Erwischt!
„Verfickte Scheiße!!!“
Für Jessica sah die Lage mehr als düster aus. Wie ein Häufchen Elend hockte sie auf dem Bürostuhl und starrte stumm auf den tristen, graugemusterten PVC-Fußboden des kleinen Büros, in dem der Kaufhausdetektiv sie festhielt.
Auf frischer Tat ertappt! Was für eine Schande!
Wenn ihre Eltern das erfahren würden… Für Jessica brach in diesem Moment eine Welt zusammen. Wie konnte sie nur in eine solche Situation geraten? Ausgerechnet sie, die immer artig und brav war. Immer? – Ja, immer.
Vielleicht lag es an ihrer jugendlichen Naivität, oder einfach an ihrem stümperhaften Vorgehen, dass man sie beim Diebstahl erwischt hatte. Nun musste sie die ganze Sache irgendwie ausbaden. Allerdings hatte sie keinen blassen Schimmer, wie dieses „irgendwie ausbaden“ vonstattengehen würde. Schlimmste Befürchtungen wirbelten manisch durch ihren Kopf.
Eine Träne kullerte über ihre Wange. Karim warf einen fast mitleidigen Blick auf ihr hübsches Gesicht, das immer noch starr und ausdruckslos auf den Boden gerichtet war. Kalte Schauer liefen Jessica über den Rücken – und das, obwohl sie die stickige Sommerhitze im Büro des Kaufhausdetektivs kaum ertragen konnte. Sein Name stand in großen Lettern auf dem Schild, das seinen Schreibtisch zierte „Karim Cengiz – Kaufhausdetektiv“. Daneben ein Telefon, ein paar Schreibutensilien, Aktenstapel.
Vor ihr lag ein leerer Protokollvordruck auf der Schreibunterlage. Selbstzufrieden lehnte sich Karim gegen die Tischplatte seines Schreibtischs, vergrub dabei die Hände in seinen Hosentaschen, während sein Gesicht von einem siegessicheren Lächeln geziert war, als wollte er damit sagen: „Wieder eine erwischt!“
Jessica hätte ihren Kopf nur leicht anheben müssen, um mehr von Karim zu sehen als seine blankpolierten schwarzen Lederschuhe und die elegante schwarze Stoffhose seiner Dienstkleidung. Das himmelblaue Business-Hemd verbarg seinen kraftvollen, athletischen Oberkörper, den er sich antrainiert hatte. Sein Drei-Tage-Bart harmonierte perfekt mit seinem Kurzhaarschnitt, und ein paar Kanten betonten sein maskulines Gesicht an genau den Stellen, an denen Jessica es normalerweise am attraktivsten fand. Doch heute hatte sie keinen Blick für solche Dinge.
Karim hielt ihr ein Taschentuch vor die Nase – wie jeder Ladendiebin, die in seinem Büro Krokodilstränen vergoss.
„Danke“, flüsterte sie ihm zu, während sie mit dem Taschentuch die Spuren ihrer Tränen wegwischte. Langsam hob sie dabei den Kopf, bis sie ihn ansah – ängstlich, unterwürfig, flehend. Noch immer strahlte Karims Gesicht diesen siegessicheren Blick aus. Sein Mienenspiel schien zu verraten, was in ihm vorging:
„Hab ich dich erwischt, Kleine! Es war ein netter Versuch – ging aber daneben! Jetzt bist du mir ausgeliefert…“
Jessica spürte die Autorität, die Karim ausstrahlte. Er war weit mehr, als ein einfacher Kaufhausdetektiv, er war ein Raubtier in Menschengestalt – immer bereit zur Jagd und unerbittlich im Kampf.
Und dennoch…
Sie hatte den Eindruck, als ob sich ein wenig Mitleid in ihm regte. Vielleicht konnte sie das Ganze ungeschehen machen, wenn sie ihn nur lange genug mit diesem sehnsüchtigen Hundeblick ansah – dem Blick, der Männerherzen weich werden ließ und mit dem Jessica schon oft ihrem Vater das Geld aus der Tasche gezogen hatte… Vielleicht würde er ihr ihren Fehltritt übersehen und sie laufen lassen – das hoffte Jessica zumindest.
Karim zog die Mundwinkel selbstgefällig noch ein Stück weiter nach oben. Auch er spürte, dass Jessica ihm keine Schwierigkeiten machen würde. Das würde sie nicht wagen!
