Die Sehnsucht
„Das neue Spiel beginnt. Bist du ihm wirklich jemals entrinnt? Du dachtest es zu glauben, aber sieh hin, du wirst vor Begeisterung staunen!
Sophie
Schon bevor ich ihn spüren kann, rieche ich ihn. Seinen vertrauten Geruch, den ich so wahnsinnig liebe. Seine Schritte, die sich so langsam an mich heranpirschen, weil er denkt, dass ich ihn nicht bemerke, aber ich tue es. Ich bemerke ihn. Jedes Mal, wenn er das tut. Mich beobachten. Abwartend wie der Jäger, der er manchmal ist. Wir sind da, wo wir uns immer befinden – befunden haben.
Sämtliche Haare stellen sich an meinen Armen auf, als ich die Wärme seiner Brust an meinem Rücken spüre. Ich blinzle in die Dunkelheit und erstarre für eine volle Sekunde. Sein Atem streift mein Ohr. Seine Hand legt sich um meinen Hals und drückt meinen Kopf nach hinten. Ich falle ihm in die Arme. In das Nichts, in dem wir uns immer befunden haben, wenn wir uns nah waren und spüre mein Herz immer schneller klopfen. Es lässt mich atmen, beflügelt mich, gibt mir Sicherheit. Diese Verbundenheit und Vertrautheit zwischen uns existiert. Sie existiert mit jedem Atemzug. Mit jeder Bewegung. Mit jedem Sein. Wir waren WAHR und sind es noch.
Seine Lippen streifen mein Ohr, während seine Hand sich unter den Saum meines Negligés schiebt. »Egal, wie sehr du nicht mehr an uns glaubst, Gossenpüppchen. Du wirst mich niemals los. Ich werde immer bei dir sein. Du wirst immer mein sein, süße Sophie.«
Obwohl mir diese Worte Angst machen sollten, tun sie es nicht. Ich presse mich näher an ihn, will, dass er mich berührt. An den Stellen, wo es pocht und schmerzt. Er soll mich vergessen lassen und mir Heilung schenken. Mir die Sicherheit geben, die ich so dringend benötige. Seine Fingerspitzen streichen zärtlich über meinen Bauch, streifen den Saum meines Slips. Ich drücke meinen Rücken durch, schließe die Augen und höre mich leise wimmern. »Bitte!«
Sein leises Lachen kitzelt meinen Hals und das Ziehen und Pochen an meiner empfindlichsten Stelle wird drängender. Ich fühle mich bedürftig und hilflos. Will erlöst werden, den Schmerz nicht länger aushalten. So gerne möchte ich meinen Frieden finden.
»Du weißt, was ich hören will. Sag es! Dann erlöse ich dich.«
Während er in mein Ohr spricht, schiebt er seine Hand in mein Höschen. Meine Unruhe verstärkt sich und ich dränge mich ihm entgegen, doch er berührt mich nicht – verharrt an Ort und Stelle. Sein Daumen reibt ganz leicht über den Seitenstrang meines Halses, bevor er ihn fester drückt.
»Sag es, Sophie!«, befiehlt er leise.
Genießerisch verziehe ich die Lippen zu einem leichten Lächeln. »Ich gehöre dir, Kilian.«
»Ja!«, raunt er und streift mit seinen Fingern leicht meinen Kitzler. »Und das wird nie wieder anders sein«, sind die Worte, die ich gedanklich zuletzt höre, bevor ich die Augen öffne und wie eine Weltmeisterin hektisch atme.
»Scheiße!«, fluche ich so leise wie möglich, während ich meinen Kopf nach links drehe. Der Körper neben mir bewegt sich nicht. Sein Atem geht gleichmäßig. Was ein Zeichen dafür ist, dass er schläft. Zittrig wie jedes Mal, wenn ich so einen Traum hatte, setze ich mich auf und blinzle einige Male in die Dunkelheit, die ankündigt, dass es immer noch Nacht ist. So wie eigentlich immer, wenn ich wieder einmal von Kilian geträumt habe, schlage ich die Decke weg und erhebe mich total gerädert aus dem Bett. Leise, um Dean nicht aufzuwecken, schleiche ich aus dem Zimmer. Ohne nach einem Bademantel oder ähnliches zu greifen, schließe ich die Tür.
Ich schleiche durch den Flur hin zur Küche und knipse das Lämpchen der Abzugshaube an. Dann öffne ich den Kühlschrank und ziehe den Orangensaft daraus hervor, dabei kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Jedes Mal, wenn ich bei ihm schlafe, hat er eine Packung Orangensaft gekauft. Dean weiß, dass ich manchmal nachts wach werde und auch wenn mir dann mehr nach Schokolade ist, bin ich süchtig nach dem zuckrigem Getränk.
Während ich mir ein Glas aus einem seiner Einbauschränke nehme, denke ich an meinen Traum zurück. Mit jedem Mal, wenn ich von Kilian träume, wird es intensiver und ich frage mich, warum das so ist. Ich führe ein gutes Leben und arbeite in meinem Traumjob als Verlegerin bei „New Publish.”
