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„Bauz! Da geht die Türe auf, herein in schnellen Lauf"
Weißsamtene Vorhänge schmücken den Korridor, schützen die schweren Eichenmöbel vor der Sonne und verschlucken die Tippelschritte der Kinder. Unterröcke, schwere samtene Stoffe und Mieder rascheln als schnelle Schritte den Korridor entlang eilen. Einzig die Ahnenbilder sind Zeugen des Treibens, welches vor ihren Augen
„Springt der Schneider in die Stub‘ Zum Daumenlutscher-Quartett“
Zwei schwere Vasen schmücken die Eingangstür zum Großen Saal, führen die stückverzierte Schwere der Hallendecke fort. Die zierliche Hand der jungen Frau streckt sich nach der verirrten Tulpe aus um sie wieder in das prachtvolle Gesteck einzuordnen.
Das kichern der Mädchen kündigt ihre Ankunft im Empfangsaal an.
„Weh jetzt geht es klipp und klapp. Mit der Scher die Daumen ab!“
Sie stößt durch die schweren Flügeltüren, sucht unruhig im Raum nach der verräterischen Unruhe.
Plisseekissen auf der Chaiselongue, alle in Reih und Glied.
Die schweren Holzvertäfelungen der Wände alle unbefleckt.
Unter dem Tischläufer lugen keine Kinderfüße hervor.
Das Herzstück des Raumes, der Flügel, steht unbeeindruckt wie immer auf seinen Tribüne.
Nur der samtig schwere Vorhang vor dem Flügel verrät durch seine Inperfektion seine Gäste.
„Mit der großen scharfen Scher‘! Heil da schrein Adelheit und Amalia sehr!“
Klara beeilt sich ihre Röcke zu raffen, mit drei schnellen Schritten eilt sie die Stufen der Kleinen Tribüne empor und zieht mit einen undamenhaft Rück die Vorhänge zurück. Dahinter die Zwillinge, mit schreckgeweiteten Augen, sich dessen was kommen wir bewusst.
„Hab ich euch! Her kommen“
Noch bevor irgendeine Art von Widerstand vollzogen werden kann zieht Klara die beiden Mädchen in ihre Arme und überhäuft sie mit Küssen und Liebkosungen. Adelheit verzieht das Gesicht
„Nicht schon wieder so viele Küsse. Nein! Aufhören!“
Doch ihr Protest geht in den Lachen der Mädchen unter.
„Müssen wir den schon zurück? Es ist Unrecht, dass du uns immer so schnell findest!“
Protestiert Amalia, sie war der Kopf der Zwillinge, Adelheit ihr Herz. Solange sie versuchte sich durch ihr Temperament ihren Weg durch die Welt zu Bahnen stoppte Amalia sie durch ihren Verstand.
Andersherum brachte Adelheit das Feuer in die Jugend der Mädchen und brachte ihre sehr erwachsene achtjährige Zwillingsschwester dazu ihre Kindheit auszukosten und nicht nur vor Büchern zu brüten.
„Genug Zerstreuungen für diesen Nachmittag, ihr wisst was heute ansteht, außerdem muss ich mich nach dieser Jagt selbst zurecht machen“
Klara wusste zwar, dass ihr Machtwort im Hause der Unna kaum überhört werden konnte, unterstrich dieses jedoch noch mit einer gespielt bösen Mine.
Die Zwillinge würden ihr schon früh genug auf der Nase herum tanzen, vorerst genoss sie jedoch ihre unangefochtene Autorität.
Wenn die beiden Mädchen in vier viel zu schnell dahinstreichenden Jahren zu rebellieren beginnen würden, würde sie sich Gedanken darum machen.
Ein Problem welches sie vorerst hinten anstehen lassen wollte, es gab Wichtigeres auf das sie ihre Sinneskraft richten musste.
Sogleich kam Magda auf die Zwillinge zugeteilt und nahm sie in ihre Mitte.
Um ihrer Autorität vor den Bedienteten musste sich Klara als erstgeborene Unna nie fürchten, das wusste sie, trotzdem schätze sie die ihr zustehenden Annehmlichkeiten über alle Maßen. Desto mehr Bemühungen brachte sie auf um die Pflichten einer Dame des höheren Standes gerecht zu werden.
So eilte Klara zurück durch den großen Saal hin zu ihren Gemächern um sich von ihren Zofen herrichten zu lassen.
