1. Vorstellungs-Poker
"Frau Höhenrainer? Der Chef hätte jetzt Zeit für Sie!"
Ich zuckte zusammen, schrak aus meinen Gedanken hoch, als mich die Sekretärin am Empfang der ToHa so unerwartet ansprach. Mein Kopf ruckte in die Höhe, und ich blinzelte sie irritiert an. Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich mich befand. Zu tief war ich in meine Überlegungen versunken gewesen und hatte, wie es schien, tatsächlich den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Nein, ich hatte nicht im sitzen geschlafen – so einladend war der Empfangsraum dieser Firma nicht.
Die große Glasfront ließ zwar viel Licht und Luft in den Bereich, in dem die indirekte Beleuchtung und viele, üppig grüne Topfpflanzen eine heimelige Stimmung verbreiten sollten, die einladend wirkte, aber das verfehlte dennoch jede beruhigende Wirkung auf mich. Ich war viel zu aufgeregt, um an so etwas wie Schlafen zu denken. Mit einem stillen Seufzer stand ich auf und glättete den Stoff meine engen, knielangen Kostümrocks, dabei beflissentlich das leise Zittern meiner Finger ignorierend.
Die Empfangsdame – eine groß gewachsene, sehr gepflegt wirkende Blondine, Anfang Dreißig, wie ich schnell schätzte – lächelte mich freundlich an und wartete geduldig, während ich versuchte, meinen ganzen Mut zusammenzuraffen und mich zu beruhigen. Ich war so aufgeregt, dass mein Herz bis zum Hals hochschlug und ich kaum atmen konnte.
Meine Güte, ich durfte gar nicht darüber nachdenken, wie hoch der Einsatz war, um den ich gerade pokerte! Ich – seit ewiger Zeit arbeitslos und Hartz IV Empfängerin – hatte mich tatsächlich beim Inhaber der ToHa, eines riesengroßen Konzerns der Computerbranche, als Privatsekretärin beworben – und das, ohne überhaupt entsprechende Qualifikationen für diese Stelle zu haben. Ich hatte nichts vorzuweisen, außer einem hellen Köpfchen mit genügend Verstand, um zu erkennen, dass ich schleunigst selbst etwas tun musste, wollte ich endlich aus dem Sumpf der Arbeitslosigkeit heraus. Und ich besaß eine gehörige Portion Frechheit, die mir geholfen hatte, die Bewerbung zu schreiben, obwohl diese eigentlich aussichtslos war. Und Mut. Ja, den hatte es auch gebraucht – sonst hätte ich meine Unterlagen erst gar nicht zur Post gebracht.
Mal sehen, wie weit mich das alles heute bringen würde … Im Grunde hatte ich ja nicht einmal damit gerechnet, überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch geladen zu werden. Seit ich die Bewerbung abgeschickt hatte, rechnete ich täglich mit einer höflichen Absage. Vielleicht auch weniger höflich, in Anbetracht der Umstände, dass ich so jämmerlich unterqualifiziert war und unverschämt frech nach den Sternen gegriffen hatte.
Mir war durchaus klar, ich entsprach in keinem Punkt der Stellenbeschreibung. Und doch, als ich ehr zufällig über die Ausschreibung des Konzerns gestolpert war, hatte mich das Inserat wie magisch angezogen. Die ToHa sagte mir natürlich etwas. Jeder, der einen Computer zu Hause hatte, kannte die Firma, die es locker mit den größten der Welt aufnehmen konnte. Sie machte Millionenumsätze, und dieses neue Programm, das sie entwickelt hatten, hatte in der gesamten Fachwelt für Furore gesorgt. Aber was das Wichtigste war: Zufällig lag der Hauptsitz der Firma genau in ››meiner‹‹ Stadt. Das hatte dann den Anstoß gegeben.
Chefsekretärin gesucht, hatte da gestanden. Freundlich, kompetent, selbständig denkend – das traf auf mich zu. Und kaufmännische Erfahrung hatte ich im Überfluss.
Nun ja, dass ich das ausgeschriebene Höchstalter von Vierzig geringfügig überschritten hatte, darüber setzte ich mich hinweg. Und den Rest der geforderten Eigenschaften und Fähigkeiten, die ich nicht besaß, unterschlug ich glattweg. Ich war fit in allen Bereichen am Computer (nur mit Excel lag ich irgendwie immer im Clinch), konnte mich gewählt in Wort und Schrift ausdrücken, und ich liebte es, zu organisieren und selbständig zu arbeiten. Mein Englisch war hervorragend, mein Französisch passabel, und einen Führerschein hatte ich auch … Das war doch besser als nichts! Ich musste es nur schaffen, meine Qualitäten ins rechte Licht zu rücken und mich gut zu verkaufen! dafür würde ich alles in die Waagschale legen, was mir zur Verfügung stand.
Ich grinste in mich hinein und folgte der netten Empfangsdame zu dem Aufzug, der uns in die Chefetage bringen würde. Sie lächelte immer noch freundlich, während sie mit mir nach oben fuhr. Langsam wurde ich wieder ich selbst. Das lag wohl daran, dass ich genau wusste, wie gerne ich mit dem Feuer spielte. Das hier war das klassische Beispiel dafür, ich wagte sozusagen ohne Einsatz ein Pokerspiel, in dem ich nichts zu verlieren hatte. Aber alles zu gewinnen! Mit einem weiteren unhörbaren Seufzer nickte ich der Blondine freundlich zu und folgte ihr dann in der fünfzehnten Etage den Gang hinunter, bis zum Allerheiligsten des Firmeninhabers. Wir durchquerten das Vorzimmer des Chefbüros und ließen den großen, leeren Schreibtisch links liegen. Ich starrte auf die Tür, die am anderen Ende des Raumes lag. Die Holzmaserung schimmerte matt auf dem dunkelroten Mahagoni …
Die Blondine klopfte leise an, dann öffnete sie die Tür. "Ihr Termin, Herr Hansen", wurde ich angekündigt.
"Danke, Janine. Sorgen Sie bitte dafür, dass ich nicht gestört werde. Keine Ausnahmen! Auch keine Telefongespräche durchstellen", hörte ich gedämpft eine Stimme hinter der Tür. Ich musste mächtig meine Ohren anstrengen, um etwas zu verstehen. Den Sprecher sah ich noch nicht. "Und Sie können dann Feierabend machen. Ich brauche Sie heute nicht mehr!"
"Ja, Herr Hansen – selbstverständlich werden Sie nicht mehr gestört. Noch einen schönen Abend dann … Bis morgen!" Aufmunternd lächelnd wandte sich mir die Empfangsdame zu, während sie beiseitetrat und mich mit einem weiteren Nicken bat, einzutreten.
