Kapitel 1 - Hunter 🏹
Als mein Vater noch lebte, fühlte ich mich geliebt und beschützt …
Ich versteckte mich gern hinter ihm. Suchte und fand immer wieder Schutz, klammerte mich an seine Beine, oder ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und lauschte seinen Atemzügen. In der Hoffnung, dass sein Herz niemals aufhören würde zu schlagen.
Das war das Einzige, was mich beruhigte, wenn die Glocken läuteten und es Zeit für alle war, sich zu verstecken oder ihren Posten zu beziehen.
Damals verstand ich die Bedeutung der Glocken nicht.
Es hieß immer nur ... sie kommen ... versteckt euch!
Und zwar schnell!
Wir mussten tatsächlich schnell sein. Von einem Moment auf den anderen waren alle in unserem Kreis mucksmäuschenstill. So nannten sie die Gemeinschaft, in der wir zusammenlebten.
Den Kreis.
Tief unter der Erde. Unter unseren Holzhütten nahmen wir unsere Plätze ein. Einige von uns hatten ihre Posten hoch oben in den Wipfeln der meterhohen Bäume. Ausgerüstet mit Pfeil und Bogen. Und Dolchen, deren scharfe Klingen seitlich aus den Gürteln um die Hüften ragten.
Mein Vater brachte meinen Bruder und mich zu meiner Mama in unser Versteck unter unserer Hütte. Er tauschte jedes Mal einen kurzen, warmen Blick mit ihr aus. Küsste sie zärtlich auf den Mund, strich ihr mit der Hand sanft durch das weiche gelockte rote Haar und verschwand schnell danach. Damals nahm ich an, dass diese Gesten vollkommen normal wären. Das alle Väter ihre Frauen auf dieselbe Weise behandeln würden.
Während meine Mama immer wieder zu Vespera sprach, übernahm auch mein Vater seinen Posten draußen, nachdem er sich mit Pfeil und Bogen ausgerüstet hatte.
Das Set, das über dem Kamin in unserer kleinen Hütte hing und das ich jedes Mal mit Angst und Schrecken betrachtete. Denn für mich hatte dieses Set nur eine Bedeutung.
Nämlich, dass mein Vater draußen war, während wir uns tief unter der Erde verstecken mussten.
Später erfuhr ich, dass er sich jedes Mal auf einen Kampf mit unserem Feind vorbereitete.
Einen Feind, den ich bis heute nicht gesehen habe.
Gelegentlich schnappte ich ein Knurren oder Grunzen auf. Einmal hörte ich ein dröhnendes Heulen, das direkt über uns zu kommen schien und mich bis ins Mark erschütterte. Aber so tief unter der Erde hatte ich unseren Feind noch nie gesehen. Ich hatte einfach kein Bild vor Augen. Aber das hinderte meine kindliche Fantasie nicht daran, mir meinen eigenen Feind zu erschaffen.
Mit meinem Einfallsreichtum stellte ich mir alle möglichen Monster vor. Ich erschuf riesige Ungeheuer aus Schatten – denn vor ihnen fürchtete ich mich damals am meisten. Die Wesen in meiner Fantasie hatten große Klauen und scharfe Zähne. Ich stellte mir vor, wie mein Vater sie jedes Mal mit seinen brennenden Pfeilen auf sie schoss und sie vertrieb.
Jedes Mal beschützte er uns. In meinen kühnsten und wildesten Fantasien feierte ich ihn wie einen Helden.
Zeit war schließlich genug da.
Manchmal dauerte es Stunden, bis wir wieder an die Oberfläche hinaufsteigen konnten. Manchmal mussten wir mehrere Sonnen und Monde hintereinander in der Dunkelheit ausharren, ohne Licht.
Die Luft wurde stickig. Es stank fürchterlich und es war brütend heiß. Unsere Vorräte an Wasser und Proviant gingen langsam zur Neige.
