Verbunden
Es gab nichts schöneres, als einen freien Tag im Wald zu verbringen. Anouk liebte den Geruch von frischer Erde und feuchtem Moos. Wenn dann auch noch die Sonne durch die Blätter der Bäume blitzte und die Vögel ihr Lied zwitscherten, war das Wellnesshotel Natur geöffnet.
Nichts entspannte sie mehr, als sich im Freien treiben zu lassen. Ihren Lebensrhythmus in die fähigen Hände von Mutter Erde abzugeben und ihre fünf Sinne den Elementen zu unterstellen.
Da gerade die Sommerferien begonnen hatten, konnte sie niemand mehr davon abhalten, sich der Gesellschaft zu entziehen. Der Alltagstrott war ihr so zuwider, dass ihr nur schon beim Gedanken daran übel wurde.
All diese lauten Geräusche, stetig der gleiche Ablauf, und diese immerwährende Unruhe, die sich durch alles Leben hindurchzog, trieben sie schier in den Wahnsinn.
Sie hatte es so satt, als Sensibelchen und unbelastbar abgestempelt zu werden, nur weil sie nicht tickte wie die Mehrheit. Was konnte sie dafür, dass sie anders gestrickt war und in einem anderen Jahrhundert besser zurechtgekommen wäre.
Während der Pandemie, als alles innehalten musste, war das Leben genauso, wie es für sie sein sollte. Keine nervenden Verpflichtungen, keine Hektik, kein Stress. Eine unglaubliche Ruhe und Stille hatte die Erde damals umgeben, dass sie es sogar körperlich wahrnehmen konnte. Und der Himmel war so blau gewesen, wie sie ihn noch niemals zuvor gesehen hatte. Für sie hätte dieser Zustand ewig währen können. Doch das durfte Anouk niemals laut aussprechen.
So hatte sie heute Morgen den Rucksack gepackt und war zu ihrem Lieblingsort losmarschiert. Er lag in einem Waldstück, nicht allzu weit vom Dorf entfernt. Die kleine Lichtung mit Miniwasserfall und Waldhütte lag direkt am Wegrand, wurde allerdings sehr selten besucht. Weshalb Anouk ihn auserkoren hatte.
»Endlich Stille.« Sie ließ sich auf die Bank vor dem Häuschen plumpsen und stellte den Rucksack neben sich ab. Dann atmete sie einmal tief ein und lockerte ihre Muskeln.
Gestern, kurz vor Ende der letzten Stunde, berichtete ihnen ihre Lehrerin, dass sie nach den Ferien ein paar neue Schüler begrüßen durften. Ein Mädchen, das in ihre Klasse eintrat und ein Junge, der das letzte Schuljahr absolvierte. Sie stammten aus Schottland, doch da ihre Eltern beruflich hierher versetzt wurden, würden sie die Schulzeit nun hier beenden.
Diese Neuigkeit hatte einen riesigen Tumult ausgelöst, was sie noch zusätzlich Energie kostete. Alle fragten sich, ob die Neuen rothaarig waren. Die Mädchen schwelgten in Träumereien zu Jamie Fraser und die Jungen diskutierten, ob nun Anne Shirley oder Sansa Stark mehr ihr Typ war.
Anouk war es einerlei, und sie hatte den Wunsch, doch noch Gleichgesinnte zu finden, schnell wieder beiseitegeschoben. Ihr taten die Neuen fast schon ein bisschen leid. Sie würden sich all diesen Erwartungen und Wunschvorstellungen stellen müssen. Doch das wäre nicht ihr Problem und da Ferien waren, würde sie alle Gedanken an die Schule in den tiefsten Tiefen ihres Verstandes verdrängen. Nun war erst einmal Energie auftanken angesagt.
Sie stand auf, räkelte sich und machte sich dann auf die Suche nach Feuerholz. Bis die Glut die richtige Temperatur erreichte, würde es eine Weile dauern. Weshalb es immer sehr ratsam war, das Feuer zu entzünden, bevor der Hunger zu groß wurde.
Als die Flammen sich knisternd über das Holz hermachten, holte Anouk ihre Snacks und das Kräuterbuch ihrer Großmutter hervor und platzierte sich gemütlich auf ihrer Picknickdecke.
Sie hatte es bei der Hausräumung entdeckt, als ihre Oma in ein Altenheim umziehen musste. Seitdem waren zwar einige Wochen vergangen, doch neben der Schule hatte sie einfach keine Zeit gefunden, in Ruhe darin zu stöbern. Doch nun hatte sie Freiraum, um zu träumen und in den Erzählungen von früher zu schwelgen.
