Prolog
»Kannst du damit endlich aufhören?«
Wütend gehe ich meinem älteren Bruder hinterher, welcher sich gerade seufzend durch die Haare fährt.
»Oder es wenigstens Mum sagen! Sie hat die Wahrheit verdient, Nate! Du weißt doch, was mit unserem Dad passiert ist!«, schreie ich weiter, als er so plötzlich stehen bleibt, dass ich es nicht mehr rechtzeitig schaffe abzubremsen und gegen ihn krache. Autsch.
Sofort dreht er sich um und packt mich an meinen Armen, da ich drohe, umzukippen.
»Samantha«, fängt er ruhig an, jedoch weiß ich, dass er innerlich vor Wut brodelt, da ich ihn einfach gut genug kenne. Ich habe schon sehr viel mit ihm durchgemacht.
»Du hast es mir versprochen, dass das ein Geheimnis zwischen uns bleibt. Du sagst ihr kein Wort, dass ich Bullrider bin! Du hast es mir versprochen!«
Ich verdrehe die Augen. Gott, dieses Versprechen bereue ich mittlerweile so sehr.
»Ja, das habe ich. Aber das geht jetzt bald zwei Jahre so! Mum ist eh schon immer misstrauisch, weil du so gut wie jede Woche weg bist und ich manchmal dabei bin! Ich weiß langsam keine Lügen mehr!«
Nate sieht mich an, bevor er sich seinen Cowboyhut aufsetzt, sich umdreht und einfach geht. Warum muss er nur den Sturkopf unseres Vaters haben?
»Nathaniel Coleman!«, schreie ich ihm hinterher und das zeigt sofort Wirkung.
Er dreht sich wieder zu mir um, doch diesmal verbirgt er seine Wut nicht. Aber ich weiche auch nicht zurück. Ich habe keine Angst vor ihm. Er ist immer noch mein Bruder und wird mir nichts tun.
»Du weißt, dass ich nicht will, dass sie hier meinen richtigen Nachnamen wissen! Du kennst die Gründe!«, knurrt er bedrohlich. Oh ja, die kenne ich. Auf der einen Seite soll es unsere Mutter nicht wissen und auf der anderen will er nicht mit unserem Vater verglichen werden.
Dad war ein wirklich guter Bullrider, so wie ich es aus Erzählungen und YouTube-Videos kenne. Er hörte zuerst – Mum zuliebe auf – doch dann packte ihn nach all den Jahren, da war ich gerade drei Jahre alt, nochmal die Lust, was letztendlich ihn das Leben gekostet hat.
Mir stehen Tränen in meinen Augen, als ich daran denken muss, wie ich vielleicht auch meinen Bruder an diesen Sport verlieren werde, wenn ich nicht endlich zur Vernunft kommt und damit aufhört.
»Nate! Jetzt sei nicht so stur! Irgendwann passiert dir das gleiche wie Dad! Du kennst das Video und die Folgen! Zehn Tage, Nathaniel! Willst du, weil ein Bulle dich angreift oder sonst etwas passiert, zehn Tage oder länger im Koma liegen oder sogar sterben? Was letztendlich Dad doch passiert ist?«, schreie ich weiter, während mir die Tränen über meine Wangen laufen.
Ja, ich habe Angst, meinen Bruder zu verlieren. - Große Angst sogar. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, wird aber aufgehalten.
»Anderson!«
Anderson. Sein Fake-Nachname. Als wäre er nicht stolz auf den Richtigen.
Mein Bruder dreht sich zu der Person um, die ihn gerufen hat.
»Jetzt komm verdammt nochmal in die Arena! Der Wettkampf beginnt gleich! Streit dich später mit deiner Freundin weiter!«
Freundin. Wenn sie nur wüssten, wer ich wirklich bin.
Ohne sich nochmal zu mir umzudrehen, entfernt er sich einfach.
»Nathaniel! Du bleibst verdammt nochmal hier!«, schreie ich ihm mit tränenerstickter Stimme hinterher.
Nur kurz wendet er sich wieder zu mir.
»Es ist mein Leben, Samantha. Es ist mein Leben«, murmelt er und verschwindet um die nächste Ecke.