Ich gehorchte, wagte dann tatsächlich den Schritt ins Allerheiligste und kam mir dabei vor, wie einer der Gladiatoren beim Einzug ins Kolosseum in Rom. Und dann stand ich plötzlich da, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen.
"Guten Abend, Frau Höhenrainer, nehmen Sie doch bitte Platz!" Mit diesem Satz wurde ich vom Inhaber der ToHa in Empfang genommen, kaum dass sich diese Janine zurückgezogen hatte – und für Sekunden war ich nicht in der Lage, mich auch nur irgendwie zu bewegen.
Tiefschwarzer Samt – das war der erste Eindruck, der sich mir aufdrängte, als ich diese Stimme das erste Mal unverfälscht hörte, in natura und nicht durch die Tür gedämpft. Ich schluckte. Bestimmt spielten mir vor Aufregung meine Sinne einen Streich. Kein Mann konnte eine solche Stimme haben. Das klang ja überhaupt nicht geschäftsmäßig … Nein, ich musste mich verhört haben! Ganz sicher lag es an dem übermäßigen Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Benommen schüttelte ich unmerklich den Kopf, um die Starre abzuschütteln, und dann war ich endlich in der Lage, mich von der Tür ab- und ihm zuzuwenden. Ihm, Thomas Hansen, seines Zeichens Geschäftsführer, Firmengründer und alleiniger Eigentümer der ToHa. Genannt der "Hansen-Teufel". Und vielleicht mein zukünftiger Arbeitgeber?
Dieser Gedanke erinnerte mich jäh daran, wozu ich hier war an diesem Abend. Und endlich war ich wieder in der Lage, mich rational zu verhalten und die Faszination abzuschütteln, in die diese sexy klingende, männliche Stimme ich so unverhofft versetzt hatte. Automatisch sendete ich ein Lächeln in die Richtung, aus der die Stimme kam – auch wenn ich dabei geblendet blinzelte. Denn sehen konnte ich nichts. Ein gleißender Halogenstrahler war genau so eingestellt, dass er mir direkt in die Augen leuchtete. Fast blind tastete ich mich in Richtung des Sessels vor dem Schreibtisch und kam mir ein wenig vor, als wäre ich in einem Verhörraum. So ungefähr musste sich das auch anfühlen, so sah man es zumindest immer im Fernsehen. Der Sprecher war nur als undeutliche Schattengestalt hinter dem Licht zu erkennen.
Und dann saß ich endlich. Wieder ein stiller Seufzer. So, jetzt war ich erst einmal hier. Bis hierhin hatte ich es geschafft. Jetzt konnte es weitergehen. Instinktiv schlüpfte ich in die Rolle, die ich immer in solchen Momenten spielte – die der coolen, dynamischen und vor allem kompetenten Bewerberin, die nichts erschüttern konnte, die alles im Griff hatte und die ja so verdammt gut von sich selber wusste, wie erstklassig sie auf ihrem Gebiet war. Das musste ich jetzt nur noch diesem Hansen verkaufen …
"Bist du das wirklich?", meldete sich plötzlich meine innere Stimme. Da war sie nun, diese lästige Frage der Unsicherheit, und für einen Sekundenbruchteil wollte mir das professionelle Lächeln glatt verrutschen. Aber ich hatte mich schnell wieder im Griff. Natürlich war ich gut. Ich hatte den bürokaufmännischen Kurs als Klassenbeste abgeschlossen, ich war clever, anpassungsfähig, und ich war …
"Sie haben sich also für den Posten meiner Chefsekretärin beworben?", tönte es mitten in meine Gedanken hinein.
Schon wieder zuckte ich zusammen. Was war nur los mit mir? Ich konnte doch nicht in einem so enorm wichtigen Moment gedanklich abschweifen? Was ich jetzt brauchte, das war ein kristallklarer Verstand. Ich brauchte diese Stelle. Ich wollte sie! Und vor allen Dingen brauchte ich das Geld, das sie mir einbringen würde, um meine Finanzen zu bereinigen. Ich wollte endlich wieder leben, unabhängig von Amt und immer am Rande des Existenzminimums. Leben, wie ein Mensch …
"Ja, Herr Hansen, das habe ich", antwortete ich mit einem geschäftsmäßig kühlen Lächeln. "Und das habe ich in dem Wissen getan, dass ich genau die Richtige sein werde für diese Position!"
Er begann in einem Ordner zu blättern, den ich unschwer als meine Bewerbungsmappe identifizieren konnte – das Bordeauxrot hatte mir in dem Schreibwarenladen so gut gefallen -, bis er zu meinem zweiseitigen Lebenslauf kam. Ohne davon aufzusehen, sagte er zu mir: "Sie haben, wie es scheint, ein bewegtes Berufsleben hinter sich …" Mist! Ich fühlte, wie ich innerlich schrumpfte. War ja klar, dass der gleich auf meine mangelnde Büroerfahrung zu sprechen kommen würde. "… obwohl Ihre Schulbildung sich durchaus sehen lassen kann!"
Innerlich grollte ich. 'Als wüsste ich nicht selbst, dass ich meine Mittlere Reife an der Wirtschaftsschule damals mit einer Eins abgeschlossen habe!', maulte ich stumm.
"Aber eigentlich kommen Sie doch eher aus dem Einzelhandelsbereich …" Wieder sprach er, ohne aufzuschauen.
Ich räusperte mich, damit endlich der Frosch aus meiner Kehle verschwand. "Ja, das stimmt. Aber ich möchte mich gerne beruflich verändern. Und neu anfangen …"
"Obwohl Sie bereits Filialleiterin waren und etliche berufliche Erfolge und Erfahrung diesbezüglich vorzuweisen haben?"
Ich schluckte. Was war das jetzt? Eine Fangfrage? Aus meinem Lebenslauf war doch ersichtlich, dass ich seit drei Jahren arbeitslos war – und bestimmt konnte er sich deshalb auch denken, dass ich mittlerweile nach jedem Strohhalm greifen würde, um Hartz IV endlich hinter mir zu lassen. Selbst, wenn ich dafür so hoch pokern musste wie in seinem Fall …
Anscheinend hatte sich bei diesen Gedanken meine Stirn unwillkürlich gerunzelt, denn plötzlich lachte dieser Hansen leise und sagte launig: "Sie müssen nicht darauf antworten, das Warum und Wieso ist natürlich Ihre Privatsache. Und im Grunde genommen ist es mir auch egal, warum Sie sich bei mir beworben haben. Was für mich zählt, ist einzig und allein, ob Sie tatsächlich die geeignete Person sind – und in der Lage, so eng mit mir zusammenzuarbeiten, wie es die Stelle einer Privatsekretärin nun einmal erfordert!"
