Vox Incorporea

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Summary

Leben findet einen Weg. Es gibt kein Verständnis und keine Gnade. Der Kosmos birgt in seiner Unendlichkeit vielleicht Wesen, die leben, welche jedoch nicht von unserer Definition als dieses anerkannt werden. Und was bleibt dir anderes übrig, als zu tun, was dir gebührt?

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Vox Incorporea

Der Wind ist wunderschön, oder es fühlt sich zumindest so an. Kann etwas schön sein, was man nicht sehen kann? Dieser Wind erinnert mich an die Ereignisse des 02.07.1982. Ich bin wahrscheinlich das, was die meisten wohl als Verschwörungstheoretiker oder als jemanden, der einfach nur Chaos mit seinen Lügereien stiften will, ansehen würden. Ich musste über die Jahre vieles über mich ergehen lassen. Spinner, Wahnsinniger, Idiot, ja sogar als Mörder haben sie mich betitelt. Doch ich selbst sehe mich, und weiß, dass es so ist, als ein Überlebender dessen Aufgabe es ist, die Wahrheit jenen zu bringen, welche sie nicht sehen können. Wie eine Flamme, die im Wind einfach nicht ausgehen will, welche nur darauf wartet, das Leuchtfeuer des Leuchtturms der Wahrheit wieder zu entfachen. Doch ich will nicht zu harsch mit den Schafen ins Gericht gehen. Sie tun es nicht einmal willentlich, sondern es ist ein passiver Vorgang ihres Unterbewusstseins, welcher verhindert, ihr Verständnis der Welt umzustoßen und sie nicht in ein Loch zu stürzen, aus dem sie nicht wieder herauskommen. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, aber meinen Namen kennen Sie ja sicherlich schon. Aber nur für das Protokoll. Elliot Sterling. Nun, Elliot Parkins Sterling, um genau zu sein.

Damals war das Wetter genauso, wissen Sie. Vögel singen, die letzten Strahlen der Sonne verschwinden langsam nach einem warmen Tag, die Luft ist erfüllt von angenehmen Gerüchen, der Mais gedeiht prächtig und die Felder tanzen leicht im Wind des Abends. Davins und ich saßen auf der Veranda, tranken kaltes Bier und redeten einfach. Ich weiß noch, dass er an dem Tag nicht gut drauf war. Er hatte sich von seiner Verlobten getrennt und das hatte schwer auf ihm gelastet. Davins war mein bester Freund gewesen und ich wollte ihn natürlich etwas aufmuntern. Wir saßen dort stundenlang bis spät in die Nacht. Ich erinnere mich noch an jedes Detail, wie könnte ich es auch vergessen.

»Und dann, und dann hat die Schlampe einfach diesen Börsenmakler aus der 7ten gefickt. Sie hat ihren Verlobungsring an irgendein scheiß Pfandhaus verkauft. Wer macht sowas?! Und der verdammte Anwalt sagt, man könne da nichts machen«, stammelte Davins durch seine Schluchzer.

»Ich weiß man, ich weiß«, sagte ich und klopfte ihm auf die Schulter.

»Vielleicht hast du genug Bier für heute gehabt«, sagte ich zu ihm, während ich die Kühlbox vorsichtig in meine Richtung zog.

Es war inzwischen dunkel geworden, doch die Luft trug immer noch die Wärme der Sonne in sich, welche den ganzen Tag pausenlos schien. Davins kam gegen Nachmittag und ich hatte mich bereits darauf eingestellt, dass er nicht in der besten Verfassung von dem Notar zurückkommen werden würde. 6 Flaschen Bier und viele Tränen später war es langsam dunkel geworden. Davins lag halb in seinem Stuhl und ich blickte in den wunderschönen Sternenhimmel, der sich mir bot.

»Fuck, Elliot, ich glaube, ich werde nie wieder glücklich«, sagte er.

»Ich weiß, es kommt einem jetzt so vor, aber es wird wieder besser, das verspreche ich dir. Was meinst du? Lass uns am Wochenende mal wieder rausfahren. Ein bisschen angeln, vielleicht ein paar Enten schießen, was meinst du? Einfach um den Kopf ein bisschen freizukriegen«, bot ich ihm mit einfühlsamer Stimme an.

