Kapitel 1 Diagnose:Lebenskrise
*Montag, 07:08 Uhr. Kaffeetasse leer. Lebensfreude ebenso.*
Wenn mein Leben ein EKG wäre, dann wäre es ein Flimmern. Kein schönes, rhythmisches „Lub-dub“, wie es sich für ein ordentliches Herz gehört – sondern eher so ein wackeliges Zucken kurz vorm Kollaps. Und heute? Heute flimmert es besonders schön.
„Du siehst aus, als hättest du ein Tinder-Date mit einem Lastwagen gehabt“, bemerkt meine Schwester Mila – Influencerin, Selfie-Expertin und Besitzerin von exakt null Filtern. Weder optisch noch verbal.
Ich würd ihr gern widersprechen, aber ich trage seit drei Tagen denselben Dutt, habe exakt 42 Minuten geschlafen und bin mental ungefähr auf dem Energielevel einer leeren Infusion.
Heute ist mein erster Tag als Assistenzärztin an der „St. Urbanus Klinik“.
In meiner Heimatstadt.
In der Klinik meines Vaters.
Und, Überraschung: Ich habe NICHT vor, zu glänzen. Ich habe vor, zu überleben.
Was Mila nicht weiß: Mein „Neuanfang“ ist ein Fluchtversuch in weißem Kittel.
Flucht vor meinem Ex, meinem verkorksten Beziehungsleben – und meiner dramatischen Neigung, mich in Männer zu verlieben, die aussehen wie wandelnde Fehlerquellen.
Ich habe einen Plan:
☑ Karriere
☑ Kaffee
☑ Keine Kerle
Kein Drama. Kein Herzklopfen. Kein Tom Lennox.
...Jep. Ich sollte echt aufhören, Dinge zu denken. Denn kaum fünf Stunden später stehe ich in der Klinik. In einem viel zu engen Kittel. Und vor ihm:
**Tom Lennox.**
Mein neuer Oberarzt.
Mein Jugendschwarm.
Und – richtig geraten – mein einmaliger (leider unvergesslicher) One-Night-Stand von vor sechs Jahren.
Mein Herz? Macht Saltos.
Mein Hirn? Logout.
Meine Stimme? Im Streik.
Willkommen zurück, Leni. Willkommen im OP-Chaos deines Lebens.
Ich schwöre, mein Gehirn hat in dem Moment kurz einen Notfallplan erstellt. So wie: *Sofortige Flucht durch den nächstgelegenen Lüftungsschacht. Alternativ: Totstellen. Oder lachen. Oder sterben. Oder alles zusammen.*
„Franke?“
Seine Stimme ist tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte. Kratzig, leicht müde – wie der perfekte Whiskey in einer Nacht, in der man nichts Gutes mehr erwartet.
„Äh … ja. Ich. Also. Dr. Franke. Leni. Ich bin… ich bin neu. Hier. Heute. Also nicht *neu-neu*, weil ich ja eigentlich von hier bin, also…“
Ich rede. Und rede. Und rede.
Er hebt eine Augenbraue.
Verdammt.
Tom Lennox sieht nicht aus, als würde er sich an mich erinnern. Was vielleicht gut ist. Vielleicht aber auch die ultimative Demütigung. Immerhin habe ich damals direkt nach dem Sex seine Dusche geflutet und dann seinen Hund aus Versehen mit Bodylotion eingeschmiert.
„Deine Personalakte ist spannender als deine Begrüßung“, murmelt er trocken und wendet sich ab, ohne mir auch nur ein einziges Mal ein echtes Lächeln zu schenken.
**Bämm.**
Diagnose: Eiskalt.
Therapie: Zwei Espresso und eine Gruppentherapie mit meinen Würde-Überresten.
Ich bleibe etwas zu lange stehen und starre auf seinen Rücken. Breite Schultern. Lockiges Haar. Laborkittel über Jeans. Und diese Stimme. Diese verdammte Stimme.
„Folgen Sie mir, Dr. Franke.“
Klar. Folgen. Ich. Dir. Nichts lieber als das, du Kittelgott in menschlicher Form.
In meinem Kopf läuft bereits der Soundtrack zu meinem Untergang, als ich mit zu schnellen Schritten versuche, mit ihm Schritt zu halten. Natürlich stolpere ich über ein Kabel. Natürlich rette ich mich mit einem akrobatischen Move, den man auch als kontrollierten Sturz bezeichnen könnte. Und natürlich dreht er sich genau in dem Moment um.
„Du warst schon immer... spektakulär in deinen Auftritten.“
Er erinnert sich doch.
Na super.
Und ich? Ich würde gerne im Boden versinken. Oder wenigstens in einen Wäschewagen voller frisch gedämpfter Kittel springen und mich nie wieder blicken lassen.
„Also, das hier ist Station 4B. Innere. Notfälle, Aufnahmen, chronisch Unterbesetzt – du wirst es lieben“, sagt Tom trocken, während er einen Bogen auf den Tresen knallt.
Ich zwinge mich, nicht wie ein Goldfisch zu blinzeln.
*Okay, Leni. Reiß dich zusammen. Du bist Ärztin. Du hast das studiert. Sieben Jahre lang. Du hast Prüfungen überlebt, Schockräume, das PJ und sogar eine Notoperation unter Aufsicht bei Lichtausfall. Du. Kannst. Das.*
„Schön. Also, ähm… ich freu mich“, sage ich, obwohl sich meine Achseln gerade in ein tropisches Mikroklima verwandeln und mein Magen vage nach Flucht schreit.