Mit angehaltenem Atem wartete ich still darauf, dass er weitersprechen würde, doch es kam nichts mehr. dafür begann er, wieder in der Mappe zu blättern. Was mich schon wieder gehörig irritierte, denn so umfangreich waren meine Unterlagen nun wirklich nicht! "Und wovon hängt das ab?", wagte ich schließlich die leise Frage.
"Von etlichen Faktoren", brummte er, ohne aufzusehen, und am liebsten hätte ich frustriert die Augen verdreht. Wieder verdammte ich den Umstand, dass mich der Halogenstrahler wie verrückt blendete und deshalb seine Gestalt in undurchdringlichem Schatten lag. Ich hätte diesen Hansen gerne gesehen und gewusst, wie er wirklich war. "Von Sympathie, Chemie, Übereinstimmung", kam es fast gelangweilt aus seiner Richtung.
Irgendwie bekam ich langsam das Gefühl, mich im falschen Film zu bewegen. Noch nie hatte ich so ein bizarres Vorstellungsgespräch erlebt, und ich hatte schon etliche hinter mir! Dieser Hansen musste schon wirklich ein verschrobener Vogel sein. Sympathie – okay, das leuchtete mir ja noch ein. Wenn man eng zusammenarbeiten wollte, sollte man sich zumindest mögen. Aber was zum Teufel hatten Chemie und Übereinstimmung mit einem Bewerbungsgespräch zu tun? Oder mit der Stelle einer Chefsekretärin. Es war schon gut, dass er sich in diesem Moment wieder tief in meine Unterlagen vergrub, denn so sah er den unwilligen Trotz nicht, der meine Mimik zweifellos verriet. Am liebsten wäre ich aufgestanden und gegangen.
'Wag dich das ja nicht!', grollte meine innere Stimme und ich gab mir selbst einen Ruck. Energisch brachte ich meinen Gesichtsausdruck wieder unter meine Gewalt und rief mich innerlich selbst zur Ordnung. Es war ganz egal, wie spleenig er war – Hauptsache, ich bekam den Job! Und dafür, das machte ich mir schnell erneut bewusst, dafür war ich bereit eine ganze Menge an schrulligen Launen meines Bosses zu schlucken. So viel stand ja mal fest!
"Ich habe mir erlaubt, ein paar Recherchen im Internet über Sie anzustellen", teilte er mir in meine Gedanken hinein mit. Und wieder zuckte ich zusammen und mein Kopf ruckte hoch. Entgeistert blickte ich in das gleißende Licht des Strahlers, versuchte die Gestalt dahinter im Schatten zu erkennen. Fühlte förmlich die Gewitterwolken, die sich über meinem Haupt zusammenbrauten.
"Aha …" Ein intelligenterer Kommentar fiel mir dazu einfach nicht ein. Wieder zog eine ahnungsvolle Gänsehaut über meinen Körper. Ich begann, mich immer unbehaglicher zu fühlen. "Und was haben Ihre Recherchen ergeben?", wisperte ich leise – wohl wissend, was jetzt kommen würde. Ich hatte geahnt, dass mich diese Geschichte ein Leben lang verfolgen würde. So etwas klebte an einem, und es zählte einen Dreck, ob die Leute die Wahrheit über so eine Geschichte wussten oder nicht. Lag erst einmal der Makel eines solchen Verdachtes auf einem, hatte man von Haus aus schon verloren. Und ich wusste das aus eigener Erfahrung, denn genau das war der Grund für drei Jahre Hartz IV! Frustriert sah ich meine Felle davonschwimmen … Mist!
"Sehr interessante Tatsachen über die Frau hinter der Bewerbung", antwortete er nach einer Weile auf meine Frage. Ein Beben lief durch meine angespannten Nerven – es war unschwer zu bemerken, dass er grinste, auch wenn sein Gesicht immer noch im Schatten lag. Ich hörte es seiner Stimme an. Und dann, ganz sanft und ernst: "Was ist dran an der Geschichte mit dem sexuellen Übergriff?"
Oh verdammt! Ich hatte gewusst, dass das kommen würde. Diese verdammte Sache von damals. Würde ich die nie mehr loswerden? "Nichts!", kommentierte ich knapp und erstickte trotzdem fast an dem einzelnen Wort.
"Etwas genauer, bitte!" Als ich zögerte, setzte er nach. "Sie haben sich für eine Vertrauensstellung beworben. Also sollten Sie, gerade wenn es um so eine Anschuldigung geht, schon mit einigen Details mehr aufwarten und etwas ausführlicher werden!", kanzelte er mich ab. Das Amüsement war aus seiner Stimme verschwunden. Nun streichelte der schwarze Samt nicht mehr, es fühlte sich eher wie Schleifpapier an. Und fast gegen meinen Willen reagierte ich auf den neuen Klang, der sich eingeschlichen hatte. Beugte mich – anstandslos – der Strenge …
"Mein damaliger Chef hatte mir etwas vorgeschlagen, das überhaupt nichts mit meiner Stelle in seinem Betrieb zu tun hatte. Und als ich mich weigerte, sein Liebchen zu werden, verbreitete er das Gerücht, ich hätte versucht, ihn zu verführen, um mich hochzuschlafen. Und kündigte mir dann, als ich mich gegen diese Geschichte zur Wehr setzte und sie öffentlich dementierte", sagte ich tonlos.
"Und – haben Sie es getan?"
Diesmal zuckte ich wie unter einem Schlag zusammen bei dieser unverschämten Frage. So heftig, dass es ihm kaum entgangen sein konnte. Doch ich hielt den erbosten Protest zurück, der mir instinktiv über die Lippen wollte. Ich hatte es so satt, mich immer wieder gegen diese haltlose Unterstellung verteidigen zu müssen. Stattdessen starrte ich aufgebracht in Richtung des Schattens hinter dem Schreibtisch und zischte nur: "Nein!"
Plötzlich ließ er von meinen Unterlagen ab, setzte sich aufrecht hin und schaute in meine Richtung. Ich wusste instinktiv, dass sein Blick mich jetzt umfasste und abschätzte. Und wieder war mir, als könnte ich nicht mehr atmen. Als würde etwas von mir Besitz ergreifen und meine Brust eng werden lassen. Aus welchem Grund auch immer das so war, das entzog sich mir, wie sich mir auch sein Anblick entzog durch den tiefen Schatten, in dem er saß.