Ihre Oma hegte erst Zweifel, doch als sie das ehrliche Interesse ihrer Enkelin bemerkte, hatte sie glücklich zu erzählen begonnen.
»Ich war ein verwöhntes Kind, musst du wissen. Da Vater Mutter bei meiner Geburt verloren hatte, war ich das Letzte, was ihm von ihr geblieben war, und deswegen war er oft nicht so streng mit mir. Ich hatte viele Dummheiten im Kopf und liebte es, Streiche zu spielen.« Sie hatte selig gelächelt. »Das Dorf, aus dem wir stammen, war reich und ein wichtiger Knotenpunkt, weswegen es uns nie an etwas fehlte. Auch wenn wir oft sehr sparsam leben mussten, musste ich nie Hunger leiden. Unsere zwei Kühe gaben ausreichend Milch und Vater hat gut zu ihnen geschaut.«
Ein herzliches Lachen kam ihr über die Lippen. »Sie liebten ihn sehr. Wann immer er nach Hause kam, warteten sie bereits auf ihn und eine kroch sogar regelmäßig durch die Futterkrippe, um ihn eher begrüßen zu können. Er musste sie auch nie anbinden und konnte sie ohne Halfter auf die Weide bringen. Er musste nur pfeifend vor ihnen hergehen und sie folgten ihm wie treue Hunde.«
Sie hielt kurz inne und fuhr dann weiter: »Die ganze Nachbarschaft half mich großzuziehen und meine Schwester übernahm ein wenig die Rolle meiner Mutter. Wenn wir nicht in der Schule waren, halfen wir auf dem Feld oder gingen mit dem Schäsli Gemüse verkaufen. Pferde hatten damals nur die Wohlhabenden, sonst konnte sich die keiner leisten. Zwei bis drei Kühe waren viel und ein Ochse fürs Feld gab es auch keinen. Es war eine andere Zeit. Bei Gewittern kam es oft vor, dass ganze Häuserreihen niederbrannten. Ich kann die Schreie der armen Menschen und Tiere immer noch hören, die darin starben. Nach solchen Ereignissen waren die meisten Familien ruiniert und mussten sich praktisch verkaufen, um zu überleben. Während der Pockenepidemie war es schlimm, doch mit dem zweiten Weltkrieg ist es nicht zu vergleichen. Wir sahen die Brände, hörten die Bomben landen und mussten zusehen, wie die Flüchtigen einfach kurz vor unseren helfenden Händen erschossen wurden. Es war keine schöne Zeit, aber ich hatte es gut. Wir schätzten, was wir besaßen, und wir trugen ihm Sorge und waren zufrieden. Essen wurde nicht verschwendet und man hat alles verwendet, was man nur konnte. Heute ist dieser Respekt und dieses Wissen in Vergessenheit geraten.«
Anouk griff bei der Erinnerung automatisch an die Kette um ihren Hals und fuhr ehrfürchtig über den Ehering ihrer Urgroßmutter, den sie geerbt hatte. Wäre sie mit solchen Umständen wirklich zurecht gekommen? Wohl eher nicht. Doch der heutigen Zeit war sie auch nicht gewachsen. Diese ganzen negativen Medien, dieses nervtötende socialmedia, das eher den Namen asocialmedia verdient hätte. Und der dauernde Stress, immer überall anwesend sein zu müssen, all diese ungesunden Ansprüche der Gesellschaft, die einfach so geschluckt wurden und den Verstand der Menschen indoktrinierte, ohne dass sie es bemerkten. Oder vielleicht waren sie auch einfach zu faul oder zu feige, um etwas dagegen zu unternehmen.
Jedenfalls hatte Anouk mehr als genug davon und wenn ihr in den Sinn kam, wie viele Jahre sie noch auf diesem vermaledeiten Planeten überleben musste, wurde ihr angst und bang.
Am liebsten hätte sie sich wie ein Einsiedler im Wald verkrochen und wäre niemals wieder daraus hervorgekommen. Was sie nun jedenfalls brauchte, war ein Kraut gegen schlechte Gedanken. Also blätterte sie hastig durch die Seiten und blieb bei einer gelben Staude namens Johanniskraut hängen.
Nun da Bett, Tisch und Schrank an Ort und Stelle standen, war es Zeit, dem ganzen einen heimeligen Anstrich zu verpassen. Das war die perfekte Gelegenheit, sich aus dem Haus zu schleichen und sich mit der neuen Umgebung vertraut zu machen.
