Mehr als unsere Narben
Sechseinhalb Jahre Kinderwunsch.
Zwei kleine Sterne, die wir ziehen lassen mussten.
Und dann kamst du, unser Wunder.
Es schien perfekt.
Doch plötzlich war alles zu laut, zu nah, zu schwer.
Wir haben uns verloren, Stück für Stück.
Haben gestritten, weil ich mich nicht gehalten fühlte.
Weil er sich unsichtbar fühlte.
Weil wir beide kaputt waren.
Ich war überreizt, over-touched,
habe Nähe nicht mehr ausgehalten –
was für ihn wohl noch einmal ein Stich ins Herz war.
Und irgendwann standen wir an diesem Abgrund.
Kurz davor, alles hinzuschmeißen.
Aber dann blieben wir stehen.
Hielten inne.
Er hat mir seine Dunkelheit gezeigt.
Von Zügen erzählt, aus denen er springen wollte.
Von Nächten, in denen er nicht mehr aufwachen wollte.
Die Welt ist für mich zerbrochen in diesem Moment.
Doch genau dort haben wir uns wiedergefunden.
Mit gebrochenen Stimmen und bebenden Händen
haben wir gesagt:
„Wir wollen nicht aufgeben.“
Seitdem kämpfen wir.
Er kämpft sich zurück ins Leben.
Ich kämpfe, alles zusammenzuhalten.
Ich habe Angst, dass er fällt.
Angst, dass unser Kind ohne seinen Vater aufwachsen muss.
Ich passe auf, was ich sage,
trage so viel in mir, was ich nie laut ausspreche.
Fühle mich oft allein, nicht gesehen, nicht gehört.
Und doch:
Wir kämpfen. Zusammen.
Für uns. Für unser Kind.
Jeden Tag rücken wir ein Stück näher an das „Alles wird gut“.
Unsere Liebe hat Stürme überstanden,
sie wird auch diesen überstehen.
Denn wir sind mehr als unsere Narben.
Mehr als unsere Dunkelheit.
Wir sind Licht.
Wir sind Hoffnung.
Wir sind Familie.