Thorges Neuanfang - Drachenkrieger Band 4

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Summary

Thorge Stijnsson weiß, dass er in seiner Heimat keine Zukunft hat. Er ist nicht der leibliche Sohn von Stijn und wenn er bleibe würde, dann müsste er sich dem jüngeren Raik unterstellen. Das ist keine Option für ihn, deswegen sammelt er schon seit Jahren Münzen, um eine neue Heimat zu finden. Sein Plan ist simpel. Ein eigenes Boot und mit einigen Männern, die seine Ansicht teilen, zu den Eislanden segeln, die noch dünn besiedelt sind. Was nicht im Plan enthalten sind, sind eine Frau und ein Säugling. Doch er begegnet Naya Alvarsdottir, die gerade ein Kind auf die Welt hilft. Nun, er will ihr helfen, aber nur, bis er davon segelt. Doch davon scheinen weder Naya noch die Götter etwas zu halten. Cover by Nancy Bieler ©Alle Rechte vorbehalten

Status
Complete
Chapters
43
Rating
5.0 11 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1

„Du musst mithelfen, Ida! Alleine schafft es dein Kind nicht, auf die Welt zu kommen.“

Naya wusste nicht wirklich, was sie hier überhaupt tat. Bei den Göttern, sie war auch nur zufällig hier. Sie wollte eine Schale Milch erbetteln und hörte die Schreie aus dem einst prächtigen Langhaus. Doch von der einstigen Pracht war nichts mehr zu erkennen.

Es war schon eine Weile her, dass sie hier in der Gegend gewesen war. Sie war eine einfache Geschichtenerzählerin und kein Skalde, der meist überall willkommen war. Sie hingegen konnte froh sein, wenn sie nicht davongejagt wurde. Nie würde sie an das Talent ihres Vaters herankommen, der im ganzen Land bekannt gewesen war. Er pflegte immer zu sagen, dass überall ein Zuhause sein konnte, wenn man ihn nur willkommen hieß.

Aber sie hatte kein Zuhause und musste schauen, wo sie blieb.

Den Hof von Göran war ihr allerdings noch in guter Erinnerung. Hier war sie mit ihrem Vater oft zu Gast gewesen. Ihr Vater Alvar war ein Skalde gewesen und hatte sie nach dem Tod ihrer Mutter mit auf seine Reisen genommen. Doch er war auch vor einem Jahr gestorben und so musste sie sich eben alleine durchschlagen. Görans Hof hatte sie allerdings anders in Erinnerung gehabt. Nicht so schäbig und heruntergekommen.

„Ich kann nicht mehr. Ich will auch nicht mehr. Ich werde dieses Balg den Fluten überlassen.“

Ida stöhnte, als die nächste Wehe kam, aber sie presste nicht. Es war seltsam, denn sie blutete stark und Ida wurde immer schwächer. Sie war unnatürlich blass und ihr Atem hörte sich sehr seltsam an. Naya war bisher bei keiner Geburten dabei gewesen, doch das war nicht normal.

Nach und nach erfuhr Naya, was hier geschehen war.

Göran und seine Söhne waren bei einer Schlacht umgekommen. Ida war auf einmal alleine gewesen, denn das Gesinde war auf und davon. Ida wollte zu ihrem Jarl gehen und dort als Magd unterkommen, doch bevor sie reisen konnte, wurde der Hof überfallen. Man vergewaltigte sie und überließ sie erst einmal ihrem Schicksal. Die Schmerzen hielten sie tagelang auf dem Lager und sie hoffte auch darauf, dass niemand mehr hierher kommen würde. Doch ein paar Tage später kamen die Halunken zurück und hausten nun hier auf dem Hof. Sie behielten Ida bei sich, doch seit ihr Leib immer dicker wurde, waren die Männer wieder verschwunden, kamen aber immer wieder, als ob das ihr Heim wäre. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder kommen würden.

Naya seufzte.

Sie konnte Ida verstehen, aber es half nichts. Sie musste jetzt da durch.

Ida schrie auf, als die nächste Wehe kam.

