Leseprobe❗️
Es ist ein seltsames Gefühl – zu wissen, dass man einen Großvater hatte, der einen nie angerufen, nie geschrieben, und offenbar auch nie besonders gemocht hat. Kein Weihnachtsgruß, kein vergilbtes Foto, nicht mal ein mysteriöses Familiengeheimnis mit seinem Namen drauf. Nur das gelegentliche, gereizte Hüsteln meiner Mutter, wenn er in Gesprächen zu nah an die Oberfläche trieb. Seine Existenz war ein bisschen wie Fußpilz – unangenehm, aber nicht schlimm genug, um dramatisch zu sein.
Und jetzt? Tot.
Wie es sich für mysteriöse, emotional entkoppelte Verwandte gehört, hat er mir ein Apartment vererbt. In Midtown Manhattan. Mitten im Herzen des kapitalistischen Nervenbündels. Jackpot. Ich, Kayla Johnson, zwanzig, arbeitslos, blass wie ein nordischer Leuchtturm und bis vor Kurzem ansässig in Harpers Ferry – einem Ort, der so verschlafen ist, dass sogar das Gras gähnt, wenn man es betritt. Mein Alltag? Muffins backen, Blumen gießen und Menschen bedienen, die denken, dreißig Cent Trinkgeld seien großzügig. Es war nicht aufregend, aber wenigstens wusste ich immer, welcher Wochentag ist – Spoiler: Es war egal.
Und jetzt… New York.
Es ist 21 Uhr. Ich sitze in der Metro, eingeklemmt zwischen testosterongesteuerten Football-Fans, die nach Bier und ungewaschenem Stolz riechen, und einer älteren Dame, deren Mantel die Spannkraft einer Autotürdichtung hat – und genauso oft in mein Gesicht schnellt. Die Bahn schaukelt sanft. Es riecht nach Metall, Mensch und einem mysteriösen Duft, der mich an tote Ratten mit einem Hauch Desinfektionsmittel erinnert. Ich halte meine Zimmerpflanze – einen Efeu mit Überlebenskomplex – wie ein Neugeborenes. Der letzte Beweis, dass ich irgendwann mal ein Leben hatte, das nach Gießkanne roch.
»Entschuldigung… Entschuldigung, darf ich mal?«, frage ich höflich, weil ich mich offenbar immer noch für ein höflicher Mensch halte. Natürlich ignoriert mich jeder. Ich könnte auch: Ich trage eine Bombe - rufen – niemand würde reagieren. Willkommen in New York. Wenn man hier nicht laut ist, ist man unsichtbar.
Ich bin nicht klein. Aber ich fühle mich winzig. Wie eine Fliege auf einem Filmplakat. Diese Stadt ist nicht gemacht für Menschen, die zögern. Oder fühlen. Oder leise sind. Ich bin alles davon. Also: perfekte Voraussetzungen. Aber hey – ich habe einen Schlüssel. Und eine Tür. Und irgendwo dahinter: mein Erbe. Vielleicht ist es ein Neuanfang. Vielleicht eine Falle. Vielleicht liegt da drinnen auch nur sein präparierter Schädel auf einem Sessel. Ich weiß es nicht.
Noch nicht.
Das Gebäude ist… ein Erlebnis. Die Straße davor ist so dreckig, dass selbst die Ratten den Bürgersteig mit Schaudern betreten. Die Fassade sieht aus wie die Haut eines alten Mannes mit Sonnenallergie – rissig, rötlich, dem Verfall ergeben. Vor dem Eingang: eine Frauengruppe. Laut, auffällig, zu freizügig. Ihre Stimmen schneiden durch die Luft wie kaputte Sirenen. Ihr Lachen hat etwas von Wahnsinn – oder vielleicht haben sie einfach gute Laune. Ich bin mir nicht sicher. Die Luft ist ein Parfüm-Angriff, gepaart mit dem feuchten Gestank von Billigalkohol und warmer Asphaltverzweiflung. Ich drücke meinen Efeu fester an die Brust, als könnte er mich schützen. Vielleicht kann er das auch. Vielleicht ist er der Einzige, der’s wirklich gut mit mir meint. Ich trete die kleine Stufe zum Eingang hoch. Und suche mir meinen Weg durch ein ganz eigenes Biotop urbaner Hölle.
»Entschuldigung… dürfte ich kurz durch?«, frage ich leise. Keine Reaktion. Ihre Unterhaltung verschlingt jedes Wort.