Ich habe eine kleine Wohnung in Rhode Island und einen wirklich sehr süßen Freund, der sich an der Universität, die wir zusammen besucht haben, den Arsch aufgerissen hat. Als Architekt und dafür, dass er mich seine Freundin nennen darf. Dean und ich haben wirklich lange gebraucht, bis wir zusammen gekommen sind. Was größtenteils an mir lag. Er war geduldig, freundlich, nachsichtig und hat mir das Gefühl gegeben, der Richtige an meiner Seite zu sein. Schon alleine, weil er während des gesamten Studiums darauf gewartet hat, dass ich mit ihm ausgehe. Ich konnte es nicht. Ich hing einfach noch zu sehr an Kilian und das hat sich bisher nicht geändert. Warum kann ich Dean nicht lieben? Warum kann ich Kilian nicht vergessen? Warum sehnt mein dummes Herz sich immer noch nach ihm?
Ich setze das Glas an meinen Mund und nehme einen großen Schluck. Das kühle Getränke rinnt meine Kehle hinunter und ich spüre den fruchtigen Geschmack auf meiner Zunge, als ich es wieder absetze. Ein befriedigendes Stöhnen verlässt meine Kehle und mein Blick wandert zu der Digitaluhr auf dem Backofen. Es ist 4:01. Wenn ich jetzt zu Hause wäre, würde ich arbeiten. Bei Dean habe ich keine Arbeit und da ich ihn nicht wecken will, gleite ich auf dem Stuhl, der an seinem Tisch in der Küche steht.
Es ist so verrückt. Kilian und ich haben uns seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Das letzte Mal habe ich ihn an der Brown gesehen, als er mich mit Riley besuchen kam. Wir haben normal miteinander geredet und er hat mir am Ende des Gesprächs gesagt, dass er auf mich warten würde. Oft frage ich mich, ob er das wirklich getan hat. Gespürt habe ich davon jedenfalls nichts. Auch wenn wir nebeneinander her gelebt haben, ist er trotzdem in meinem Leben. Er nimmt nicht bewusst daran teil. Das nicht, aber er hat Kontakt zu meinem Vater und meinem Bruder. Mittlerweile teile ich mir sogar die Wochenenden mit ihm, so, als wäre er mein Stiefbruder. Auf eine ganz absurde Weise. Ich weiß, dass es daran liegt, und obwohl er mich in Ruhe lässt, ist er ja trotzdem präsent. Aber was soll ich tun? Meinem Vater und Will sagen, dass sie sich von ihm fernhalten sollen? Will ist verrückt nach ihm und ich weiß, dass Kilian ihn manchmal abholt, um etwas mit ihm zu unternehmen. Und er hilft meinem Vater. Er hat sich so sehr in das Leben meines Vaters und Bruders gedrängt, dass mein Vater ihn wie sein drittes Kind behandelt. Jedes Mal, wenn ich genauer darüber nachdenke, wird mir klar, wie krank das eigentlich ist. Alle Feiertage werden unter uns aufgeteilt, sodass wir uns ja nicht begegnen. Doch wir begegnen uns, immer und immer wieder in meinen Träumen.
Eine Bewegung reißt mich aus meiner Überlegung und ich sehe auf, als ich Deans Schemen erkenne. Er ist ein gutaussehender attraktiver Mann und ich bin gerne mit ihm zusammen. Von Liebe kann ich jedoch noch nicht sprechen. Ich habe ihn gern, aber mehr auch nicht.
»Da kann jemand wieder nicht schlafen«, sagt er rau, weil seine Stimme noch ganz verschlafen ist.
»Tut mir leid! Habe ich dich geweckt?«
Er kommt auf mich zu und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. »Von dir lasse ich mich gerne wecken.«
Lächelnd schließe ich die Augen und spüre seine Lippen auf meiner Stirn. Und da ist nichts außer Freude. Kein Kribbeln. Keine Gänsehaut. Es ist nicht seine Schuld, sondern meine. Viel zu oft vergleiche ich ihn mit Kilian, dabei könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Dean ist kleiner als Kilian, aber einen Kopf größer als ich. Das ist ja auch keine Kunst, da ich generell sehr klein bin. Seine muskulöse Brust ist gut trainiert, aber untätowiert. Er trägt keine Tattoos und hat auch mal verlauten lassen, dass er sie abstoßend findet. Sein Haar ist Schokoladenbraun, wohingegen Kilians Goldblond sind und seine Augen sind genauso blau wie meine. In einem Anzug sieht er unheimlich attraktiv aus, aber nicht so heiß und gefährlich wie Kilian. Und seine Hände können nur sanft sein, sie sind niemals grob. Was unser Sexleben wenig spektakulär macht. Er achtet immer besonders darauf, mir nicht weh zu tun. Selbst wenn ich ihm sage, dass er mich ruhig etwas härter anfassen kann, macht er es nicht. Er ist der Typ Blümchensex und das ist okay, aber mir fehlt die feurige Leidenschaft mit ihm. Ich sollte mich nicht beschweren. Er ist toll. Nett, witzig, charmant und kein Stück oberflächlich. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der verständnisvoller ist als Dean und dennoch bin ich nicht glücklich.
