Das Geheimnis von Blackwood Manor

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Summary

Ein verfallenes Herrenhaus am Rand des Moors. Ein Dorf, das von Geschichten lebt – und von Geheimnissen schweigt. Und eine junge Frau, die beides nicht ignorieren kann. Emma Carter hat genug vom Großstadttrubel Londons. Gemeinsam mit ihrem Spürhund Mr. Darcy zieht sie in das idyllische Clover Cottage in Blackwood-on-the-Moor. Idylle, so glaubt sie, bedeutet Spaziergänge, Cream Tea und Ruhe. Doch schon nach wenigen Tagen stolpert Mr. Darcy über einen alten Schlüssel – und Emma mitten hinein in eine Geschichte, die das Dorf seit Generationen hütet. Blackwood Manor, das verfallene Herrenhaus, ist umrankt von Legenden: von Lady Eleanor, die während eines Balles verschwand, von Sir Richard, der aus dem Krieg ein düsteres Erbstück mitbrachte – und von einem Kind, das spurlos verschwand. Als Emma in den Mauern des Manors eine Leiche findet, ist klar: Die Vergangenheit ist noch immer lebendig. Inspector Nathan Cole will den Fall auf seine nüchterne Art lösen – ohne neugierige Hobbydetektivinnen. Doch Emma hat längst zu viele Puzzleteile in der Hand: geheimnisvolle Spielkarten, Dorfbewohner mit zu vielen Lügen, und ein unheimliches Artefakt, das „Herz des Rabens“ genannt wird. Während Gerüchte im Tea Room brodeln und der Sturm über das Manor hinwegfegt, muss Emma sich entscheiden: zuhören und schweigen – oder das Geheimnis ans Licht zerren, auch wenn es sie selbst in Gefahr bringt.

Status
Complete
Chapters
16
Rating
n/a
Age Rating
16+

Willkommen in Blackwood-on-the-Moor

Der Navi verlor zuerst die Geduld, dann die Orientierung. „In dreihundert Metern links abbiegen“, säuselte die Stimme, während vor mir nur eine schmale Hecke und ein Schild standen, auf dem jemand in sorgfältiger Handschrift BLACKWOOD-ON-THE-MOOR gemalt hatte. Ein Pfeil wies auf einen Feldweg, der aussah, als sei er für Traktoren, Schafe und sehr entschlossene Wanderer gedacht – nicht für einen überladenen Kleinwagen aus London.

Mr. Darcy, auf dem Beifahrersitz angeschnallt wie ein sehr haariger Beifahrer, stieß einen auffordernden Laut aus. Sein Kopf steckte halb aus dem Fenster, die Zunge wie eine Fahne im Wind. „Ich weiß, mein Herr“, sagte ich und schaltete den Navi stumm. „Abenteuer. Moor. Frische Luft. Ich versuche nur, das Auto heil zu lassen.“

Der Feldweg verbog sich zwischen Weißdornhecken und trockensteinernen Mäuerchen, die vor Jahrhunderten jemand mit der Geduld eines Mönchs aufgeschichtet hatte. Nebelfetzen hingen in den Senken. Irgendwo rief eine Krähe. Und dann lag es plötzlich vor uns: ein Dorf wie aus einer Postkarte, nur dass die Postkarte nach Flieder, Holzrauch und nassem Hund roch.

Links der Dorfanger, oval, mit einem krummgewachsenen Eibenbaum in der Mitte. Rechts eine Reihe honigfarbener Cottages mit Reetdächern, die bei jedem Windstoß seufzten. Eine kleine Kirche drängte sich bescheiden hinter eine Mauer, deren Tor aufhallte, als wir vorbeifuhren. Auf einem Pub-Schild tanzte ein Dachs mit einer Rose – The Badger & Rose.

Und dahinter, als hätte jemand die Postkarte eingerissen, stieg eine dunkle Silhouette auf: Türme, Giebel, ein Dach, auf dem sich das Licht festklammerte. Blackwood Manor. Der Name schob sich wie ein kühler Finger in meinen Nacken.

›Nicht gruseln. Du wolltest Landluft.‹

Ich parkte am Ende einer Gasse, die eher eine Entschuldigung war, und zog die Handbremse. Mr. Darcy sprang, sobald der Gurt losklickte, mit der graziösen Eleganz eines Labradors über mich hinweg und landete in einem Rosenbusch. Er tauchte wieder auf, mit einer dunkelroten Blüte am Ohr, als hätte er sich für einen Ball geschmückt.

