht wegen deiner schauspielerischen Leistung floppt.«