Ich sagte das vorsichtig, und passend zu der Stimmung der Situation wurde es ruhig um uns. Die Natur schien respektvoll sein zu wollen, und um die Trauer meines Freundes nicht mit unnötig lauten Geräuschen zu stören, wurde das Gezwitscher der Vögel leiser, der Wind wurde sachter und das Surren von Mücken verschwand. Es war ein kurzer Moment der Stille, und rückblickend passt er nur zu gut zu dem, was folgte. Ich schätze, das Sprichwort »Die Ruhe vor dem Sturm« trägt eine gewisse Wahrheit in sich, denn die Stille wurde mit sich aufbauender Intensität gebrochen. In dem Moment hatte ich Derartiges nicht erwartet, und das erste, was wir merkten, war eine Art Welle oder ein Impuls. Etwas Unsichtbares durchzog alles, was es erwischen konnte, und ließ uns mit einem Piepen in den Ohren zurück. Es war wie als ob man von einer Druckwelle getroffen wurde, nur ohne den Druck, wenn das für Sie Sinn macht. Ich spürte es zuerst in meinen Armen. Es war, als sei es auf mich zugeschossen, hätte mich komplett durchdrungen und von den Armen voran alles durchzogen. Ein Gefühl, das zwischen einem Kribbeln und einem Stechen liegt, ein Gefühl, dass etwas, das größer ist als du es selbst bist, unmittelbar in deiner Nähe ist. Damals habe ich zwar nicht direkt an Dinge fernab unserer Realität gedacht, aber es hatte eine gewisse ankündigende Art an sich.

Danach kam der Wind wieder, und das viel stärker, als es hätte sein dürfen. Die Maisfelder wurden von einem surrenden Wehen durchzogen, wie es in dieser milden Sommernacht nicht hätte passieren können. Mir war mein Hut vom Kopf geflogen, Staub wirbelte von dem sandigen Auffahrtsweg und leere Bierdosen flogen umher. Davins und ich merkten bereits, wie ungewöhnlich das war und dass etwas nicht stimmte, doch hätten wir all das noch irgendwie erklären, abtun oder einfach ignorieren können, bis wir das Licht sahen. Ein grelles, blaues Licht durchzog plötzlich den Himmel und schoss über die Farm, mit einer Geschwindigkeit, der das nackte Auge kaum folgen konnte. Es hinterließ Schlieren von bläulichem Dampf hinter sich, bis es Sekunden später rapide absank und mehrere Kilometer weiter weg vermeintlich abstürzte. Der Absturz hatte ein so lautes Geräusch fabriziert, dass wir es bis zu der Farm deutlich hören konnten.

Davins und ich starrten uns ungläubig an, als wollte einer vom anderen die Bestätigung, dass das gerade Geschehene nicht ein Fabrikat dessen Einbildung gewesen war.

»Elliot, so viel habe ich auch wieder nicht getrunken. Du hast das auch gesehen, oder? Was zur Hölle war das? Haben sich die Kommunisten jetzt mit den Masianern verbündet, oder was habe ich da gerade gesehen?«, sagte er ungläubig und etwas geschockt.

»Was auch immer das war, es war sicher kein Flugzeug. Vielleicht ein Meteorit?«, erwiderte ich ihm mit derselben ungläubigen Stimme, welche die einzig angemessene für die Umstände gewesen zu sein schien.

»Was machen wir jetzt? Rufen wir die FEDS an oder die NASA oder doch lieber den Forster?«, fragte er leicht scherzhaft.

»Keine Ahnung. Warum fahren wir nicht schnell hin? Kann nicht weit weg gewesen sein. Ein paar Meilen höchstens. Könnte im Waldstück von Talington runtergekommen sein. Vielleicht sind da gerade ein paar Tonnen Gold aus dem tiefsten Weltraum genau vor unserer Nase abgestürzt«, erwiderte ich, mich freuend, dass sich die Stimmung von Davins zu bessern schien.