»Entschuldigung.« Ich versuche es noch einmal, lauter. Eine der Frauen dreht langsam den Kopf. Platinblonde, kinnlange Haare, perfekt gestylt. Dunkel geschminkte Augen, hart und dramatisch. In ihrer Hand eine Zigarette, bis zum Filter abgebrannt. Sie trägt ein rotes Bikinioberteil, das kaum etwas bedeckt. Darunter ein weißer Minirock, zu kurz, um noch etwas zu verbergen. Ihre knallroten Heels glänzen im Licht der Straßenlaterne. Und sie steht darin, als gehörte ihr der Bürgersteig. Ihr Blick wandert von meinem Gesicht zur Pflanze in meinen Armen. Sie zieht an der Zigarette, bläst mir den Rauch direkt ins Gesicht - und tritt schließlich zur Seite. Ich sage nichts. Gehe einfach vorbei. Stecke den Schlüssel ins Schloss und öffne die Tür. Drinnen ist es stickig. Das Foyer wirkt alt, vernachlässigt - der Boden klebt, überall liegen leere Becher, Verpackungen, Schmutz. Irgendwo schreit jemand. Zwei Typen streiten sich lautstark hinten bei den Briefkästen, einer wirft eine Bierdose gegen die Wand. Ich drücke den Knopf vom Fahrstuhl. Die Anzeige flackert, als würde der Strom gleich ausfallen. Ich warte. Meine Hände sind feucht, ich halte die Pflanze fester. Die Tür öffnet sich, ich steige schnell ein, gerade noch rechtzeitig, bevor einer der streitenden Männer sich umdreht. Die Tür schließt sich mit einem metallischen Stöhnen. Ich atme tief ein. Dann wieder aus. Als ich im siebten Stock ankomme, ist es stiller. Der Flur ist dunkel, nur eine einzelne, flackernde Lampe funktioniert. Ich gehe langsam zu meiner Wohnungstür. Doch ich kann sie nicht sofort erreichen. Da sitzt jemand. Direkt vor meiner Tür. Mit dem Rücken an das Holz gelehnt, die Beine ausgestreckt, den Kopf tief gesenkt. Neben ihm zwei leere Flaschen, die noch nach Alkohol riechen - scharf, süßlich, brennend. Ich bleibe wie angewurzelt stehen.
Sein Haar ist tiefschwarz, fast bläulich schimmernd im fahlen Flurlicht. Wellig, in die Stirn fallend, am Ansatz lang, die Seiten kurz rasiert. Direkt über dem linken Ohr windet sich ein Tattoo - eine Schlange, gestochen über die kahle Haut, als würde sie sich um seinen Kopf schmiegen. Seine Ohren sind durchstochen mit Metall: silberne Ringe, schwarze Stecker, lange, kurze Piercings - chaotisch und doch gewollt. Er trägt ein enges, schwarzes Tanktop, das sich über seinen Brustkorb spannt. Darunter blitzen mehrere silberne Ketten hervor, klirren leise, wenn er sich regt. Die Hose ist tiefsitzend, schwarz, weit, überladen mit Taschen. Der weiße Bund seiner Boxershorts ist deutlich sichtbar. Seine Arme - komplett tätowiert. Auf dem linken schlängeln sich mehrere schwarze Schlangen bis hinauf zum rasierten Schädel. Der rechte ist grotesker. Düstere Zeichnungen: nackte Frauen, bedrängt von Skeletten. Bizarr. Abgründig. Verstörend. Seine rechte Hand ist bandagiert. Weißer Stoff, durchtränkt mit frischem Blut. Es sieht schmerzhaft aus. Roh. Unversorgt.
Und sein Duft…
Er riecht nach Sex und Asphalt, nach Nacht und Haut – ein Duft, der mehr verspricht, als er sollte.
Ich kann sein Gesicht kaum erkennen - der Kopf zu tief gesenkt. Auch sein Alter lässt sich schwer einschätzen. Aber er wirkt… verloren. Verloren und fehl am Platz, selbst hier. Ich sage nichts. Nicht jetzt. Ich weiß nicht, ob er bewusstlos ist oder nur schläft. Ich bleibe still. Und warte. Dann, zögernd, mache ich einen Schritt auf ihn zu. Meine Pflanze halte ich noch immer fest an mich gedrückt, als wäre sie mein Schutzschild.
