1.
Die Sonne schien regelrecht im Meer zu versinken. Ihre Strahlen tauchten Himmel und Meer in ein leuchtendes Rot, beleuchteten auch den jungen Mann, der bäuchlings am Strand im Sand lag. Und obwohl die Wellen seine Beine mit einem stetigen Rauschen umspülten, rührte sich der Mann nicht. Nach und nach zog sich das Wasser immer weiter zurück, doch erst, als von der Sonne nur noch ein kleiner, orangefarbener Fleck zu sehen war, begann der Mann sich zu regen.
Er blinzelte erst, riss dann im nächsten Moment bereits seine rot glühenden Augen auf. Mit einem unterdrückten Fluch sprang er auf die Beine. Die Kleidung hing nass und schwer an seinem Körper und war überzogen mit Sand, der selbst in seinem Gesicht klebte. Hektisch sah er sich um, während gleichzeitig seine Hand zum Gürtel wanderte. Dieses Mal ließ er seinen Emotionen freien Lauf. „Fyridmar“, fluchte er herzhaft. Die Dolchscheide war leer, der Dolch selbst verschwunden.
Suchend ließ er den Blick umherwandern, doch er war allein. Und auch seine Waffe war nirgends zu sehen. Vor ihm lag das schier endlose Meer, doch weit entfernt konnte er die Segel eines Dreimasters ausmachen, die sich klar gegen den dunkler werdenden Himmel abzeichneten. „Sagmar!“ Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er auf die Wasserkante zulief, bis seine geschnürten Lederstiefel bereits von den Wellen umspült wurden. „Halt! Ich bin hier!“, rief er, doch der Wind trug seine Worte davon. Mit der rechten Hand fuhr er sich durch die sandigen Haare, hob dann hilflos die Arme. Kurz schien es, als wolle er den Männern nachwinken, doch im gleichen Moment ließ er die Hände sinken und sackte frustriert in sich zusammen, als die Erinnerungen an die letzten Stunden zurückkehrten. Ein weiteres Mal ließ er die Hand fahrig durch die vom Meerwasser verklebten Haare gleiten, wischte sich dann den Sand aus dem Gesicht. Mit einem resignierenden Seufzen setzte er sich in den nassen Sand, stellte die Beine auf und stützte sich mit den Armen darauf ab.
„Was habe ich bloß getan?“ Die Stimme des jungen Mannes klang tonlos, während er zusah, wie sich die Bark langsam dem Horizont näherte. Er lachte trocken auf. „Die werde ich nicht mehr einholen können. Und ich glaube nicht, dass es eine gute Idee wäre, es überhaupt zu versuchen. Ich bezweifle nämlich stark, dass Knjas Velmir mich weiterhin in seinem Gefolge duldet. Nicht nach dem, was ich getan habe.“ Der junge Mann atmete tief durch und kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Tja, Ivar“, sprach er zu sich selbst. „Das kommt davon, wenn man handelt und erst danach über die möglichen Konsequenzen nachdenkt.“ Er stockte, schüttelte dann den Kopf. „Nein. Die Sache war es auf jeden Fall wert. Die Frage ist nur, was ich jetzt mache.“ Ivars Blick wanderte ein weiteres Mal zu dem großen Rahsegler, von dem nur noch die Spitze des Hauptmastes zu erahnen war. Seine Mundwinkel zuckten leicht, dann begann er, verschmitzt zu grinsen. „Auf Wiedersehen, Vergangenheit. Und: Willkommen Abenteuer!“
Ivar stand auf, klopfte sich den Sand von der Kleidung und drehte sich um. Er stand auf einem kleinen Stück Sandstrand, der jedoch bereits nach wenigen Metern immer felsiger wurde und schließlich zu scharfkantigen Klippen anstieg. Lediglich vor ihm wand sich ein Pfad eine Anhöhe empor. Ivar Augen blitzten auf. „Da hatte ich wohl Glück im Unglück. Für meine neue Heimat hätte ich es deutlich schlechter treffen können. Immerhin komme ich hier nach oben.“ Er atmete tief durch, nahm die Schultern zurück und blickte die Klippe empor. „Und dann sollte ich mich als Erstes nach einer Stärkung umsehen.“ Ivars Blick war wieder ernst geworden. „Ich hoffe nur, dass ich in diesem Land nicht feindselig aufgenommen werde. Aber das wird sich zeigen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Er klopfte die letzten Sandreste von seiner Kleidung und machte sich motiviert an den Aufstieg.
Leicht außer Atem erreichte Ivar den Rand der Klippe. Er fluchte leise. „Kraptor! Ich war viel zu lange auf diesem elendigen Schiff.“ Seine Augen blitzten verärgert, als er einen letzten Blick auf den Dreimaster warf, bevor dieser kurz darauf hinter dem Horizont verschwand. „Und wem habe ich das zu verdanken? Nur diesem Portkanorfun Velmir. Ich hatte ihm gesagt, dass die Reise viel zu lang ist. An Deck gab es ja nicht einmal ansatzweise die Möglichkeit, angemessen zu trainieren. Aber dieser ach so tolle Svendreki wusste es ja die ganze Zeit besser. Anstatt einfach mal etwas länger an Land zu bleiben, hat der alte Pjongar ja jedes Mal sofort mit der nächsten Flut auslaufen müssen.“ Ivar knurrte gereizt und zerrte an seiner Kleidung, die unbequem an seinem Körper klebte. „Und das nasse Zeug hier ist auch alles andere als hilfreich.“ Der Mann seufzte. „Ich bin viel zu erschöpft. Ich brauche dringend Blut. Nur, wo soll ich das hernehmen?“ Suchend ließ Ivar den Blick umherwandern, doch er war allein. Kein anderes Lebewesen war in seiner Nähe. Noch immer gereizt presste er die Lippen zusammen. „Dann bleibt mir wohl nichts anders übrig, als auf gut Glück weiter ins Landesinnere zu gehen.“
Fyridmar: ein Fluch; in etwa: Verdammt
Kraptor: in etwa: Bin ich vielleicht fertig!
Pjongar: Sklaventreiber (abwertend)
Portkanorfun: Hurensohn
Sagmar: in etwa: Hey, was soll das?
Svendreki: Jüngling/ Knabe fürstlichen Geschlechts (abwertend)