KAPITEL 1
Akiras POV
"Scheiss Glibbervieh!", fluche ich, als mich das schleimige Glibbermonster erreicht. Für das, dass diese Dinger hauptsächlich aus durchsichtigem Schleim bestehen, können sie sich erstaunlich schnell bewegen, was mir wie so oft zuvor zum Verhängnis wird. Mit einem schmatzenden Satz umschlingt mich der Alien. Kühl und gleichzeitig unendlich heiss überzieht eine dünne Schicht Glibber meinen gesamten Körper. Mich jetzt noch aus eigenem Willen zu bewegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Früher hätte mich dieser Zustand an den Rand der Panik befördert. Inzwischen haben sich mein Körper und Geist an diese Besitznahme gewöhnt. Schliesslich sind seit der Machtübernahme durch die Ausserirdischen "Glibber", bereits fünf Jahre vergangen und ich hatte genügend Zeit mich mit der neuen Situation zu arrangieren. Damals als sie die Erde in ihrem überdimensional riesigen Weltraumtransporter erreichten, veränderte sich die Welt um 180°, wenn man das so sagen kann. Im Sturm eroberten sie sämtliche Gebiete unseres Planeten, einschliesslich der ach-so-göttlichen Rasse der Menschen. Wir hatten keine Chance. Die letzte Nachricht, die uns von der Regierung erreichte, war eine Abdankung und die nützliche Information, dass uns eine unbekannte Lebensform aus dem Trappis-1 System, ca. 40 Lichtjahre von der Erde, erreicht hat. Von da an war Funkstille. Wenige Tage nachdem das Riesenschiff der "Glibber" den Himmel über Europa verdunkelte, liessen sich die Schleimförmigen Kreaturen auf die Erde hinunter und begannen sich zu nähren - in anderen Worten, ein Leben nach dem anderen auszusaugen. Meine Eltern überlebten den Übergriff nicht. Sie gehörten zu den unzähligen Leichen, die damals mit eingefallenen Wangenknochen auf den Strassen oder in den zerstörten Häusern lagen. Seit da töten die "Glibber" nicht mehr. Zumindest in den meisten Fällen. Ihr ursprünglicher Hunger, der sich wahrscheinlich während der langen Reisedauer von ihrem Heimatsplaneten hierher, angestaut hatte, wurde gestillt. Leider müssen sie sich dennoch nähren. So wie wir benötigen sie Energie, die immer wieder aufgestockt werden muss. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten von uns Menschen und den "Glibber".
Das grün-schimmernde Alienexemplar, dass sich heute für ein junges Menschenweibchen - mich - entschieden hat, beginnt zu glühen. Ein klares Anzeichen, dass meine Lebensenergie gerade irgendwo in den Tiefen des Schleims verschwindet. Nicht lange und ich würde ohnmächtig werden. Echt scheiss Timing! Ich kann es mir eigentlich nicht leisten, jetzt ohne Bewusstsein im Offenen rumzuliegen!
Man könnte sich ja denken, dass bei einer Alieninvasion, die Alien die grösste Gefahr für die Menschheit darstellten, und in den ersten Wochen wurde das auch bewahrheitet. Seit den ersten Wochen ist inzwischen jedoch ein halbes Leben vergangen. Also gefühlt... Und die Gefahr droht von anderenorts. Nämlich aus dem inneren der sogenannten Kolonien. Jede grössere Lebensform, ob Elefant oder Mensch, wurde nach Art in grossen abgesperrten Gebieten untergebracht. Den Kolonien. Zu Beginn waren auch die Geschlechter noch getrennt, da Männchen und Weibchen für unterschiedliche Spezien gehalten wurden. Als die "Glibber" ihren Fehler dann bemerkten, wurden die Geschlechter zusammengeführt. Ab da brach, nett ausgedrückt, die Hölle aus, und das nicht wegen den "Glibber", die die Kolonien als Jagdrevier nutzen.
Die Kolonie, in der ich lebe, erstreckt sich über den Raum einer kleineren Stadt und ist erstaunlich spärlich bevölkert. Glücklicherweise. Schon so sind Strassenkämpfe an der Tagesordnung. Recht und Ordnung sind nichtexistent. Vor allem schwächere Mitglieder der Menschheit, wie Kinder, Alte und leider auch Frauen, traf es besonders heftig. Sie wurden Opfer von Raubzügen, Vergewaltigungen, Mord etc. Eben alles, was gewissen fragwürdigen Individuen zu Vergnügen oder Nahrung verhalf.