Tom grinst. *Grinst!*
„Die Übergabe ist gleich. Und danach machen wir die erste Visite. Wenn du bis dahin nicht ohnmächtig geworden bist.“
„Ich bin nicht der Ohnmachtstyp“, knurre ich.
„Oh, ich erinnere mich anders.“
*Zack – Flashback!*
Schnitt: Ich. 23. Betrunken. Halbnackt. Schlafzimmer. Tom.
Herzstillstand auf emotionaler Ebene.
Ich öffne den Mund für eine halbherzige Retourkutsche, aber da betritt Benni Bähr das Spielfeld – Pflegekraft, Klatschkönig und offenbar die wandelnde Definition von *Comic Relief*.
„Ooooh mein Gott, Bambi ist zurück!“ ruft er, während er mich umarmt, als hätten wir uns seit zehn Jahren nicht gesehen.
„Bambi?“ fragt Tom irritiert.
„Na, sie sieht immer aus, als hätte sie gleich ein Nervenzusammenbruch und würde dabei trotzdem süß gucken. Wie ein überforderter Disney-Charakter mit medizinischer Lizenz.“
„Treffend“, murmelt Tom.
Ich bin zu schwach, um zu kontern.
Oder zu sehr damit beschäftigt, *nicht laut zu schreien*.
„Mach dir nichts draus“, sagt Benni in mein Ohr. „Der hat nur so viel Emotion wie ’ne eingeschlafene Blutdruckmanschette. Sieht aber gut dabei aus, oder?“
„Ich stehe daneben, Benni.“
„Ja und? Wahrheiten gehören ausgesprochen.“
Tom ignoriert uns gekonnt. Ich ignoriere mein inneres Nervenbündel. Und dann beginnt die Visite. Also der echte Horror.
Ich schnappe mir ein Klemmbrett, das aussieht, als hätte es ein Weltkrieg überlebt, und folge Tom wie ein Welpe auf Speed.
Patient eins: 84, Bluthochdruck, unklare Synkope.
Patient zwei: 68, Zustand nach Myokardinfarkt, zu viel Fragen, zu wenig Geduld.
Patient drei: ICH – innere Panik, erhöhte Herzfrequenz, akute Erinnerungslähmung.
Bei Patient vier kommt der Moment, in dem ich mir einreden will, ich hätte jetzt so richtig den Flow.
Falsch gedacht.
„Dr. Franke, was empfehlen Sie bei einer LVEF von 35 Prozent nach NSTEMI mit VES-Belastung im Ruhe-EKG?“
Ich starre Tom an.
Er sieht mich an wie ein Professor einen Erstie bei der mündlichen Prüfung.
Ich sage: „Also… ähm… ich würde… einen Kardiologen rufen?“
Benni hustet. Oder lacht.
Tom hebt eine Braue.
Der Patient schläft zum Glück.
Und ich überlege, ob ich heimlich kündigen kann.
Plötzlich durchdringt ein schrilles Piepen die Station.
„Reanimation! Zimmer 408!“ ruft eine Stimme aus dem Lautsprecher.
Tom wirft mir nur ein kurzes: „Mitkommen!“ zu, bevor er schon losrennt.
Und ich? Ich renn natürlich hinterher – mit zitternden Knien, einem leeren Kopf und exakt null Prozent Ready-Feeling.
Zimmer 408 ist ein Schlachtfeld aus blinkenden Geräten, hektischen Stimmen und purem Adrenalin.
Ein alter Mann liegt reglos im Bett. Keine Atmung. Kein Puls.
„Leni, was ist der erste Schritt?“ fragt Tom knapp, während er bereits Handschuhe überzieht.
Ich starre ihn an. Mein Gehirn macht ein weißes Rauschen. Wie bei schlechter WLAN-Verbindung.
Dann: Blitzgedanke. *Basic Life Support. Du kennst das. Du. Kannst. Das.*
„Kompressionen starten“, presse ich hervor und knie mich ans Bett.
Meine Hände zittern, aber ich drücke. Zähle. Spüre, wie die Routine ganz langsam zurückkommt. Wie mein Körper übernimmt, während mein Verstand noch schreit: *Ich will hier weg!*
„Gut“, sagt Tom ruhig. „Jetzt wechseln wir. Beatmung, bitte.“
Ich übergebe. Eine Schwester reicht mir den Ambu-Beutel. Ich atme durch. Einmal. Zweimal.
Ich funktioniere.
Und dann – ein schwacher Piepton.
Ein Puls.
„Wir haben ihn zurück!“
Erleichterung strömt durch den Raum wie eine Sauerstoffwelle.
Ich lehne mich zurück, schweißnass, herzrasend, völlig durch.
Und dann – als alle wieder auseinandergehen und der Patient stabilisiert wird – steht Tom vor mir.
Sein Blick ist ruhig, ernst, ein bisschen anerkennend. Und irgendwie … warm?
„Das war gut, Leni.“
Ich öffne den Mund, aber da ist nur ein hysterisches Lachen.
„Ich hab fast auf ihn draufgekotzt vor Nervosität.“
Tom lächelt. Nicht sein übliches, spöttisches Lächeln – sondern das echte, das ganz seltene, das gefährlich charmante.
„Das hättest du nicht sein müssen. Aber hey – willkommen zurück im echten Leben.“
Und bevor ich antworten kann, ist er schon wieder weg.
Zurück im Arztmodus.
Zurück im Tom-Lennox-Universum.
Ich bleibe zurück – verschwitzt, verwirrt, und mit einem Herzschlag, der eindeutig kein Normalwert mehr ist.
Verdammt. Mein Leben hat gerade offiziell wieder angefangen.
Und es fühlt sich verdächtig nach Katastrophen-Potenzial an.