»Entschuldigung…«, flüstere ich. Keine Reaktion. Ich gehe näher. »Entschuldigung?«, wiederhole ich, diesmal klarer, fast bittend. Da - langsam, fast qualvoll - hebt er den Kopf. Zuerst nur ein Stück. Dann rollen seine Augen zu mir hoch. Das Kinn bleibt gesenkt, aber sein Blick trifft meinen. Und ich halte den Atem an. Er ist schön. Beängstigend schön. Seine Haut ist porzellanweiß - glatt, fast unnatürlich eben. Still, als gehöre sie zu einer Statue. Über seiner rechten Braue zieht sich ein feines, geschwungenes Tattoo: Pretty Bastard. Die Schrift elegant, fast wie von Hand geschrieben. Seine Augenbrauen sind tiefschwarz, breit und markant, als hätte sie jemand mit einem Pinsel gezogen. Darunter lange, geschwungene Wimpern, weich und fast zu zart für dieses Gesicht, das ansonsten wie gemeißelt wirkt. Und dann - seine Augen. Smaragdgrün. Klar wie Glas. Und gefährlich. Sie blicken durch mich hindurch, direkt in das, was ich zu verbergen versuche. Sie glänzen im Licht, als fingen sie jede Bewegung meiner Unsicherheit ein. Seine Gesichtszüge sind scharf geschnitten - kantig, stark. Eine unmögliche Mischung aus Model und etwas Düsterem. Etwas, das keine Kamera einfangen könnte. Und seine Lippen… voll, dunkelrot, als wären sie aufgemalt. Doch sie bewegen sich nicht. Kein Lächeln. Kein Wort. Nur dieser Blick. Dieser Blick, der mir sagt, dass ich gerade einen Fehler mache - einfach, weil ich da bin. Ich spüre, wie mein Herz rast.
»Sie sitzen vor meiner Tür«, sage ich leise.
»Ich muss da rein«, spreche ich. Er antwortet nicht. Er starrt einfach weiter. Regungslos. Wie eine Wand. Ich verstehe nicht, warum er mich so anschaut. Ich verstehe überhaupt nichts. Aber das macht es nicht besser. Mein Herz hämmert. Dann - langsam - steht er auf. Ganz ohne Hast. Aber er nimmt den Blick nicht von mir. Kein Blinzeln, kein Zucken. Und der Kopf bleibt unten, gesenkt, als wäre er schwer wie Stein. Er muss sich an der Wand abstützen, krümmt den Rücken. Er wankt ein wenig. Er ist angetrunken, das merke ich jetzt. Es riecht nach Bier. Nach Schweiß. Nach etwas Bitterem, das mir den Atem nimmt. Und dann… dann schwenkt er den Oberkörper zur Seite, zieht ein Bein hinterher. Ein einziger, zäher Schritt, kaum mehr als ein Rutschen. Er macht Platz. Ich senke den Kopf. Wage nicht, ihn anzusehen. Ich trete vor. Ganz vorsichtig. Meine Finger zittern, als ich nach dem Schlüssel taste. Ich finde ihn. Ziehe ihn heraus. Hebe ihn an. Atme flach. Ich will ihn einfach nur ins Schloss stecken. Rein. Tür auf. Verschwinden. Doch plötzlich - wie aus dem Nichts - greift er zu. Seine Hand schießt hervor, umklammert mein Handgelenk. Hart. Brutal. So fest, dass mir sofort der Schmerz in die Schulter schießt.
»Ah!« Ein Stöhnen platzt aus mir heraus, ungewollt. Unsere Körper prallen aneinander. Meine Brüste pressen gegen seine Brust. Sein Griff ist so fest, als wolle er mein Handgelenk brechen. Ich spüre seine Finger, die sich wie Schrauben in mein Fleisch drehen. Der Schlüssel fällt mir aus der Hand, klimpert auf den Boden. Dann - ohne ein Wort - stößt er mit dem Fuß. Mein Schlüssel fliegt weg, die Stufen hinunter. Mit der anderen Hand schlägt er mir meine Pflanze aus dem Arm. Der Topf knallt auf den Boden, Erde spritzt über den Flur. Er sieht mich die ganze Zeit an. Als gäbe es nichts anderes. Und dann tritt er. Er tritt auf die Pflanze. Einmal. Zweimal. Dreimal. Immer schneller. Immer härter. Der Topf zerbirst, das Plastik splittert, die Blätter reißen. Er tritt. Und tritt. Und tritt. So oft, dass ich es nicht mehr zählen kann. Es hört nicht auf. Dann - als wäre nichts gewesen - stoßt er mein Handgelenk weg. Einfach so. Ich reiße mich zurück. Drücke meinen Rücken gegen die Tür. Meine Atmung ist flach, hektisch. Ich sehe ihn an. Starr. Starr wie ein Tier, das nicht versteht, ob es gleich stirbt. Er sagt nichts. Kein Ton. Dreht sich langsam um, geht zu seiner Tür. Öffnet sie. Und dann - knallt sie hinter sich zu. So laut, dass ich zusammenzucke.