"Ich bin ganz ehrlich zu Ihnen, Frau Höhenrainer", begann er zu sprechen. "Im Grunde interessiert mich diese ganze Geschichte nicht wirklich", teilte er in sprödem Tonfall nach einer kleinen Pause mit. "Ich kenne Ihren ehemaligen Arbeitgeber und muss zugeben, dass er nicht von der angenehmen Sorte ist. Ich traue ihm so eine Art Geschäftsgebaren durchaus zu. Keine Frau, die einigermaßen intelligent ist, würde sich auf ein Verhältnis mit dem alten Werner einlassen!"
Noch eine kleine Pause. Wieder stellten sich die Härchen an meinem ganzen Körper auf. Ahnungsvoll … "Aber im Zuge meiner Nachforschungen bin ich auch noch auf eine andere, interessante Sache gestoßen. Und ich gebe zu, das ist exakt der Grund, warum Sie jetzt hier sitzen. Trotz Ihrer – wie Sie selbst eingestehen müssen – mehr als mangelhaften Qualifikation für diese Stelle!"
Ich verstand nur Bahnhof. Und das war mir vermutlich auch deutlich anzusehen. Wenn er so dachte – warum hatte er mich dann herbestellt und verschwendete seine sicherlich sehr kostbare und rare Zeit mit mir? Doch Hansen achtete nicht mehr auf mich. Er tippte auf der Tischplatte – einem hypermodernen Touchscreen, wie ich erkannte – und schaute dann, wie es schien, versonnen auf das, was sich auf dem Monitor zeigte.
"Die Frage, die ich mir stelle, seit Ihre Bewerbung auf meinem Schreibtisch gelandet ist, ist die: Warum sind Sie ausgerechnet bei mir gelandet? Was hat Sie dazu bewogen, sich ausgerechnet bei mir um die Stelle einer Chefsekretärin zu bewerben, obwohl Sie noch niemals zuvor in diesem Bereich gearbeitet haben und eigentlich alles – absolut alles! – dagegenspricht, dass Sie auch nur in die engere Wahl der Bewerberinnen kommen?"
Ich wusste keine Antwort darauf. Fühlte nur eine seltsame, plötzliche Kälte auf meiner Haut – gerade so, als wäre innerhalb weniger Sekunden die Temperatur in seinem Büro unter den Nullpunkt gesunken. Gebannt und auch etwas ängstlich beobachtete ich, wie er den Flachbildschirm mit langsamen, wohlgesetzten Bewegungen herumdrehte, sodass auch ich sehen konnte, was er darauf so intensiv angeschaut hatte. Jäh erstarrte alles in mir zu Eis.
"Glauben Sie an das Schicksal, Frau Höhenrainer?"
Ich hörte seine Frage kaum, so rauschte mir plötzlich das Blut in den Ohren. Ich fror so sehr, dass ich regelrecht zitterte, gleichzeitig aber brodelte es in mir. Mich überlief ein heißer Schauer, eine Hitze, die von reinster Scham herrührte, gepaart mit blankem Entsetzen … Und diese Hitze kroch mir in flammender Röte den Nacken hoch bis zu den Schläfen, über die Wangen und wieder hinunter bis zum Brustansatz, den die dezente Kostümjacke nur ansatzweise zu erkennen gab. Wie gebannt starrte ich das Bild auf dem Monitor an – das Bild, das mich zeigte. Doch nicht etwa die Frau, die sich hier vorgestellt hatte als Hansens persönliche Sekretärin. Nein, sondern jenen anderen Teil dieser Frau, die ich eigentlich war: die Sklavin. Ein Bild, das in diversen Chaträumen und Profilen und auch über meine Homepage im Internet relativ bekannt war. Ein Bild, das nichts verbarg, nichts verheimlichte, nichts beschönigte – aber in allen Einzelheiten unterstrich, was ich war und wie ich war und wie ich lebte! Sklavin pur …
Ganz sicher war es ein Bild, das man seinen Chef lieber nicht sehen lassen wollte, auch nicht den womöglich zukünftigen … Denn es zeigte mich nackt, nur mit einem Halsband bekleidet, kniend vor dem Sessel in meinem Wohnzimmer. Um mich herum lagen einige Sextoys verstreut. Auf den flachen Händen, die Arme ausgestreckt, hielt ich einen Rohrstock, den ich ihm, dem Fotografen, darbot, als bäte ich um eine Züchtigung. Das Haar war gelöst, es fiel mir offen über den Rücken. Man konnte deutlich sehen, dass Striemen meine Flanken zierten. Das Make-up war verschmiert – besonders um die Augen herum – Folge der Tränen, welche die Schläge ausgelöst hatten. Das Offensichtlichste an dem Foto aber waren meine Augen. Hell und intensiv war mein Blick – wie immer. Aber von einer Unterwürfigkeit und Hingabe sprechend, die Ausdruck meiner Neigung war, nämlich der einer devoten und masochistischen Sklavin, die sich ihres Status‘ bewusst war. Das Foto einer Sklavin. Der Sklavin, die ich war und seit über zwanzig Jahren lebte. Das Bild der Sklavin Sisa …
Es war eine Sache, sich jemanden selbst zu offenbaren. Ich hatte noch nie ein Problem damit gehabt, mich als SM-lerin zu outen. Und ich war in der beneidenswerten Lage, es mir erlauben zu können, meine Neigung nicht verbergen oder verheimlichen zu müssen. Es gab niemanden, dem ich diesbezüglich Rechenschaft schuldig gewesen wäre. Ich brauchte nicht zu lügen und konnte zu dem stehen, was ich war. Mein Privatleben hatte ich entsprechend gestaltet, und die Leute, die mir wichtig waren und am Herzen lagen, die wussten – ausgenommen meine Mutter – alle Bescheid. Deshalb hatte ich mir auch den Luxus dieser Homepage leisten können, mich dort zu zeigen, meine Geschichten anzubieten und eben auch jenes Foto. Dass ich eine Sklavin war, war kein Geheimnis. Und dennoch war es etwas andres, mit dieser Seite meiner Persönlichkeit während eines Bewerbungsgespräches konfrontiert zu werden. Diese Art Outing war niemals geplant gewesen!
Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich auf das Foto, das mir sein Monitor anzeigte, und von einer Sekunde auf die andere bekam ich keine Luft mehr. Ich registrierte nur am Rande die widersprüchlichen Gefühle, die in mir aufwallten – und reagierte instinktiv. Ansatzlos gab ich diesem Instinkt in mir nach, der schrie: Weg von hier … raus … egal wohin, nur raus aus dieser entsetzlich blamablen Situation!