Dementsprechend versteckten sich Frauen die meiste Zeit, in der Hoffnung nicht entdeckt zu werden, und kamen nur Nachts hervor, um sich an den offiziellen "Futterstellen", die die Glibber netterweise eingerichtet hatten, die Reste des Tages aufzukratzen. Erbärmlich, wenn man mich fragt. Ich handhabte die Situation in dieser gottverdammten apokalyptischen Welt ähnlich. Weswegen es auch so ein grosses Problem ist, dass mich ausgerechnet jetzt einer dieser "Glibber" in Schach hält und mich mit hoher Wahrscheinlichkeit hilflos liegen lassen wird.
Langsam verlässt mich MEINE Energie. Meine Augenlider werden unendlich schwer, und es wird immer schwieriger gegen die übermächtige Müdigkeit anzukämpfen. Aber ich darf jetzt nicht einschlafen! Nicht hier! Nicht jetzt! Hier in dieser weiten Wiese inmitten des Parkes, wäre ich das leichteste Opfer des Tages!
Du hättest nie dein Versteck verlassen dürfen, meldet sich meine hilfreiche innere Stimme. No shit! Es war ja auch nicht ganz freiwillig, sondern eher ein Notfall. Ich hatte kein Wasser mehr, und ohne wäre es bis am Abend durchaus sehr unangenehm geworden, weshalb ich mich nunmal dazu entschieden hatte, den gerade mal 200 Meter langen Marsch zum Brunnen zu wagen. Konnte ja nicht wissen, dass sich dieses Schiess-Schleimmonster ausgerechnet dann über die Mauer unserer Kolonie stürzt - und dann auch noch auf mich!
Das Glibbermonster lässt sich nich beirren. Wahrscheinlich geniesst es meine frische Energie. Viel länger werde ich nicht mehr durchhalten. Schon jetzt fallen mir die Augenlider beinahe zu und sämtliche Körperempfindungen stumpfen ab. Nur noch wage nehme ich wahr, wie der "Glibber" von mir ablässt, bevor ich in dunkles, schwarzes Nichts gleite.
"Versteck dich!", ruft mir mein Vater zu. Auf seinem Gesicht steht die blanke Panik, während er mich fast schon grob am Arm packt und in die Küche zerrt, wo er das Geheimfach im Boden aufklappt. "Versteck dich hier. Mach keinen Muks, egal was auch passiert! Hast du mich verstanden!"
Er schüttelt mich.
"Was ist los?", frage ich mit Tränen in den Augen. Ein furchtbare Angst überkommt mich. Was ist los?!
"Mach dir keine Sorgen. Mama und Papa werden auf dich aufpassen. Aber du darfst nicht rauskommen! Hast du mich verstanden? Du darfst nicht rauskommen! Egal. was. passiert!", redet mein Vater weiter. Im Hintergrund höre ich meine Mutter erstickt aufschreien. Ich will zu ihr! Was ist da los?
"Papa? Was passiert hier?"
"Versprich mir, dass du nicht rauskommst!" Vater schüttelt mich abermals. Doch dieses Mal schliesst er mich in die Arme. Fest drückt er mich gegen seine grosse Brust. Ich kann die Tränen nicht zurückhalten.
"Lass mich nicht allein", flüstere ich. Nein ich flehe!
"Es tut mir leid, mein Engel", sagt er, dann löst er sich von mir und schiebt mich ins Versteck. Bevor ich reagieren kann, klappt er die Diele über mich und ich sitze alleine im Dunkeln. Die Schritte meines Vaters entfernen sich nach kurzem Zögern.
"Papa! Bitte, Papa, komm zurück!" Ich kann nicht aufhören zu weinen. Was ist los? Wo ist Mama?
Gepolter erklingt. Irgendjemand oder irgendetwas hat die Haustüre eingetreten. Vor Schreck erstarre ich. Mit weit aufgerissenen Augen schaue ich zwischen den Spalten im Küchenboden nach oben. Ich warte auf ein Lebenszeichen. Auf irgendetwas, das mir erklären könnte, was hier passiert. Doch ich sehe nichts. Was aber viel schlimmer ist, ist das Geschrei, dass kurz darauf markerschütternd zu mir ins Versteck dringt.
"Liebling!", höre ich meinen Vater schreien. Seine Stimme ist schrill vor Panik. "Nein, bitte, bitte nicht sie!", fleht er, bevor er abrupt verstummt.
Danach ist stille. Angespannt lausche ich in die Dunkelheit.
"Papa?", frage ich mit zitternder Stimme. "Mama?"
Anstelle einer Antwort höre ich nun ein schleimiges Glitschen, das langsam, aber beständig in meine Richtung kommt. Unwillkürlich fange ich an zu zittern. Eine urinstinktive Panik ergreift Besitz von mir. Das Glitschen kommt zu einem Halt. Wenn mich nicht alles täuscht, sollte es sich direkt über mir befinden. Wie gebannt starre ich durch die Spalten im Boden. Da ist doch nichts. Ich habe aufgehört zu atmen. Die einzige Bewegung in meinem Körper scheint, von meinem wild pochenden Herzen zu stammen.
