Im Schutz der Sterne - Kurzgeschichtensammlung

All Rights Reserved ©

Summary

Kurzgeschichtensammlung Glanz oder Kummer. Besteht das Potenzial zum Helden? Eine jede Geschichte verdient es angehört zu werden. Urteile selbst. Cover: KI erstellt

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
13+

Ein Ärgernis kommt selten allein!

Majestätisch kreist der Adler über dem Wasser. Geduldig. Hochkonzentriert ungeachtet des Publikums. Innere Ruhe und Selbstregulation trainiert Sadie vergebens. Ihr Temperament dreht einfach immer wieder mit ihr durch. Selbst in diesem Moment, wo um sie herum, die Vogelschar den Atem anhält und gebannt beobachtet, wie sich der Jäger mit den Beinen voran hinabstürzt, um sich ein paar Flügelschläge später mit Beute hinauf in den Himmel zu wagen. Die Schwärmerei beginnt, woraufhin Sadie den Kopf zurücklegt und hofft, der strahlende Himmel bessert die Laune. Aber kaum wird der gefangene Fisch als fette Beute betitelt, kann sich Sadie nicht länger zurückhalten.

„Der soll erst einmal einen Wal aus dem Wasser ziehen, dann können wir hier von einem richtigen Fang sprechen!“

Der Kopf schaltet zu spät und das darauffolgende Gelächter war absehbar. Die drolligen und kleinen Trauerschnäpper umzingeln Sadie und treiben ihre Späße mit ihr. Die Tarnung als Kanadawaldsänger darf einfach nicht auffliegen. Doch in dem winzig kleinen Körper wirkt Sadie machtlos. Sie mag zwar ihr schwarzgestricheltes Gefieder und den gelben Unterbauch, aber in dieser niedlichen Gestalt wird sie nicht ernstgenommen. Zum Schein muss sie auch noch singen, denn bei der Wahl der Tarnung übersah sie das entscheidende Detail als Singvogel. Eine Bestrafung für das Umfeld und auch für sie. Mit schriller Stimme und falschen Tönen hat sie sich bereits viele Beschwerden und Flüche anhören dürfen. Das Singen bereitet ihr auch keinerlei Freude, anders als bei ihrer Schwester.

Hinter Sadies Tarnung als Kanadawaldsänger versteckt sich jedoch in Wahrheit der stolze Thunderbird. Wohnhaft in Südosten Kanadas im vielfältigsten Kootenay-Nationalpark. Voll mit klimatischen Kontrasten. In höheren Lagen haben sich Gletscher gebildet, während es im Osten überwiegend Regenzeit herrscht, aber andere Täler oft der Dürre ausgesetzt werden. Dürre. Ein entscheidender Punkt. Sadie liebt ihre Heimat und kann sich das strohige Gras und den rissigen Boden kaum länger ansehen. Ihr Einsatz muss her, bevor nur noch Staub überbleibt. In ihrer Ruhephase als kleiner Singvogel wurde genug Energie getankt, um zur vollen Pracht heranzuwachsen, um Mutter Erde den gewünschten Regen zu bringen. Außerdem hat die geliebte Schwester Kiana in wenigen Stunden Geburtstag. Als stolze Schwester des Phönix will sich Sadie die Chance aufs persönliche Gratulieren nicht entgehen lassen. Was natürlich nicht heißen soll, dass Sadie bewusst ihre Verwandlung verzögerte, nur um an diesen einen wichtigen Tag im Jahr ihr Schwesterherz zu besuchen. Nein, Sadies Entscheidung hat natürlich nichts Egoistisches...

Übertrieben heftig klatscht der Flügel eines Trauerschnäppers gegen Sadies Rücken. So ähnlich müssen sich Godzillas bebende Schritte anfüllen.