Da das alte Bauernhaus am Waldrand lag, sollte es kein Problem sein, ungesehen durch sein Fenster im oberen Stockwerk zu klettern und im Gebüsch unterzutauchen. Bis seinen Eltern auffiel, dass Zeit fürs Mittagessen war, wäre er wieder anwesend und es gäbe keine unnötigen Diskussionen mit seinen Geschwistern.
Also zog er die Schuhe aus, band sie zusammen und warf sie sich über die Schulter. Obwohl es hier mehr einheimische Schlangenarten als in den schottischen Highlands gab, würde er wohl kaum auf eine treffen, und seine Füße brauchten dringend nötig Freiheit.
Er liebte es, eins mit der Natur zu sein. Die Erde und das weiche Moos unter seinen nackten Füßen zu spüren und der Wind an seinem Haar zupfen zu lassen. Das war Freiheit. Dann fühlte er sich leicht und der Alltag verblasste, bis er schließlich ganz aus seinem Kopf verschwand.
Mit einem letzten kurzen Blick zurück, streifte er zwischen den Zweigen hindurch und gab sich dem aufregenden Ausflug hin, der vor ihm lag.
Was ihm sofort auffiel, waren die kräftigen Grüntöne, die ihn hier umgaben. Das war er zu dieser Jahreszeit nicht gewohnt. Das Wetter war allgemein anders, was es zum Teil sehr angenehm machte. Einer der größten Vorteile, waren die fehlenden Mücken, die er definitiv nicht vermisste.
Allerdings war es hier lauter. Er konnte den Verkehr der Hauptstraße hören und Flugzeuge, die den Himmel überquerten. Die wenigen Vögel, die noch sangen, würden auch bald verstummen, da die Brutzeit vorüber war und sie ihre Energie während der Mauser schonten. In der Ferne bellten Hunde und Kinder schrien und weinten.
Daran müsste er sich erst noch gewöhnen. Zu Hause in den Highlands war es immer so still gewesen. Doch er konnte ja tiefer in den Wald hineingehen, dann würden die Blätter den Lärmpegel schon dämpfen.
Also folgte Levin dem Weg ein gutes Stück. Verließ ihn allerdings, als er einen Bachlauf überquerte und watete anschließend durch das kühle Nass. Hie und da sammelte er ein paar ausgefallene Steine ein und hielt Ausschau nach Moos und Farnen, die er später holen könnte. Ein paar knorrige Äste wären auch nicht schlecht und Pilze, die er trocknen und später aufhängen konnte.
Da er nicht vorhatte, sich hier mit irgendjemandem anzufreunden, musste er sich wegen der speziellen Einrichtung also keine Sorgen machen.
Erst wären sie bestimmt das Thema überhaupt, doch sobald die anderen Jugendlichen erkennen würden, wie altmodisch sie lebten, würde sie jeder schnell vergessen. Das war ihm tausendmal lieber, als sich den Normen anzupassen. Doch da er noch einige Wochen Zeit hatte, vertrieb er diese Gedanken sofort wieder. Das Naturschutzgebiet, das er nun erreichte, hatte sowieso seine ganze Aufmerksamkeit verdient.
Es beherbergte Salamander und Frösche. Fantastische Wespenspinnen hatten überall ihre Netze ausgebreitet und eine Suhle nahm die gesamte Mitte der linken Seite in Anspruch.
Das Rinnsal, das durch das gesamte Gebiet floss, breitete sich an manchen Stellen zu kleinen Tümpeln aus und zog sich danach wieder zusammen. Schlängelte sich weiter durch Blumen und Grasbüschel und über Steine hinweg, bis zu einer Tuffsteinquelle.
Hier wuchsen sogar Sumpfdotterblumen, echter Baldrian und Bachnelkenwurz.
»Mama wird sich freuen, hier so viele Heilkräuter zu finden.«
Seine Mutter stammte ursprünglich von hier und hatte seinen Vater während einer Reise durch Schottland kennengelernt. Nun da sie wieder hier in der Schweiz war, würde sie sich wohl schnell einleben und ihrem gewohnten Alltag nachgehen. Und dazu gehörten Wildkräuter. Vielleicht konnte er sie zu einem kleinen Wettkampf herausfordern, wer von ihnen schneller und mehr davon finden konnte. Das würde bestimmt Spaß machen, und so hatte er ganz ungezwungen die Möglichkeit, alles zu erkunden, was ihn reizte.