Manchmal hatte ich Angst, dass wir für immer dort unten bleiben müssten. Vor allem, wenn mir die Geschichten ausgingen. Unsicher. Nicht ahnend, was sich über uns an der Oberfläche abspielte.
In solchen Fällen schickte ich stumme Gebete an Vespera. Suchte Trost in ihr und bat um Licht in der Dunkelheit und das Wiedersehen mit meinem Vater und all der anderen, die sich einen Kampf mit unserem Feind leisteten.
Der anschließende Aufstieg war immer von Tränen begleitet. Klagelaute mischten sich in die stickige Trauerluft um uns herum.
Es wurde um die Brüder und Schwestern getrauert, Kinder und Eltern, die es nicht rechtzeitig in die Verstecke geschafft hatten und in einen tiefen Schlaf gefallen waren. Männer, Väter und Brüder, die im Kampf um unseren Schutz gefallen waren.
Damals war ich noch zu klein, um das gesamte Ausmaß zu verstehen. Aber ich verstand, dass es nichts Gutes bedeutete und nur der Feind schuld darin war.
Jeder in unserem Kreis zündete ein Feuer an. Wir stellten uns in einem Kreis auf und beteten gemeinsam zu Vespera, während wir uns frei bewegten und mit den Fackeln kleine Kreise zogen.
Den Legenden nach, die uns in dem Lernhain beigebracht wurden, ist Vespera aus dem ersten Sonnenuntergang nach dem großen Krieg entstanden.
Als die Welt im Chaos versank, und der Staub und Schmutz sich langsam legte, erschien sie als sanfte Lichtgestalt am Himmel. Sie markierte den Übergang vom hellen Tag zur dunklen Nacht. Sie schenkte Hoffnung, wo nur noch Verzweiflung herrschte.
Sie gab den Menschen Kraft, loszulassen und Ruhe und Frieden zu finden. Vor allem aber, sich in der Neuen Welt zurechtzufinden und sich an die schweren Gegebenheiten und Bedingungen anzupassen.
Nach dem Zusammenstoß mit dem Feind in der Nacht, wenn der Mond strahlend hell am Himmel leuchtete, gab sie uns Hoffnung auf den nächsten Morgen. Es heißt, dass Vespera diejenigen behütet, die in ihrem Schlaf Frieden suchen. Und jeder in unserem Kreis wünscht sich, wenn die Zeit gekommen ist, von ihr empfangen zu werden und zu ihr zu gelangen.
Eines Tages, als ich fünf Sommer alt war, brachte mein Vater ein kleines Bündel und überreichte es schweigend meiner Mutter. Sie schluchzte laut. Und aus ihrem Kummer hörte ich heraus, dass es mein kleiner Bruder war, der darin fest eingewickelt wurde. Sie sagte mir, dass auch er in einen tiefen Schlaf gefallen sei und nicht mehr aufwachen würde. Und dass nun Vespera über ihn wachen und ihn beschützen würde.
Mit der Zeit wurde ich älter. Der Feind bekam einen Namen, wenn auch kein Gesicht.
Der Kreis wurde größer und sie sprachen von Gestaltwandlern. Von Gestalten, die so aussahen wie wir Menschen. Die sich allerdings in Tiere verwandeln konnten.
Wölfe!
Sie erzählten, dass diese Wesen den Mond und die Nacht anbeten würden und nach Blut gierten.
Nach unserem Blut! Das muss man sich mal vorstellen.
Und uns jagten. Aber warum? Weil es letztlich Tiere waren? Das konnte mir niemand sagen.
Ich hörte Geschichten von geschändeten Mädchen und Frauen, die fortan als verdorben galten und in unserem Kreis nicht mehr willkommen waren.
Sie würden die Wolfsbrut in sich tragen, hieß es.
Was genau das bedeutete oder mit ihnen danach geschah, weiß ich nicht.
Aber sie tauchten nie wieder auf.
Ich habe von Männern und Jungen gehört, die in Stücke gerissen wurden. Von klaffenden Wunden, die so groß waren, dass man sie nicht mehr zusammennähen konnte.