„Außer dir ist niemand der Meinung, dass das stylisch ist“, murmelte ich und entwirrte ihn. „Clover Cottage müsste hier sein.“ Mein Handy zeigte ein Foto: grüne Tür, krummer Kamin, ein Herz aus Weidenzweigen daran. Genau dort, zwischen zwei mächtigen Hortensien, stand die grüne Tür. Ich atmete aus. Ich war angekommen.

Der Briefkasten quietschte, als hätte er Arthritis, und spuckte den Umschlag mit den Schlüsseln aus. Innen lagen eine Willkommenskarte mit Aquarellrosen und eine Notiz von der Vermieterin:„Liebe Emma, der Kessel braucht einen festen Tritt, bevor er feuert. Der Hund darf aufs Sofa, aber nicht ins Bett (ich sehe alles – Mabel). Tee, Milch und Scones im Korb. Viel Freude!“

„Mabel, du Engel“, sagte ich laut und steckte den Schlüssel ins Schloss. Es sträubte sich. Ich legte die Schulter dagegen; die Tür gab nach, und der Duft von Lavendel und Staub umarmte mich.

Clover Cottage war klein, krumm und – ich beschloss es sofort – vollkommen. Die Balken im Wohnzimmer senkten sich wie alte Männer; der Kamin grinste rußig; auf dem Fensterbrett standen vier Porzellanvögel in einer Reihe, die mich streng musterten. In der Küche wartete ein Korb mit kariertem Tuch, unter dem sich Scones, Butter und ein Glas Erdbeerkonfitüre verbargen. Auf dem AGA summte der Wasserkessel, wenn man ihm, wie Mabel schrieb, einen festen Tritt versetzte. Ich trat. Er erwachte beleidigt.

Mr. Darcy inspizierte das Terrain mit kompromissloser Nase, trank ein Viertel seiner Wasserschüssel leer und fiel dann auf das Fleckerlteppich vor dem Kamin, als hätte er ihn schon immer gekannt. Ich stand mitten im Raum und spürte, wie die Geräusche Londons – Sirenen, U-Bahn-Bremsen, der nie endende, leicht giftige Summton der Stadt – aus meinen Ohren schwammen. Stattdessen: Kessel, der anfing zu flüstern, das Scharren eines Spatzen auf dem Reetdach, ein Klappern irgendwo draußen.

›Zwei Monate Pause. Kein Algorithmus, der mich nachts anbrüllt. Kein Krieg um Reichweite. Nur du, ich, Tee und… eine möglicherweise spukende Immobilie nebenan.‹

„Du und ich, Mr. Darcy“, sagte ich und strich ihm über die Flanke. „Wir schaffen das. Es ist nur ein Dorf. Menschen trinken Tee. Niemand schreit. Und niemand fragt mich, ob dieses Reel jetzt schon ‚performt‘.“

Mr. Darcy schnarchte zustimmend.

Ich räumte das Auto aus, stellte Kartons mit Lebensmitteln in die Küche („Nudeln. Noch mehr Nudeln. Emma, warum hast du Nudeln für einen Kontinent gekauft?“), hievte meine Pflanze – eine widerspenstige Monstera, die das Londoner Büro überlebt hatte und daher den Status „Familienmitglied“ besaß – in die Ecke und setzte Wasser für Tee auf. Während die Tassen beschlugen, trat ich zum Fenster.

Der Blick ging über eine niedrige Mauer hinweg auf eine Wiese, die gegen Abend grün wie Flaschenboden wurde. Darüber erhob sich Blackwood Manor: ein dunkles, weitläufiges Haus, das aussah, als sei es nicht gebaut, sondern aus Nacht gewachsen. Kein Licht, keine Bewegung. Und doch… etwas am Kantenwurf der Giebel ließ es wirken, als habe es die Augen geschlossen und tue nur so, als schlafe es.

Ich nahm einen Schluck Tee. Er schmeckte nach Ankommen.

