Storyteller

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Summary

Erina ist tot. Ihr Verlobter Thomas soll sie im Jahr 1893 kaltblütig ermordet haben. Der vermeintliche Täter beteuert jedoch seine Unschuld. Thomas könnte niemals der Person das Leben nehmen, die er so abgöttisch liebt. Da ihm niemand glaubt, sieht er nur eine Möglichkeit, um seine Behauptung zu belegen: Er verfasst ein Buch über seine dramatische Beziehung mit der Frau, die er für immer verloren hat. Die Leserinnen und Leser sollen erkennen, dass er Erina niemals hätte töten können - und vielleicht gelingt es Thomas sogar, während seiner Reise in die Vergangenheit den wahren Mörder zu finden.

Status
Complete
Chapters
76
Rating
n/a
Age Rating
18+

Prolog - Das Ende der Geschichte

Erina ist tot. Ich kam gerade zu meinem Anwesen zurück, als Ärzte ihre Leiche in eine Kutsche trugen. Ihr Körper war in ein weißes Tuch gewickelt. Eine Strähne ihrer langen, weinrot gefärbten Haare spitze seitlich hervor. Mittig, auf der Höhe ihrer Brust, befand sich ein Blutfleck.

Die Szene schien sich verlangsamt abzuspielen. Zumindest dauerte es eine Weile, bis ich realisierte, was eigentlich vor sich ging. Ich sah den Ärzten Sekunden lang zu, dabei herrschte Totenstille. Vogelgezwitscher, Grillen, die knarrenden Fensterläden des Hauses. Sollte das die Geräuschkulisse zu besagtem Zeitpunkt gewesen sein, nahm ich sie nicht wahr. Erst als Ellie, Erinas beste Freundin, aus der Eingangstür nach draußen lief und vor den Treppenstufen zusammenbrach, durchzuckte ein Reflex meinen Körper. Ellie kniete am Boden, ihre orangeroten Haare verdeckten ihr Gesicht. Sie hielt sich ein weißes Taschentuch vor Mund und Nase. Das Stück Stoff dämpfte den schrillen Schrei, den sie plötzlich von sich gab, aber keineswegs. Als sei es der Startschuss zu einem Wettrennen, stürzte ich zur Kutsche, um einen Blick unter das Leichentuch zu werfen. Zwei Ärzte hielten mich davon ab, denn sie wussten nicht, wer ich bin. „Er hat sie umgebracht, er ist der Mörder!” Ellie deutete auf mich, während sich ihr verweintes Gesicht zu einer hasserfüllten Grimasse verzog. Noch bevor ich darauf reagieren konnte, legten mir Polizisten Handschellen an. „Ich war letzte Nacht gar nicht da. Ich war gar nicht im Haus. Ich habe sie nicht umgebracht.” Mit Sätzen dieser Art warf ich um mich. Es schien niemanden zu interessieren. Man steckte mich in eine zweite Kutsche der Polizei und fuhr davon. Im Wagen war ich wieder gefasst, fokussierte nur einen Punkt. „Ist Erina tot?“, fragte ich nach einer Weile die Polizisten. „Ja, die Haushälterin hat ihre Leiche gefunden.” Mein Körper war völlig regungslos, die gesamte Fahrt über. Einzig und allein meine Tränen kamen in Bewegung - und sie flossen und flossen und flossen.