Und von Entführungen!
Griffin, der neue Freund meines Vaters, der während der Schattenmonate mit seinen zwei Kindern zu uns gestoßen ist, erzählte meistens davon. Er brachte auch weitere Männer und ein paar Frauen in unseren Kreis mit. Diese verhielten sich auffällig ruhig. Überhaupt nicht wie die Frauen aus unserem Kreis.
In der Regel blieben sie unter sich, und sie kamen mir immer etwas merkwürdig vor. Vielleicht, weil sie ein wenig anders aussahen als wir. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie nicht aus dem Kreis stammten und im Gegensatz zu uns nicht an Vespera glaubten. Oder aber auch weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass andere außerhalb unseres Rings überhaupt überleben konnten.
Ich freundete mich mit Emily an. Seiner Tochter. Sie war so alt wie ich und hatte im Gegensatz zu mir helles blondes Haar, das wie flüssiges Gold schimmerte, und strahlend blaue Augen wie der Himmel über uns. Sie war wunderhübsch und lustig dazu. Emily erzählte tolle Geschichten aus einer Welt, die ich nicht kannte.
Sie vertraute nicht auf Vespera. Und immer, wenn ich davon sprach, schüttelte sie vehement mit dem Kopf. „Das ist Quatsch“, sagte sie so sicher, dass mir jedes Mal der Mund offen blieb. Sie berichtete von einem schimmernden großen Bogen, der manchmal am Himmel nach dem Regen am Horizont auftauchte und viele bunte Farben beinhaltete.
Himmelsfarben nannte Emily es!
Außerdem hatte sie tolles, ungewöhnliches Spielzeug, das immer wieder meine Neugier weckte. Im Sommer, wenn der trockene Boden unter der Sonne knirschte, zog sie mit ihrem bunten Scooter immer wieder geschmeidige Runden auf dem großen Kreis. So nannten wir den runden Hof, der sich vor unseren Hütten erstreckte.
Sie brachte mir geduldig bei, wie man mit dem Scooter fährt, und ich liebte das aufregende Gefühl, den warmen Wind im Gesicht zu spüren, während meine Haare wild in alle Richtungen flogen.
Im Gegensatz zu Emily war ihr älterer Bruder, Brave, alles andere als freundlich. Brave war drei Sommer älter als wir und ein Einzelgänger. Er war ziemlich wortkarg und unheimlich wütend. Ich fragte mich, woher all diese Wut kam, denn er benötigte keinen triftigen Grund, wütend zu sein
Brave zerstörte unsere sorgfältig aus kleinen Zweigen und Blättern gebastelten Puppen, die wir so liebevoll mit Wolle zusammengebunden und mit den Stoffresten meiner Mutter bekleidet hatten. Er versteckte den bunten Scooter, wenn wir zu laut wurden, oder stahl die kleinen Kostbarkeiten, mit denen wir so gerne spielten.
Er ärgerte uns ständig mit seinem Furcht einflößenden Blick, der mir jedes Mal das Herz zusammenziehen ließ. Meistens versuchte ich ihm aus dem Weg zu gehen und ihn zu ignorieren. Doch ich hatte das ungute Gefühl, dass ihm das überhaupt nicht passte.
Einmal sah ich, wie er Emily wütend ins Gesicht schlug. Sein böser Blick funkelte vor Zorn, während er sie anschrie und schmerzhaft an den Schultern packte. Meine Mama hatte ihre langen, blonden Haare ebenfalls zu einer hübschen Flechtfrisur geflochten, weil ihr meine Zöpfe so gut gefielen.
Schnell ging ich dazwischen und wollte ihr helfen. Doch er war so groß und stark, dass er mich einfach in den Bauch schlug. Mir wurde schwarz vor Augen und ich fiel taumelnd zu Boden.
Vor Schmerzen zusammengekrümmt, blieb ich dort liegen.