Ihr Blick sprach Bände:
„Bitte tu mir nichts! Ich mache alles… alles, was du willst.“
„Braves Mädchen…“, dachte Karim, ließ sich auf seinen Stuhl sinken und zog das Formular zu sich heran, das er vorbereitet hatte.
„Zunächst muss ich Ihre Personalien feststellen. Sie sind Frau…?“
Jessica schluckte. Sie fühlte sich wie eine Schwerverbrecherin, die gleich in Handschellen abgeführt und eingekerkert werden würde.
„Jessica… Mein Name ist Jessica Sattler.“
„Jes-sic-a Sa-tt-ler…“, wiederholte Karim gemächlich ihren Namen und zog dabei jeden einzelnen Buchstaben in die Länge.
„Wohnhaft?“
„Haft…“, schoss es Jessica durch den Kopf. „Sollte es wirklich darauf hinauslaufen? Könnte er diesen verdammten Zettel nicht einfach in den Papierkorb werfen? Vielleicht, wenn ich mich bei ihm für sein Entgegenkommen erkenntlich zeigen würde? Jetzt gleich – und hier?“
Zugegeben – das Ambiente des Büros war nicht gerade einladend für ein Schäferstündchen. Romantik sieht definitiv anders aus. Die mit vergilbten Akten vollgestopften Schränke verbreiteten das Flair eines Amtszimmers, das in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts seine Blütezeit erlebt hatte. Tristesse und Funktionalität dominierten den Raum. Und doch… Platz für sinnliche Vergnügungen wäre durchaus vorhanden, wenn man die großzügige Schreibtischplatte einmal genauer betrachtete…
„Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wie ich mir das ausmale… Er sieht gut aus, und vielleicht würde es mir sogar Spaß machen! Außerdem wäre es eine gute Vorbereitung – für Ricardo…“
„Ihre Adresse, Frau Sattler. Ich brauche Ihre Adresse!“, riss Karim sie aus ihren Gedanken.
„Ja… meine Adresse… Waldstraße 38a…“
„Hier in Mainstadt?“
„Ja.“
„Dann wohnt ja eine Ladendiebin in meiner unmittelbaren Nachbarschaft…“, sagte Karim, während er Jessicas Personalien in das Formular eintrug.
„Ladendiebin? Nachbarschaft?“ Jessica war sichtlich schockiert.
„Wenn man Sachen aus einem Geschäft mitnimmt, ohne zu bezahlen, nennt man das ‚Ladendiebstahl‘… Und ‚Nachbarschaft‘, weil ich in der Friedensstraße wohne. – Gleich bei Ihnen um die Ecke…“
„Auch das noch!“, dachte Jessica verzweifelt. „Warum konnte dieser Detektiv nicht in einer anderen Stadt wohnen? Oder zumindest in einem anderen Stadtteil? Warum nur drei Straßen von meiner Wohnung entfernt? Ich will diesem Kerl nicht auch noch auf der Straße begegnen…“
„Bitte geben Sie jetzt die von Ihnen entwendeten Artikel zurück“, forderte Karim Jessica mit kühler Stimme auf, „Andernfalls sehe ich mich gezwungen, die Polizei zu rufen.“
„Polizei?“, durchfuhr es Jessica wie ein Blitz, „Alles, nur das nicht!“
Aufgewühlt kramte Jessica in ihrer Einkaufstasche und legte nach und nach mit zitternden Händen zwei Schachteln und zwei Tuben vor sich auf den Schreibtisch.
„Sind Sie sicher, dass das alles ist?“
„Sehen Sie doch selbst nach, wenn Sie mir nicht glauben!“, entgegnete Jessica empört.
Voller Aufregung hielt Jessica dem Kaufhausdetektiv ihre Einkaufstasche vor die Nase. Karim warf einen prüfenden Blick hinein. Sie enthielt alles, was Frauen so dabeihaben: ein Portemonnaie, Schlüssel, Taschentücher, Kaugummis, Sonnenbrille, den Lippenstift, den Jessica gerade gekauft hatte, und ein abgegriffenes, zerfleddertes Notizbuch.
Doch da war noch etwas: Eine kleine Pappschachtel mit der Aufschrift „Desogestrel Aristo“ lag unscheinbar in der Ecke. Karim konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen, als er die Schachtel entdeckte.