"Sitzen bleiben!", schnarrte es plötzlich aus seiner Richtung – gerade so, als hätte er erkannt, in welche Richtung meine Gedanken gerade rasten. Der schwarze Samt seiner Stimme fühlte sich auf einmal wie kühle Seide an: glatt, bedrohlich, bezwingend und betäubend in seiner Intensität. Er hatte die Stimme nicht erhoben, die Lautstärke nicht geändert – aber ich gehorchte. Ich blieb sitzen, nicht mehr fähig, auch nur einen einzigen Finger zu bewegen. Eingefroren in meiner angespannten, gekrümmten Haltung. Und auch nicht in der Lage, den Blick von diesem Foto abzuwenden. Überall hätte ich es erwartet zu sehen – überall, nur nicht hier in diesem Büro!
Eine Ewigkeit blieb es still. Hansen sprach nicht, er schien mich nur zu beobachten. Und ich wagte es nicht, mich zu bewegen. Ich atmete so flach, dass ich selbst nicht mehr sicher war, ob ich nicht schon längst vor Schreck gestorben war. Wie erstarrt saß ich in dem Sessel, gnadenlos dem grellen Licht des Halogenstrahlers ausgesetzt – was überdies auch noch bewirkte, dass ihm keine einzige meiner Regungen entgehen konnte. Wieder fühlte ich mich wie bei einem Verhör. Auch dort war man ja als Tatverdächtiger dem grellen Licht ausgesetzt, während der Rest des Raumes immer im Dunkel lag.
Und ich wusste, er bekam gerade einiges zu sehen, wenn er mich beobachtete. Mich durchströmten Tausende von Gefühlen gleichzeitig. Jedes einzelne davon war ganz sicher meinem Gesicht anzusehen, und ich schaffte es einfach nicht, meine rotierenden Gedanken zur Ruhe zu zwingen. Ich konnte nicht einmal mehr richtig denken, so tief saß der Schock. Und die Ungewissheit, warum er mich all dem aussetzte, bohrte in mir und bewirkte, dass ich gleichzeitig schwitzte und fror.
Er war für mich immer noch nur ein großer, dunkler Schatten hinter dem Schreibtisch. Anonym. Irgendwie bedrohlich sogar, weil er so massiv und mächtig wirkte. Und doch … Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, war ich eigentlich überhaupt nicht beängstig. Nur irritiert. Das war das Seltsame daran.
Hansen gab mir eine Ewigkeit Zeit. Die Zeit, die ich brauchte, bis ich wieder in der Lage war, normal zu atmen. Dann erst sprach er leise weiter. "Ich glaube an das Schicksal, Frau Höhenrainer – das sage ich Ihnen ganz offen. Es wird seinen Grund haben, warum Sie hier gelandet sind und jetzt hier in meinem Büro vor mir sitzen. Und es wird auch seinen Grund haben, warum ich auf diese Internetseite gestoßen bin, auf der Sie so offenherzig über das berichten, was Sie sind und wie Sie leben. Oder soll ich sagen, was Sie leben?" Er stockte, schien aber keine Antwort zu erwarten, denn er sprach schon weiter. "Sind die Informationen, die Sie auf der Homepage von sich preisgeben, aktuell?"
Ich schluckte schwer. "Welche meinen Sie?"
Er zögerte, schien sich die Worte gut zu überlegen. "Sie leben Ihre Neigung seit über zwanzig Jahren real aus? Sie sind devot-masochistische Sklavin? Und derzeit herrenlos?"
Ich nickte langsam, war immer noch wie betäubt und dachte nicht im Entferntesten daran, ihm eine Antwort zu verweigern oder gar die Tatsachen abzustreiten.
Stille. Dann etwas, das nach leisem Lachen klang. "Warum sind Sie hier?", fragte er in diese hallende, in meinen Ohren dröhnende Stille hinein.
"Das liegt doch auf der Hand – weil ich diese Stelle haben möchte!", krächzte ich.
"Obwohl Sie doch im Grunde selbst wissen, dass Sie kaum eine Aussicht auf diesen Posten haben?"
"Manchmal muss man eben im Leben hoch pokern, wenn man etwas unbedingt haben will – und braucht", gab ich ehrlich zu. Jetzt hatte ich ohnehin nichts mehr zu verlieren.
"Und wie hoch ist dieser Einsatz, um den Sie pokern?"
Bedeutungsschwer hing diese Frage im Raum. Ich schluckte wieder und leckte mir in einer nervösen Geste unbewusst über die trocken gewordenen Lippen. Lauschte in mich hinein. Und hob dann den Kopf. Schaute den Schatten direkt an – soweit das überhaupt möglich war.
"So hoch, wie es nötig ist, um zu gewinnen und die Stelle zu kriegen", sagte ich mit einer Ruhe in der Stimme, die das genaue Gegenteil von dem war, was ich tatsächlich empfand. Nichts an mir war ruhig in diesem Moment. Selten zuvor hatte ich mich so aufgescheucht und aus der Bahn geworfen gefühlt.
Es schien, als dächte er über meine Worte nach. Der Schatten regte sich nicht, und mir kam es so vor, als würden sich gerade Sekunden zu Stunden dehnen – so lange schwieg er. Als ich schon dachte, es käme nichts mehr von ihm, bewegte er sich endlich. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich hörte ein Geräusch aus seiner Richtung, das nach einem tiefen Durchatmen klang. Gerade so, als hätte er eine folgenschwere Entscheidung getroffen.
Nur welche Entscheidung? Mich betreffend? Hatte ich denn trotz dieser entsetzlichen Enthüllung immer noch Aussicht auf die Stelle? Verdammt, warum sagte er denn nichts?
Wieder wirbelten meine Gedanken im Kreis, als hätte ich ein Kinderkarussell im Kopf. Etwas riet mir dazu, einfach aufzustehen und zu gehen. Mich mit so viel Anstand wie möglich aus der Affäre zu ziehen. Die ganze Angelegenheit mit einem Achselzucken abzutun und zu versuchen, mir wenigstens einen Rest von Würde zu bewahren. Obwohl: Konnte von Würde überhaupt noch die Rede sein, nachdem der potenzielle Arbeitgeber ein Nacktfoto im Internet entdeckt hatte, das einen unzweifelhaft als devote Sklavin zeigte? Eine, der man auch noch ansah, dass sie gerade eben nicht nur ordentlich gezüchtigt, sondern auch heftig durchgefickt worden war …
Ich war noch nie sonderlich schüchtern oder prüde gewesen, aber zum ersten Mal in meinem Leben verfluchte ich jetzt meine eigene Offenheit – und diese seltsame Art von Exhibitionismus, die mich dazu gebracht hatte, eine solche Seite ins Internet zu stellen mit so vielen leicht zugänglichen Informationen über mich. Man sagt ja immer, das das World Wide Web aus uns allen gläserne Menschen machte, doch jetzt wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass dies tatsächlich stimmte!
