Der letzte Zug nach Hamburg

All Rights Reserved ©

Summary

Hamburg, 1928: Der junge Rudolph ist gerade mit seiner Familie in die Stadt gezogen, als er Adelheid kennenlernte. Seine neue Nachbarin und schon bald seine engste Freundin. Gemeinsam wachsen sie auf, bis der politische Wandel der frĂŒhen 1930er-Jahre ihre Leben auseinanderreißt. Rudolphs Vater erhĂ€lt eine Beförderung und die Familie kehrt nach Ravensburg zurĂŒck. Adelheid bleibt in Hamburg zurĂŒck. Die beiden verlieren sich nicht. Sie halten ĂŒber Briefe Kontakt, wĂ€hrend sich Deutschland Schritt fĂŒr Schritt verĂ€ndert. Rudolph wird auf eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt geschickt, wo er Heinrich begegnet, der ihm zum wichtigen Begleiter wird. Jahre vergehen, bis Adelheid ihn schließlich in Ravensburg besucht. Ein Wiedersehen, das alles verĂ€ndert. Denn Adelheid hĂŒtet ein gefĂ€hrliches Geheimnis. Sie schĂŒtzt einen jĂŒdischen Jungen, der versteckt vor der Verfolgung lebt. Niemand durfte davon erfahren. Als die Suche nach dem Versteck beginnt, gerĂ€t Adelheid in akute Gefahr. Rudolph steht vor einer Entscheidung, die sein Leben fĂŒr immer prĂ€gen wird. Wie weit wird er gehen, um sie zu schĂŒtzen und wie viel Mut verlangt Menschlichkeit in einer Zeit, in der sie verboten ist? Kleiner Hinweis: Die Figuren in diesem Buch leben in verhĂ€ltnismĂ€ĂŸigem Wohlstand, da ihre VĂ€ter gut bezahlte Positionen innehaben. Dies spiegelt nicht die LebensrealitĂ€t aller Menschen in dieser Zeit wider. Viele Familien erlebten Krieg, Zerstörung und wirtschaftliche Not. Die dargestellten LebensumstĂ€nde dienen der Geschichte und sollen nicht als allgemeingĂŒltiges Bild fĂŒr die Epoche verstanden werden. Außerdem lebten die Menschen in den Orten, die im Buch beschrieben werden, nicht so friedlich, wie im Buch beschrieben, sondern lebten damals ebenfalls in Angst (vor dem krieg und Bomben) TW: Nationalsozialismus, Antisemitismus, Krieg, Tod, Verlust, psychische Belastung, ideologische Manipulation, Gewalt, Suizid (indirekt & Andeutungen), Verfolgung, Trauma, Diskriminierung, Kindesmissbrauch, Außerdem ist das mein erstes Buch, das ich je veröffentlicht habe. Deswegen wĂŒrde ich mich sehr ĂŒber Feedback freuen, damit ich meine schreib fĂ€higkeit noch weiter ausbauen kann! 😊

Status
Ongoing
Chapters
22
Rating
4.7 3 reviews
Age Rating
16+

Prolog

Der Zug glitt langsam in den Hamburger Hauptbahnhof. Draußen, ĂŒber den Gleisen, hing ein dicker, feuchter Nebel, als hĂ€tte er sich seit Wochen nicht bewegt. Adelheid lehnte die Stirn gegen das Fenster, wĂ€hrend die Landschaft an ihren Augen vorbeizog. Nur wenige Wochen war sie fort gewesen, doch in ihrem Inneren fĂŒhlte es sich an wie Monate. Wie ein anderes Leben. Als der Zug zum Stillstand kam, griff sie nach ihrem Koffer. In der Manteltasche spĂŒrte sie den gefalteten Zettel, den letzten Brief, der sie vor dem Auseinanderbrechen der Welt bekommen hatte. Ihre Finger verkrampften sich einen Moment darum, bevor sie ausstieg und die Stufen zum Bahnsteig hinabging.

Die Straßen Hamburgs wirkten vertraut und gleichzeitig fremd. Adelheid kannte jedes Haus, jede Laterne, jede Ecke, doch etwas lag in der Luft. Eine Stille, die frĂŒher nicht da gewesen war. Einige HĂ€user standen leer, andere zeigten Spuren des Winters und der vergangenen Jahre. Fensterscheiben waren ersetzt, Mauern notdĂŒrftig ausgebessert worden. Menschen gingen an ihr vorbei, aber kein Blick blieb lĂ€nger hĂ€ngen als nötig. Erst als sie in ihre Straße einbog, zog sich ihr Magen zusammen. Das Haus am Ende, ihr Zuhause, war noch da. Etwas verwitterter, die Blumen im Vorgarten halb erfroren, das Gartentor rostiger als in ihrer Erinnerung. Und das Haus nebenan
 leer. Verlassen. So, wie es seit jenem Tag geblieben war. Adelheid blieb stehen. Sie legte die Hand auf das kalte Metall des Tores. Im selben Augenblick durchfuhr sie eine Erinnerungswelle, so klar, als wĂŒrde man Seiten eines lange verschlossenen Buches aufschlagen. Ein Junge zwischen Kisten. Ein Buch, das er wie einen Schild an sich presste. Ein Apfel in ihrer Hand. Ein Anfang, der sich so leicht anfĂŒhlte und doch eines Tages schwer genug werden wĂŒrde, um zwei Leben zu verĂ€ndern.

Damals. Mai 1928..

Adelheid stand am Fenster und zĂ€hlte zum dritten Mal die Kisten, die aus dem Umzugswagen getragen wurden. Zwei MĂ€nner in grauen Hemden hievten StĂŒhle, Koffer und sogar ein kleines Klavier durch die HaustĂŒr des Nachbarhauses. Dazwischen stand ein Junge, etwa in ihrem Alter, schmal, blass, mit einem viel zu großen Mantel. Er klammerte sich an ein Buch, als wĂ€re es das Einzige, das ihm geblieben war. Seine Mutter beugte sich zu ihm hinunter, flĂŒsterte etwas, das Adelheid nicht verstand. Er schĂŒttelte den Kopf, und obwohl seine Mutter sanft lĂ€chelte und ihm ĂŒber den RĂŒcken strich, blieb sein Blick auf den Boden geheftet. „Mamaaa!“ Adelheid rannte in die KĂŒche, ihre Zöpfe flogen hinter ihr her. „Der neue Junge ist da!“ Ihre Mutter drehte sich vom Herd um und lĂ€chelte ĂŒber die aufgeregte Tochter. „Dann geh doch mal rĂŒber und sag Hallo, Liebes.“ Adelheid nickte energisch, griff sich im Vorbeigehen einen Apfel von der SchĂŒssel und lief barfuß hinaus. Damals hatte sie keine Ahnung, dass dieser spontane Schritt ĂŒber den Gartenweg der Anfang von allem sein wĂŒrde, von Freundschaft, Verlust, Krieg und einer Geschichte, die sie beide fĂŒr immer zeichnen wĂŒrde.