„Ich… ich war vorher noch in der Apotheke…“, flüsterte Jessica fast entschuldigend, denn Karim schien wohl zu wissen, um welches Medikament es sich hierbei handelte. Ihr war es mehr als peinlich, dass sie ausgerechnet diesem Kaufhausdetektiv einen indirekten Einblick in ihr Privatleben gab.
„Hier… ihre Tasche…“
Hastig griff Jessica nach ihrer Einkaufstasche, während Karim das Diebesgut sorgfältig nebeneinander auf seinem Schreibtisch anordnete.
„Ein Damen-Intimrasierer für 18,90 Euro, dazu ein Päckchen Ersatzklingen für 16,49 Euro und zwei Tuben Intim-Rasiergel extra sensitive à 6,95 Euro. Das macht zusammen Diebesgut im Wert von 49,29 Euro…“
„Herr Cengiz, Sie müssen mir glauben… Ich wollte das nicht stehlen.“
„Aber genau das haben Sie getan…“
„Ich weiß, dass das ein großer Fehler war… Besser gesagt, ein Versehen. Ich habe die Sachen nur… vergessen zu bezahlen. Und jetzt habe ich Ihnen ja auch alles wieder zurückgegeben. Eigentlich ist doch gar kein Schaden entstanden, oder?“
„Das ist Ihre Sicht der Dinge, Frau Sattler…“, entgegnete Karim kühl und drehte behäbig an seinem Kugelschreiber, den er immer noch in der Hand hielt, um sich von Zeit zu Zeit Notizen zu machen. „Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass hier, rein rechtlich gesehen, der Tatbestand des Diebstahls erfüllt ist – ob beabsichtigt oder nicht spielt dabei keine Rolle…“
„Und wie geht es jetzt weiter?“, wollte Jessica wissen. Sie ahnte schon, dass Karim sie nicht so einfach gehen lassen würde, nur weil sie ihm immer wieder ihren Unschuldsblick zugeworfen hatte.
„Wie es weitergeht? - Nun…“
Karim lehnte sich lässig in seinen Bürostuhl und legte eine lange rhetorische Pause ein, bevor er mit seinen Ausführungen fortfuhr. – Er wusste genau, wie man eine Situation auskostet, um das Maximum für sich herauszuholen.
„Ich werde ein Protokoll über den Vorfall erstellen. Sie erhalten im Einkaufszentrum Hausverbot und gegen Sie wird eine Strafanzeige erstattet. In ein paar Tagen erhalten Sie Post von der Polizei mit einer Vorladung zur Vernehmung. Natürlich können Sie sich zwischenzeitlich rechtlichen Beistand suchen und einen Anwalt einschalten…“
„Polizei…? Anwalt…?“ Das war das Letzte, was Jessica jetzt gebrauchen konnte. Fassungslos presste sie ihre Lippen aufeinander. Je länger Karims Worte auf sie einwirkten, umso mehr wurde sie von Panik ergriffen. Mittlerweile glich ihre Gesichtsfarbe den weißgekalkten Wänden des Detektivbüros.
„Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?“, hakte Karim nach.
„Einundzwanzig.“
„Acht Jahre jünger als ich… Dann fallen Sie unter das Erwachsenenstrafrecht“, stellte Karim fest, ohne dabei eine Regung zu zeigen.
„Wo arbeiten Sie und wie hoch ist Ihr Gehalt?“
„Ich habe vor vier Monaten bei Werner & Hertz als Bürokauffrau angefangen. Mein Nettogehalt liegt bei knapp sechzehnhundert Euro…“
Verzweifelt klammerte sich Jessica mit ihren feuchten Händen an die Armlehnen des Bürostuhls, um nicht den Halt zu verlieren, während Karim das Protokoll unterzeichnete und es ihr dann ebenfalls zur Unterschrift hinüberschob.
„Ein einfacher Diebstahl wird nach § 242 StGB mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe geahndet. Wenn sie geständig sind und dieses Protokoll unterschreiben, werden sie vielleicht mit 20 Tagessätzen davonkommen – ohne Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis.“
„20 Tagessätze?“, fragte Jessica ungläubig.
„Bei einem Nettolohn von sechzehnhundert Euro entspräche das einem Geldbetrag von… eintausendsechzig Euro – mindestens.“
„Ein-tausend-sechzig Euro!!!“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Jessica Karim an. Seine Androhung hatte ihren wunden Punkt getroffen. Wie sollte sie nur so viel Geld aufbringen? Große Sprünge konnte sie ohnehin nicht machen, denn der Großteil ihres Einkommens ging für Miete und Essen drauf. Am Ende des Monats herrschte Ebbe in ihrer Kasse und sie war froh, wenn ihre Eltern ihr hin und wieder ein paar Scheine zusteckten, wenn sie sie besuchte.