„Misch dich nicht ein, Schlampe“, schrie er mich an. Er zerrte Emily an den Haaren nach Hause, in ihre Hütte. Ich hörte sie weinen und schluchzen.
Schwer atmend, rappelte ich mich auf die Beine. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rannte ich zu meinem Vater, der mit Griffin und Calvin vor seiner Hütte stand.
Calvin war für die Pfeilspitzen zuständig, die er in großen Mengen für unsere Gruppe herstellte. Mein Vater hielt gerade eine in der Hand und betrachtete sie ausgiebig, als sein Blick auf mich fiel.
Einige Strähnen hatten sich aus meinen Zöpfen gelöst, und mein ganzer Körper war mit dem erdigen Staub bedeckt. Mein Aussehen und die Hand, mit der ich mir immer noch den Bauch hielt, ließen die Sorge in seinem Gesicht aufblitzen.
Mein Vater ließ die Pfeilspitze fallen und eilte zu mir.
„Liora, was ist passiert? Geht es dir gut?“, fragte er besorgt.
Ich sog scharf die Luft ein und erzählte ihm unter Tränen alles. „Emily“, schluchzte ich dabei immer wieder. Ich hatte einfach solche Angst um meine Freundin, dass er ihr noch mehr Schaden zufügen würde.
Brave hat danach viel Ärger bekommen. Sein Vater nahm ihn ganz schön in die Mangel und danach durfte er nicht mehr in unsere Nähe kommen.
Hinterher war es zum Glück wieder etwas ruhiger. Aber jedes Mal, wenn er an mir vorbeiging oder uns gelegentlich beim Spielen beobachtete, spürte ich seinen durchdringenden Blick auf mir, der nichts Gutes verheißen konnte.
Sein Vater hatte ihm zur Strafe zusätzlich Pfeil und Bogen abgenommen, und ich wurde stattdessen von meinem Vater persönlich trainiert.
Er begann, jedes Mal auf den Boden zu spucken, wenn er mich sah oder an mir vorbeilief.
Ich wusste zwar nicht, was sein allgemeines Problem war, doch ich wusste, dass ich ab nun ihm noch mehr als zuvor aus dem Weg gehen musste. Emily und ich suchten immer öfter Orte zum Spielen, an denen wir ungestört und frei von seinen Blicken sein konnten.
Emily war mir eine wunderbare Freundin, und wir hatten eine tolle gemeinsame Zeit. Doch leider verschwand sie eines Tages spurlos.
Gemeinsam mit fünf weiteren Kindern aus dem Kreis hielten wir uns hinter den Häusern in der Nähe des Waldes auf. Wir spielten dort öfter Wolf und Jäger. Ich war in der Regel die Jägerin, weil ich ziemlich gut darin war, sie aufzuspüren.
Meine Aufgabe war es, die Kinder einzufangen, die sich als Wölfe verkleidet, im Wald versteckt hatten. Ich konnte ihre Spuren ziemlich gut lesen. Mein Vater hatte es mir bereits beigebracht, und ich fand die Kinder ziemlich schnell.
Doch Emily war eine der Besten unter ihnen, wenn es ums Verstecken ging. Einmal hatte sie sich auf den Boden gelegt und mit dem Schlamm und Matsch komplett eingerieben. Sie lag ganz still hinter einem kleinen Busch. Es wurde bereits dunkel und nach der langen Suche hatte ich es fast schon aufgegeben.
Ich drehte meinen Kopf gerade, als mein Blick auf die mit kleinen matschigen Spritzern bedeckten Blätter eines kleinen Strauchs neben mir fiel. Ein paar abgebrochene Äste, ein etwas unkenntlicher Fußabdruck. Es wurde immer wärmer.
Ich ließ meinen Blick langsam höher wandern und suchte jeden Zentimeter ab, bis ich schließlich den Umriss ihres Körpers entdeckte. Langsam schlich ich mich an sie heran und warf mich lachend neben sie auf den Boden.
„Der Jäger hat gesiegt“, rief ich dabei laut.
