Kapitel 1
Januar
Dieser Abend war der Inbegriff des perfekten Abends. Alles sprach dafür. Das frisch gestochene Tattoo auf meinem Oberarm war endlich so weit abgeheilt, dass ich es nicht mehr alle zwei Minuten eincremen musste. Im Wintersale hatte ich passend zu diesem Anlass ein silbernes, ärmelloses Kleidchen ergattert, das die Bildchen von Bambi und Co. auf meiner Haut wunderbar zur Geltung brachte. Das Kleid hatte ich in der Kinderabteilung von H&M für einen Spottpreis entdeckt. Für irgendwas musste es ja gut sein, dass mein Körper mit Anfang zwanzig immer noch so viele Kurven besaß wie der einer Elfjährigen.
Ich strich zufrieden über den Stoff, der in sanften Wellen im Marilyn‑Monroe‑Stil die Haut meiner Oberschenkel kitzelte. Ehrlich gesagt war das Kleid kurz, doch immerhin konnte so jeder das wunderschön gestochene Disney‑Zepter auf meiner Haut bewundern. Mein Tätowierer Luke hatte die Farbverläufe perfekt hinbekommen. Auf eine dicke Strumpfhose verzichtete ich deshalb und griff nach einer feinen aus Netz. Trotz eisiger Temperaturen war es mir das wert.
Ich griff nach meiner kleinen silbernen Handtasche und kramte meinen Lipgloss hervor. Mehr passte auch nicht in das schmale Mäppchen. Die Tasche war gerade groß genug, dass neben dem Lippenbalsam auch mein Smartphone, mein Ticket und ein wenig Kleingeld für den Notfall darin Platz fanden. Kein Mensch sollte abends allein draußen unterwegs sein, ohne die Möglichkeit zu haben, einen Uber anzurufen. Kleine Mädchen erst recht nicht!
Ein prüfender Blick in den Spiegel verriet mir, dass mein langer blonder Pferdeschwanz im perfekten Bogen auf meinen nackten Schultern landete. Mein Lidstrich saß on point. Ich grinste zufrieden. Ja, alles sprach dafür, dass dies mein Abend sein würde! Der Abend aller Abende!
Ich, Maya Zabel, würde mir Matthias, aka Tiesi, den heißen Mitbewohner meines Zwillingsbruders Janis, angeln!
Keine Ahnung, wie lange ich inzwischen darauf wartete! Seit Wochen schwammen wir auf einer Wellenlänge. Wir hatten stundenlang über Tattoos gesprochen. Tiesi war mit mir bei meinem Tätowierer gewesen. Nebeneinander hatten wir dort auf der Bank gelegen, während Luke uns mit Nadel und Tinte gequält hatte. War das nicht schon eine Art Liebeserklärung, oder? Geteilter Schmerz, während wir uns Bildchen für die Ewigkeit unter die Haut stechen ließen? Ich fand schon!
Noch dazu schenkte mir Tiesi immer wieder dieses schiefe Lächeln, das ihn irgendwie verrucht und verlegen zugleich aussehen ließ. Dazu noch diese hübschen grünen Augen und das verwuschelte aschblonde Haar … Es klang wundervoll, wenn er meinen Namen in diesem gewissen Ton aussprach, der mir einfach unter die Haut gehen musste. Maya …
Woah!
Ich seufzte verzückt bei dem Gedanken, während sich meine Wangen rot färbten. Ich fächelte mir Luft zu. Sogar in meinen Erinnerungen klang es absolut heiß und gänsehautwürdig!
Seit ich Tiesi vor ein paar Monaten kennengelernt hatte, schwärmte ich für den zweiten Mitbewohner meines Bruders. Ich wusste nicht einmal, was mich genau an ihn so faszinierte. Wahrscheinlich war es die Summe vieler kleiner Dinge. Sein Straßenköterblondes, verwuscheltes Haar, ein perfekter Körper und die unzähligen Badboytattoos, die diesen schmückten, seine perfekte Größe, seine strahlend grünen Augen, aus denen gefühlt jede Emotion abzulesen war und dazu diese verschlossene Art, die dafür sorgte, dass sich ein Lächeln von ihm, wie ein verdammter Homerun anfühlte.
Tiesi hatte es mir mit Leib und Seele angetan, und inzwischen hatte er mich lange genug auf die Folter gespannt, sodass ich kurz davor war, in die Luft zu gehen. Das Vorspiel zwischen uns hatte lange genug gedauert.
Halloween hatte ich abgewartet – nichts.
Weihnachten hatte ich abgewartet – nichts.
Silvester hatte ich abgewartet … wieder nichts.
Langsam riss mir der Geduldsfaden. Also hatte ich als Neujahrsvorsatz vor gut zwei Wochen einen Entschluss gefasst. Zu Tiesis heutigem Geburtstag würde es ein besonderes Geschenk von mir geben: mich. Zwar nicht mit Schleife, jedoch mit echt hübscher Unterwäsche – wenn er gewillt war, mich heute Abend auszupacken.