„Es gibt wirklich keinen Grund eifersüchtig zu sein, wo du beim Jagend scheiterst, macht deine tödlich klingende Stimme wieder weg...“

Ein Schauer läuft Sadie über den Rücken. Ihr Körper quittiert ihr kurz den Dienst und spielt auf erstarrt. Wie ein Blitzschlag treffen die Worte ein. Über die Größe oder über den dicken Bauch zu spotten ist eine Sache. Aber das Jagdverhalten in Frage zu stellen eine andere. Dass Sadie als Singvogel versagt, gibt sie zu, und doch hat sie eine Schwäche für menschliche Musik. Eins der guten Dinge, die die Menschen mit sich bringen. Doch nun gilt es zum Gegenschlag auszuholen. Denn kaum hat sich der Geist gefangen, sieht Sadie rot. Denn sie wird unterschätzt. Die Vogelschar sieht nur den kleinen, fetten Singvogel, aber nicht das versteckte Potenzial. Es gibt vieles, was Sadie an der Menschheit stört. Eine nichtendende Liste. Aber die Menschen sind zielstrebig und wachsen über sich hinaus. Während ein jeder Bewohner des Kootenay-Nationalparks sich mit mittelmäßiger Leistung zufrieden stellt und das Bequeme akzeptiert. An die Scharr Trauerschnäppern hat Sadie somit keinerlei Erwartungen. Bewundern, aber nicht an sich selbst arbeiten. Mit so etwas will Sadie keine Sekunde länger verbringen. Im Affekt drückt Sadie den frechen Knirps zur Seite. Mit zu viel Kraft. Ausgelöst durch den Zorn, der ihren Körper leicht wie eine Feder fühlen lässt. Beim Geschrei über den stürzenden Vogel bläst Sadie vor Frust das Gefieder auf.

„Schon vergessen, dass der Flügel hat? Dem passiert nichts!“

Doch ihr Atem ist verschwendet. Sorgenvoll beugen sich die anderen hinab, dabei breitet der Wicht wie vorhergesagt die Flügel aus und gleitet weniger elegant als der Adler über das Wasser.

„Seht ihr? Völlig unnötig eure Sorgen!“

Sadie kommentiert gern und überflüssig, was ihr wieder mal Ärger aufhalst. Denn kaum ist der Schrecken abgewandt, dreht sich die Schar um und funkelt sie feindselig von allen Seiten an.

Mist! In diesem Körper kann ich mich nur kugeln und etwas flattern. Besser ich verdufte schnell. Welch eine Blamage! Dabei habe ich es eigentlich nicht nötig, zu fliehen!

Die Krallen bohren sich tiefer ins Holz, um die geheime Fluchttechnik anzuwenden. Die Blicke der Narren sind göttlich, als sich Sadie mit Schwung rückwärts fallen lässt und gleichzeitig wieder hochzieht. Wieder und wieder. Schneller und Scheller. Unter dem Gewicht wackelt der Ast bedrohlich und die Ersten nehmen bereits etwas Abstand. Noch immer starren sie mit großen Augen. Ungläubig ohne zu blinzeln. Mit genügend Geschwindigkeit und Schwung lässt Sadie rechtzeitig los und schießt durch die Lüfte wie eine Rakete. Sie hört die Menge raunen, bis sie ihnen bewusst wird, wer eigentlich das Weite sucht. Die Verfolgung wird umgehend aufgenommen, aber Sadie lacht zuversichtlich, denn im Affenzahn hat sie bereits eine ordentliche Distanz hinter sich gebracht.

Kaum sind die Trauerschnäpper abgehängt, besteht Sichtkontakt zum gewünschten Ziel. Eine alte Holzhütte. Versteckt in den Wäldern und noch immer bewohnt. Larry ist das beste Beispiel für die Unvernunft der Menschheit. Seine Anwesenheit hat Sadie beim Erstkontakt fast einen Herzinfarkt beschert. Leblos liegen seine Gebeine im Wohnbereich. In einem alten Sessel nah seines geliebten Schlagzeugs und der Musikanlage. Der Schreckensfund war das eine, was danach passierte, war viel unheimlicher als nur der Anblick seiner blanken Knochen. Denn Musik hat eine belebende Wirkung. Auch auf die Toten. Damals aktivierte Sadie per Zufall mit der Landung die Musikanlage. Den nötigen Strom lieferte der Thunderbird dank der Gabe. Kaum rockte die Hütte, erwachte das Skelett zum Leben und feierte wie Sadie die Rockmusik aus den Boxen. Larry unterhielt sich mit einem Vogel, als seien sie die besten Freunde und Sadie muss gestehen, dass sie den Reiz an den Unterhaltungen mit der verpeilten Seele schätzen gelernt hat. Vielleicht verschuldet aufgrund der Einsamkeit. Außerdem ist ihre Deckung bei dem Skelett aufgeflogen. Daher versichert sie sich immer aufs Neue, dass Larry sein Versprechen hält, nichts auszuplaudern.