Davins stöhnte auf und sagte: »Ach, was soll’s, einen Blick können wir ja mal riskieren. Bin sowieso noch nicht müde. Und wer weiß, vielleicht finden wir gleich einen Satelliten der Kommis oder einen Haufen Weltraumgold.«

Wir sind kurz darauf mit dem Pick-up von Davins die ganze Sache untersuchen gefahren. Es war nicht besonders schwer gewesen, das Objekt zu finden, wir hatten nur dem Qualm folgen müssen, und schon hatten wir es gefunden. Es können höchstens 7 oder 8 Meilen gewesen sein, die wir fuhren, und ich weiß noch, dass ich im Stillen betete, dass nicht auch die Polizei auf der Suche nach dem Missetäter war, der solch einen Lärm verursacht hatte. Ich sollte recht behalten und es war tatsächlich in den Wald von dem alten Mr. Talington abgestürzt und hatte dabei ein Dutzend der von ihm so geliebten Eichen und Linden umgerissen. Die Erinnerung an als wir das Licht sahen und langsam aus dem Pick-up ausstiegen, ist immer noch genauso stark in meinem Kopf wie in dem Moment, als es passierte. Wir hielten am Straßenrand an. Es war eine etwas abgelegene Landstraße. Vielleicht sind Sie sogar genau über jene Straße hergefahren. Dort war niemand, keine Behörden, kein Talington, keine Tiere, rein gar nichts. Die Vögel, welche wir vorhin noch so reichlich zwitschern gehört hatten, waren verstummt und selbst von den lästigen und unerbitterlich anstürmenden Mücken war keine Spur mehr. Ein bläuliches Licht schien durch die Bäume hindurch und ein oder zweihundert Meter hinter dem Waldrand lag die qualmende Quelle des so unerklärlichen pochenden Lichts. Es ist unbeschreiblich. Manche Dinge können wohl nur wahrgenommen und nicht beschrieben werden, schätze ich, also ist es vergebens, wenn ich jetzt versuche, die Wirkung des Lichts zu erklären.

Was ich jedoch beschreiben kann, ist die Stimme. Davins war ohne ein Wort ausgestiegen und bewegte sich langsam, mit fixiertem Blick auf das Licht zu.

»Davins. Warte mal …«, flüsterte ich ihm zu.

Ich konnte mir selbst nicht erklären, weshalb ich so leise sprach, aber schon dort merkte ich, dass es vielleicht eine schlechte Idee gewesen sein könnte, hergekommen zu sein. In mir stieg zunehmend ein Gefühl des Unwohlseins empor, doch Davins ging einfach weiter. Er schien die lautlosen Warnschreie nicht zu hören, welche mein Unterbewusstsein so laut es konnte von sich gab.

»Davins«, flüsterte ich erneut, diesmal etwas lauter. »Warte mal kurz … Was ist, wenn das hochgeht?«, sagte ich zu ihm.

»Wird es schon nicht«, antwortete er mir, »Ich will nur mal sehen.«

Er ging ein paar Meter vor mir und bewegte sich vorsichtig, aber zielstrebig auf das Wrack zu. Meinen Instinkten widerstehend, lief ich ihm nach. Ich habe noch nie eine Art von »bewusstseinserweiternden« Substanzen konsumiert, doch wie es war, vor dem Wrack zu stehen, war eine Erfahrung, welche über normale Gefühlszustände hinausgeht. Es war, als würde man hineingesogen, jedoch war es gleichzeitig auch, als sei man fest mit dem Boden unter sich verwachsen. Ein einziger Zustand der gänzlichen Vollkommenheit und gleichzeitig zersplitternd in unzählbare Fragmente der Existenz.

Wir standen nun vor dem Wrack. 20 Meter im Durchmesser oder vielleicht auch mehr lag es dort zwischen kaputten Bäumen. Es war etwas aus Metall, es hatte eine schimmrige silberne Oberfläche und strahlte ein blaues Licht aus, dessen Quelle ich nicht ausmachen konnte. Kleine Teile des Objekts lagen überall herum, steckten in der Erde oder waren in das Holz der Bäume geschossen. Ich schluckte schwer, meinen Blick nur auf das Wrack gerichtet. Ich merkte kaum noch, dass Davins neben mir stand, und dann hörte ich etwas. Etwas sprach zu mir mit Worten, die ich nicht kannte, Klängen, welche unmöglich zu sprechen schienen, und in einem Ton, den ich weder schon einmal gehört hatte, noch Einen, den ich je wiedergeben könnte. Die Stimme sprach nicht mit meiner Person, sondern direkt mit meinem Verstand. Ich verstand keine Worte, aber ich verstand den Inhalt dessen, was sie mir sagen wollte. Davins hörte sie nicht und sein Drang, sich das Objekt näher anzusehen, schwand allmählich.

»Elliot, geh nicht zu nah ran. Was, wenn das Ding hochgeht? Warte mal«, sagte er, sich langsam aus dem Bann des Objekts lösend.

