PROLOG
ES WAR EIN heißer und sonniger Tag – der erste in diesem Jahr, der die Menschen und Pokémon in Azuria City so richtig ins Schwitzen brachte.
Zahlreiche Trainer hatten sich mit ihren Pokémon in den Schatten oder an den See zurückgezogen. An Kämpfe und Training war an diesem Tag nicht zu denken. Die Wasser- und Eis-Pokémon hatten alle Hände und Pfoten voll zu tun, um für Abkühlung ihrer Trainer und Pokémon-Freunde zu sorgen. Man konnte zahlreiche Pflanzen- und Vogel-Pokémon sehen, die Schatten spendeten, indem sie ihre Blätter und Flügel ausbreiteten. Boden-Pokémon gruben fleißig Löcher und Höhlen, die vor der gleißenden Sonne schützen sollten und sogar die Feuer-Pokémon hatten ihrem großen Einsatz, denn auch die Grills wollten schließlich angeworfen werden.
Ein hagerer älterer Mann mit strähnenweise ergrautem, schütteren Haar und einer markanten Hakennase im Gesicht kam aus seiner Tür. Er wohnte in der Dachgeschosswohnung eines Mehrfamilienhauses am Rand von Azuria City. Die Temperaturen in seinen vier Wänden stiegen sehr schnell an und hatten in der Mittagszeit bereits gefühlt 40 Grad erreicht. Am liebsten wäre der Mann, der Hatto Yatsure Mashita hieß, an diesem Tag überhaupt nicht vor die Tür gegangen. Zum einen hasste er die Hitze. Zum anderen, und das noch sehr viel mehr, hasste er jedoch Lärm. An diesem heiteren Tag, an dem sich sehr viele junge Trainer mit ihren Pokémon auf den Straßen und Wegen lümmelten, gab es natürlich auch sehr viel Lärm.
Lachen, Singen, Tanzen, Schmatzen, hier und da ein Streit oder einfach nur angeregte Gespräche gepaart mit allen möglichen Rufen der verschiedensten Pokémon. All das ließ Hattos Laune auf den Tiefpunkt sinken. Er selbst lebte seit mehr als 20 Jahren allein. Damals starb seine Frau Rante an einer langen und schweren Krankheit. Kinder hatte das Paar nicht.
Nach dem Tod seiner Frau zog Hatto von Johto nach Kanto und in seine jetzige kleine Wohnung. Es gelang ihm jedoch nie, Kontakte zu seinen Nachbarn zu knüpfen, die ein grummeliges »Guten Tag« überstiegen und so wurde er mit den Jahren mehr und mehr verbittert und zog sich immer weiter zurück, bis er schließlich nahezu vollständig in Einsamkeit lebte.
Der leere Kühlschrank war oft das Einzige, das ihn nach draußen trieb und auch dann wechselte Hatto kaum ein Wort mehr als nötig mit seinen Mitmenschen. Auch heute waren es die zur Neige gehenden Lebensmittel, die den alten Mann dazu bewegten einen Einkauf zu tätigen.
Der kleine Markt befand sich ein paar Schritte vor der Pokémon-Arena, in der man bei einem vorlauten Gör namens Misty den Quellorden gewinnen konnte. Aus diesem Grund tummelten sich oft unzählige junge Trainer in und vor dem Markt oder fragten nach dem Weg zum Pokémon-Center. Hatto hatte sich nie viel aus Pokémon gemacht (so behauptet er jedenfalls) und schon gar nicht aus dem Trainieren dieser Viecher (wie er sie nannte).
Wie erwartet, oder besser gesagt, befürchtet, war der Markt von Azuria City auch heute wieder voll mit Kindern und Jugendlichen sowie ihrer Pokémon. Ein Geowaz stand vorm Eingang und Hatto musste sich grummelnd daran vorbeizwängen. Endlich im Laden bildete sich an der Kasse eine lange Schlange Halbwüchsiger. Ein Raupy krabbelte um Hattos Füße und er konnte sich gerade noch davon zurückhalten, dem Käfer-Pokémon einen Tritt zu verpassen. Kichernd und keifend verließ ein Kind nach dem anderen den Markt – in den Händen eine Vielzahl an Tränken und weiteren Erfrischungen.
Endlich war er an der Reihe und Urite, der Verkäufer musste sich zunächst den Schweiß von der Stirn tupfen, bevor er Hatto bedienen konnte.
»Hallo, Herr Mashita! Es tut mir sehr leid«, entschuldigte sich Urite mit gesenkter Stimme und blickte sich erklärend in seinem Geschäft um. »Die Tränke sind nun alle restlos ausverkauft. Ich hoffe, es war nicht Ihre Absicht, welche zu kaufen. Sie sehen ja, die -«
»Ja, ja. Ich sehe es. Blind bin ich noch nicht«, unterbrach Hatto den jungen Verkäufer forsch. »Geben Sie mir einfach ein paar Sachen, die bei dem Mist-Wetter nicht so schnell verderben. Mein Kühlschrank hat heute Morgen fast seinen Geist aufgeben.«
»Gengaaarrrr!«, ertönte es in diesem Augenblick hinter Urite. Die Fratze eines Geist-Pokémons tauchte auf und verschwand ebenso schnell wieder hinter der Theke.
»Verzeihung, mein Gengar hat sich wohl angesprochen gefühlt«, entschuldigte sich Urite abermals und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
»Als würde ich mit diesen Viechern sprechen. Lächerlicher Quatsch. Nun geben Sie mir endlich was ich brauche, damit ich möglichst schnell wieder hier raus und in meine Wohnung komme«, knurrte Hatto und hielt bereits seinen Geldbeutel sowie eine alte Tragetasche bereit.
Urite nickte und schaute den alten Mann mitleidig an. Jeder in Azuria City kannte Herrn Mashita, doch die wenigsten trauten sich, ihn anzusprechen.
»Es muss furchtbar sein, so einsam zu leben«, dachte sich Urite, während er die gewünschte Ware in den Beutel packte. »Aber er macht es einem auch nicht gerade leicht, der alte Knabe.«
Hatto bezahlte, warf sowohl Urite als auch den Kindern im Markt einen weiteren grimmigen Blick zu und verließ den Laden. So schnell es ihm bei diesen Temperaturen möglich war, eilte der Alte zurück nach Hause, um so schnell wie möglich alles was jung und fröhlich und vor allem bunt zu sein schien aus dem Weg zu gehen. Die Situation in seiner Dachwohnung schien sich nun noch verschlimmert zu haben. Man mochte meinen, dass es draußen noch erträglicher war, als drinnen. Doch dort war es wenigstens ruhig. Keine Kinder, keine Pokémon. Absolute Stille und Einsamkeit.
Hatto stellte seinen schäbigen Einkaufsbeutel auf den kleinen und ebenso marode wirkenden Küchentisch und fing an, seine Einkäufe auszupacken. Als er das letzte Päckchen Hartkäse herausnehmen wollte, fasste er plötzlich auf etwas Glibberiges.
»Was zum Teufel hat mir dieser Idiot Urite denn da verkauft? Ich wollte nur Sachen, die bei dieser Hitze nicht in sich zusammenfallen!«, fluchte Hatto und wollte das glibberige Zeug sogleich in den Müll katapultieren.
Doch plötzlich schaute er in zwei runde, schwarze Knopfaugen und einen kleinen lächelnden Mund, welche in einer lilafarbenen wabernden Masse lagen.
»Ditto!«, sagte die Kreatur und quälte sich aus dem rostigen Mülleimer heraus und fing glücklich zu glucksen an.