Ganz aufgeregt durchfliegt Sadie den verstaubten und von Unkraut überwucherten Eingang der Hütte. Rein in Larrys Reich. Ganze vier Jahre liegen zurück, seitdem Sadie ihre Meinung gegenüber dem Paranormalen änderte. Ein Blick umher zeigt, dass Larry einiges an Arbeit bevorsteht. Ein kleiner Grundputz, schließlich ist eine Dame anwesend. Daher wird es Zeit, die alten Knochen zu wecken. Wie zum Zeitpunkt des Todes chillt Larry auf dem Sessel. Geduldig wartend auf ihre Rückkehr. Die verstaubte Musikanlage bietet den perfekten Landeplatz und schon beim Ansteuern sammelt Sadie genügend Energie, die sie mit ihren Flügelschlägen freisetzt. Die Entladung schwingt von ihren Flügelspitzen hinab. Die kleine Blitze umhüllen die Anlage wie einen zusätzlichen Käfig. Surrend melden sich die ersten Töne der Technik. Laut und bellend. Geübt bedient Sadie das Menüfeld und als die ersten Gitarrenklänge erklingen, schaut der Thunderbird aufgeregt rüber zu dem einzigen Menschen, mit dem sie Kontakt pflegt. Musik hat mehr Macht, als angenommen. All die Emotionen, die dabei aufkommen, lassen selbst tote Knochen erwachen. Musik speichert Erinnerungen und haucht ihnen Leben ein. Der bekannte Rhythmus verknüpft Körper und Geist, denn Larrys Seele wandelt noch immer an jenen Ort. Sein Spuk ist selbst in der Tierwelt in aller Munde. Der Geruch nach Asche und Qualm, sowie andere Substanzen lässt sich rund um die Hütte ständig erschnüffeln. Türen setzen sich immer wieder in Bewegung und ab und zu zeigt sich Larrys alte Gestalt in den Fenstern. Der Kerl mag seine seltsamen Angewohnheiten haben und das Leben zu gut genossen haben, dennoch scheint er der Tierwelt friedvoll gesinnt zu sein. Denn er winkt freundlich in die Runde und lächelt viel.

Die Musik aktiviert das Gedächtnis des Ruhelosen, denn Larry verschlägt es wie immer direkt ans Schlagzeug. Tänzelnd. Zwar sind seine Bewegungen zu Beginn holprig, steif und unbeholfen. Der Prozess der Verknüpfung braucht jedes Mal aufs Neue ein paar Anläufe. Meist greift Larry in die Leere, diesmal jedoch verfehlt er den Sitz und stürzt zu Boden. Noch ehe Sadie nach dem Rechten sehen will, lacht Larry lauthals über seine Tollpatschigkeit. Er kämpft sich schnell auf die Beine. Sadie begibt sich in die Lüfte und umkreist ihn aufgeregt. Sie steuert ihren Ehrenplatz an und landet auf seinem rechten Schlüsselbein. Von wo, sie das einzigartige Spektakel aus nächster Nähe betrachten kann. Mit Leichtigkeit stimmt Larry in das Lied ein und findet die Noten gekonnt. Die Sticks schwingt er meisterhaft und seine Stockhaltung ist locker flockig wie bei einem Profi.

Die Welt um Sadie wird kurz vergessen. Bis sich Larry erhebt und der Saft aus der Anlage weicht. Sadie erkennt ihre Nachlässigkeit. Sie hat zu wenig Strom reingehauen. Zu spät erkennt sie, dass Larry den verstaubten Bierkasten öffnet und die nächste Flasche leert. Ein lautes Seufzen entweicht ihr, denn das schale Bier läuft durch die Knochen und hinterlässt mal wieder eine riesen Sauerei.

„Ups. Irgendwie habe ich ein Déjà-vu“, meldet sich Larry ganz verdattert mit seiner rauchigen Stimme.

Sadie kann nur den Kopf schütteln, bevor sie ihren Missmut ausspricht: „Mhm! Du musst eh putzen! Siehe dich mal um, es gibt viel zu tun.“

Larry stellt die Bierflasche ab und nimmt sich die Unverschämtheit heraus, sie von der Schulter zu nehmen. Auf seinen Händen sitzend funkelt sie ihn böse an, doch das Skelett lächelt.