Endlich brach er das Schweigen. Es schienen Stunden vergangen zu sein. "Ich spiele leidenschaftlich gerne Poker", sagte er leise, wie zu sich selbst. "Allerdings bevorzuge ich die Off Limit Variante. Wenn schon, denn schon. Und dann muss der Einsatz auch von der Art sein, dass es mich reizt, in das Spiel einzusteigen. Es muss sich für mich lohnen."
Meine Augenbrauen zuckten nervös. Worauf wollte er hinaus? Was wollte er mir damit sagen? Erst als mir schwindelig wurde, merkte ich, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Hektisch rang ich nach Atem. "Was …", wollte ich fragen, aber sofort hob er die Hand und schnitt mir das Wort ab.
"Jetzt rede ich und Sie hören zu", befahl er mir knapp, mit einer solchen Autorität in der Stimme, dass ich mich mit einem Schlucken stillschweigend fügte und unterordnete. "Ich habe mir diese Internetseite sehr genau angeschaut. Mir die Bilder betrachtet und Ihre Geschichten gelesen. Und vor allen Dingen habe ich mich mit Ihren Gedanken beschäftigt, die Sie dort so freimütig veröffentlicht haben und die sehr viel von dem zeigen, was hinter der Person steckt. Eine wirklich sehr interessante Lektüre, die bewirkt, dass man glaubt, Sie schon zu kennen, noch bevor man Sie überhaupt getroffen hat …" Er machte eine Pause und meinte dann leise, fast beiläufig: "Ja, ich glaube an das Schicksal, das Sie hierhergeführt hat. Und an das Schicksal, das wollte, dass ich diese Seite von Ihnen finde und erkenne, was hinter dieser lachhaften Bewerbung für eine Art von Frau steht. Das Schicksal wollte, dass ich Sie erkenne, als das, was Sie eigentlich sind!"
Ich zuckte bei dem Wort 'lachhaft' zusammen und eine Sekunde lang fragte ich mich aufsässig, worauf er eigentlich hinauswollte. Dieses Gerede von Schicksal, das herumreiten auf meiner devoten Neigung? War der Job so mies, dass er der Sklaverei gleichkam? Doch dann konzentrierte ich mich wieder auf ihn, denn er sprach weiter.
"Und das ist genau der Grund, warum Sie jetzt hier sitzen, warum ich Sie mir angeschaut habe. Nicht während der normalen Geschäftszeit und in einem der sonst üblichen Bewerbungsgespräche. Und das ist auch der Grund, warum ich jetzt bereit bin, das Spiel mit Ihnen zu eröffnen, Frau Höhenrainer." Kurzes Schweigen. "Obwohl ich es ab sofort für angebracht halte, die formelle Anrede sein zu lassen. Ich finde Sisa passender …" Wieder eine dieser kurzen, rhetorischen Pausen. Er machte mich ganz verrückt damit, denn jedes Mal hielt ich angespannt die Luft an. "Denn das ist doch der Sklavenname, den jeder kennt – oder?"
Irgendwie stimmte das sogar. Wie gegen meinen Willen nickte ich zustimmend und kam mir dabei selber vor wie eine ferngesteuerte Puppe. Erneut rotierten meine Gedanken im Kreis. Welches Spiel eröffnen?
"Gut, Sisa – dann erscheint mir dieser Name als Anrede für Sie auch angebracht in unserem Gespräch, das sich jetzt auf einer anderen Basis bewegen wird." Er schien mich über den Schreibtisch hinweg ernst mit seinem Blick zu fixieren. Sehen konnte ich es nicht, war ich ja immer noch von dem grellen Licht geblendet, aber ich spürte es.
"Ich möchte jetzt etwas wissen, und ich erwarte darauf eine ehrliche, zugleich aber wohl überlegte Antwort …" Wieder wartete er mein Nicken ab, dann fuhr er fort: "Wie hoch sind Sie bereit, wirklich zu pokern, Sisa? Wie hoch ist Ihr Einsatz tatsächlich?"
Ich wusste nicht, was ich in dem Moment erwartet hatte. Aber sicher nicht das! Er fragte mich nach meinem Einsatz in einem Pokerspiel? "Sie … Sie wollen mit mir pokern? Um diese Arbeitsstelle als Ihre Privatsekretärin?" Unglauben schwang in meiner Stimme mit – und zeigte deutlich, dass ich überhaupt nichts mehr verstand, was hier geschah. Worauf wollte er hinaus?
Wieder lachte der Schatten leise. "Lassen Sie es mich anders formulieren, damit Sie es besser verstehen. Wie sehr möchten Sie diesen Job als meine Sekretärin haben? Was sind Sie bereit, dafür zu tun? Wie weit würden Sie gehen, um diese Stelle zu bekommen?"
Erneut war ich schockiert. Wollte er damit etwa andeuten, dass ich die Stelle bekäme, wenn ich … Oh nein, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen! Dennoch, selbst wenn meine Vermutung stimmen würde, eigentlich gab es da überhaupt nichts zu überlegen. Doch dann zögerte ich, ihm das einfach zu sagen. Obwohl ich normalerweise eher spontan und bauchgesteuert reagierte, mahnte mich diesmal ein Instinkt zur Vorsicht. Wenn ich mich jetzt bereit erklären würde, alles zu tun, dann war das nicht nur purer Leichtsinn, sondern schlichtweg utopisch. Und obendrein etwas, das er definitiv nicht als Antwort anerkennen würde. Es gab Grenzen dessen, was mir möglich wäre. Nein, im Grunde wusste ich schon von dem Moment an, in dem er mir die Frage gestellt hatte, wie meine Antwort darauf lauten würde. Egal was er von mir verlangen würde … nämlich, weil es die einzige Möglichkeit für mich war, zu antworten. Ich hatte keine große Wahl. Mein Einsatz in dem Pokerspiel, wie er es nannte, stand längst fest. Die Frage war eigentlich nur, worauf er hinauswollte. Was er von mir erwartete. Schließlich brachte er die Sache mit dem Einsatz für dieses seltsame ››Pokerspiel‹‹ ganz sicher nicht grundlos ins Gespräch, und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es hier einfach nur um eine schnelle Nummer und etwas flüchtigem Sex ging. Die Frage war also auch, wie ich das Ganze (also meine Antwort) deshalb formulieren sollte. So formulieren, dass ich mich nicht gleich selbst aus dem Rennen schoss! Bluffen brachte mich hier nicht weiter, hier half nur die reine, unverfälschte Wahrheit. Wirklich nicht einfach, das Ganze.
