Prolog
Die Nacht war weder himmlisch noch höllisch. Sie war ein Schwebezustand, ein Ort zwischen Licht und Schatten, den kein Sterblicher, kein Engel und kein Dämon jemals betreten durfte. Hier, wo die Zeit stillstand, trafen sie sich.
Aurelith, Hohe Erzengelin, Wächterin der Reinheit. Ihr goldenes Haar schimmerte wie eine Krone aus Sternen, ihre violetten Augen waren kalt wie der Frost des Himmels.
Lucifer, der Morgenstern, gefallener Fürst, Herrscher der Finsternis. Seine Flügel waren halb verbrannt, halb majestätisch, seine Augen glühten wie Kohlen im Feuer.
Zwischen ihnen lag ein Geheimnis, geboren aus einer Sünde, die keiner von beiden je eingestehen wollte.
Das Kind.
Ein Mädchen, so zerbrechlich wie Licht, so gefährlich wie Feuer. Ihre Haut schimmerte blass, fast wie Glas, doch ihre Locken leuchteten in hellem Gold, als hätten die Himmel selbst sie berührt. Nur die Augen, diese seltsamen, violetten Augen, verrieten, dass sie nicht ganz rein war.
„Sie darf nicht bleiben“, flüsterte Aurelith, ihre Stimme ein zitterndes Schwert. „Der Himmel duldet keine Fehler. Keine Vermischung.“
Lucifer lachte leise, ein dunkles, vibrierendes Lachen, das selbst das Schweigen der Ewigkeit durchbrach. „Fehler? Sie ist kein Fehler, Aurelith. Sie ist Vollkommenheit. Der Beweis, dass Himmel und Hölle nicht unüberwindbar sind.“
Aureliths Hände zitterten, als sie das Kind an sich drückte. „Nein… sie ist ein Makel. Eine Gefahr. Wenn der Rat es erfährt, wird sie verbannt. Oder vernichtet.“
Lucifers Augen funkelten, golden für den Bruchteil eines Augenblicks, bevor das Glühen wieder zu brennender Glut wurde. „Dann lass sie bei mir. In meiner Welt wird sie überleben. Ich mache sie stark. Stärker als jeder Engel, stärker als jeder Dämon. Sie wird niemandem gehören, nur sich selbst.“
Aurelith schwieg, doch ihre kalte Miene verriet alles. Sie hatte längst entschieden.
Und so wurde das Kind verstoßen, kaum dass es den ersten Schrei ausgestoßen hatte.
Von den Himmeln verleugnet.
Von der Mutter verbannt.
Nur von der Dunkelheit willkommen geheißen.
Lucifer trat aus dem Schwebezustand zurück in die Hölle, das Bündel in seinen Armen. Seine Stimme hallte wie ein Schwur über die endlosen Ebenen aus Feuer und Schatten:
„Aus Gold wird Asche. Aus Licht wird Feuer. Und meine Tochter wird all das verbrennen, was ihr zu zerstören wagt. Seralucia, Kind des Morgensterns, du wirst das Ende ihrer Reinheit sein.“