Er verließ das Naturschutzgebiet, kreuzte eine wenig befahrene Straße und schlenderte in das gegenüberliegende Waldstück. Von da an ging es einige Zeit aufwärts und die Natur veränderte sich. Sie wurde trockener und mehr Sonnenstrahlen erreichten den Waldboden. Was wiederum für andere Pflanzen zum Vorteil wurde.
Er entdeckte Lindenbäume, Wildrosen und Clematis, aber auch Blätter der Akelei und schwarzer Holunder. Darauf freute er sich schon ganz besonders. Der Sirup, den seine Mutter daraus kochte, war fantastisch und so erfrischend. Und auf seine Aufforderung würde sie bestimmt eingehen. Das wird eine tolle Zeit hier. Da bin ich mir sicher.
An einer Weggabelung blieb er stehen. Er musste unbedingt die Zeit im Auge behalten, da er nicht so schnell vorwärtskam, wie gedacht. Trotzdem würde er den oberen Weg nehmen. Im schlimmsten Fall konnte er immer noch nach Hause rennen.
Kaum war er losgegangen, blieb er auch schon wieder stehen. Da brannte ein Feuer. Er konnte den unverkennbaren Rauchgeruch deutlich wahrnehmen und da stieg ihm noch ein anderer Duft in die Nase. Gebratenes Fleisch. Augenblicklich meldete sich sein Bauch. Wer auch immer da sein Mittagessen vorbereitete, wusste was er tat.
Das würde er genauer untersuchen. Vielleicht gab es hier ja doch noch jemanden, mit dem er sich anfreunden konnte. Auch wenn er seine Geschwister liebte, gab es doch immer wieder Momente, in denen er sie am liebsten erwürgen würde. Vor allem die Zwillinge, die momentan ihre Grenzen einfach nicht kannten. Da wäre er froh, einen triftigen Grund zu haben, dem Familienleben entkommen zu können. Und was war da besser, als einen Freund vorschützen zu können. Am liebsten einen älteren Herrn, der ihm von früher erzählen konnte und von dem er was lernte.
Die Kartoffeln würden bald durch sein, also schnippelte Anouk das Gemüse für den Salat und packte das Fleisch aus. Die Marinade die sie gestern Abend angerührt und einmassiert hatte, war nun gut eingezogen und würde dem Stück einen herrlichen Geschmack verpassen. Sie legte es vorsichtig auf den Grill und wollte gerade die Würstchen zur Vorspeise hervorholen, als sie einen Fuchs im Gebüsch entdeckte.
Reglos blieb sie stehen und beobachtete ihn. Er schnüffelte neugierig und seine Ohren wackelten aufmerksam. Ob er das Fleisch gerochen hatte? Normalerweise waren Füchse, die nicht gerade in der Stadt wohnten, sehr schüchtern. Doch dieser hier schien sehr zutraulich zu sein.
Sie beobachtete ihn noch eine Weile still und leise, bis er sich interessiert ihrem Rucksack näherte. Doch zu spät. Mit einem großen Sprung hechtete er in dessen Öffnung. Zog die Würstchen Packung hervor und machte sich schleunigst vom Acker.
»He, hiergeblieben! Das sind meine.«
Anouk sprang auf und rannte dem Vierbeiner ohne weiteren Gedanken hinterher. Dabei scheuchte sie zwei Rehe auf, die sich im Unterholz ausgeruht hatten und nun erschrocken davonrasten. Sie blickte ihnen nach. Doch das war unachtsam. Im nächsten Augenblick knallte sie auch schon gegen etwas hartes und ging unsanft zu Boden.
Am liebsten hätte sie laut geflucht, doch sie brachte kein Wort heraus. Ihre Hände und Knie brannten und ihr Schädel brummte heftig.
»Bloody hell!«, stöhnte es vor ihr, und sie sah entsetzt auf.
Das war nicht wie erwartet ein Baum, in den sie da gerannt war. Nein. Rote lockige Haare und klare blaue Augen breiteten sich vor ihr aus. Das durfte doch nicht wahr sein! Ihre Laune sank schlagartig in den Keller. Wieso musste sie ihm ausgerechnet hier begegnen? War es zu viel verlangt, in den Sommerferien einfach seine Ruhe haben zu wollen?!
»Na toll. Jamie Fraser persönlich.«, rutschen ihr die Worte raus. Doch da er sowieso kein Wort Deutsch verstand, wischte sie die aufsteigenden Bedenken sofort beiseite.
»Iollaisg, bonnie lass. Ein anderer Schotte.«