Sobald sie vor ihren Zimmer stand, außer Atem und mit Schweiß auf der Nase, wurde schon die Tür aufgerissen. Etwas beschämt sah Klara auf den Boden, der Anblick den sie bot war ihren Stand nicht angemessen und auch wenn ihre zwei Zofen äußerst verschwiegen waren, so war ihr Schamgefühl vor diesen doch ausgeprägt.
Nur zu gut wusste sie wie schnell sich Geheimnisse und Klatsch unter den Angestellten verbreiteten. Jedoch kam ihr dieses Schamgefühl, welches sie in jeder undamenhaften Situation in welcher sie erwischt wurde, in ihr ausbreitete wie die Flammen im Kamin albern und Kindisch vor.
Begleiteten sie die beiden betagten Zofen doch schon seit ihren elften Lebensjahr zu fast jeden Klo-und Waschgang.
Auch nun verschlug es Klara vor lauter Scham die Sprache und so beobachtete sie nur schweigsam wie ihr Zopf gelöst und ihre Haare um eine heiße Eisenstange gelegt wurden. Sie bewunderte schon immer die Fingerfertigkeit mit der ihre Zofen arbeiteten, so als hätten sie ihren Lebtag lang nichts anderes getan.
Wie leicht es aussah wenn sie ihr Haar in das Haararrangement einfügen, als wäre es wenn sie es selbst versuchte keine stürmische Mähne. Sie hielt die Luft an als sie in ihr Abendkleid eingeschnürt wurde und besann sich auf ihre Sitten, besonders darauf keinen Laut des Unbehagens auszustoßen. Auch Wenn ihr dies seit den letzten fünf Jahren nicht leichter zu werden schien.
„Ihr seid bereit Fräulein Unna, ihr seht aus wie der blühende Frühlingsmorgen“ Klara sah an sich herunter und konnte ihrer Zofe nur beipflichten „Nur dank euch meine Mütterchen, ich danke euch von Herzen.“ Sie schenkte den beiden ihr wärmstes Lächeln und Schritt heraus in Richtung des Festsaals.
Tief atmete Klara durch, bei solchen Angelegenheiten gab sie sich stets Mühe eine andere zu sein. Zu groß wäre die Peinlichkeit würde sie ihren Herrn Papa enttäuschen, würde sie den Ruf ihrer noch so jungen Schwestern beschmutzten.
Noch ein paar letzte Schritte dann würde sie da sein, bedächtig Schritt sie voran. Einen Fuß nach den anderen, den Rücken gerade, Haupt und Kinn stets erhoben.
Bevor sie es sich vor lauter Nervosität anders überlegen konnte wurden die selben schweren Eichentüren, durch welche sie vor einigen Stunden so sorglos geschritten war, geöffnet.
Oh bitte lieber Vater im Himmel, lass diesen Abend glimpflich verlaufen.
Die Flut aus Stimmen war wie jedes Mal erdrückend, noch eine Sache an die sich Klaras Geist einfach nicht gewöhnen wollte.
Vor ihr tauchte aus den Stimmen des Gedränges Magda auf.
Klara wollte sich auf sie stürzen als wäre sie ein wildes Tier, zügelte sich jedoch und wartete auf ihre ehemalige Amme.
„Klara, mein Kind“ Magda lächelte ihr zu, hielt diese für den Anlass zu intime Ansprache leise, privat nur für die beiden Frauen welche sich im Trubel des Balles gegenüber standen.
Magdas Hand schnellt nach vor, durchbricht den Bann des Moments, als sie Klaras Hals berührt zieht sie die Lippen kraus. Unweigerlich fasst Klara selbst an die Stelle an der ihr ein winziges Stück Rinde unter ihren Fingern auffällt.
Wawumm wawumm wawumm. Vier starke Beine bewegen sich unter Klara, tragen sie über die von Morgentau gesprenkelte Wiese.
Wawumm wawumm wawumm. Kalter Wind Streicht durch ihr Haar, zieht sanft einzelne Strähnen aus den Zopf welcher im Takt der Hufe auf ihren Rücken trommelt.
Wawumm wawumm wawumm. Erst zwei, dann vier, schwerelos fliegen die Beine der Stute über den Bachlauf. Klara jauchst, das Glück das sie durchströmt scheint grenzenlos.
Magdas Stofftuch reißt Klara aus ihren Abendtraum, auch ohne es bewusst wahrgenommen zu haben weiß sie, dass Magda es an den Mund geführt und mit ihrer Spucke benetzt hat.