Heute ist der 11. Oktober 1893. Ungefähr zwei Wochen sitze ich schon in Untersuchungshaft. Seither ist mein ohnehin schon schlanker Körper deutlich abgemagert. Nur ein allmählich ausufernder Dreitagebart kann das knochige Gesicht verstecken. Meine langen, schwarzen Haare kleben ungepflegt an Kopf und Hals fest. Blass bin ich geworden, trotz meiner etwas dunkleren Hautfarbe. Was meinen mentalen Status betrifft, setzt so langsam die Erkenntnis ein, dass ich an der Situation nichts ändern kann. Erina ist wahrhaftig tot, sie wurde mit einem Küchenmesser erstochen. Anscheinend sogar mehrmals, denn man entdeckte dreizehn tiefe Wunden. Ob ich über ihren Tod hinweg bin? Welcher Mensch schließt nach zwei Wochen mit dem Tod einer geliebten Person ab? Wir wollten heiraten, über zwei Jahre waren wir ein Paar. Die Sache ist fürchterlich für mich. Noch immer verbringe ich die Nächte damit, mir die Augen auszuweinen. Die Wärter scheint das zu wundern. Während ich in den Ecken meiner mickrigen Zelle kauere, blicken sie stets verwirrt durch das Gitter. Eine Reaktion, die ich ihnen im Grunde genommen nicht verübeln kann. Nach aktuellem Ermittlungsstand scheint jeder davon überzeugt zu sein, dass ich Erina ermordet habe. Dafür sollen folgende Umstände sprechen: Die Tatwaffe befand sich nicht weit von der Leiche entfernt. Auf dem Küchenmesser soll man mit einem neuartigen Verfahren meine Fingerabdrücke gefunden haben. Eine leicht erklärbare Entdeckung, denn schließlich nutzte ich das Messer fast täglich für meine Mahlzeiten. Zudem schien niemand sonst zum Mordzeitpunkt im Haus gewesen zu sein. Erina verstarb spät nachts, vermutlich kurz nach elf Uhr. Meine Haushälterin erkrankte und war deshalb nicht im Haus. Nachdem die Beamten die Türen und Fenster überprüften, erspähten sie wohl keine Hinweise auf das Eindringen einer gewaltbereiten Person, die für die Tat hätte verantwortlich sein können. Meine kleine Schwester Andra, die ebenfalls im Haus lebt, sei wiederum von einem Tag auf den anderen verschwunden. Ihre plötzliche Abwesenheit spräche für sie als Mörderin. Allerdings konnte man keine weiteren Fingerabdrücke, außer den meinigen, auf der Mordwaffe feststellen.

Die Lage ist verzwickt. Ich sehe ein, dass die Polizei mich verdächtigt. Auf der anderen Seite habe ich genug andere Menschen im Kopf, die wesentlich bessere Gründe für einen Mord gehabt hätten. Ich bete, dass die Gerechtigkeit zuschlägt und die richtige Person an den Galgen bringt. Warum keiner dieser Herrschaften hier an meiner Stelle sitzt, ist unbegreiflich. Gegen mich als Mörder spricht übrigens eine nicht zu vernachlässigende Tatsache: Während Erinas letzter Stunden war ich in Dyasville unterwegs und betrank mich in ein, zwei oder sogar mehreren Lokalitäten. Am nächsten Tag wachte ich in einem Gebüsch am See auf. Ich kehrte erst zum Haus zurück, als Erinas Leiche gerade abtransportiert wurde. Meine Anwesenheit in mindestens einer der Gastwirtschaften würden sicherlich mehrere Leute bezeugen. Ich hatte an diesem Tag jedoch keine feste Begleitung, die mir über den gesamten Zeitraum hinweg ein Alibi hätte geben können.

Ab einem bestimmten Punkt war ich unglücklicherweise zu betrunken. Ich erinnere mich nicht mehr, was in den folgenden Stunden geschah. Vermutlich ermordete ich sie während dieser benebelten Phase, meint die Polizei. Das halte ich für unwahrscheinlich. Warum sollte ich nachts nach Hause gehen, um nach dem Mord in die Stadt zurückzukehren und mich in einem Gebüsch auszuruhen? Mein Anwesen liegt etwas außerhalb zwischen Feldern und Wäldern. Im betrunkenen Zustand braucht man gute fünfundvierzig Minuten zu Fuß. Wenn man kaputt ist vom Alkohol, schlendert man diesen Weg nicht zweimal auf und ab. Ich habe bereits aufgegeben, die Wärter, Ermittler oder sonst wen mit dieser Logik zu überzeugen. Es glaubt mir niemand. Meine Gerichtsverhandlung steht deshalb in fünf, sechs Monaten an. Sollte der Richter mich für schuldig befinden, droht mir die Todesstrafe. Das hat mir mein Anwalt bereits mehrmals erklärt.