Eigentlich hatte Jessica sich darauf gefreut, endlich von zu Hause auszuziehen. Eine eigene Wohnung, ein neuer Job… Unabhängigkeit! – Das war es, was sie sich wünschte. Endlich raus, aus dem kleinbürgerlichen Alltag - der Schule adieu sagen und in ein eigenes, ungezwungenes Leben starten.
Auf der Suche nach ihrer Freiheit hatte sie nicht damit gerechnet, dass schon so bald Steine auf ihrem Weg liegen würden, die so unnachgiebig waren, dass jeder von ihnen mittlerweile ein schier unüberwindbares Hindernis darstellte. Was also sollte sie tun?
Gewiss, Männer sind manipulierbar… Doch Jessica hatte nicht gerade die Figur eines Models. Trotzdem spürte Karim deutlich, dass er von ihren betont weiblichen Kurven fasziniert war. Schon eine Weile fragte er sich, welche Reize wohl unter Jessicas kurzem schwarzem Sommerrock und dem rötlichen Oberteil verborgen sein mochten…
Die kleine Medikamentenschachtel in ihrer Tasche hatte ihm immerhin eines bestätigt: Jessica war kein unschuldiges Mädchen mehr, auch wenn es nach außen hin den Anschein hatte – sie war eine Frau. Karim musste als Kaufhausdetektiv zwar die Interessen seines Auftraggebers vertreten, doch auch er war kein Heiliger – er war ein Mann.
Was sollte er tun? Jessica laufen lassen? Sie der Polizei übergeben? Oder... Ihr zeigen, dass es keinen Ausweg gab, außer dem, den er ihr bot – einen Weg, den sie bisher noch nie beschritten hatte… und der außergewöhnliche Momente versprach.
„Strafe muss sein…!“, dachte er sich.
Karim war sich unsicher, ob Jessica wirklich dieser Anschein von Unterwürfigkeit im Blut lag, den sie ausstrahlte. Als Kaufhausdetektiv hatte er im Laufe der Zeit ein feines Gespür für Menschen entwickelt. Er fragte sich, ob in Jessica nicht mehr steckte, als sie selbst wusste. Vielleicht würde sie außerordentliche Fähigkeiten entwickeln - wenn man sie nur dazu brachte. Um Gewissheit zu erlangen, würde es eines Versuchs bedürfen… Dass sie auf ein Entgegenkommen seinerseits hoffte, um der Geldstrafe zu entgehen, stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Frau Sattler…“, begann Karim mit ruhiger Stimme, „Sie wissen sicher, dass ich verpflichtet bin, diesen Vorfall zu melden. Mein Handlungsspielraum ist begrenzt – aber nicht gänzlich ausgeschöpft.“
Jessica blickte auf. In seinen Worten schwang etwas mit, das sie aufhorchen ließ. Das war ihre Chance! Gleich würde er ihr ein Angebot machen, das sie bereitwillig annehmen würde. Egal, was sie dafür tun müsste…
„Eventuell gibt es doch eine Möglichkeit, das Strafmaß… Ihren Möglichkeiten anzupassen. In ihrem Fall könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass sich mein Arbeitgeber bereit erklären würde, von einer Anzeige abzusehen, wenn…“
„Ja, wenn…?“, fragte Jessica interessiert.
„Wenn Sie eine Art ‚Dienstleistung‘ erbringen…“
Der entscheidende Moment für Jessica war gekommen! In spätestens einer Viertelstunde hätte sie alles überstanden und das Protokoll würde der Schredder in tausend kleinen Konfettistreifen zerhacken. „Millionen Frauen tun das – jeden Tag! Was ist so schlimm daran?“, redete sie sich ein „Es ist die natürlichste Sache der Welt! Er wird seinen Schwanz in mich reinstecken. Na und? Auch wenn es wehtun sollte – länger als ein paar Minuten wird es nicht dauern, bis er gekommen ist. Ich nehme die Pille. Alles ist safe. Und wenn er wirklich darauf bestehen sollte… Dann werde ich ihm eben seinen Schwanz lutschen! Es gibt Schlimmeres. Hauptsache, die Anzeige ist vom Tisch und ich kann anschließend wieder ruhig schlafen…“
So oder so ähnlich hatte sich Jessica den Deal vorgestellt. Doch Karim hatte andere Pläne.