Ein Tropfen ist zu hören. Ein leises, schleimartiges "Pflopf". Etwas Kühles, Nasses berührt meine Wange. Langsam hebe ich eine Hand und fasse mir ins Gesicht. Fäden spannen sich zwischen meinen Fingern, als ich sie zurückziehe. Ekel überkommt mich. Ich beginne zu schluchzen. Mir ist es egal, dass ich somit wahrscheinlich gerade mein Todesurteil unterzeichnet habe. Alles was ich will, ist mein Vater und meine Mutter.
Meine Stimme ist unnatürlich laut, während immer mehr Tropfen auf mich prasseln. Langsam rinnen sie über meinen Körper. Immer mehr werden es. Sie scheinen sich zu verbinden. Verschmelzen miteinander. Und bevor ich überhaupt die Chance habe, zu realisieren was da passiert, ist es bereits zu spät. Der dickflüssige, zähe Schleim überzieht mein Gesicht.
Keuchend reisse ich die Augen auf. Ich brauche einen Moment, um mich zu orientieren und zu realisieren, dass es bloss ein Traum war. Der Traum, der mich seit der Übernahme verfolgt. Eigentlich ist es gar kein richtiger Traum, sondern eine Erinnerung. Die Erinnerung des Tages, als meine Eltern gestorben sind. Leider nimmt der Schreck mit den vielen Wiederholung nicht ab. Jedes Mal wache ich von Neuem mit schweissdurchtränkten Klamotten und zitternd auf. Das allein ist ein Albtraum für sich... Ich atme tief durch. Inzwischen ist es stockdunkel. Einzig das Sternenlicht und eine Mondsichel lässt einige Umrisse aus der Dunkelheit hervortreten. Eine gute Sache hat die Zerstörung des Stromnetzes immerhin. So gibt es keine Beleuchtung, und jeder hat die gleichen Vroraussetzungen in der Dunkelheit. Sowhol die Jäger, als auch die Opfer kämpfen mit der mangelnden Sicht. Einzig die "Glibber" scheinen keine Probleme zu haben. Wobei natürlich auch fraglich ist, ob sie überhaupt so was wie Licht registrieren können. Augen hatten sie nämlich keine, so weit ich weiss.
Müde reibe ich mir die Augen. Mir wird bewusst, was für ein Glück ich gehabt habe. Wahrschienlich lag ist stundenlang bewusstlos - hilflos - auf dem Boden, hier mitten in der Mitte des Parks. Dass mich niemand entdeckt hatte, grenzte an ein Wunder.
Ich rapple mich auf - man muss sein Glück ja nicht herausfordern - und schleiche mit schleppenden Schritten zwischen die Häuser. Die ganze Zeit über bleibe ich wachsam, während ich an den dunklen Hauseingängen und zerstörten Fenstern vorbeigehe. Ein Rascheln in einer halbtoten Hecke lässt mich zusammenfahren. Automatisch beschleunige ich mein Tempo, dass ich bald schon im Laufschritt die Strasse entlang stolpere.
Bist du wahnsinnig? Dich kann man im Umkreis der gesamten Kolonie hören! Ich schnaube. Mein Unterbewusstsein hat natürlich Recht, weshalb ich mich zwinge, wieder in ein schleichbares Tempo abzubremsen. Angestrengt lausche ich in die Dunkelheit. Noch scheint mich niemand entdeckt zu haben. Hoffe ich zumindest. Immerhin ist es nicht mehr weit. Gleich da vorne bei der Supermarktruine. Die Schaufenster sind eingeschlagen und der Grossteil der Lebensmittel wurden längst geplündert. Einzig einige längst abgelaufene Brote, die mehr Biotop als Nahrung waren, lagen noch in einem Regal. Hier ist mein Zuhause. Zumindest für den Moment. Im hinteren Bereich hat es eine Tür, die in ein leergefegtes Lager führt. Mit einem Stuhl kann ich die Tür von innen blockieren. Bisher hat mich hier noch keiner gefunden, weshalb ich recht zufrieden damit bin. Müde lasse ich mich auf mein Lager aus alter Kleidung sinken. Mein Kopf dröhnt und ich fühle mich noch immer schwach. Nicht einmal Wasser habe ich gefunden! Ich seufze. Daran lässt sich im Moment leider auch nichts ändern. In meinem Zustand wäre es schlichtweg zu gefährlich noch einmal in die Nacht zu treten. Mir bleibt also nichts anderes übrig als abzuwarten. Erschöpft schliesse ich die Augen. Ich bemerke nich mehr, wie sich eine grosse Gestalt aus den tiefschwarzen Schatten eines Regals schält und sich mit gierig leuchtenden Augen über mich beugt.