Emily kreischte erschrocken. Sie hatte ihre Augen geschlossen, damit sie nicht entdeckt wurde und mich nicht gesehen. Sie erhob sich lachend von ihrer Position und bewarf mich mit dem Schlamm. Danach veranstalteten wir eine kleine Matsch-Schlacht zusammen mit den Kindern.
Doch Emily schien sich beim letzten Mal so gut versteckt zu haben, dass ich sie einfach nicht finden konnte. Die anderen Kinder halfen mir bei der Suche, doch alle Mühe war vergeblich.
Mit klopfendem Herzen rannte ich zum Kreis zurück und erzählte meinem Vater davon. Zusammen mit allen Männern und Jungen, die mit Fackeln ausgerüstet wurden, durchkämmten sie fast alle Bereiche des Waldes ab. Nur eine Handvoll Männer blieb zum Schutz des Kreises zurück. Nach sieben Sonnen kamen sie endlich zurück.
Während ihrer Rückkehr stand ich mit sehnsüchtigen und erwartungsvollen Augen ganz vorn in der Menge. Doch sie tauchten mit leeren Händen zurück. Mein Vater schüttelte traurig den Kopf und meine Augen füllten sich mit Tränen.
Brave löste sich aus der langen Schlange. Er war mit den Männern zusammen auf die Suche gegangen und schrie mich an. Er stieß mich hart gegen die Schultern und ich stürzte auf den Boden unter mir. Brave beschuldigte mich, dass alles meine Schuld sei. Ich schluchzte leise. Sein Angriff tat mir kaum weh. Ich trauerte um meine geliebte Freundin.
Sein Vater schritt ein und ging schnell dazwischen. Er beruhigte seinen Sohn wieder. Leise sprach er immer wieder auf ihn ein und murmelte etwas, das ich nicht verstand.
Nach diesem Tag tauchte Emily nicht noch einmal auf.
Später behaupteten Brave und Griffin, die Wölfe hätten Emily entführt. Damals waren wir beide neun Sommer alt und ich trauerte um meine einzige Freundin den ganzen Sommer und all die anderen Sommer, die danach noch folgten.
Mit der Zeit nahmen die Angriffe auf unseren Kreis zu. Unsere Anzahl schwankte stark, da wir immer wieder neue Menschen aufnahmen. Doch die Überlebenden suchten verzweifelt nach einer Lösung, um das Problem mit den Wölfen zukünftig einzudämmen.
Ich habe nie wirklich verstanden, wie dieser Krieg begonnen hat. Die älteren Männer und Frauen in unserem Kreis erzählten Geschichten aus einer Welt, die ganz anders war als unsere. Sie berichteten von ihren Großeltern, die in Großstädten gelebt hatten.
Diese lebten in Frieden, zusammen mit Millionen anderer Menschen. Sie hatten in Hochhäusern gewohnt, die bis zu den Wolken reichten. Sie hatten Straßen voller Autos überquert, mit denen man schnell durch die Stadt gleiten konnte.
Flugzeuge, so nannten sie die fliegenden Maschinen, mit denen man in den Himmel aufsteigen und die Erde umkreisen konnte. Und sie erzählten von Elektrizität, der Energiequelle, die alles beleuchtet und in Gang halten konnte.
Sie erzählten von einer Zeit, in der Technik und Fortschritt alles bestimmten und es unbegrenzte Möglichkeiten gab. Supermärkte, in denen es so viele Lebensmittel gab, dass jeder nach Belieben einkaufen konnte. Doch während sie erzählten, blickte ich in ihre traurigen Augen. Ich spürte die Trauer über eine längst vergangene Zeit.
Was ihnen blieb, waren die wenigen Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Verloren in den Trümmern eines Krieges, der alles zerstört hatte.
Warum er ausgebrochen war, wussten sie nicht. Sie waren nicht viel älter als vier oder fünf Sommer gewesen. Sie wussten nur, dass Bomben vom Himmel herabfielen und alles auslöschten, was sie bis dahin gekannt hatten.