Je mehr er sich wieder zu lösen schien, desto mehr schien ich hineingezogen zu werden. Greuchlose, durchsichtige Flüssigkeiten waren aus dem Wrack ausgetreten und zogen langsam in die Erde ein. Qualm stieg immer noch hinten aus dem Objekt aus, doch Vernunft war so weit aus meinen Gedanken entfernt worden, dass, egal wie sehr ich mich danach ausgestreckt hätte, ich sie nicht hätte greifen können.

»Ich muss reingehen«, sagte ich zu Davins, ohne ihn anzusehen. »Hörst du es nicht auch? Komm schon, beeil dich«, sagte ich zu ihm, während ich, ohne auch nur einmal zurückzublicken, voranschritt.

»Bist du jetzt komplett wahnsinnig?!«, warf er mir zu, als hätten die Worte allein mich zurückziehen können. »Wir haben doch keine Ahnung, was das Ding ist. Nachgucken ist eine Sache, aber Reingehen?! Was, wenn das Ding gleich explodiert oder da drin giftige Gase sind? Hast du die Flüssigkeiten nicht gesehen? Was wenn das Benzin ist und hier gleich alles in Flammen steht?«, schrie er in einem Flüsterton, doch es war lange zu spät, um mich mit Logik aufzuhalten.

»Hat keinen Geruch gehabt. Ist kein Benzin. Werde schon klarkommen«, sagte ich und stieg durch ein größeres Loch und vermied es dabei, mich an den scharfen Kanten zu schneiden.

»Elliot!«, rief Davins doch ich war bereits in dem Objekt.

Leise glitten meine Hände über das kalte Metall der Wände. Ob dies etwas Menschengemachtes oder etwas von anderem intelligenten Leben Erschaffenes war, stand längst außer Frage. Ich war mir sicher und bin es bis heute, dass dies ein Schiff oder eine Art Wohnraum für etwas dargestellt hat. Ich ging weiter durch die sich nach links neigenden Gänge, geleitet von meinem unsichtbaren Führer, dessen Worte ich nicht hören konnte. Es wurde mir mit jedem Schritt deutlicher, dass die Stimme wollte, dass »Ich« näher kam, nur Ich. Wenn ich die Atmosphäre auf dem Schiff beschreiben müsste, würde ich am ehesten sagen, dass es einerseits fremd, aber auch bekannt auf mich wirkte. Die Wände waren von dünnen Leitungen überzogen, und im Gegensatz zur glatten Metalloberfläche außerhalb war es fast wie ein Netzwerk aus schwarzen Adern, welche von einer metallenen Haut überzogen wurden. Wie als würde ich zu einem Ziel gezogen werden, ging ich die spiralförmigen Gänge entlang, bis ich in einer Art Raum stehen blieb. Der Gang war noch nicht zu Ende und ging auf der anderen Seite des Raumes weiter, jedoch verblieb ich kurz und betrachtete den sich vor mir bietenden Anblick. Ich sah Dinge, welche wohl weitere technische Konstrukte darstellten. Kleinere Maschinen aus silbernem Metall, die Spitzen und Kanten besaßen. Ich denke, auch ein gläsernes Material ausgemacht zu haben, jedoch denke ich nicht, dass es Glas war, denn die Form schien unmöglich zu sein. Scheiben, welche Spitzen besaßen, mit Kugeln, welche eckig zu sein schienen. Ich kann nicht ganz sagen, was ich dort gesehen habe, und ich weiß nicht, ob ich die Antwort haben wollen würde.

Ich wurde, wenn auch nur ein kleines bisschen, aus dem Bann der Stimme gezogen, als ich das Geräusch schneller Schritte hinter mir vernahm. Davins war mir gefolgt und hatte zu mir aufgeholt.

»Was ist das hier?«, fragte ich ihn. Faszination lag in meiner Stimme und ich konnte die Sorge und Not nicht nachempfinden, welche Davis in sich trug.

»Wir müssen gehen, Elliot!«, sagte er mit Nachdruck. »JETZT«

»Warum denn … Nein … noch nicht. Ich muss erst bis nach da unten«, erwiderte ich und zeigte auf den Gang, welcher tiefer ins Innere führte.

»Hör mal Elliot, ich habe ein extrem schlechtes Gefühl hierbei. Lass uns einfach zurück zur Farm fahren, die Cops anrufen und die das erledigen lassen. Das hier ist zu groß für uns. BITTE. Lass uns gehen, JETZT«, sagte er und ergriff meinen Arm.