Trauer, Enttäuschung und Wut machen es mir schwer, klar zu denken. Wenn Alibis und schiere Logik nicht mehr helfen, muss ich meine Unschuld auf eine andere Weise darlegen. Mir kam heute Nacht ein Einfall: Ich möchte ein Buch über Erina und mich schreiben. Es gibt nämlich noch einen anderen Grund, weshalb ich als Mörder vollkommen ausgeschlossen bin: Meine Liebe zu Erina war und ist viel zu groß. Zu einem solch drastischen Schritt wäre ich niemals fähig gewesen. Zu so viel Hass wäre ich niemals fähig gewesen - unabhängig von der Menge des Alkohols. Ich hätte mir niemals vorstellen können, sie zu ermorden. Das ist schlichtweg nicht im Rahmen des Möglichen. Leider teilt niemand sonst diese Ansicht mit mir. Mir bleibt also nur die Option, jene Behauptung in einem Buch ausführlich zu belegen. Dafür möchte ich im Folgenden von den letzten Wochen vor Erinas Tod berichten. Ich will dir, dem Leser, erklären, was genau geschah und weshalb unsere Liebe in dieser Zeit erblühte wie noch nie zuvor. Das mag an vielen Stellen schwer zu glauben sein, da die letzten Wochen von negativen Erlebnissen geprägt waren. Jegliche Dürreperioden haben wir zusammen aber überstanden und sind daraus noch stärker und reifer hervorgegangen. So sehe ich das - und so wirst du das ebenfalls sehen.

Um die vergangenen Ereignisse detailgetreu zu rekonstruieren, bat ich vor wenigen Stunden meinen besten Freund Kor darum, mehrere Personen aus meinem und Erinas Leben ins Gefängnis einzuladen. Ich möchte mit ihnen sprechen und erfahren, was sie mit ihr in den letzten Monaten erlebt haben. Diese Berichte werde ich ebenfalls in mein Buch einbinden, das ich bis zu meinem Gerichtstermin fertigstellen möchte. Es soll dort als Beweis hervorgebracht werden - als Beweis für meine Unschuld.

Für mich wird es definitiv kein Kinderspiel werden, die Geschehnisse der Vergangenheit zusammenzutragen. Es ist nicht gesagt, dass ich mich an alle Ereignisse detailgetreu erinnere. Zudem weiß ich derzeit nicht, ob alle Personen, mit denen ich sprechen möchte, tatsächlich zu mir kommen und mir wahrheitsgemäß berichten. Einige der geladenen Gäste sind mir eher feindlich gesinnt. Auch die Informationen meiner Schwester Andra wären hilfreich. Da man sie bislang aber nicht auffinden konnte, ergeben sich möglicherweise Lücken in der Geschichte. Falls die Ermittler sie aufspüren, während ich an meinem Buch schreibe, werde ich aber um ein Gespräch bitten.

Nichtsdestotrotz sollten die Leser vorab Folgendes wissen: Voraussichtlich enthalten viele Stellen geringfügige Verfälschungen, Ungenauigkeiten oder sie weichen notgedrungen von der Wahrheit ab. Einzelne Szenen sind womöglich komplett erfunden. Trotz dieser Umstände wird eine Sache deutlich zu Tage treten: Du als Leserin oder Leser wirst erkennen, dass ich als Mörder von Erina nicht infrage komme. Du wirst realisieren, dass die Liebe in unserer Beziehung solch eine Tragödie niemals zugelassen hätte.

Der wahre Mörder ist noch auf freiem Fuß. Vielleicht werde ich ihn im Rahmen meiner Recherchen für dieses Buch enttarnen. Das ist mein Ziel, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Meine große Liebe Erina ist tot. Ich, Thomas D. Suvey, 25 Jahre, sitze dafür im Gefängnis und warte auf meinen Gerichtsprozess. Erina und ich waren etwas mehr als zwei Jahre lang ein Paar. Da ich sie als meine erste große Liebe betrachte, habe ich ihr vor mehreren Monaten einen Heiratsantrag gemacht. Nach dem Abschluss meines Literaturstudiums sollten die Feierlichkeiten stattfinden. Ich verdiene nebenher Geld als Autor von Liebesromanen. Als meine Inspiration betrachte ich die größten Märchen unserer Zeit. Sie sollen mich auch in Bezug auf dieses Buch inspirieren. Ich möchte die Liebe zwischen mir und Erina so schildern, wie in den schönsten aller Geschichten. Denn so schön war sie. Dieses Buch soll das belegen und gleichzeitig den wahren Mörder nennen. Ich, Thomas D. Suvey, 25 Jahre, sitze unschuldig im Gefängnis. Dieses Buch soll das belegen.