Die erste Dorfbewohnerin entdeckte uns, als Mr. Darcy und ich den Dorfanger entlanggingen, um die Beine zu vertreten. Sie trug eine Schürze mit Pfingstrosen, einen Haarknoten mit Stäbchen und einen Blick, der sofort alles einsortierte – inklusive Herkunft, Vermögen und eventueller moralischer Defizite. In der Hand hielt sie eine Gartenschere. Die Schere sah gefährlich gezackt aus, die Hand routiniert.

„Sie müssen Miss Carter sein“, sagte sie. „Ich bin Mrs. Pritchard. Ich wohne dort drüben.“ Sie deutete mit der Schere auf ein Cottage mit perfekten Topiary-Kugeln. „Erstaunlich, was Leute in London heutzutage Hunde nennen.“

„Mr. Darcy ist ein Gentleman“, erwiderte ich. „Er zitiert nur selten Austen, aber er hat beste Absichten.“

Mrs. Pritchard hob eine Braue. „Hoffen wir, dass seine Absichten nicht meinen Rosen gelten. Willkommen. Sie sind die Neue im Clover Cottage. Wie lange bleiben Sie?“

„Zwei Monate. Vielleicht länger, wenn die Welt bis dahin nicht untergeht.“ Ich lächelte. „Ich bin Emma.“

„Natürlich sind Sie Emma.“ Sie musterte mich noch einmal, diesmal weniger streng, und beugte sich dann zu Mr. Darcy. „Und du bist ein Prachtkerl. Nur deine Pfoten – nein, Pfoten mit dieser Größe gehören in Gummistiefel.“ Sie richtete sich auf. „Sie werden Mabel im Tea Room kennenlernen. Und halten Sie sich fern vom Manor.“

„Oh?“ Ich versuchte, beiläufig zu klingen. „Ist es… bröckelig?“

„Es ist… Blackwood,“ sagte sie. Als erkläre das alles. „Kein Ort für Spaziergänge im Dunkeln. Es gab Unfälle. Und Geschichten. Gute Geschichten, wenn man sie in der Helligkeit erzählt.“ Sie senkte die Stimme. „Im letzten Herbst glaubte die Tochter vom Schmied, sie habe im Ostflügel Licht gesehen. Das ist Unsinn, natürlich. Niemand nutzt dieses Haus. Aber man sollte die Toten schlafen lassen und die Lebenden in Ruhe arbeiten.“

„Ich arbeite gar nicht“, sagte ich und biss mir auf die Lippe, weil das genau der Punkt war. „Ich… mache eine Pause.“

„Eine Pause“, wiederholte sie mit dem Ton einer Frau, die „Grippe“ sagt, wenn sie „Geburtswehen“ meint. „Nun denn. Wenn Sie Zucker brauchen, klopfen Sie.“ Sie klapperte mit der Schere, als wäre sie ein Tamburin, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte davon.

„Ich mag sie“, sagte ich zu Mr. Darcy. „Sie riecht nach Rosen und Urteil.“

Er nieste.

Wir gingen weiter, an den Cottages vorbei, wo Katzen uns aus Fenstern anstarrten, als seien wir eine Fernsehsendung. Der Pub spülte Stimmen in die Straße; von drinnen drang Lachen, das die Schiefertafel mit dem Tagesgericht – Pie & Peas – vibrieren ließ. Neben dem Pub leuchtete ein Schild in Mintgrün: Tea & Tales – Mabels Teestube.

›Tee. Geschichten. Mabel.‹

„Nur gucken“, sagte ich und öffnete die Tür. Die Glocke über dem Rahmen klirrte wie eine kleine Welle.

Drinnen roch es nach Zitronenschale, Vanille und Geschichtenpapier. Regale trugen eine Auswahl gebrauchter Bücher; jedes hatte einen blassrosa Sticker auf dem Rücken. Zwei Mädchen in Schuluniformen beugten sich über ein Kreuzworträtsel. Hinter dem Tresen waltete eine Frau mit rosigen Wangen und schnellen Händen, die so aussah, als habe sie das Dorf seit den Siebzigern gleichzeitig ernährt und organisiert.

„Du musst Emma sein!“, rief sie, noch ehe ich etwas sagen konnte. „Ich bin Mabel. Du hast meinen Kessel schon kennengelernt.“

„Er wehrt sich tapfer gegen Veränderung“, sagte ich.