Ich wehrte mich nicht wirklich und konnte es auch nicht, jedoch weiß ich noch, dass ich nicht gehen wollte. Es war ein komisches Gefühl, ich wollte meine Arme losreißen, doch sie taten nicht das, was ich wollte, was mein Gehirn ihnen befahl. Als käme der elektrische Impuls nicht in den Nerven meines Armes an.

Wir waren gerade einmal drei oder vier Schritte gegangen, als wir beide ein Geräusch vernahmen. Davins zuckte zusammen und ich nur meinen Kopf. Eines der Objekte, welches sich in dem Raum befunden hatte, schwebte vor uns in der Luft. Es war eines der silbernen, zylinderförmigen, mit vielen Spitzen nadelförmigen, abstehenden Elemente und Kanten, welche es in einzelne Sektionen aufteilten. Der Gegenstand flog langsam auf uns zu, während Davins zurückwich und mich hinterherzog. Ich fühlte mich kraftlos und benebelt, als wäre ich nicht Herr über meinen eigenen Körper. Davins lief Schweiß über die Stirn und er war sichtlich nervös. Ich war gegensätzlich ruhig und muss wie ein Kind gewirkt haben, das nicht versteht, was gerade passiert. Das Objekt flog immer näher an Davins heran und mit einem lauten, surrenden Geräusch stach es in seinen Körper. Wir fielen beide zu Boden. Das Ding hatte Davins am Arm erwischt und schwebte nun wieder vor uns in der Luft. Davins stöhnte leicht auf und die Verletzung schien oberflächlich zu sein, dennoch sah ich, wie Blut auf den Boden tropfte. Davins sah entsetzt aus und schockiert über das, was gerade passiert war. Ich stand langsam auf und sammelte meine nun klarer werdenden Gedanken.

Ich blickte auf das silberne Objekt, welches immer noch vor uns schwebte und uns zu begutachten schien. An ihm klebte das Blut von Davins, das langsam von ihm herabtropfte.

»Scheiß drauf«, sagte Davins, rappelte sich auf und versuchte wegzurennen, jedoch fiel er wenige Schritte später. Er versuchte aufzustehen, doch ich sah, wie sich nun ein schreckliches Entsetzen in seinem Gesicht gebildet hatte.

»Davins …«, sagte ich. Er hielt seinen eigenen Arm fest umklammert.

»Arghh … Arrghhh.« Erst leise und dann immer lauter werdend, fing er an zu schreien. Sein Arm qualmte. Blasen bildeten sich unter seiner Haut, an manchen Stellen wurde sie langsam schwarz und Blut ergoss sich aus seinem Arm über den Boden des Flurs. Davins schrie wie am Spieß und nun bildete sich bei mir auch ein Ausdruck des Entsetzens im Gesicht. Ich sah, wie sein Unterarmknochen langsam zum Vorschein kam und Hautfetzen, vermischt mit Fleisch, auf den Boden fielen. Er war nach hinten umgefallen und wand sich nun vor Schmerzen auf dem Boden. Ich konnte mich nicht rühren und starrte nur auf meinen sich in Qualen windenden Freund, den ich schon gekannt hatte, seit ich ein kleines Kind war. Ohne Vorwarnung explodierte sein Arm und färbte mich und die Wände rot. Das Objekt, welches die ganze Zeit im Gang geschwebt und das Geschehen beobachtet hatte, schoss nun mit einem lauten Surren auf Davins zu und bohrte sich in seinen Bauch.

Ich hatte nun die Kontrolle über meinen Körper zurückerlangt und rannte einfach los. Ich sprang über Davins, welcher mit der Maschine kämpfend am Boden lag. Die Angst zu sterben hatte meinen Körper zu stark erfüllt, als dass ich gegen meine Instinkte hätte ankämpfen können. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich ihm nicht geholfen habe, aber ich denke, ich hätte ohnehin nichts für ihn tun können. Ich rutschte bei meiner Flucht auf dem Blut aus und stieß mir dabei stark den Kopf. Ich glaube, die Narbe habe ich heute noch. Jedenfalls rannte und rannte ich, bis ich beim Pickup angelangt war. Davins Schreie verfolgten mich und ich konnte sie durch die Gänge hallend hören, was sie nur noch verschlimmerte. Es regnete und stürmte beträchtlich. Man hatte es nicht von innerhalb des Schiffs ausmachen können und passte nicht auf die milde Sommernacht, in welcher wir hergefahren waren, doch damals kümmerte mich das kaum. Ich fuhr so schnell ich konnte zurück zur Farm und rief dort die Polizei und schilderte ihnen, was ich gesehen hatte. Die Dame am Telefon sagte jedoch, dass sie aufgrund des Sturmes und in umliegenden Gegenden plötzlich aufgekommener Tornados frühestens jemanden in ein paar Stunden vorbeischicken könnte, da jegliche Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr ausgelastet waren. Ich sagte erstmals nichts von einem Ufo, sondern ich sagte nur, dass mein Freund tot sei und von einem Objekt aus der Luft erschlagen worden sei, sonst hätte sie vermutlich direkt wieder aufgelegt.