„Versuche zu pressen, Ida! Dann hast du es bald geschafft.“

Naya sprach sich mehr Mut zu, als der Frau, die vor ihr im Dreck lag. Es stank bestialisch. Nicht gerade der beste Ort, um auf die Welt zu kommen.

Auf einmal wurde Ida ruhig. Zu ruhig.

„Ida?“

Naya sah auf.

Ida lag auf dem Rücken und rührte sich nicht. Ihre Augen starrten ins Leere. Auch die Wehen hatten aufgehört, nur das Blut floss noch.

Naya wusste, was das zu bedeutete.

„Oh nein! Nicht jetzt.“, flüsterte sie entsetzt.

Sie fühlte nach Idas Puls, doch der war nicht mehr zu spüren. Aber das Kind bewegte sich noch, als ob es Naya zeigen wollte, dass es lebte und hier raus wollte.

Naya sah sich um. Sie musste schnell handeln.

In dem Moment ging die Tür zum Langhaus auf und zwei Männer kamen hinein.

„Schnell! Ich brauche ein Messer!“, rief sie.

Naya war es egal, ob es die Halunken waren, die Ida geschwängert hatten. Es musste schnell gehen, damit das Kind überleben konnte.

Die Männer sahen sie erst verblüfft an, doch dann kniete einer der beiden sich neben sie und reichte ihr sein Messer.

„Was hast du vor, Mädchen?“, fragte er leise.

Sie schnaubte.

„Ich will das Kind retten. Es lebt noch, aber nicht mehr lange, wenn ich weiter zögere.“

Sie setzte das Messer am Unterleib an und schnitt vorsichtig in das Fleisch.

Der Mann, der stehen geblieben war, stöhnte und lehnte sich an die Wand.

„Verschwinde, Raik! Jetzt! Sag den anderen, ich komme sofort nach draußen.“

Naya hörte die Tür hinter sich zugehen.

„Schneide tiefer! Sie ist tot. Es schmerzt sie nicht mehr.“

Naya schnaubte, doch dann kam ihr Blut und Flüssigkeit in einem großen Schwall entgegen. Sie vergrößerte den Schnitt und warf das Messer achtlos zur Seite, um in die Wunde zu greifen. Ein beherzter Griff und sie holte das Kind heraus. Der Mann durchtrennte in der Zeit die Nabelschnur und verknotete sie.

„Es atmet nicht!“, stellte sie entsetzt fest.

Der Mann nahm ihr das Kind ab und befreite den Mund vom Schleim. Dann pustete er vorsichtig seinen Atem in den Mund. Er rieb den Rücken des Kindes und wiederholte es immer wieder, bis das Kind sich endlich rührte und schrie.

Er gab ihr das Kind und zog sich seine Lederweste und die Tunika aus.

Naya nahm die Tunika entgegen und wickelte den kleinen Kerl darin ein.

„Was...was mache ich nun mit ihm?“

Der Mann zuckte mit den Schultern.

„Gib es dem Vater.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ida wurde vergewaltigt. Von mehreren Männern. Sie hatte keine Ahnung, wer der Vater ist.“

Er säuberte sein Messer an seiner Hose.

„Wo ist Göran?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Tot.“

Dann runzelte sie die Stirn.

„Wer bist du überhaupt und was machst du hier?“ Sie kniff die Augen zusammen. „Bist du einer von den Kerlen, die das arme Mädchen geschändet haben?“

Eigentlich sah er nicht so aus. Seine Kleidung war sauber, ordentlich und von sehr guter Qualität. Außerdem half er ihr, obwohl sie ihn nicht darum bat.

„Nein, bin ich nicht. Ich musste noch nie eine Frau schänden.“

Das glaubte sie aufs Wort. Er sah sehr gut aus. Groß, breitschultrig, aber eine Narbe zierte seine rechte Wange. Sein Haar war kurz geschoren und sie sah einige Schnitte auf der Kopfhaut. Offenbar war es noch nicht so lange her, dass er das Haar abgenommen hatte. Sein Kopf war tätowiert.