„Wie wir alle“, erwiderte sie und lachte. „Setz dich, Liebes. Ich bringe dir Tee und eine Scone zur Begrüßung. Und wie heißt der Prachtkerl?“

„Mr. Darcy. Er ist auf Diät“, sagte ich, während er versuchte, auf drei Pfoten zu sitzen und gleichzeitig mit der vierten zu wedeln, als wolle er zeigen, dass er wirklich schon einmal etwas von Benimm gehört hatte.

„Dann bekommt er eine kleine, ganz kleine Ecke“, versprach Mabel und zählte auf den Fingern ab: „Tee, Milch, Scone, Gossip.“ Sie beugte sich zu mir. „Hast du schon gemerkt, dass Mrs. Pritchard dich adoptieren wird? Sie ist ein Schatz, aber wenn sie dich einmal bewässert, wächst du nie wieder anders.“

Ich grinste. „Sie hat mir geraten, das Manor zu meiden.“

„Oh, hat sie das? Natürlich hat sie das.“ Mabel stellte eine Teekanne, eine Tasse und einen Teller ab, als decke sie ein Altarchen. „Das Haus gehört keiner. Oder allen. Je nachdem, wen man fragt. Die Blackwoods hatten irgendwann mehr Schulden als Ziegel und sind verschwunden. Seitdem steht es leer. Ab und an kommt ein Verwalter für die Steuer, tut so, als zähle er Dachziegel und rechnet dann trotzdem falsch.“

„Und die Geschichten?“, fragte ich.

„Welche Geschichten willst du hören?“ Mabel setzte sich auf den Stuhl mir gegenüber, als hätten wir eine Sitzung vereinbart. „Die vom verschwundenen Erben? Die vom heimlichen Tunnel? Die vom vergessenen Schatz im Westflügel? Oder die, in der es spukt, wenn der Nebel über dem Moor hängt?“ Sie hob die Hände, als schiebe sie die Optionen über eine Speisekarte. „Die Spukgeschichte ist bei den Touristen sehr beliebt, aber wir haben nicht so oft Touristen. Zu viel Schlamm an den Stiefeln und zu wenig Selfie-Orte.“

„Ich arbeite in Social Media“, entfuhr es mir. „Also, ich arbeitete. Pause, das wurde mir bescheinigt.“

„Wenn du mit dem Manor ein Reel machst, tauche ich nicht drin auf“, sagte Mabel streng und zwinkerte dann. „Du bist herzlich willkommen. Aber ich empfehle dir, nachts die Vorhänge zuzumachen. Es weiß niemand, warum – aber man schläft besser.“

Ich notierte: Vorhänge zu. Kein Reel. Spuk optional.

„Und der örtliche Polizist?“ Ich bemühte mich um einen beiläufigen Ton, scheiterte aber an der Neugier in meinem Bauch. „Ich meine, falls hier was passiert. In London hat man immer… Geräusche.“

„Nathan Cole“, sagte Mabel und goss noch Tee nach. „Detective Inspector. Neuerdings wieder allein, was die Schwiegermütter im Dorf beschäftigt. Tut, was er muss, spricht, wenn er muss, und lächelt selten. Die Sorte Mann, die man auf ihrem Fahrrad sieht, wenn es regnet. Sehr britisch.“

„So wie der Kessel.“

„Der Kessel hat mehr Gefühle“, sagte Mabel. „Aber Nathan mag Hunde. Das rettet ihn.“

Mr. Darcy legte, als hätte er seinen Einsatz verpasst, die Pfote auf Mabels Knie. Mabel steckte ihm die versprochene kleine Ecke Scone zu. Ich tat so, als bemerkte ich es nicht.

Wir sprachen über Einkaufen („Freitag ist Markt in Ashcombe. Obst, Gemüse, gute Eier. Wenn du irgendwas hipsterhaftes brauchst – Mandelmilch, Chia, was weiß ich –, bestell ich es dir.“), über Mülltage („Dienstag: Rest. Donnerstag: das andere.“), über Dorfsitten („Man winkt beim Autofahren, auch wenn man den anderen nicht kennt. Nicht winken ist rechtlich Grauzone für unhöflich.“). Als ich aufstand, hatte ich das Gefühl, das Dorf spreche eine Sprache, die ich lernen konnte.