Es hatte bis zum frühen Morgen des nächsten Tages gedauert, bis endlich Einsatzkräfte der Feuerwehr bei mir eintrafen. Ich hatte die ganze Nacht im dunklen Haus gesessen und mich betrunken, da ich nicht schlafen konnte. Nach meinen Schilderungen der Ereignisse letzter Nacht trafen meine Worte auf eine Reaktion der Beamten, die ich bereits erwartet hatte, doch ich war darauf vorbereitet. Ich sagte ihnen, wir sollten alle gemeinsam hinfahren und sie sollten sich das Wrack mit eigenen Augen ansehen. Als wir die Landstraße entlangfuhren und schließlich vor dem Wald Halt machten, biss ich mir auf die Zunge. Es war weg. Die Spuren von Zerstörung, umgeknickte Bäume, aufgewühlte Erde und kaputter Fels waren unverkennbar dort, jedoch fehlte das Schiff. Jegliches Metall war verschwunden. Man konnte selbst die Einkerbungen in den Bäumen noch sehen, in welchen die Splitter der Wracks gesteckt hatten. Es sah aus, als sei etwas Unsichtbares in den Wald gekracht. Niemand fand je wirklich eine logische Erklärung, und als ich mich an die Zeitung meiner Stadt wandte, nahm mich diese mit offenen Armen auf. Den Medien waren die plötzlichen, unerklärlichen Wirbelstürme bereits eine Goldgrube gewesen, doch als der Redakteur meine Geschichte hörte, zusammenhängend mit den Wirbelstürmen und dem vermeintlichen Verschwinden von Davins, sah ich beinah das Leuchten in seinen Augen. Eine »Story des Jahrzehnts« hatte er es genannt. Es war jedenfalls wochenlang in den Zeitungen. Einige habe ich noch irgendwo liegen.

Ich bin nie wirklich über das Ganze hinweggekommen, auch wenn es inzwischen Dekaden her ist. Ich weiß nicht, mit was ich es damals zu tun hatte, jedoch gibt es etwas, was sich in meine Erinnerungen eingebrannt hat. Als ich den Flur entlangging, damals im Schiff, wusste ich bereits, wo mich der Gang hinführte. Ich sah es nie mit meinen Augen, nicht einmal wirklich als ein Bild in meinem Kopf, aber ich wusste es irgendwie. Der Gang endete in einer Art Kammer, tief im Inneren des Schiffs. In dieser Kammer war ein Wesen, wenn man es so nennen kann. Eine Existenz, eine Instanz oder eine Lebensform. Ein Etwas, welches vielleicht amorph, also gestaltlos war, oder etwas, was dem nahekommt. Eine Art Leben, rein aus Elektrizität, ein Lebewesen nur aus Neuronen. Etwas, das wir vielleicht gar nicht als Leben erkennen würden, oder etwas, das nicht in unsere Definition des Lebens passt. Vielleicht war auch das ganze Ding am Leben. Es war eine Sache, welche mich in einem so hohen Maße übersteigt, dass ich niemals herankommen könnte. Nun, das ist alles Mr. Monterio. Ich hoffe, ich habe ihnen alles verständlich herübergebracht.

»Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Mr. Sterling. Sollten Ihnen weitere Details einfallen oder Ihnen andere derartige Gedanken in den Sinn kommen, wissen Sie, wie Sie mich erreichen«, sagte der Journalist mit den schwarzen Haaren und dem braunen Trenchcoat, während er aufstand. Er verabschiedete sich höflich und fuhr die Straße entlang, vorbei an jenem Waldstück, in welchem Eric Davins seinen Tod gefunden hatte.