Das Leben, das sie kannten und gewohnt waren, existierte danach nicht mehr.
Diese Geschichten über den Krieg und die ständige Angst vor dem Feind schnürten mir jedes Mal die Kehle zu. Ich wollte mir am liebsten die Ohren zuhalten und einfach nur, dass es aufhörte.
Meinem Vater fiel dies natürlich auf. Er schaffte es, mich jedes Mal zu beruhigen und erklärte mir, dass in der Welt nun andere Gesetze herrschten und ich meine Augen und Ohren davor nicht verschließen durfte.
Einmal mehr drückte er mir Pfeil und Bogen in die Hand und erklärte mir, wie ich es einsetzen musste. Er gab sich viel Mühe, mir das Pfeilschießen beizubringen, als ob mein Leben davon abhängig wäre.
Es kam mir wie ein Spiel vor und mit der Zeit fand ich Gefallen darin. Ich wurde besser und eines Tages war ich so gut darin, dass ich immer ins Schwarze traf.
Jeden Sommer, wenn die Glühkäfer zum ersten Mal erwachten, wurden Wettbewerbe für die Jungen ausgerichtet, die zu Jägern ausgebildet wurden. Einmal durfte ich daran ebenfalls teilnehmen, weil sie wissen wollten, wie gut ich bereits geworden bin.
Ich hatte alle meine Gegner bereits in der ersten Runde besiegt und kam direkt in die zweite Runde. Es war nicht besonders schwer. In der zweiten Runde wurde es bereits kniffliger, doch auch hier konnte ich alle Punkte erreichen.
Brave nahm ebenfalls an dem Wettbewerb teil, obwohl er bereits älter war. Er war sehr gut und selbstsicher. Seine Technik war schon ausgereift. Ich nehme an, dass es ihm immer um die Preise und den Ruhm ging, weil er immer den ersten Platz belegte.
Als er erfuhr, dass ich ebenfalls an dem Wettbewerb teilnahm, machte er sich über mich lustig und ließ ein paar gemeine Sprüche fallen. Doch ich ignorierte ihn und konzentrierte mich ausschließlich auf meine Aufgabe und Ziele.
Sobald wir in der dritten Runde gegeneinander antraten, schien er mir jedoch bereits sehr nervös zu sein. Ich nehme an, dass es daran lag, dass ich im Gegensatz zu ihm nichts zu verlieren hatte.
Ich nahm zum ersten Mal an diesem Wettbewerb teil. Wenn ich siegte, war es gut für mich. Doch wenn er verliert, würde es bedeuten, dass er gegen ein kleines Mädchen verloren hatte, das zum ersten Mal an einem Wettbewerb teilgenommen hatte. Vor allem gegen mich! Jemanden, den er, offen gesagt, einfach nicht ausstehen konnte.
Das Finale war kniffliger als die vorherigen zwei Runden. Es ging nämlich nicht nur darum, ins Schwarze zu treffen, sondern auch um die Schnelligkeit. Ich blickte in die stolzen Augen meines Vaters. Mut machend, sah er mir in die Augen und ich nickte leise. Spannte meinen Bogen an, nahm einen ruhigen Atemzug und wartete auf den Startschuss. Sobald er erklang, schoss ich einen Pfeil nach dem anderen ab.
Als alle um uns herum begannen zu jubeln und zu klatschen und auf mich zukamen, bemerkte ich, dass ich gewonnen hatte. Mein Vater hob mich auf seine Schultern und ließ mich ein paar Mal im Kreis drehen. Ich war so glücklich, ihn stolz gemacht zu haben, dass mir das Herz regelrecht aufging. Alle freuten sich für mich.
Alle, bis auf Brave! Er warf mir einen wütenden Blick zu.
Noch während des Jubels kam er auf mich zu, um mir zu gratulieren. Doch anstatt seine Glückwünsche zu bekunden, wie es sich für einen Verlierer gehörte, murmelte er, „Das wirst du bereuen. Du Schlampe“.