„Schau dir den Anger im Morgennebel an“, sagte Mabel beim Abschied. „Du wirst denken, du träumst.“ Sie beugte sich zu mir. „Und wenn du heute Nacht etwas siehst – es ist nur der Mond. Oder etwas, das so tut, als sei es der Mond.“

Ich verlangte nicht nach einer präziseren Definition von „etwas“.

Als wir zurück zum Cottage schlenderten, hatte der Himmel die Farbe von Blaubeeren angenommen. In den Fenstern der Cottages tauchten gelbe Quadrate auf. Aus einem Haus drang eine Geige; ich blieb stehen und lauschte. Die Melodie wuchs aus zwei, drei Tönen, stolperte, fing sich, nahm eine Kurve und klammerte sich an eine hohe Note, bevor sie verschämt verstummte. Mr. Darcy legte den Kopf schief, als präge er sich die Tonart ein.

Vor dem Tor von Blackwood Manor blieb er stehen. Unbeweglich, als sei er aus Bronze gegossen. Ich folgte seinem Blick. Das Tor bestand aus geschwärztem Eisen, dessen Ranken sich ineinander verschlungen hatten. Auf der mittleren Stange war ein Wappen: ein Rabe, eine Eiche, ein Motto, das der Rost fast verschlungen hatte. Dahinter eine Allee aus Linden, die in einem dunklen Loch verschwand. Kein Licht. Kein Geräusch. Nur die Ahnung einer Bewegung, als atmete das Haus. Vielleicht war es auch der Wind.

„Komm“, flüsterte ich. „Später bekommst du einen Kauknochen mit dem Geschmack ‚Lamm‘, den du verabscheust.“ Er rührte sich nicht. „Mr. Darcy. Bitte.“ Ich versuchte, streng zu klingen und gelang wie immer irgendwo zwischen Kindergärtnerin und mittlerer Schwester.

Eine Lampe an der Straße sprang an und machte die Welt plötzlich kleiner, freundlicher. Mr. Darcy löste sich aus seiner Starre. Wir gingen weiter.

Im Cottage stakste ich durch Kartons, bis ich die Bettwäsche fand, und machte das, wofür ich in London stets keine Zeit gehabt hatte: Ich bereitete ein Bett mit frischen Bezügen, als reichte ich einem Hotelgast Handtücher. Dann zündete ich im Kamin ein Feuer an (drei Anläufe, viel Fluchen, wenig Würde) und stellte den Wasserkocher ein zweites Mal an. Das Knistern der Flammen färbte den Raum warm. Ich trug die Monstera aufs Fensterbrett und versprach ihr, sie regelmäßig zu gießen, solange sie nicht versuchte, mir nachts die Nase zu umarmen.

Draußen drehte der Wind einen Ton höher. Ein Ast kratzte am Reet, als wolle er um Einlass bitten. Ich schloss die Vorhänge. Sie rochen nach Seife und Sonne.

„Letzter Spaziergang“, sagte ich zu Mr. Darcy, der mit dem Bauch dem Feuer entgegenlag wie ein alter Seemann. Er rollte sich auf den Rücken und streckte die Pfoten in die Luft. „Ich bin mir bewusst, dass es ein schreckliches Schicksal ist, noch einmal aufzustehen. Aber wenn du heute Nacht um drei Uhr weinend neben dem Bett stehst, tun wir beide so, als hätten wir davon nie gehört, ja?“ Er seufzte, stand aber auf. Loyalität ist schwerer als Faulheit.

Wir traten hinaus. Ein feiner Regen hing in der Luft. Das Dorf wirkte wie unter Glas. Ich steckte die Hände in die Jackentaschen, und wir bogen die Gasse hinunter, am Pub vorbei, der jetzt voller Stimmen war. Ein Lachen platzte heraus und zerplatzte auf der Straße. Ich fühlte mich, als würde mich jemand in eine Decke wickeln.

Als wir das Manor passierten, war es, als wäre die Luft dort ein Grad kälter. Mr. Darcy zog die Leine nicht nach vorn – er hielt vielmehr ein Tempo, das ich kannte: Bereit. Ich spannte unwillkürlich die Schultern.›Blöd. Du bist in einem Dorf. Blöd und kleinlich.‹

Und dann sah ich es.