Eine unfassbar mütterliche Geste, die wie Klara scheint, niemals aussterben wird.
Als das Tuch ihren Nacken berührt erschaudert Klara, nur kurz und kaum merklich.
„Misch dich unter Leute mein Kind, hab Spaß“ Klara verzieht das Gesicht, jedoch nur so sehr, dass Magda ihre hoch gezogene Augenbraue bemerken kann „Du weißt doch wie schwer ich mich mit solchen Festivitäten arrangieren kann, die Harfe und ein Kaminfeuer würden mir genügen“.
„Dann soll es so sein mein Kind“ mit diesen Worten ergriff Magda Klaras Hand und zog diese mit einer sanften Bestimmtheit mit sich auf die kleine Tribüne, auf der neben dem Flügel auch eine Harfe ihren Platz gefunden hatte.
„Jetzt setz dich und spiel“ mit diesen Worten wurde Klara auf den samtbespielten Hocker gedrückt.
Sie atmete tief durch und fing an die ersten Melodien des Nibelungenliedes anzustimmen.
Anders als in ihren privaten Übungsstunden sollte die geliebte Ruhe sie nicht umfangen, nur das wilde pochen ihres Herzens begleitete ihr Spiel. Der Rest der feinen Gesellschaft schwieg und bestaunt die scheinbar so in sich ruhende Frau.
Zwei Augenpaare waren besonders von der Fizegräfin gefangen genommen worden, beobachteten sie genau, wie wilde Wölfe ein zartes Reh. Auch wenn diese Wölfe niemals gemeinsam jagen würden.
Klara endete, mit einer Anmut welche sie sich angesichts ihrer zitternden Finger nicht mehr zugetraut hatte, mit den letzten Silben des Nibelungenlieds. So bedacht wie möglich stand sie auf und versuchte ihre Schritte zu zügeln als sie eilig die Stufen der kleine Tribüne herunter eilte und hätte dabei fast die sich vor ihr aufbauende Wand aus edlen Stoffen übersehen.
Eine Peinlichkeit welche sie diesen Abend nicht mehr überstehen lassen hätte.
Magda beobachtete aus ihren sicheren Versteck, nahe der Angestelltenkorridore die Szenerie.
Wie sie gehofft hatte waren so gut wie alle jungen Männer von Klara verzaubert, ganz so als wäre sie Odette in ihrer Schwanenform und sie der Prinz auf der Jagt.
Nun tanzte sie sogar mit einen Mann, eine Tätigkeit die sie meist ablehnte, natürlich nur wenn es der Sitte gebot.
Dabei sollte ihr ältester Schützling dies öfter tun, sollte sie doch nicht als alte Jungfer enden.
Mit ihren sechzehn Jahren eilte die Zeit mitweilen zunähmest.
Klara schloss genießerisch ihre Augen als sich die Türen ihres Gemachs endlich hinter ihr schlossen.
Endlich dürfte sie den Trubel der Nacht entkommen und sich in ihre Privaträume zurück ziehen. Zu gerne wäre sie in die weichen Seidenkissen gefallen.
Vorher jedoch ließ sie sich in ihr seidenes Nachthemd hüllen, nun war es Zeit für ihr liebstes Abendritual.
So ließ sie sich an ihren Arbeitstisch nieder und begann die Schwanenfeder über das Papier tanzen zu lassen.
So sehr ich Bälle doch verabscheue, so überraschend erquickend war doch der heutige. Getanzt habe ich, und das mit einer Freude die mir bisweilen beim Tanzen fremd waren. Erklären kann ich mir das nur durch den Grafen der mich, ganz unverhältnismäßig zum Tanz aufforderte. Wären da nicht diese Augen. Augen die mir ebenso endlos wie unergründlich scheinen. Wäre da nicht diese ungeheure Anziehungskraft, ja dann hätte ich ihn für eben das gehalten: ein Ungeheuer.
Zwei mal ist er auf meine Füße gestiegen, dafür bat er zwar mit einen schier göttlichen Grinsen um Verzeihung. Jeden anderen hätte ich jedoch zum Teufel gejagt- zwar höflich und der Sitte entsprechend, doch fort gejagt hätte ich ihn.
Stattdessen lasse ich diesen Dieb tief in mein Herz. Es scheint mir als hätte er mit nur einen Wimpernschlag tief in meine Seele gucken können.
Dieser Dieb, dieser
Alexandrey.