Kennt man dich?
Favio
Angewidert verzog ich das Gesicht, als ich merkte, dass mir die Sonne direkt ins Gesicht schien. Sofort kämpfte ich mich aus dem Bett und zog entschlossen die Vorhänge wieder zu. Schlecht gelaunt suchte ich in dem jetzt abgedunkelten Zimmer meine Shorts, welche ich dann überzog, und verließ mein Schlafzimmer.
„Jacob!“, rief ich und zog die Badezimmertür auf.
„Ja?“, schallte es zurück.
„Kaffee?“, rief ich und bekam ein bestätigend Laut zurück. Also warf ich mir Wasser ins Gesicht und schlurfte dann etwas wacher in die Küche.
„Danke“, sagte ich und ließ mich vor dem gefüllten Kaffeebecher sinken.
„Nicht so gut geschlafen?“, fragte er und lehnte sich mit seinem Becher an die Arbeitsfläche.
„Nicht so gut aufgewacht“, murmelte ich und nahm den ersten Schluck. „Fühl mich, als wäre ich auf den Kopf gefallen“, stellte ich fest und runzelte die Stirn.
„Ebenso“, erwiderte Jacob und seufzte leise. „Musst du arbeiten?“, fragte er kurz darauf und vernichtete seinen Kaffee.
„Ne, nur Rufdienst, morgen erst wieder“, sagte ich und beobachtete, wie er anfing die Einkäufe von gestern in die Schränke zu sortieren. „Hast du heute Vorlesungen?“, fragte ich. Doch Jacob schüttelte nur den Kopf.
„Das hast du gestern hier liegen lassen“, sagte er nach einer Weile und schob mir mein Handy rüber.
„Ah danke“, murmelte ich und nahm den nächsten Schluck, während ich es entsperrte. Ich öffnete die verpasste Nachricht von meinem Vater.
‚Deine Mutter will heute Abend ein Familienessen veranstalten. Bring deinen Mitbewohner gerne mit. ’
„Stiefmutter“, murrte ich leise und legte das Gerät weg. Die beiden hatten geheiratet, als ich fünf war. Das mit meiner Mutter war für ihn nur ein Unfall gewesen. Das ließ ihn mich nicht weniger lieben. Aber ich hatte lang genug zu fühlen bekommen, dass seine geplante Familie an erster Stelle stand.
„Willst du heute Abend kochen?“, fragte ich und sah zu Jacob.
„Muss ich?“, erwiderte er und hielt inne.
„Wir können auch bei Lucy und Johannes essen. Dann musst du nur meine Halbschwestern ertragen“, bot ich ihm grinsend an. Sie beide fuhren extrem auf ihn ab. Er jedoch schien bisher an noch niemandem Gefallen zu finden.
„Urkomisch“, sagte er und räumte weiter die Einkäufe weg.
Eigentlich wollte ich ihn dabei noch weiter aufziehen. Doch in dem Moment hörte ich Schritte im Flur und wenig später trat ein junger Mann in unsere Küche. Verwundert richtete ich mich auf und musterte ihn.
„Morgen“, sagte er mit rauer Stimme und sah von Jacob zu mir.
„Morgen“, erwiderte Jacob, ohne ihn anzusehen.
„Wer ist das?“, fragte ich, ohne den Wunsch zu erwidern.
Sofort kam Jacob wieder aus dem Schrank und sah mich an.
„Ah ja, ähm Kenneth? Favio, mein Mitbewohner. Favio? Kenneth, mein großer Halbbruder. Ich habe ihn im Wohnzimmer schlafen lassen. Er ist nur für ein paar Nächte hier. Wegen seine Kunstausstellung“, erklärte Jacob und kroch wieder in den Schrank.
„Kunstausstellung?“, echote ich und musterte den Mann in unserer Küche. „Kennt man dich?“, fragte ich und beobachtete, wie er sich einen Kaffee holte.
„Nur wenn man in der Szene ist.“, kam es gedämpft aus dem Schrank.
„Ich fühl mich geschmeichelt.“, erwiderte sein Halbbruder und stieß ihn von hinten mit dem Fuß an.
