Chapter 1
Samiras POV:
Meine Faust krachte erneut gegen den Boxsack vor mir, und das Leder gab ein dumpfes, beruhigendes Flop-Geräusch von sich. Jeder Schlag hallte kurz von den Wänden wider. Gerade will ich erneut zuschlagen, als eine Stimme ertönt, die ich nur zu gut kenne.
"So spät noch hier? Eigentlich hätte ich gedacht, dass du etwas Sinnvolleres mit deiner freien Zeit anstellst. Doch nein, hier bist du und verprügelst den Boxsack, als hätte er dein Leben zerstört", sagt er mit gelangweiltem Ton. Sein Schatten fällt lang über die Wand, ich spüre seinen Blick auf mir.
Ich atme hörbar aus, straffe die Schultern und wische mir den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn.
"Sagt ausgerechnet derjenige, der selbst noch hier ist, obwohl er längst hätte schlafen gehen können."
Ich drehe mich um, damit ich Kilian nun ins Gesicht schauen kann. Er lehnt lässig an der Wand, Arme gekreuzt. Ein schwacher Lichtstrahl fällt auf sein Gesicht, und trotz der lässigen Haltung kann ich förmlich die Gefahr riechen, die von ihm ausgeht.
"Touché", er grinst, die Augen glitzern leicht. "Aber zu meiner Verteidigung: Ich bin gerade erst mit Xander nach Hause gekommen."
Er stößt sich vom Türrahmen ab, die Bewegung geschmeidig, und steckt die Hände in die Taschen seiner schwarzen Anzughose. Wie immer trägt er einen schwarzen Anzug, nur die weiße Krawatte, die lose um seinen Hals hängt, bildet einen scharfen Kontrast.
"Gerade eben? Wie viel Uhr ist es eigentlich?"
Die Frage ist eher an mich selbst gerichtet, doch bevor ich auf mein Handy schauen kann, antwortet er:
"Halb zwölf", berichtet er gelangweilt, den Blick kurz auf die -meiner Meinung nach- viel zu überteuerte Uhr gerichtet.
"Geh ins Bett, Samira. Wir müssen morgen früh raus."
Ich hebe eine Augenbraue und richte meinen Pferdeschwanz, der meine orangenen Wellen nur mäßig davon abhält, mir beim Training im Weg zu sein.
"Was steht an?"
Ich löse die Bandagen von meinen Händen. Das leise Rascheln der Stoffstreifen klingt im stillen Raum wie ein kleiner Widerhall.
"Einen alten Freund besuchen. Rodriguez geht mir wieder gehörig auf die Nerven."
Er schnaubt abfällig, und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
"Wieder diesen ‚Ich möchte aussteigen‘-Bullshit?"
Ich laufe zum Mülleimer, entsorge die Bandagen und stehe einen Moment einfach nur da, die Schultern locker, die Hände leicht an den Seiten. Ich lasse die Spannung des Trainings von mir abfallen und genieße den kurzen Moment der Ruhe. Dann drehe ich mich langsam zu Kilian um.
"Ja, immer dasselbe mit dem."
Ein abfälliges Schnauben entweicht ihm. Er greift sich an den Nasenrücken und schließt die Augen. Ein seltener Anblick, des Alric Mafia Oberhaupts, den nur seine engsten Freunde zu sehen bekommen.
Ich wische mir die schwitzigen Hände an meinen Sportshorts ab und richte mein schlichtes schwarzes Trainingsoberteil.
"Dann töten wir ihn einfach."
Ich zucke mit den Schultern, im Wissen, dass Kilian es mit geschlossenen Augen wohl kaum bemerken würde.
Er öffnet langsam seine Augen.
"Du weißt, dass das nicht geht. Es würde zu viel Aufmerksamkeit erregen, wenn ein bekannter Bänker aufeinmal stirbt."
Ein angenehmes Schweigen senkt sich über uns. Nur das surren der Lampen ist zu hören. Nach einigen Minuten ergreift er wieder das Wort:
"Lass uns schlafen gehen. Ich brauche die Erholung und du genauso. Selbst Xander ist schon im Bettchen."
Seine blauen Augen funkeln mich leicht amüsiert an.
Mein Mundwinkel zuckt nach oben. "Jaja, ich gehe gleich."
"Samira", sagt er warnend. Die Augen, die vor einer Sekunde noch amüsiert funkelten, sind nun kalt und frostig, als könnten sie einem durch Mark und Knochen schneiden. Ich zucke nicht zusammen. Dafür kenne ich ihn zu gut.
"Geh schlafen, das sage ich dir als dein Boss."
Ohne ein weiteres Wort verlässt er den Trainingsraum.
Ich verharre kurz, bevor ich mich auf den Weg in mein Zimmer mache. Die Holztreppe hinauf ins Erdgeschoss, die Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock, links abbiegen, den Wachen zunicken – alles Routine. Ich kenne jeden Winkel, jedes Versteck, seit vier Jahren.
Nur die Vertrautesten von Kilian leben hier – diejenigen, die er als Schutz bei sich hat oder stets abrufbereit braucht. Es kommt nicht selten vor, dass einer von uns mitten in der Nacht aus dem Bett geholt wird, um Probleme zu lösen. Nagut, dafür sind wir da.
Meine Schritte sind geräuschlos – nicht nur aus Reflex, sondern auch, um niemanden zu wecken. Vor allem nicht Xander.
Kilian sagte, er sei ebenfalls gerade erst nach Hause gekommen. Wenn er nicht gerade seine Messer schärft, schläft er jetzt. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass er jeden noch so kleinen Laut wahrnehmen würde.
Die Tür gibt ein leises Klack-Geräusch von sich. Ich öffne sie und schlüpfe hinein. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Alles muss so leise wie möglich sein – ich will keine Konfrontation mit einem schlecht Gelauten Xander.
Ich schüttle mich. Nein danke.
Meine Schuhe stelle ich am Eingang ab, anschließend gehe ich in den Wohn-/Essbereich.
Zu meiner Rechten ein in die Wand eingebauter Flat-TV, davor eine gemütliche Couch. Zu meiner Linken eine kleine Küche in weißer Marmoroptik. Auch wenn ich nicht viel koche, weil die Hausangestellten das für uns erledigen, ist die Idee einer eigenen Küche fantastisch – vor allem, nachdem ich zuvor in schlechteren Bedingungen gelebt habe.
Ich blinzele, um mich zurück in die Realität zu holen – keine Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen.
Schnell hole ich mir einen frischen Pyjama und eine Unterhose aus dem Schrank, die ich dann mit ins Bad nehme.
20 Minuten später habe ich mich aus der Regendusche gerafft, ziehe mich an, mache meine Haare, putze die Zähne – und ab ins Bett.
Ich schlüpfe unter die gemütliche Bettdecke, ziehe sie bis zum Kinn hoch und seufze.
Kilian hat unrecht: Auch wenn ich an meinem freien Tag etwas anderes hätte anstellen können als trainieren, war mir das Training lieber.
Ich wäre eh nicht zur Ruhe gekommen, hätte ich mich nicht selbst ausgepowert.
Nachdem ich meinen Wecker auf 7 Uhr gestellt habe, lege ich mein Handy zur Seite. Die Lampe, die auf meinem Nachttisch thront, schalte ich mit einem seufzen aus.