Im obersten Fenster des Westflügels – einen Moment lang, nicht länger, als man braucht, um ein Blinzeln zu bereuen – glomm Licht auf. Warm, bernsteinfarben, wie eine einzelne Kerze, die zögerte. Ich blieb stehen. Die Leine spannte sich; Mr. Darcy machte einen Laut, der irgendwo zwischen Frage und Bestätigung lag.

Das Licht erlosch.

„Spiegelung“, sagte ich laut in die Nacht. „Mond. Flugzeug. Moderne Kunstinstallation aus dem Jahr 1780.“

Mr. Darcy gab keine Antwort. Er presste die Nase an die Gitterstäbe des Tores und sog die Luft ein, als stünde dort eine Metzgerei.

Ein klirrendes Geräusch kam aus dem Park, metallisch und klein, als fiele ein Eimer um oder träfe eine Kette eine Stufe. Ich war nicht abergläubisch. Ich war rational. Ich war eine Frau, die eine Pause machte und einen Hund führte. Meine Hand schloss sich fester um die Leine.

„Wir gehen“, sagte ich und versuchte, die Stimme des gesunden Menschenverstands zu imitieren. „Jetzt. Ohne Umwege.“

Mr. Darcy stieß vor, gerade als ich mich abwandte. Etwas an der Seite des Tores gab nach. Erst verstand ich nicht, was es war, dann sah ich die Servicetür – ein kleineres, schmales Gatter, unscheinbar im Schatten – die nicht richtig eingerastet war. Mr. Darcy schob mit seiner Schnauze dagegen, als würde er jeden Morgen die Zeitung holen. Das Gatter schwang auf.

„Nicht!“, rief ich. Er hörte auf Wahrheitsgehalt, nicht auf Lautstärke. Ein Schattenflackern, dann war er hindurch – ein brauner Blitz, der in die Allee schoss, die Leine wie eine flatternde Fahne hinter sich herziehend, bis sie mir aus der Hand glitt.

Die Stille danach war so vollkommen, dass ich meinen eigenen Puls hörte.

Ich stand mit einem Fuß auf der Straße und dem anderen in der Zukunft, in der ich dem örtlichen Detective Inspector erkläre, warum mein Hund in den privaten, möglicherweise spukigen Besitz eingebrochen war.›Fantastisch, Emma. Du bist seit sechs Stunden im Dorf und begehst bereits Übertretungen.‹

Das Gatter stand offen, als grinse es. Die Allee lag wie ein Schlund vor mir, der Geruch nach feuchtem Laub und etwas Metallischem, das nicht ganz Regen war. Irgendwo vor mir raschelte es; dann fiel etwas – ein leichter Aufprall, wie ein Riegel, den man aus Versehen stößt.

„Mr. Darcy!“ Meine Stimme klang klein unter dem großen Himmel.

Keine Antwort. Dann ein Bellen, gedämpft, nicht panisch, eher – aufgeregt. In einem Wimpernschlag war ich auf der anderen Seite des Gatters, die Hände ausgestreckt, als könnte ich damit die Dunkelheit wegschieben. Der Kies knirschte unter meinen Schuhen. Die Allee verschluckte mein Geräusch. Ich blieb stehen, lauschte. Links, dachte ich. Oder rechts? Das Bellen wieder, diesmal klarer, aus der Richtung des Westflügels, wo das Licht gewesen war.

„Ich bringe dich um, wenn du nicht tot bist“, flüsterte ich, was für uns beide immer funktionierte, und folgte dem Geräusch.

Die Bäume standen dicht; ihr Blätterdach formte einen Tunnel. Auf halbem Weg stand eine Bank – ein schwarzes Gestell mit Holzlatten, auf deren Rücken in verschnörkelten Buchstaben IN MEMORIAM stand. Ich zwang mich, nicht zu lesen, wen man da betrauerte, und ging weiter, bis die Allee auf einen Hof stieß. Das Haus stand vor mir, größer aus der Nähe, weil die Giebel nach vorn sprangen, als wollten sie mich begrüßen oder warnen. Die Fenster wirkten blind. Ein Türknauf glänzte, als gehöre er an die Tür eines Krankenhauses. Keine Bewegung.

„Darcy?“, flüsterte ich.

Ein Scharren. Dann tapsende Schritte. Er tauchte auf, die Nase grau vom Staub, der Blick so begeistert, als habe er Stonehenge persönlich aufgebaut. In seinem Maul lag etwas, das im schwachen Licht schimmerte.