„Ich bin Thorge Stijnsson. Wir suchen Räuber, die unser Vieh gestohlen haben.“

Sie runzelte die Stirn.

„Wir?“

Er nickte.

„Ja. Meine Brüder, ich und die Söhne meines Onkels Tjark.“

Auf einmal wusste sie, wen sie vor sich hatte. Es gab nur einen Tjark in dieser Gegend, der einen Bruder mit dem Namen Stijn hatte.

„Ihr seid von den Gunnarssons, habe ich Recht?“

Sie hörte schon von den drei Brüdern und dachte sich manchmal selbst schon Geschichten über die Erzählungen von ihnen aus. Man sagte, dass alle Gunnarssons eine Frau aus der Zukunft hätten. Das war zwar nicht glaubwürdig, aber Naya hatte schon immer romantische Vorstellungen darüber. Dann fiel ihr noch etwas ein.

„Thorge Stijnsson.“, murmelte sie nachdenklich. „Du bist auch aus der Zukunft.“

Er lachte laut auf und das Kind in ihren Armen verzog das Gesicht und brüllte aus vollen Lungen. Er kitzelte es kurz am Bauch und gurrte leise, bis sich das Kind beruhigte. Erst dann wandte er sich wieder an Naya.

„Das ist schon zu lange her, als das ich mich erinnern könnte. Aber wie ist dein Name?“

Sie hob das Kinn.

„Mein Name ist Naya Alvarsdottir.“

Als er ihren Namen hörte, erhellte sich sein Gesicht. Der Kleine fing wieder an zu weinen.

Thorge lutschte seinen kleinen Finger ab und steckte ihn dann in den Mund des Kindes, das sofort verstummte und an dem Finger saugte. Es sah so aus, als ob sich Thorge mit kleinen Kindern sehr gut auskannte.

„Du bist Alvars Tochter? Wo ist er? Als Kind habe ich immer seinen Erzählungen gelauscht, wenn er bei meinem Jarl war. Ich habe sie geliebt. Besonders die mit den Drachen.“

Sie seufzte.

„Mein Vater ist gestorben. Er war alt und die Götter mochten wohl seinen Erzählungen lauschen.“

Thorge stand auf. Das passte dem kleinen Kerl gar nicht, denn er fing wieder an zu schreien.

„Ich habe noch nie ein Kind erlebt, dass gleich so einen Hunger hatte.“, murmelte Thorge.

Er ging zur Tür.

„Einar. Ich habe da hinten eine Ziege meckern gehört. Bete zu den Göttern, dass es kein Bock ist und melke sie.“

Sie hörte, wie jemand Ja, Thorge! rief.

„Was macht ihr hier?“, fragte sie.

Er seufzte, als er in einer Truhe herumwühlte und Stoffe herauszog. Bei jedem Fetzen verzog er das Gesicht, denn sie waren alle schmutzig.

„Ich habe dir doch gesagt, dass uns Vieh gestohlen wurde. Wir haben eine Spur verfolgt und sie führte hierher.“

Naya nickte.

„Es ist niemand hier gewesen. Außer Ida.“

Endlich fand er wohl, was er suchte und in dem Moment ging die Tür auf und ein junger Bursche kam herein. Er trug einen Eimer.

„Eine recht jämmerliche Ziege, aber ich habe sie melken können. Wozu brauchst du...bei Thors Blitzen...ist das ein Kind?“

Das war nicht zu überhören, denn der Kleine brüllte mittlerweile aus Leibeskräften.

Thorge nahm den Eimer und stellte ihn neben Naya. Dann reichte er ihr das Tuch.

„Tränke das Tuch in die Milch und lass ihn daran saugen. Ich komme gleich wieder. Einar, du passt auf sie auf.“

Einar sah nicht so aus, als ob ihm das behagen würde, aber er setzte sich an den dreckigen Tisch. Sein Gesicht drückte Abscheu aus.

„Meine Mutter würde das nicht zulassen.“, murmelte er und wischte mit dem Handrücken den gröbsten Dreck vom Tisch.

