PROLOG
Marcus sitzt am Rand seines Bettes, als hätte ihn jemand dort festgenagelt. Die Schultern sind schwer, der Atem brennt in seiner Kehle, doch er fühlt nichts außer der lähmenden Leere. Hinter ihm liegt ein Mann, blond, schmal gebaut, das Gesicht friedlich im Schlaf. Eine Hand hängt über die Bettkante, das Handgelenk ist mit Marcus’ Krawatte fixiert – ein Rest aus einer Nacht, die nichts bedeutet.
Nicht Sasha, jagt es Marcus wie ein Schuss durch den Kopf.
Nie Sasha.
Langsam erhebt er sich, jeder Schritt barfuß auf dem kalten Parkett klingt wie eine Anklage. Vor dem deckenhohen Fenster bleibt er stehen, legt die Stirn gegen das Glas. Dallas liegt ihm zu Füßen – ein endloses Lichtermeer, pulsierend, lebendig. Aber für ihn ist es tot. Alles ist tot, seit Sasha gegangen ist.
Seine Finger ballen sich zur Faust, die Knöchel pochen, als wollte er das Glas zerbrechen. Doch stattdessen brechen nur Erinnerungen durch ihn hindurch.
"Wenn du mich liebst, dann gib mir Zeit!"
Sashas Stimme reißt an ihm, schneidet tiefer als jede Klinge.
Zeit… Wie viele Nächte hat er schon so verbracht, gefesselt an seine eigene Sehnsucht? Wie viele Körper hat er in sein Bett gezogen, nur um für ein paar Stunden zu vergessen – und jedes Mal trifft ihn die Erkenntnis härter: Sie sind nicht er. Sie können ihn nicht ersetzen.
Ein Schauer läuft ihm über den Rücken, bitterer als jeder Whisky, den er je gekippt hat. Er ist Blackwood. Er ist Redworth. Ein Mann, der alles beherrschen kann – Geschäfte, Gegner, Leben. Doch nicht sein eigenes Herz.
Marcus greift nach dem Handy auf dem Nachttisch, als wäre es ein Stück glühendes Metall. Der Bildschirm leuchtet sein Gesicht an, bleich, fremd, mit Schatten unter den Augen. Sein Daumen schiebt wie von selbst über den Kontakt, den er seit Monaten nicht mehr gelöscht hat. Sasha.
Er drückt auf Anrufen. Zum hundertsten Mal. Zum tausendsten.
Das Freizeichen summt in sein Ohr, kalt und monoton, bis es wieder bricht und nur Stille zurücklässt. Wie immer.
Dutzende Anrufe liegen hinter ihm, Sprachnachrichten, die nie beantwortet wurden. Nachrichten, die Sasha nicht einmal gelesen hat. Und doch kann Marcus nicht aufhören. Es ist, als würde er damit die Verbindung halten, dünn wie ein Faden, aber immer noch da.
Er tritt näher ans Fenster, das Handy noch in der Hand. Draußen hat der Herbst die Stadt fest im Griff. Der Himmel hängt schwer und grau über Dallas, Regen zieht schlieren über die Scheibe. Menschen unten auf der Straße eilen mit hochgezogenen Mänteln davon, als würden sie vor der Kälte fliehen.
Marcus’ Spiegelbild im Glas sieht genauso leer aus wie der Himmel über ihm. Die Tristesse draußen ist nur ein Abbild dessen, was in ihm tobt – eine Jahreszeit ohne Farben, ohne Wärme, ohne Sasha.
Er lehnt die Stirn gegen das kalte Fenster und flüstert den Namen, als könnte die Stadt ihn tragen, bis er das eine Herz erreicht, das nicht mehr an seiner Seite schlägt.
"Sasha…"