„Und… welche Art von ‚Dienstleistung‘ schwebt Ihnen vor, Herr Cengiz?“, fragte Jessica vorsichtig.
„Das würde ich gerne in Ruhe mit Ihnen besprechen. – Heute Abend.“
Jessica erschrak. „Heute Abend? Sie wollen, dass ich… noch einmal hierherkomme?“
„Nicht hierher…“, korrigierte sie Karim gelassen, „Ich nehme an, ein privater Rahmen wäre Ihnen… angenehmer?“
„Ein privater Rahmen?“
Karim erhob sich von seinem Stuhl und zog eine seiner Visitenkarten aus der Schreibtischschublade, die er Jessica überreichte.

„Was… was haben Sie mit mir vor?“ Jessica schauderte bei dem Gedanken, den Abend mit einem unbekannten Mann in einer fremden Wohnung verbringen zu müssen.
„Eine Einladung… Zu einem besonderen Treffen.“
Jessica nickte stumm. Ihr war nur allzu bewusst, welche Absicht er mit dieser Einladung verfolgte.
„Und wenn ich nicht komme?“
„Sie werden kommen, Frau Sattler“, antwortete Karim ruhig und dachte für sich „und nicht nur einmal…“
Dann streckte er seine Hand aus.
„Geben Sie mir Ihre Tasche!“, forderte er Jessica mit barschem Ton auf.
„Warum?“
„Jetzt ist nicht die Zeit, um Fragen zustellen!“
Zögerlich reichte Jessica ihm ihre Einkaufstasche. Karim ergriff sie und verstaute das Diebesgut, dass eben noch auf seinem Schreibtisch ausgebreitet war, wieder darin. Dann hielt er ihr die Tasche in. Sein stählerner Blick sagte alles.
Ihre Unschuld.
Das also war es, was er von ihr forderte.
Und sie sollte sich für ihn vorbereiten. Sich herrichten. Damit er alles sehen konnte - alles, was noch unter einer sanften Decke im Verborgenen lag…
Jessica stockte der Atem.
Heute Abend also. Bei ihm zu Hause.
Eine Bestrafung – für das, was sie getan hatte.
Lange. Ausgiebig.
Er war so stark, so dominant – geradezu übermächtig. Sie würde leiden, alles über sich ergehen lassen, was er von ihr verlangte. Sie würde sein Spielzeug sein. Seine Untergebene. Seine Sklavin.
Ein Gedanke brauste in ihr auf:
Was, wenn er sein Versprechen nicht hielt?
Wenn er die Anzeige bloß zurückhalten – aber nicht vernichten würde?
Wenn er sie wieder zu sich bestellte, wieder und wieder… – und das Martyrium nie enden würde?
Jessica wurde schwarz vor Augen.
„Um halb acht. Und seien Sie pünktlich!“, riss Karims Stimme sie aus ihren Vorstellungen.
Das Herz pochte Jessica bis zum Hals, als sie das Einkaufszentrum durch den Hinterausgang verließ. Ihre Knie fühlten sich an wie Gummi, als sie die Bushaltestelle erreichte und in den nächsten Bus stieg, der in ihre Richtung fuhr.
Nachdem sie einen der letzten freien Plätze ergattert hatte, zog sie sofort ihr Handy hervor.
„Tut mir echt leid, aber mir ist heute Abend was dazwischengekommen…“, schrieb sie eilig an Ricardo. „Vielleicht morgen? – Tschau!“
War es das Schaukeln des Busses – oder fuhren ihre Gedanken längst Achterbahn? Jessica wusste es selbst nicht. Sie konnte kaum glauben, worauf sie sich da eingelassen hatte. Sex – mit einem Fremden. Einem Mann, von dem sie nicht mehr wusste als seinen Namen.
Ein Mann mit speziellen Vorlieben…
„Er wird mich hoffentlich nicht in Handschellen legen…“, ging es ihr durch den Kopf, während der Bus langsam in die Haltebucht rollte. „Oder mich fesseln und am Bett festbinden, während er mich…“
Bis es so weit sein sollte, lagen noch knapp vier quälend lange Stunden vor ihr.