„Lass sofort“, befahl ich automatisch, und zu meiner eigenen Überraschung gehorchte er. Etwas Metallisches fiel in den Kies. Es klang alt. Mr. Darcy wedelte und blickte über die Schulter, als wisse er, dass das Interessantere noch hinter ihm lag.

Ich bückte mich. Vor mir lag ein alter Schlüssel, schwer, dekoriert, mit einem zierlichen Wappen am Kopf. Er war kalt in meiner Hand.›Nicht anfassen, dumme Idee‹, dachte ich – und steckte ihn in die Jackentasche.

Dann hörte ich es. Nicht laut, eher wie ein Hauch: ein einzelner Ton, tief und kurz, der durch die Nacht rollte. Als hätte jemand drinnen eine Taste gedrückt – Klavier? Orgel? – und sofort wieder zurückgezogen. Ich erstarrte. Mr. Darcy hob den Kopf, die Ohren nach vorn.

„Hallo?“, rief ich, weil man so etwas sagt, wenn man nicht weiß, was man sonst sagen soll. „Ist da jemand?“

Der Wind antwortete, indem er einmal durch die Linden fuhr und mir einen Tropfen Regen ins Gesicht schleuderte.

Ich drehte mich um, nahm die Leine – die an Mr. Darcys Halsband hing, als wäre sie nie weg gewesen – und ging. Nicht rannte. Ging. Würdevoll, als hätte ich ein Recht darauf, hier zu sein. Hinter uns knarzte Holz. Ich versuchte nicht herauszufinden, ob es die Bank oder die Tür war.

Am Gatter blieb ich stehen und drehte mich um. Blackwood Manor stand dort, wo es immer gestanden hatte: schwarz, stumm, mit Fenstern, in denen sich nichts spiegelte. Ich hob die Hand, als grüßte ich ein altes Schiff. Dann zog ich das Gatter zu. Der Riegel fiel – klack –, ein Geräusch, das mir bis in die Knie fuhr.

Wir gingen heim. Im Cottage roch es nach Holz und Tee. Ich verriegelte die Tür, obwohl ich wusste, dass solche Verriegelungen vor Spuk und vor Fragen keine Macht haben. Mr. Darcy sprang aufs Sofa, als sei er eine schmucke Zierde. Ich setzte mich daneben und ließ den Schlüssel in meine Hand gleiten.

Er war gar nicht so alt, dachte ich. Oder sehr alt. Was wusste ich über Schlüssel? Ich wusste, dass mein Herz zu schnell schlug und dass ich schwor, heute Nacht nicht an Musik zu denken, die aus Mauern kommt, in denen seit Jahren niemand mehr wohnt. Ich wusste, dass ich Mabel morgen nach Wappen fragen würde. Und ich wusste, dass ich lügen würde, wenn Mrs. Pritchard mich fragte, ob ich das Manor gemieden hatte.

„Es war eine doofe Idee“, sagte ich zu Mr. Darcy.

Er legte die Pfote auf meinen Oberschenkel und sah mich an, als hätte er mich in eine Bande aufgenommen, die unsichtbare Dinge erschnüffelt.

„Ja, ja“, murmelte ich. „Es war eine doofe Idee. Und morgen ist Markt. Und ich bin mutig. Und wir bringen diesen Schlüssel zurück, dahin, wo er hingehört.“

Draußen schlug die Kirche die Stunde. Eins.Ein Windstoß fuhr in den Schornstein und ließ das Feuer kurz aufstöhnen. Ich stand auf, zog die Vorhänge noch einmal fester zu und blies die Kerzen aus.

Als ich im Bett lag, hörte ich lange noch, wie der Regen im Reet ein gleichmäßiges Trommeln malte. Irgendwann wurde das Trommeln zu einer Melodie, die nicht ganz eine war. Ich drehte das Kissen, als könnte man so Gedanken kühlen, und dachte an das Wappen am Schlüssel, an einen Raben und eine Eiche und ein Motto, das ich fast lesen konnte. Ich schloss die Augen.

Kurz bevor ich einschlief, schwor ich, dass ich draußen noch einmal dieses warm-bernsteinfarbene Aufflackern sah – nicht im Kopf, nicht im Traum, sondern wie eine Antwort auf etwas, das ich noch nicht gefragt hatte.

Und dann war alles dunkel.