„Au.“, beschwerte Jacob sich und kam wieder aus dem Schrank. „Ist doch wahr.“, murrte er.
Kenneth schmunzelte nur und setzte sich dann zu mir an den Tisch. Vorsichtig pustete er über den Rand der Tasse und nahm den ersten Schluck.
„Und wie teuer bist du so? In der Szene?“, fragte ich und lehnte mich auf der Küchenbank zurück.
„Nicht besonders. Ich bin da auch nur durch mein Studium reingerutscht.“, erwiderte er und stellte die Tasse wieder ab. Seine Augen fanden meine. Wie jeder hielt er kurz inne und ich erwartete schon den ersten Kommentar. Doch er musterte nur stumm meine Augen. Kurz sah ich wie sein Blick zwischen meinen Iren hin und her huschte. Doch es stand keine Verwirrung in seinem Gesicht. „Hübsch.“, kommentierte er dann doch und schmunzelte leicht. Fest schluckte ich und wand den Blick ab. Noch nie hatte jemand meine Augen hübsch genannt. Irritierend, exotisch und ungewöhnlich, ja. Aber hübsch?
Kenneth ignorierte meine Reaktion und nahm den nächsten Schluck aus seiner Tasse. Dabei fielen mir die Farbreste an seinen Fingern auf. Dunkle Farben. Hauptsächlich Grautöne.
„Wann und wo ist diese Ausstellung?“, fragte ich und ignorierte Jacobs Lachen. Ich hatte halt Interesse. Nicht nur an seinem Bruder. Jacob war jetzt schon eine ganze Weile mein Mitbewohner und bisher hatte er mir nichts über seine Familie erzählt. Viel mehr war er in meine hineingerutscht. Ich wusste nur, dass unsere Väter in ähnlichen Interessen forschten. Doch jetzt saß sein Bruder vor mir. Sichtlich älter als Jacob und dennoch wahrscheinlich jünger als ich selbst. Und da sollte ich nicht fragen, um mehr zu erfahren?
„Dieses Wochenende. In der Museumshalle.“, sagte er und drehte langsam seine Tasse auf dem Tisch. „Würde mich natürlich freuen, wenn du meinen Bruder mitbringst.“, fügte er lächelnd hinzu.
„Hattest du nicht vor hinzugehen?“, fragte ich und sah wieder zu Jacob.
„Natürlich nicht. Am Ende treffe ich da noch meinen durchgeknallten Vater. Und seine Kunst kenne ich bereits.“, erwiderte er und verdrehte die Augen.
„Victor wird nicht kommen. Sie hat es versprochen.“, warf Kenneth ein und hörte auf die Tasse zu drehen. Dafür umschloss er sie mit seinen Händen.
„Wieso durchgeknallt?“, fragte ich. Jacob verzog leicht das Gesicht, als hätte er was Schlechtes gerochen und schien mir nicht antworten zu wollen. Dafür tat es Kenneth.
„Er forsch am Übernatürlichen. Das nimmt manchmal ein bisschen überhand. Soweit, dass er neuen Besuchern Knoblauch in den Mund schiebt und sie mit Weihwasser bespritzt, um sicher zu sein, dass sie keine Vampire sind. War eine harte Schulzeit für Jacob.“, erklärte er und hob die Tasse wieder an.
„Sein Vater ist auch so.“, murmelte Jacob und verschwand in seiner Tasse.
„Sicher nicht.“, erwiderte ich lachend und erklärte: „Es ist mehr ein Erbe. Aber deswegen würde er niemanden zwingen Knoblauch zu essen.“
Kenneth nickte leicht und fragt dann: „Glaubst du daran?“
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht.“, sagte ich und nahm einen Schluck von meinem Kaffee. Die Antwort war ‘eigentlich eher schon’. Klar, waren die Beweise nicht besonders eindeutig. Aber sie waren mir eindeutig genug, um ihre Existenz nicht zu verneinen. Besser glauben und sich irren, als es zu verlachen und böse auf die Schnauze zu fallen.