Seufzend lässt er sich auf dem Stuhl mir gegenüber fallen und sieht mich an. »Sophie Maus.«
Ja, und er nennt mich Sophie Maus, so als wäre er mein Vater. Irgendwas daran gefällt mir nicht. Kilian hat mich für alle Männer verdorben.
Während ich noch einen Schluck von dem Saft nehme, blicke ich ihn über den Rand des Glases an. Ich weiß, was er sagen wird und ich will ihm nicht darauf antworten. Ich schäme mich zu sehr.
»Ich weiß ja Bescheid, aber ich denke, es könnte noch ein paar Dinge geben, die ihr vielleicht doch klären müsst. Vielleicht sollten du und Kilian nochmal miteinander sprechen.«
Ich schließe die Augen, nehme aber nicht das Glas vom Mund. Ich habe wieder einmal seinen Namen im Traum gesagt, Super! Echt klasse, Sophie!
»Du verstehst, dass ich es nicht unbedingt gut finde, neben dir zu liegen, wenn du den Namen eines anderen stöhnst, ja?«
Zur Hölle, das wird immer schlimmer!
Er sieht mich an und wartet darauf, dass ich etwas dazu sage, das kann ich selbst durch meine geschlossenen Augen sehen. Also öffne ich sie und nehme das Glas vom Mund, um mich zu räuspern. »Es tut mir leid, Dean! Ehrlich, ich kann nichts dafür.«
»Ich weiß, dass du das nicht extra machst, aber trotzdem fühle ich mich nicht gut dabei.«
Verständlich!
Das ist jetzt schon das vierte Mal passiert, seit dem wir zusammen sind. Erst hat er nichts gesagt, aber als es das zweite Mal passiert ist, hat er mich darauf angesprochen. Dabei träume ich viel öfter von Kilian und mir. Manchmal sind es Sexträume, manchmal aber auch welche, in denen ich mich mit ihm streite. Manchmal quält er mich und manchmal liebt er mich. Es ist so verrückt. Nach so einer langen Zeit sollte man meinen, dass ich über uns hinweg bin, aber ich bin es nicht. Die Zeit mit ihm hat mich anscheinend für mein Leben geprägt. Dean habe ich nicht alles erzählt. Er weiß nur, dass ich eine Vergangenheit mit ihm habe und dass er der Grund ist, warum ich die Dartmouth verlassen habe. Kilian und seine reichen verkorksten Freunde haben mir von Anfang an das Leben schwer gemacht. Er hat mich benutzt, hintergangen, belogen und nebenbei mein Herz gestohlen, welches er bis heute immer noch besitzt.
Das ist nur die Kurzfassung. Die Vollversion könnte ein ganzes Buch füllen. Und das hier ist Teil zwei, weshalb ich mich nur auf die wesentlichen Dinge konzentriere. Sowie auf den Brief, den ich vor zwei Tagen in meinem Briefkasten hatte. Ein Brief, der wie ein Reim aufgebaut war und vermutlich der Grund ist, warum ich wieder mal von ihm geträumt habe. Die Vergangenheit holt einen ja doch immer wieder ein.
»Es tut mir wirklich leid, Dean«, sage ich nochmal, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll. Ich möchte ihn nicht anlügen und warte eigentlich nur darauf, dass er mich verlässt, aber er tut es nicht. Bisher zumindest nicht.
Er legt den Kopf schräg. »Du solltest mit ihm reden. Die Dinge klären, Sophie. Wenn es nicht etwas Unausgesprochenes geben würde, wärst du manchmal nicht so abwesend oder hättest diese schlaflosen Nächte. Ich werde das Gefühl nicht los, dass du mich nicht an dich ran lässt. Dein Körper sitzt zwar hier, aber dein Kopf und dein Herz sind ganz woanders.«
Er hat recht und ich fühle mich schrecklich, dass das so ist.
Ich greife nach seiner Hand und drücke sie. »Du bist ein toller Mann, Dean, und du verdienst nur das Beste«, sage ich, weil ich es wirklich so meine.
Dean mustert mich lange, dann holt er Luft und meint: »Du kennst meinen Standpunkt und weißt, dass ich mir ein Leben mit dir vorstellen kann. Aber du solltest dir dringend klar darüber werden, wen du an deiner Seite haben willst. Ihn oder mich.«
Wir sehen uns lange in die Augen und ich weiß, dass er mir deswegen nicht böse ist. Er wusste von Anfang an, dass es schwierig mit mir wird. Dennoch hat er das nicht verdient und er hat recht. Ich muss dahin zurück, wo alles begonnen hat. Nicht nur wegen Kilian, sondern auch wegen des Briefs, um herauszufinden, wer ihn mir geschrieben hat.