Naya hatte das Tuch schon in die Milch getaucht und dem Kleinen in den Mund gesteckt. Der saugte heftig daran, so dass sie es bald wieder eintauchen musste.

„Ich denke, Ida hatte einfach keinen Lebenswillen mehr. Deswegen wird sie hier auch keine Ordnung gehalten haben.“

Sie erzählte ihm, was sie wusste und er zuckte hilflos mit den Schultern.

„Ich kenne mich nicht aus mit Frauen. Mein Da meint, ich wäre auch noch zu jung dafür. Ich bin erst vierzehn.“

Sie lächelte leicht.

„Ein halber Mann also. Warst du schon auf einem Raubzug?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich darf das nächste Mal mit, weil mein Onkel Lasse bei meiner Schwester bleiben will. Sie erwartet bald ein Kind.“

Sie riss die Augen auf. Bei der Göttin Freya, was waren denn das für Zustände?

„Dein Onkel hat deine Schwester geehelicht?“

Einar grinste.

„Sie ist nur meine Halbschwester und Onkel Lasse ist nicht mit ihr blutsverwandt. Jule ist die Schwester von Thorge. Sie sind Zwillinge, genau wie ich. Sie hat den Leib meiner Mutter mit Thorge geteilt, so wie ich mit meiner Schwester Anika.“

Jetzt verstand Naya.

Glaubte sie zumindest.

Mittlerweile war der Kleine wohl satt. Sie hob ihn auf ihre Schulter und strich ihm sanft über den Rücken.

Gleich darauf ging die Tür wieder auf und Thorge kam hinein. Weitere Männer folgten ihm. Es waren mit Thorge und Einar insgesamt sieben Kerle und einer sah besser aus als der andere.

Er setzte sich Naya gegenüber, die mittlerweile ihre Beine nicht mehr spürte. Aber sie traute sich nicht, aufzustehen und den Kleinen damit zu erschrecken.

„Wir haben geredet. Die Kerle werden wieder hierherkommen. So viel ist sicher. Wir werden Ida begraben, da wir kein Holz gefunden haben, um sie zu verbrennen. Du solltest in unserer Nähe bleiben, bis wir die Kerle haben und unser Vieh zurückholen können. Wenn du alleine bleibst, können wir nicht für deine Sicherheit garantieren. Wenn sie dich erwischen, werden sie mit dir genauso verfahren, wie mit Ida.“

Sie nickte.

„Und was ist mit dem Kleinen hier?“

Der andere Kerl, der mit Thorge zuerst hier gewesen war, zog seine Nase kraus.

„Es ist ein kleines Kind und du bist eine Frau.“

Sie schnaubte leise, während Thorge lachte.

„Ich denke, du hast sie verärgert, Raik. Auch wenn sie eine Frau ist, gehört Naya das Kind nicht!“ Er sah sie ernst an. „Weißt du, was Ida wollte?“

Naya schloss einen Augenblick die Augen.

„Sie wollte ihn ertränken.“

Thorge nickte langsam.

„Ich verstehe!“, murmelte er.

Unwillkürlich presste sie das Kind sanft an sich.

„Ich habe ihn gerettet. Ich will nicht, dass er stirbt!“

Die Männer murmelten leise, bis Thorge seine Hand hob. Man sah, dass er den Respekt der Männer hatte, auch wenn einige nicht gerade erfreut darüber waren.

„Da es auch mein Verdienst ist, das er noch lebt, habe ich auch ein Mitspracherecht. Und ich denke, er sollte leben. Wir nehmen ihn mit und werden ihn unserem Jarl übergeben.“

Naya zuckte etwas zusammen.

Sie selbst war in die Obhut eines Jarl gegeben worden bis ihr Vater sie zu sich holte. Und es war ihr nicht sehr gut ergangen. Doch sie wollte Thorge nicht widersprechen. Wie konnte sie auch?

Er schlug sich auf die Oberschenkel.

„Gut. Dann ist es abgemacht. Wir bleiben noch hier, bis Ida unter der Erde ist, holen unser Vieh und dann geht es nach Hause.“


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