Kapitel 1
Er lag viel zu lange schon wach. An einem Ort, an dem er es nie aushielt, wenn es still war. Die Geräusche die ihn umgaben benötigte er. Nur so fand er Ruhe, während in ihm ein Sturm tobte, der aus Frust, Einsamkeit und Selbstmitleid bestand.
Eigentlich konnte er es gut für sich reflektieren, was genau für Gefühle ihn quälten, aber nicht woher sie rührten. Was war es, das ihn so fühlen lies als wäre er kurz vor einer Implosion?
Je mehr er darüber nachdachte, desto weniger kam er darauf. Ihm ging es gut. War er nicht wohlhabend? Hatte er nicht einen protzigen Sportwagen in der Garage?
Der Erfolg umgab ihn, obwohl er nie wirklich glaubte, ihn tatsächlich verdient zu haben. Eigentlich sagte er doch nur was sein Gegenüber hören wollte. Nicht das es ihn störte, dass sein fachliches Wissen Grenzen hatte, die er mit geschickten Worten umging. Wirklich verletzt oder gar betrogen hatte er niemand damit. Dennoch blieb ein nagendes Gefühl der Unfähigkeit.
Ja, er war unfähig und genau das ließ ihn hier in der Dunkelheit sitzen, obwohl der Lichtschalter nur wenige Schritte über den teuren Holzboden entfernt wäre.
Außerdem war ihm kalt. Er redete sich ein die Kälte verdient zu haben, den wer Unfähig war, der hatte kein Anrecht auf die kuschelige Wärme einer Decke.
Es war eine Art der Selbstbestrafung für etwas, dass er nicht beschreiben konnte.
So würde er die nagende Kälte und das Zittern das ihn durchzog nicht als Zeichen einer leichten Unterkühlung sehen, sondern als Wohltat die seine Seele entlastete.
Wie lang saß er bereits dort? Das konnte er nicht sagen.
Er blickte um sich, damit er die schemenhaften Umrisse seiner Wohnung begutachten konnte. Ein dunkler Schrank, ein grauer Tisch und darunter ein dunkler Fleck der eigentlich sein dunkelblauer Teppich war, doch jetzt eher wie ein schwarzes Loch wirkte.
An der Wand war noch ein kleiner Fleck von dem ein Ticken ausging, doch wie viel Uhr es war konnte er nicht darauf erkennen. Es war einfach zu dunkel.
Er seufzte auf. Ein erstes Zeichen das seine Seele sich entspannte und der innere Druck der ihn quälte langsam nachließ. Seine Haltung wurde entspannter, seine Lieder langsam schwer und der Wille aufzustehen und zu schlafen, übertönte die dunklen Gefühle.
Jetzt wusste er das es vorbei war.
Er stand auf, schwankte leicht, da seine Beine durch das lange sitzen wohl verlernt hatten zu funktionieren. Doch schnell schienen sie sich an ihre eigentliche Aufgabe zu erinnern und trugen ihn in das Schlafzimmer.
Müde kroch er in das nach Waschmittel riechende Bett. Wieder ein Seufzen. Nur war es ein wirklich entspanntes Seufzen. Morgen wenn er aufwachen würde, würde er sich selbst verfluchen nicht früher ins Bett gegangen zu sein.
-
Wie er es erwartet hatte, kam der Morgen viel zu früh. Der Wecker hatte ihn unerbittlich aus dem traumlosen Schlaf gerissen. Müde richtete er sich auf seinem schwarzen Boxspringbett auf. Die moderne Schlafzimmereinrichtung, die in den Farben schwarz, weiß und anthrazit gehalten war, wirkte wie ein Ausstellungsstück eines Möbelgeschäftes.
Nur der Golfschläger der in der Ecke lag, zeugte davon, dass hier kein Vorschlag zu Einrichtung eines Schlafzimmers war, sondern tatsächlich jemand hier lebte.
Er stand auf, ging zu dem dunkel verkleideten Schrank um ihn zu öffnen. Eine Reihe an teueren Anzügen und eine Auswahl an Kleidern die er zum Golfen anziehen konnte befand sich vor ihm.
Zielgerichtet griff er nach einen der Anzüge. Es war seine Arbeitskleidung. Manchmal sah er es schon als Verkleidung, die wenn er trug, sein wahres Selbst kaschierte, damit er in seinen Job passen konnte.
Nachdenklich blickte er auf die Golferkleidung. War es dort nicht genauso? Spielte er nicht eigentlich auch, weil es einige andere in seiner Branche, wie auch seine Kunden taten?
Er schüttelte die Gefühle des Selbstbetruges ab und wand sich zum Bad ab. Die Spiegel die ihn reflektierten, zeigten das klassische Abbild des Mannes der er war.
Dunkle, perfekt geschnittene Haare die nur noch gestylt werden mussten. Ein trainiert anmutender Körper, der allerdings eher weniger durch gezieltes Training, sonder viel mehr von einer strengen Diät und den Fähigkeiten geschickter plastischer Chirurgen zeugte. Auch sein Gesicht hatten die Ärzte ihm erneut. Die Nase die er früher so Hasse, war nun perfekt gerade. Die Zähne gebleicht und perfekt in einer Reihe angeordnet.
Ja, er war der Luxusimmobilenmakler, wie er im Buche stand. Nur stand in dem Buch nicht, dass diese Fassade, der so schillernden, perfekten Welt, ihre Grenzen hatten. Sein es durch die zahlreichen Schönheitsoperationen, der Druck immer das Beste zu besitzen, den Clubnächten die viel zu oft in der Katastrophe endeten. Wie oft fand er sich betäubt von einem Cocktail an Substanzen neben der Toilette?
Jener Toilette neben der er stand und ihn dafür verhöhnte, das er sie doch mehr dafür benutzt hatte um sein Erbrochenes herunter zu spülen, als dass sie ihren eigentlichen Zweck erfüllen konnte.
Er sah in den Spiegel und sah in seinen Augen die pure Verzweiflung und Einsamkeit, die ihn gestern noch überrannt hatte. Tief atmete er durch und setzte sein Lächeln auf. Perfekt. Er würde perfekt sein.