Ich seufzte leise. Ich war keine Frau, die sich je durch diplomatisches Geschick ausgezeichnet hätte. Oft war ich viel zu direkt gewesen, hatte spontan geredet oder gehandelt, und dann erst nachgedacht. Aber in diesem Fall? Es hing zu viel von meiner Antwort ab, und er hatte mich deutlich davor gewarnt, sie unüberlegt zu geben. Er wollte eine durchdachte Antwort. Und vor allen Dingen auch eine ehrliche, hinter der ich voll und ganz stehen konnte.
Ich schluckte hörbar. Wie lange ich auch überlegte, in Anbetracht der Situation – und in Anbetracht seiner Entdeckungen im Internet – konnte es ja doch nur eine einzige Art von Antwort geben. "Der Einsatz in diesem Pokerspiel, wie Sie es nennen, Herr Hansen – bin ich!" Unbewegt schaute ich in den Schatten und blinzelte nicht einmal gegen den grellen Strahler.
"So sehr wollen Sie diese Stelle?", kam es trügerisch sanft zurück.
Mein Mund verzog sich und mein Kinn schob sich angriffslustig vor. "So sehr brauche ich diese Stelle!"
"Ziehen Sie die Stacheln wieder ein, Aggression ist hier fehl am Platz", tadelte er mich sogleich leise. Als ich unwillkürlich errötete und den Blick senkte, lachte er wieder amüsiert. "Sie legen sich selbst als Einsatz auf den Pokertisch – ohne überhaupt zu wissen, was es für Konsequenzen für Sie haben würde?"
War das nicht offensichtlich? "Das ist mir egal!", versetzte ich erstickt.
"Sind Sie so mutig – oder so dumm?"
Wumm … Das hatte gesessen! Mein Kopf schoss in die Höhe, und ich funkelte giftig in Richtung des Schattens. Ich wusste um die Intensität und Glut, die das Grün meiner Augen in solchen Momenten hatte – aber das war mir egal, ich hielt nichts zurück.
"Weder noch", schnappte ich, mein Temperament mühsam zügelnd. "Und wenn es nur darum geht, mich hier vorzuführen und lächerlich zu machen, dann sollten wir das Gespräch wohl lieber gleich beenden, statt unser beider Zeit noch länger zu verschwenden!" Ich schnaubte gereizt. "Denn eines bin ich ganz sicher nicht – nämlich ein Zeitvertreib, über den Sie sich amüsieren können, der Ihnen die Langeweile vertreibt!"
"Und wenn es darum geht, dass ich den Einsatz akzeptiere und mich auf dieses Spiel einlasse, Sisa, dann sollten Sie jetzt besser Ihre Zunge im Zaum halten und etwas besonnener antworten, weil sich diese Angriffslust später nachteilig für Sie auswirken könnte!" Ein raues Lachen, das bewirkte, dass sich meine Haare im Nacken aufstellten. "Sie verstehen? Es nennt sich: Konsequenzen haben! Und zieht Strafe nach sich!"
Abfällig winkte ich ab und schnaubte, doch ich nahm mich zurück. Auch wenn sich alles in mir dagegen sträubte, so hatte ich doch die Warnung verstanden. Und im Grunde konnte ich es mir auch gar nicht leisten, die Chance, die sich mir hier eventuell bot, einfach so auszuschlagen, nur weil ich meinem heftigen Temperament nachgab.
Ich atmete tief aus und ein, und hob dann wieder den Kopf. "Also gut, bitte Klartext – was wollen Sie von mir?"
"Immer noch eine Antwort auf meine Frage", beharrte er ruhig.
Ich holte tief Luft. Wieder schob sich mein Kinn vor. Aber mein Kinn wurde ausdruckslos, als ich offen und ehrlich, ohne etwas zu beschönigen, zugab: "Nein, weder mutig noch dumm – einfach verzweifelt. Drei Jahre Hartz IV sind mehr als genug! Ich will raus aus diesem Sumpf!" Mein Mund zuckte. "Ich will es, weil ich wirklich Arbeit brauche! Und weil ich gerne Ihre Sekretärin wäre. Ich sehe darin die Chance für mich, meine derzeitige Situation endlich zum Positiven zu verändern!"
"Aber es geht hier längst nicht mehr nur um den Posten der Chefsekretärin", beschied er mir bestimmt – wobei er seltsam zufrieden wirkte, nach meinem flammenden Statement.
Ich starrte entgeistert in den Schatten. "Sondern?"
"Es geht um die Möglichkeiten, die sich mir – nein, die sich uns hier so unverhofft bieten", kam es nonchalant zurück. "Und ich gedenke, sie alle zu nutzen – jede einzelne!"
"Und was heißt das jetzt im Klartext? Bitte erklären Sie es mir …" Ich verstand immer noch nichts.
"Ich akzeptiere Ihren Pokereinsatz, Sisa!" Leises Lachen, wieder so schrecklich zufrieden. "Ich akzeptiere den Einsatz, den Sie mir anbieten. Also Sie selbst! Die andere Seite, von der nichts in dieser lächerlichen Bewerbung steht. Ihr Einsatz ist dieses andere Ich – die Sklavin, die Frau von der Internetseite. Von den Bildern, aus den Geschichten." Er schien mich aus dem Schatten heraus mit Blicken zu durchbohren, als wollte er jede Regung von meinem Gesicht ablesen, damit ihm nichts entging. "Und ich halte mit meinem Einsatz dagegen: die Stelle als Chefsekretärin. Ohne Einschränkungen. Mit allen Befugnissen und Vorteilen, die dieser Job mit sich bringen wird!"
Ich ließ diese Worte auf mich wirken. Sie dröhnten in meinem Kopf. Wieder rauschte mir das Blut in den Ohren, sodass ich mich selbst fast nicht mehr hören konnte. Mein Atem ging schwer. Vor Aufregung. Aber auch ein wenig vor Angst – denn mir wurde von Sekunde zu Sekunde deutlicher bewusst, dass ich überhaupt keine Ahnung davon hatte, worauf ich gerade im Begriff war, mich einzulassen. Krampfhaft versuchte ich, meinen Kopf klarzukriegen.
"Was bedeutet das jetzt im Detail?", fragte ich mit belegter Stimme. Ich hatte mich mühsam zu dieser Frage aufgerafft, und sie wollte mir kaum über die bebenden Lippen. Denn eigentlich schrie es laut in mir – wieder einmal – sofort die Flucht zu ergreifen. Ich war doch von allen guten Geistern verlassen, wenn ich mich nicht nur auf diese Unterhaltung, sondern gar auf dieses bizarre Spiel einließ. "Wenn ich eine Session mit Ihnen abhalte, als Ihre Sklavin – dann bekomme ich diese Stelle?" Dieser Preis erschien mir gar nicht so hoch, wisperte es in mir hoffnungsvoll.