Bei dem Gedanken begannen meine Fingerspitzen vor Aufregung zu kribbeln.
»Du schaffst das, Maya«, flüsterte ich meinem Spiegelbild zu und warf meinem Abbild ein kleines Küsschen zu. Dann griff ich nach meiner Jacke, die eher an einen rosafarbenen Flauschberg erinnerte, und verließ mein altes Kinderzimmer im Haus meiner Eltern, um den Bus in Richtung der WG meines Bruders zu erwischen.
Im Gegensatz zu mir war Janis schon sehr früh klar gewesen, dass er in seiner späteren beruflichen Laufbahn etwas mit Zahlen machen wollte. Die Bewerbungen für die entsprechenden Universitäten im Land für ein Mathematikstudium hatten schon monatelang vor der letzten Abiturprüfung vorbereitet in einem Ordner auf seinem Desktop gelegen. Meine Eltern unterstützten ihn mit allem, was sie zu bieten hatten. So kauften sie eine große Wohnung in unserer Heimatstadt Königsburg, sobald klar war, dass Janis hier studieren würde. Sie waren der Meinung, dass sich Janis so besser auf sein Studium konzentrieren konnte. Dort wohnte er seit zwei Jahren mit unserem Kindheitsfreund Sascha, der ebenfalls in Königsburg Informatik studierte, und eben Tiesi, den Sascha an der Uni kennengelernt hatte und der aus Berlin zugezogen war.
Bei mir war das anders gewesen. Ich war zwar nicht das Sorgenkind der Familie, das nur mit Ach und Krach die Schule bestanden hatte, doch gern gelernt hatte ich noch nie. Keiner in meiner Familie hatte sich also gewundert, dass ich nach den letzten Prüfungen, statt Bewerbungen zu schreiben, Koffer gepackt und in die Welt hinaus geflüchtet war. Ich hatte gefühlt jede Hauptstadt Europas besucht und immerhin deren Wahrzeichen berührt. Dann hatte es mich für ein halbes Jahr nach Amerika und danach für ein ganzes Jahr nach Australien verschlagen. In Amerika hatte ich die Liebe zu Tattoos entdeckt, in Nordaustralien die Liebe zum Meer, zum Surfen und zum Great Barrier Reef.
Vor einem halben Jahr war ich, braungebrannt von der australischen Sonne, in Deutschland gelandet, um dem Ernst des Lebens entgegenzutreten.
Leider war ich auf meinen Reisen nicht wirklich schlauer geworden, was ich mit meinem Leben anfangen wollte.
Fast täglich lagen mir meine Eltern in den Ohren, dass ich nicht mein Leben lang im Tätowierstudio meine Zeit totschlagen konnte. Dort half ich seit meiner Rückkehr regelmäßig aus. Nicht als Tätowiererin, denn dafür war ich sicherlich zu unbegabt, sondern als eine Art Sekretärin für Luke, der an einer so stark ausgeprägten Dyskalkulie litt, dass ich mich vor einem halben Jahr gewundert hatte, wie er so lange ohne Hilfe als Selbstständiger hatte überleben können.
Für meine Eltern war diese Arbeit nicht gut genug. Ich sollte etwas Anständiges machen, predigten sie mir alle fünf Minuten. Letztendlich war es mir egal. Ich musste nicht studieren, um glücklich und zufrieden zu sein. Doch meinen Eltern war es wichtig. Also war es mir wichtig. Mir war es möglich zu studieren, also hatte ich eben zu studieren. Und ja … irgendwie hatten sie recht … oder?
Seitdem überlegte ich fieberhaft, welcher Studiengang zu mir passen könnte.
Sozialer Bereich? Zu sozial!
Geisteswissenschaften? Zu theoretisch und zu wischiwaschi!
Naturwissenschaften? Einfach nur nein!
Kunst und Design? Witz des Tages.
Etwas Mathematisches, wie Janis, weil mir Mathe nun mal lag? Langweilig!
Ich seufzte auf und zog meine Wuscheljacke enger um meinen schmalen Körper, während ich die paar Meter zur Haltestelle hastete. Ich war echt spät dran.
Wie immer setzte eine chronische Müdigkeit ein, wenn ich an das Thema Zukunft dachte. Heute standen definitiv wichtigere Dinge an. In den nächsten Stunden würde ich sowieso nicht die Antwort finden, die ich benötigte. Noch hatte ich auch ein paar Monate Zeit, bis ich mich an der Universität einschreiben musste. Ich reckte mein Kinn in die Höhe, und mit dieser Bewegung wischte ich die Gedanken an meine berufliche Zukunft weg und beförderte sie zurück ins Hier und Jetzt. Immerhin schnappte ich mir heute Tiesi! Ich brauchte definitiv einen besseren gedanklichen Fokus!









Es ist schon so lange her, dass ich Always Meet Twice gelesen habe🤣🤣🤣🤣🤣 Ich musste es neu anlesen, um wieder den Zusammenhang herstellen zu können🤣🤣🤣🤣🤣🤣