Ein merkwürdiges Aufblitzen lag in seinen Augen, und er lächelte feindselig. Damals erkannte ich nicht, was es zu bedeuten hatte. Doch ich sollte es noch erfahren.
Tatsächlich führte die lange Suche des Kreises zum Ende der Lichtmonate zu einer großen Entdeckung.
Die Jäger waren unterwegs und besuchten andere Gemeinschaften, um sich Hilfe und Rat im Kampf gegen den gemeinsamen Feind einzuholen. Einige von ihnen waren feindselig, und ein paar Männer kamen nie wieder zurück. Über ihren näheren Verbleib war uns allerdings nichts bekannt.
Doch mein Vater hatte mehr Glück.
Während der Suche traf er auf einen Mann, der sich im Wald befand. Er berichtete ihm, dass er auf dem Weg zu seiner Gemeinschaft von unserem Feind angegriffen und verletzt wurde. Der Mann war sehr schwach und nicht mehr fähig, eigenständig zu laufen. Er bat meinen Vater um Hilfe, damit er ihn nach Hause zu seinen drei Kindern brachte.
Mein Vater war ein guter Mann und hatte sein Herz am rechten Fleck. Er trug ihn auf seinem Rücken zu seiner Gemeinschaft. Sechs Sonnen lang war er unterwegs, als sie schließlich dort ankamen.
Der Mann bedankte sich bei ihm und um seinen Dank zu bekunden, schenkte er ihm außerdem die Samen für eine spezielle Pflanze. Er klärte ihn über die speziellen Fähigkeiten der Pflanze auf, insbesondere den Teil, der den Gestaltwandlern die Fähigkeit nehmen sollte, sich zu verwandeln.
Mein Vater war ein wenig skeptisch. Ließ es sich jedoch nicht anmerken. Er bedankte sich für die Gastfreundschaft und verabschiedete sich von ihnen.
Sobald er im Kreis war, berichtete er uns von seiner Begegnung mit dem Mann und dem Geschenk, das er von ihm erhalten hatte. Alle im Kreis hielten gespannt den Atem an und schauten auf die Samen, die er in den Händen hielt. Als ob das tatsächlich der Schlüssel zu all unseren Problemen darstellen sollte.
Sie beschlossen, es auszuprobieren und pflanzten die Samen an. Es dauerte insgesamt sechs Schattenmonate und zwei Lichtmonate, bis die kleine Pflanze mit den scharlachroten Blüten die Blütephase erreichte und vollständig ausgewachsen war. Und einen weiteren Lichtmonat, bis sie die Blüten geerntet und nach den Beschreibungen des Mannes zu einem Gift verarbeitet werden konnte.
Einige Bewohner waren skeptisch, dass diese kleine Pflanze ihnen bei dem Kampf gegen die Wölfe tatsächlich helfen sollte. Doch sie hatten nichts zu verlieren und probierten es bei einem der zahlreichen Angriffe aus. Es funktionierte tatsächlich.
Sie erwischten einen der vielen Wölfe an der Hüfte mit einer Pfeilspitze. Diese hatten sie zuvor in das Gift getränkt, das sie aus den Blüten der Pflanze extrahiert hatten.
Der Wolf begann zu zittern und verlor seine Kraft. Völlig verwirrt verwandelte er sich heulend in einen Menschen zurück und lief fort.
Danach nannten sie die Pflanze Wolfskraut.
Ab diesem Tag hatte unser Kreis nur noch giftige Pfeilspitzen. Sie stellten mehrere Fallen im Wald auf, die ebenfalls mit Wolfskraut beträufelt wurden.
Nach diesem Fund ging die Anzahl der Angriffe deutlich zurück. Da wir uns nun besser verteidigen konnten. Immer weniger mussten wir unsere Verstecke unter den Häusern aufsuchen. Bald wurden sie mächtiger.
Und aus Gejagten wurden Jäger.
Hunter, so nannten sie sich fortan.