Kapitel 1 - Der Anfang vom Ende
„Die erste Verschmelzung von zwei Eizellen hat funktioniert. Brauchen wir endlich keine Männer mehr?
Den Forscherinnen ist ein bahnbrechender Durchbruch gelungen. Sie haben aus dem Rückenmark einer Frau das erste Sperma hergestellt. Sollte das Sperma auch befruchtungsfähig sein, dann könnte dies ein Durchbruch sein, der die männlichen Monster endlich überflüssig macht.
Jetzt wird händeringend nach Freiwilligen gesucht, die sich mit Hilfe des künstlichen Spermas befruchten lassen wollen. Diese Schwangerschaften sind von Erfolg gekrönt, weil das widerliche Y-Chromosom nicht weitergegeben wird. Keine Monsterschwangerschaften mehr. Keine Abtreibungen mehr. Keine Enttäuschungen mehr. Endlich wird es die perfekte Welt geben.“
„Kim, mach das aus. Ich will das nicht hören.“ Viki senkte die Zeitschrift in ihrer Hand und blickte auf Kim, der neben ihr auf der Couch saß. Ihre Blicke trafen sich. Doch Kim kam ihrer Bitte nicht nach, sondern deutete auf den Fernseher.
„Hast du das gerade gehört? Sie haben künstliches Sperma hergestellt. Aus weiblichem Material. Weißt du, was das bedeutet?“ Kim wagte es nicht, seine Gedanken selbst zu Ende zu formen. Nicht daran zu denken, was die Nachrichtensprecherin schon durchscheinen hat lassen.
Seufzend schloss Viki die Zeitschrift und wandte sich nun gänzlich zu Kim. Sie sah die Angst in seinen Augen und das Zittern seiner Hände. Seine breiten Schultern wurden von den Schulterpolstern in seinem Pullover überspielt. Der schwarze Stoff hing locker an seinem Körper, um noch Platz für die falschen Brüste zu haben. Sein Bart war perfekt abrasiert und wäre da nicht seine dunkle Stimme, dann würde man niemals vermuten, dass man einem Mann gegenüber saß.
„Kim, ich verstehe deine Angst. Aber was sollen wir tun? Wir können gar nichts dagegen unternehmen. Außer froh sein, wenn sie uns niemals auf die Schliche kommen.“ Viki legte ihre Hand auf seine und drückte sie leicht. Sie beugte sich dabei zu ihm herüber und küsste ihn sanft.
„Sollte das alles funktionieren. Dann bedeutet das, dass jeder Mann, der nur im Ansatz gefunden wird, sofort erschossen wird. Keine Verhandlungen mehr. Keine Begutachtung mehr. Keine Zuchthäuser mehr. Kein einziger Mann mehr.“ Kim malte weiter den Teufel an die Wand.
„Hast du es schon vergessen? Den Sturm vor zwanzig Jahren?“, erinnerte Viki ihn an einen Zwischenfall, der einzigartig war und sich nicht mehr wiederholte. Nicht mehr in solchem Ausmaß und mit so viel Blut.
„Nein, habe ich nicht. Auch wenn es nicht das Wichtigste war, was damals passierte.“ Ein glückseliges Lächeln legte sich auf seine Lippen und er umschloss nun auch seinerseits Vikis Hand. Hier in dieser kleinen Wohnung war alles, was für ihn wichtig war. Der einzige Ort, an dem er er selbst sein konnte.
„Es passierte aber nie wieder. Im Gegenteil. Im Anschluss wurden so viele Razzien durchgeführt, dass ich schon Angst hatte, sie holen mich auch. Aber irgendwie–.“ Er stockte und dachte an damals zurück. Daran, wie sie glücklich mit Isabella auf der Couch in der Wohnung seiner Schwiegermutter saßen. Die Geburt war erst ein paar Tage her, als die Frauen vor der Tür standen und um Einlass baten.
Roswitha hat sie nicht eingelassen. Mit der Begründung, dass nur sie hier gemeldet war und sie sich gerne vor ihnen ausziehen konnte, wenn sie einen Beweis für ihre Weiblichkeit brauchten. Isabella war damals ruhig geblieben und die Frauen zogen geschlagen wieder davon.
Das ganze Spektakel ging drei Tage lang, bis es den Frauen zu blöd wurde, dass sie sich begrapschen lassen sollten, und sich weiteren Kontrollen verweigerten. Sie fanden aber genug versteckte Männer. Zu viele in Kims Augen, aber bestimmt nicht alle. Sie sind damals nicht mehr in ihre Wohnung zurückgekehrt, sondern zogen in eine andere Stadt, wo man ihnen keine Fragen zu Isabella stellte. Ihre Besitztümer holten sie in einer Nacht und Nebel Aktion ab.
