Prolog
Konnte es heute noch schlimmer werden?
Ja, konnte es.
Tilda Johnson wrang ihre nassen Socken aus und legte sie auf die Heizung, die nur mäßig warm war. Ihre ganze Kleidung war eigentlich triefend nass, weil ein Autofahrer in eine Pfütze fuhr, die etwa die Ausmaße eines Badesees besaß. Tildas Pech dabei war, dass sie genau daneben stand. Ihr Haar, das sie am Morgen so sorgfältig mit dem Glätteisen und jeder Menge Schaum in eine ansehnliche Frisur brachte, stand nun wieder wirr in allen Richtungen ab, weil die kleinen Locken wieder zum Vorschein kamen, die Tilda so hasste. Außerdem tropfte sie alles voll und sie hatte nicht einmal ein richtiges Handtuch. Die Papiertücher, die sie aus der Toilette mitbrachte, halfen ihr nur wenig.
Sie seufzte leise.
So ein Dreckstag!
Kaum war sie in dem Gebäude angekommen, in dem sie arbeitete, ertönte ihr Smartphone und man überschüttete sie mit Botengängen. Aber erst einmal musste sie in ihr Büro. Sie musste sich irgendwie trocken bekommen.
Nun ja, Büro konnte man das Kabuff nicht nennen, dass sie vor einem Jahr endlich bekam. Abstellkammer würde es eher treffen. Es gab kein Fenster, der Computer hatte seine besten Zeiten auch schon hinter sich und sie musste betteln, wenn sie nur ein Blatt Papier haben wollte.
Dabei konnte sie froh sein, dass sie diesen Job überhaupt bekam.
Nach dem Studium erwartete ihr Vater eigentlich, dass sie bei ihm in der Anwaltskanzlei arbeitete. Aber sie das wollte sie nicht. Schon seit sie geboren war, planten ihre Eltern ihren Weg. Und der war äußerst langweilig. Sie hasste Langeweile.
Statt sich bei ihrem Vater einzunisten, ein Jahr später wahrscheinlich einen seiner Partner zu heiraten und Kinder zu bekommen, bewarb sie sich bei einem Verlag für Mode in Oslo. Ihre Eltern schlugen die Hände über den Kopf zusammen. Sie hatte Jura studiert und nun machte sie Botengänge für Leute, die dachten, graue Haare kamen wieder in Mode. Natürlich verstießen ihre Eltern sie, denn was wollten sie mit einer Tochter, die nicht dem entsprach, was sie erwarteten? Aber trotz des Stresses und den ausgeflippten Leuten gefiel es Tilda. Das war genau die Welt, in der sie sich wohl fühlte. Dachte sie zumindest. Wahrscheinlich war es eher eine Rebellion gegen ihre Eltern, die seit Tildas Geburt alles detailgetreu geplant hatten. Bester Kindergarten, beste Privatschule, beste Universität und am besten sollte sie alles mit Bestnoten bestehen. Sie hatte nie einen eigenen Willen haben dürfen, aber nun war sie weit weg von ihren Eltern. Und sie fand es prima.
Es war kein konservativer Verlag, bei dem sie nun arbeitete. Konservative Verlage hätten sie wahrscheinlich auch nicht eingestellt. Dieser hier wurde von einem Millionär gegründet, der Langeweile hatte. Er hatte alle ausgeflippten Leute, die er in Oslo finden konnte, um sich versammelt und nun brachten sie einige Zeitschriften heraus, die weltweit berühmt waren.
Tilda hatte keine Ahnung von allem. Deswegen bekam sie nur einen miesen Job, aber es genügte ihr.
Tilda war Mädchen für alles und auch das liebte sie. Es war ihr nicht einen Tag langweilig und sie kam viel herum.
Wie aufs Stichwort wurde die Tür ihres Büros aufgestoßen und sofort ertönte der wummernde Bass von Hardcoretechno, der zurzeit im Gebäude so beliebt war.
Henrik, ihr direkter Vorgesetzter, kam herein. Seine Haare hatte er stylisch mit Gel und jeder Menge Haarspray bearbeitet, so dass sie zu einem chaotischen Hahnenkamm nach oben standen. Dabei war Henrik schon über vierzig.
„Fuck! Wie siehst du denn aus?“, war seine Begrüßung.
Tilda schnaubte und wischte sich die letzten Tropfen aus dem Gesicht.
„Nicht jeder hat das Glück, ein eigenes Auto zu besitzen, Henrik. Ich bin auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen und leider nimmt niemand mehr auf andere Rücksicht.“
Henrik zuckte mit den Schultern, dann zog er sie vom Stuhl hoch.
„Mach dich irgendwie trocken. Nimm notfalls ein paar Sachen von den Designern. Wir zwei fahren heute an einen Fjord.“
Sie starrte Henrik an, dann lachte sie schallend.
„Entschuldige. Ich dachte gerade, du hast gesagt, wir fahren an einen Fjord.“
Er lachte gekünstelt und hob eine Hand an den Mund.