Lautes Lachen war seine erste Reaktion auf meine Frage, und ich zuckte pikiert zusammen, fühlte ich mich doch seinem Spott ausgesetzt.
'Das war dumm von dir!', zischte meine innere Stimme höhnisch.
Doch er beruhigte sich schnell und hatte sich wieder in der Gewalt. Erneut wirkte der Schatten beherrscht und Respekt einflößend. "Nein! Das ist es nicht, was mir vorschwebt! Der Einsatz wäre mir zu niedrig, um ihn zu akzeptieren. Das können Sie sich aber selbst denken, nicht wahr?" Noch ein Lachen – diesmal so klingend, dass es wieder alle meine Nerven zum Vibrieren brachte. Himmel, hatte der Mann eine Stimme!
"Nein, Sisa, der Deal würde so ausschauen: Sie legen ihren Einsatz auf den Tisch – ich akzeptiere und teste, wie mir dieser Einsatz zusagt. Ob ich mit Ihnen kann und Sie mit mir. Das ist schließlich wichtig, es hätte keinen Sinn, wenn wir überhaupt nicht harmonieren. Wir probieren es aus – und wenn dieser Test zu unser beider Zufriedenheit ausfällt, bekommen Sie den Arbeitsvertrag und ich Sie nicht nur als Sekretärin, sondern auch als Sklavin und mein persönliches Eigentum!"
Plötzlich drängte mein schräger Humor mit aller Gewalt an die Oberfläche im denkbar unpassendsten aller Momente, und das so schnell, dass ich wieder einmal redete, bevor ich dachte: "Steht das dann auch im Vertrag – die Sache mit der Sklavin?", spöttelte ich schnippisch.
Doch er lachte nicht. Er ließ sich überhaupt nicht aus der Reserve locken. "Nein – es würde natürlich zwei verschiedene Verträge geben. Einen offiziellen Arbeitsvertrag und dann noch einen internen Sklavenvertrag zwischen uns beiden."
Er meinte das ernst! Die Sicherheit, mit der er mir diese Auskunft gab, irritierte mich aufs Neue.
"Das klingt in meinen Ohren, als hätte Sie sich das schon lange vorher überlegt und genau zurechtgelegt!"
"Ich überlasse selten etwas dem Zufall", gab er zu. "Also, wie haben Sie sich entschieden?" Er schien nichts davon zu halten, mir Zeit zum Überlegen zu geben.
"Es gibt nichts zu entscheiden", antwortete ich leise. "Die Antwort haben Sie doch schon – ich sitze immer noch hier, ich bin nicht entsetzt weggelaufen. Also, wie deutlich wollen Sie es denn noch?"
Irgendwie hatte ich ihn verärgert. "Ich will es als deutliche Ansage – in einem klaren Satz, der mir sagt, Sie sind einverstanden mit den Bedingungen. Und das Ganze in einem etwas weniger schnippischen Ton, als Sie ihn gerade an den Tag legen", belehrte er mich kühl. "Denn ich möchte diese Testphase nicht damit verbringen müssen, Ihnen erst einmal Ihren Platz und Ihre Manieren in Erinnerung zu rufen! Sie sollten sich schon entsprechend Ihrer möglichen Position benehmen!" Ein grimmiges Schnauben. "Und stellen sie sich bitte nicht künstlich dumm – ich weiß, dass Sie es können und auch wissen, was ich meine! Ich habe es mit eigenen Augen gelesen, auf Ihrer Homepage!"
Ich atmete tief durch. "Es tut mir leid, Sie haben Recht …" Mein Kopf hob sich, und ich versuchte, wenigstens die Andeutung seines Blickes aus dem Schatten heraus zu erhaschen. "Ja, ich akzeptiere die Bedingungen, das Spiel und den Einsatz und alles, was damit zusammenhängt. Auch den Test, den Sie vorgeschlagen haben."
"Das habe ich nicht anders erwartet!" Seine Stimme war nun wieder nachtschwarzer Samt. "Und jetzt lassen Sie uns noch etwas klarstellen – vorher. Ich möchte, dass Sie eines wissen: Sie haben jederzeit, egal, was bei diesem Test passiert oder was ich mit Ihnen machen werde, die Möglichkeit, es abzubrechen. Wenn Sie merken, Sie haben sich geirrt, Sie wollen es doch nicht oder wenn es Ihnen zu viel wird, was ich tue – brechen Sie es ab und gehen Sie einfach. Es wird keine Konsequenzen haben, ich werde Sie nicht hindern, ich werde Sie gehen lassen." Eine bedeutungsvolle Pause, in der ich wieder einmal angespannt die Luft anhielt. "Aber merken Sie sich auch das: Wenn Sie nicht gehen, dann wird es, wenn die Entscheidung gefallen ist, kein Zurück mehr geben. Dann gilt der Einsatz, dann gilt das Spiel. Und es wird nach meinen Regeln gespielt, so lange es dauert. Haben Sie das verstanden?"
"Ja …" Plötzlich wollte mir meine Stimme nicht mehr gehorchen. Das Herz fing an, mir bis zum Hals hochzuschlagen, und ich zitterte vor Aufregung, Erwartung. Und ja … auch Hoffnung. Erregung? Ich lauschte in mich hinein, fast hätte ich noch genickt. Ja, auch Erregung pulsierte tief in meinem Bauch. Schließlich geriet nicht einmal ich, die Chaos-Queen, oft in solche bizarren Situationen. Und überhaupt: Diese ganze Entwicklung war so ungewöhnlich, so unverhofft und prickelnd – kein Wunder, dass es mich erregte. Ich hätte schon aus Stein sein müssen, wäre das nicht der Fall gewesen!
Ein anderes Gefühl, das mich beherrschte, war immer noch dieses maßlose Staunen, das ich fühlte, seit er ir offenbart hatte, dass er über mich und meine Neigung Bescheid wisse. Es war nicht das erste Mal, dass zufällig jemand dahinterkam, wie meine Sexualität beschaffen war und wie ich meine submissive Veranlagung auslebte. Und die Art, wie er mit dieser Information umging, ließ darauf schließen, dass er selbst nicht ganz unbewandert war auf diesem Gebiet.
Thomas Hansen, Inhaber der ToHa – ein SM-ler? Wer hätte das gedacht … Tief in mir fühlte ich ein seltsames Vibrieren. Jetzt konnte ich es plötzlich kaum mehr erwarten, wie es weitergehen würde.
Jetzt, da die Karten endlich auf dem Tisch lagen.