Kapitel 1
Rafael
„Wir werden einen neuen Praktikanten bekommen.“ Ich zucke nur mit den Schultern, ohne den Blick von meinen Unterlagen zu nehmen. „Schön. Und warum erzählst du mir das?“ „Weil ich möchte, dass du als mein Sohn auf ihn achtest.“ Zum ersten Mal schaue ich von meinem Schreibtisch hoch und starre meinen Vater ungläubig an. „Dein Ernst?“ „Ja, Rafael.“ „Dad, bitte. Ich kann niemanden neben mir gebrauchen und das weißt du.“ „Ja, aber er ist nur für zwei Monate hier. Das wirst du ja wohl aushalten.“ „Nein—“ „Keine Widerworte. Er steht bereits vor der Tür bei deiner Sekretärin, und wir werden ihn jetzt herzlich willkommen heißen.“ Ich lehne mich seufzend zurück, fahre mir mit beiden Händen übers Gesicht. „Ich werde ihn also zwei Monate an der Backe haben. Super.“ Mein Ton trieft vor Sarkasmus, aber mein Vater ignoriert es gekonnt. „Schön, dass ich dich begeistern konnte. Ich hol ihn jetzt rein, also sei nett und lächel.“ „Bringt eh nichts, wenn das Lächeln aufgesetzt ist.“ Er reagiert nicht, öffnet die Tür und bittet einen Jungen herein. Helle Haare, die ihm ins Gesicht fallen, so dass man fast den Drang verspürt, sie ihm beiseite zu schieben. Er tritt zögerlich ein, und mein Vater weist auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch. „Setzen Sie sich.“ „D-Danke.“ Seine Stimme ist leise, fast unsicher brüchig. Mein Vater stellt sich neben mich. Ich lehne mich etwas vor und mustere den Jungen genauer. „Nun, Ihre Unterlagen habe ich mir bereits angesehen. Leider habe ich in der nächsten Zeit viele Außentermine, aber mein Sohn Rafael wird sich persönlich um Sie kümmern. Nun, Herr Ba—“ „Sammy… bitte.“ Respekt. Er unterbricht meinen Vater einfach – und sieht dabei aus, als würde er sich gleich dafür entschuldigen. Alles an ihm schreit nach fehlendem Selbstvertrauen. „Nun, Sammy, ich übergebe Sie direkt an meinen Sohn und wünsche Ihnen einen schönen ersten Tag.“ „D-Danke.“ Mein Vater wirft mir noch einen Blick zu, der mehr sagt als Worte, und verlässt das Büro. Sammy sitzt mir gegenüber, spielt nervös mit seinen Händen. Er merkt gar nicht, dass ich ihn dabei beobachte. Erst als ich seufze, zuckt er zusammen. „Wie alt bist du, Sammy?“ „Siebzehn, Sir.“ Ich hebe eine Augenbraue. „Man schaut seinen Gesprächspartner an… normalerweise jedenfalls.“ Zögerlich hebt er den Blick. Angst, Unsicherheit, kein Funken Selbstvertrauen – alles steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Hast du Erfahrung?“ „Hä… wie bitte?“ „Zeichnest du?“ „Ja… sehr gern sogar.“ Kurz huscht ein kleines Lächeln über sein Gesicht, verschwindet aber genauso schnell wieder. Ich hole einen weißen Zettel und einen Bleistift aus der Schublade, lege beides vor ihn. „Zeichne mir, was dir gerade im Kopf rumschwirrt.“ „Egal was?“ „Ja. Und wenn du fertig bist, sagst du mir Bescheid.“ Er nickt, senkt den Kopf und beginnt zu zeichnen. Ich beobachte jede Bewegung, jede Veränderung in seinem Gesicht, während mein Handy auf dem Tisch vibriert.
Lucian: Hast du Zeit?
Rafael: Nein. Hab seit heute einen Praktikanten an meiner Seite.
Lucian: Dein Vater?
Rafael: Klar. Hat er mir eine Minute vorher gesagt.
Lucian: Er weiß, wie er es macht :)
Lucian: Und wie sieht er aus?
Rafael: Wer?
Lucian: Na, der Praktikant. Wer denn sonst?
Rafael: Na, mein Vater? :)
Rafael: Helle Haare, total schüchtern und null Selbstvertrauen.
Lucian: Oh…
Lucian: Findest du ihn trotzdem süß?
Rafael: Ich hab keine Lust, jemanden bei mir zu haben, während der Arbeit.
Lucian: Du findest ihn also süß.
Ich schüttle nur den Kopf, lege das Handy beiseite. „Ich bin fertig… Sir.“ Dieses Wort. „Rafael. Nicht Sir, bitte.“ „Ja… Rafael.“ Schon besser. „Gut, dann zeig mal, was du gezeichnet hast.“ Er hält mir das Blatt hin. Ich betrachte es, neige leicht den Kopf. „Möchtest du es noch farbig machen?“ Er schüttelt den Kopf. „Was siehst du in dem Bild?“ Er dreht es zu sich, mustert es. „Schmerz… Trauer… Verletzlichkeit.“ Ich nicke. „Noch mehr?“ „Nein, Rafael.“ „Gut. Kein Selbstvertrauen. Selbstzweifel. Schmerz. Angst. Unsicherheit. Trauer. Das sehe ich in diesem Bild. Weißt du, wie ich darauf komme?“ Er schüttelt den Kopf. „Als du mein Büro betreten hast, warst du schüchtern. Als du meinen Vater unterbrochen hast, unsicher. Als du mich zum ersten Mal angeschaut hast, hattest du Angst. Und ich glaube, dass du nicht mal einen Funken Selbstvertrauen hast.“ Er sagt nichts, sieht mich nur an. „Sammy, du bist siebzehn. Du solltest vor Energie nur so strotzen, aber du sitzt hier wie jemand, der sich am liebsten unsichtbar machen würde. Ich hoffe, das liegt nur daran, dass das hier eine neue Umgebung für dich ist.“ „U-und… wenn nicht?“ Ich atme leise aus. „Sammy, ich werde dich zu nichts zwingen. Aber ich würde es gut finden, wenn du hier ein bisschen aufblühst. Das liegt aber bei dir… und nicht bei mir.“ Ich lege das Blatt auf den Tisch, stehe auf. „Komm mit. Ich zeig dir den Rest des Gebäudes.“ Er nickt zögerlich und steht auf. Seine Hände verkrampfen sich immer noch ineinander, als würde er sich daran festhalten wollen. Wir gehen schweigend den Flur entlang. Sammy hält einen halben Schritt Abstand zu mir – nicht so viel, dass es wirkt, als würde er fliehen wollen, aber genug, um klarzumachen, dass er mich nicht aus Versehen berühren möchte. Ich registriere jede seiner kleinen Bewegungen. Jede Unsicherheit. Er merkt nicht, dass ich ihn mustere. Noch nicht.