„Ja, wir haben einen Auftrag. Wir müssen ein Fotoshooting beaufsichtigen.“
Tilda hob eine Augenbraue.
„Wir?“
Tilda wusste genau, dass Henrik nur herumstehen würde, während sie die ganze Arbeit erledigte.
Er grinste.
„Ach komm schon, Tilda. Du hast einfach ein gutes Auge für die Models. Ich brauche dich da.“
Sie seufzte. Es half ja alles nichts.
„Besorge mir trockene Socken und ich bin dabei.“
Es war kalt. Arschkalt.
Tilda drückte ihre Arme dicht an ihren Körper, aber der Wind zog an der dünnen Designerkleidung, die Anders ihr aussuchte. Es waren scheußliche Klamotten, aber sie waren wenigstens trocken. Aber nun wünschte sich Tilda, sie hätte sich selbst umgesehen. Zumindest eine dicke Jacke wäre nicht schlecht gewesen. Nach drei Stunden Fahrt war die Umgebung wirklich urig. Es hatte sogar angefangen, zu schneien, und die Models beschwerten sich lautstark über sie Kälte.
Kein Wunder. Sie hatten kein Gramm Fett auf den Rippen und trugen so komische Fellbikinis und Helme, die wohl an die Vorfahren erinnern sollten.
Da konnte Tilda wenigstens dagegen halten. Das kleine Bäuchlein bekam sie auch mit strengster Diät einfach nicht weg. Dennoch fror sie erbärmlich.
„Tilda, Schätzchen. Kannst du bitte mal in das alte Haus gehen und schauen, ob wir da nicht auch eine Lokation aufbauen könnten? Ich fände es super so ein Gegensatz zwischen Neu und Alt.“
Sie schnaubte.
Am liebsten hätte sie Henrik die Meinung gesagt. Sollte er doch selbst danach schauen. Wenigstens war es in dieser alten Hütte windgeschützt. Zumindest glaubte sie das.
Schnell tippelte sie auf die Hütte zu und bei jedem Schritt kam ihr mehr Zweifel, ob sie dort überhaupt hinsollte.
Es war eine große Hütte, keine Frage, aber doch sehr windschief. Ein paar der Holzbretter waren schon abgebrochen und der Wind würde da bestimmt durchziehen. Die Hungerhaken würden sich auch hier beschweren, aber vielleicht konnte sie eine Ecke finden, in der wenigstens sie für eine kurze Zeit vom Wind geschützt war.
Sie öffnete die Tür und ging hinein.
Wie sie vermutete, war es drinnen genauso kalt wie draußen. Die Scheiben der Fenster waren herausgebrochen, es war sehr schmutzig und es knarrte überall, als ob das Holz mit ihr reden wollte.
Es war sehr seltsam, denn einen Moment meinte sie wirklich, jemand sprach mit ihr. Vielleicht war es auch nur das knarzende Holz.
Sie ging weiter hinein und horchte.
Das war kein Knarren mehr.
Das waren wirklich Stimmen.
Seltsame Stimmen.
Sie brauchen dich!
Er braucht dich!
Sie brauchen dich!
Er braucht dich!
Tilda erstarrte.
Sie hatte eindeutig diese Worte gehört. War sie verrückt geworden?
„Was? Ich verstehe Sie nicht. Wer braucht mich? Wer sind sie? Wo sind sie?“
Niemand antwortete.
Es war wieder still, nur der Wind heulte leise.
Dann rauschte es auf einmal laut um sie herum. Ein Sturm zerrte an ihren Haaren, dann wurde sie von ihm in eine Ecke geschoben. Sie wollte sich wehren, aber sie kam dagegen nicht an.
Tilda versuchte, sich an einem Balken fest zu heben, doch sie schaffte es nicht.
„Hilfe!“, schrie sie.
Verdammt, das Getöse musste doch jemand hören und ihr zu Hilfe eilen.
Sie hörte, wie jemand außen nach ihr rief.
„Um Gottes Willen. Was schreist du denn so, Tilda?“
Sie brauchen dich!
Er braucht dich!
Tilda wurde es schlecht. Sie hielt sich endlich an einem Balken fest, dennoch drehte sich um sie herum alles.
Sie brauchen dich!
Er braucht dich!
Tilda schloss die Augen und schrie.
„Wer braucht mich? Lasst den Scheiß! Das ist nicht witzig. Ich will hier raus!“
Die Wände drehten sich immer schneller um sie herum und die Wirklichkeit verschwamm, bis sie sich in tausend Teile sprengte.
Und immer wieder hörte sie diese Stimmen.
„Tilda!“
Tilda!
Tilda!
Tilda!
Sie klammerte sich an den Balken. Doch dann traf sie irgendetwas am Kopf.
Dann wurde ihr schwarz vor den Augen und sie fiel in Ohnmacht.
Und hier wieder da alte Cover, dass ebenfalls von Nancy gemacht wurde. Wie ihr seht, haben wir gar nicht viel verändert, denn ich fand es an sich schon toll.