Zwanzig Jahre war diese verrückte Zeit nun schon her. Zwanzig Jahre, in denen Isabella heranwuchs und Kims geheime Identität weiter Bestand hatte. Zwanzig Jahre, in denen sich auch Viki wieder in eine Führungsposition hochgearbeitet hatte. Zwanzig weitere Jahre, die Kim zum größten Teil eingesperrt in dieser Wohnung verbrachte.
Zehn Jahre hatte er sich nur für das nötigste nach draußen gewagt, wie Isabella in den Kindergarten oder Schule bringen. Einkaufen musste Viki oder er ging nur gemeinsam mit Isabella. Sie war die perfekte Tarnung, zumindest als sie sprechen konnte. Sie sagte immer allen, dass Kim stumm war, und unterhielt sich dann mit den übereifrigen Frauen.
Sie hatte schnell begriffen, dass diese Lüge lebensnotwendig war und als sie alt genug für die kalte Wahrheit war, hatten sie ihr diese auch gesagt. Isabella war ein wichtiger Faktor in dieser Rechnung, die über Kims Leben entschied, und sie verstand, den Ernst der Lage schneller als so manch einer glauben wollte.
„Wir haben es geschafft und das ist das Einzige, was wirklich zählt, Kim. Isabella ist ein wunderbares Mädchen geworden. Und das da jetzt–“ Viki deutete auf den Fernseher, der immer noch die Nachrichtensprecherin zeigte, die weiter über diese neue Errungenschaft sprach. „Das da war unvermeidbar. Es ist kein Geheimnis, dass die Forschung nach Wegen sucht, die Männer gänzlich abschaffen zu können. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis es so weit kam. Wovor hast du Angst?“
„Davor, dass es neue Razzien geben wird. Die sich nicht aufhalten lassen. Dass sie jeden Mann finden werden. Dass sie mich finden werden, Viki.“ Tränen brannten in seinen Augen. Wie ein eiskaltes Wiesel wühlte sich die Angst durch Kims Herzen und Gedärme. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken, dass man ihn aus der Wohnung zerrte und hinrichtete. Vielleicht erschoss man ihn sogar sofort an Ort und Stelle. Direkt vor Viki und Isabella. Schließlich brauchten sie sein Sperma nicht mehr. Sie brauchten gar nichts mehr.
„Du bist perfekt als Frau integriert. Niemand kann seine Männlichkeit so gut verstecken wie du. Deine falschen Brüste sind perfekt und du weißt, wie du deinen Penis verschwinden lässt. Glaub mir, Kim, du würdest eine Razzia überleben“, sprach sie ihm Mut zu, den er aber nicht so annehmen konnte.
„Zumindest wenn sie mich nur befühlen, aber sobald ich mich ausziehe, sieht man es, Viki. Das kann ich nicht verstecken.“ Die Angst in seinem Herzen blieb und legte sich lähmend über seine Gedanken. Er wollte nicht so weit denken. Es musste erst einmal das erste gesunde Kind mit dieser Methode auf die Welt kommen und dann ... er zwang sich, diese Gedanken abzubrechen.
„Das ist sexuelle Nötigung, Kim. Die Regierung glaubt zwar, dass sie alles darf. Aber auch da gibt es Grenzen und die werden wir ihnen zeigen. Wir werden nicht unsere Kleider fallen lassen“, widersprach Viki vehement. Kim konnte darüber nur lächeln und er schüttelte den Kopf.
„Wenn sie euch mit einer Kugel drohen, dann solltet ihr es tun. Lieber sterbe nur ich, bevor wir alle dran glauben müssen.“ Kim sah, dass Viki diese Worte nicht akzeptieren wollte, aber es auch einsah, dass ein Toter besser war als drei. Vor allem im Hinblick auf ihre Tochter.
„Wenn du ein Mann bist, werde ich auch sterben, Kim. Das ist dir doch klar“, flüsterte sie ihm zu und er schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wenn du angibst, dass ich dich all die Jahre getäuscht habe.“
„Das glaubt uns doch niemand.“
„Wir müssen es aber versuchen.“
„Ich liebe dich.“ Viki küsste ihn erneut und nahm seine Erwiderung mit warmen Herzen an. Sie griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus.
„Ich will das nicht mehr hören. Sie werden jetzt den ganzen Tag von nichts anderem mehr reden. Ich will mich nicht davon verrückt machen lassen und mir die schlimmsten Szenarien ausmalen, Kim. Wir können eh nichts daran ändern und nur darauf hoffen, dass uns unser Glück nicht verlässt. So wie damals, mit Isabella. Daran will ich glauben und darauf hoffen. Denn sonst verliert all das seinen Sinn.“ Sie umfasste mit einer Armbewegung ihre gesamte Wohnung und entlockte Kim ein Lächeln.
„Das hoffe ich auch, Viki. Das hoffe ich auch. Und unser Leben ist nicht sinnlos. Niemals.“ Ihre Lippen fanden sich erneut zu einem Kuss, der voller Verzweiflung und Hoffnung war. Der Halt gab und Liebe spendete. Sie würden es gemeinsam schaffen. Gemeinsam oder gar nicht.