„Sadie-Schatz! Ist es wieder soweit?“

Ein kurzes Nicken, und der aufgedrehte Kerl dreht sich schwunghaft Richtung Fenster. So schnell, dass sie ihre Flügel öffnet, denn sie fürchtet, einfach fortgewirbelt zu werden. Kaum sind die Fensterflügel geöffnet, weht frische Luft hinein und die Sonnenstrahlen wärmen das Herz des Vogels sowie des Ruhelosen.

So schön der idyllische Moment mit dem Blick in des sonnengeküssten Waldes auch sein mag, meldet sich die Aufbruchstimmung bei Sadie.

„Erinnerst du dich an den Putzplan, Larry?“

Den haben beide gründlich ausgetüftelt und so langsam haben sich die Arbeiten eingebrannt. Nur kurz lässt sich das Skelett hängen. Was für eine mangelnde Arbeitsmotivation. Doch es gibt einen Deal. Denn der Thunderbird belohnt Larry schließlich mit der regelmäßigen Wiedererweckung, wenn er dafür die Hütte in Takt hält und während ihrer Abwesenheit über ihre Heimat wacht.

„Jawohl, Chef. Wollen wir die Route besprechen?“

Nur kurz späht Sadie rüber zu der großen Landkarte. Diesmal verreist sie länger und viel weiter. Ihre Schwester hat sich schließlich in Großbritannien eingenistet.

„Nicht nötig, ich weiß, wohin es mich verschlägt. Kiana hat schließlich heute Geburtstag.“

„Oh...“ Erst nachdenklich kratzt sich Larry an seinen glänzenden Totenschädel, an dem sich Sadie schon länger eine Perücke vorstellt. Langes Haar würde dem Rocker sicherlich umso sympathischer wirken lassen, sodass die Überlegung besteht, auf dem Heimweg eine zu organisieren. Larry scheint nicht hellste Kerze zu sein und doch wittert er die Chance auf mehr Auslauf. „Heißt das, ich kann meine müden Knochen länger bewegen?“

Sadie nickt zögerlich, bevor sie ihn mit schmalen Augen anstiert. „Brenn die Hütte nicht ab und benimm dich!“

„Schon klar, Chef.“

Und doch hat Sadie ihre Bedenken. In seinem Kopf spukt nur Blödsinn und Albernheiten.

„Also gut, ich habe eine lange Reise vor mir. Daher müssen wir unsere Unterhaltungen vertagen.“

Larry eilt aufgeregt zu seinem Schlagzeug für ihr kleines Ritual. Sadie hingegen kehrt zurück zur Musikanlage. Diesmal landet mehr Saft in die Box. Aus dem Stegreif entlädt sich der Thunderbird. Nur ein kleiner Teil ihrer Macht. Genug, um die Hütte tagelang mit Strom zu versorgen. Gemeinsam mit Larry wurde das Ding an eine robuste Batterie angeschlossen, die extrem starke Stromstöße standhält. Eine gestohlene Erfindung von Leuten, die sich genau damit befassen, Blitze für ihr Energieproblem zu nutzen. Auch wenn Larry als Geist die Gabe besitzt, tote Leitung zu erwecken. Zeuge wurde Sadie tatsächlich von dem Phänomen. Immer dann wenn starke Gefühle aller Art aufkochen und den Geist überwältigen.

Der Lieblingssong ist schnell gefunden und gewählt. Passend für Sadies Verwandlung. Es war Larry, der sie mit dem Lied vertraut machte. Es war Liebe von der ersten Strophe an. Auch nun schlägt das Herz laut und ungebremst. Nur kurz lauscht Sadie Larrys Rhythmus zu Thunder von ACDC, bevor es mit kräftigen Flügelschlägen vorangeht.

Spiel so laut du kannst, Larry! Ich will dich noch meilenweit hören!

Die Breite und Größe der Eingangstür sind gut durchgerechnet und die Verwandlung wird zwar gestartet, aber in die Länge gezögert, damit Sadie nicht im Rahmen stecken bleibt. Das Gefieder wächst in die Länge und färbt sich dunkel mit einem bunten Glanz, wo Pfauen neidisch werden können. In voller Größe zu erwachen und die alte, kleine Hülle abzulegen fühlt sich wie wahre Freiheit an. Die beengte Rolle eines winzigen Singvogels fühlt sich an wie ein Käfig. Die Tarnung dient dem Schutz und doch fühlt es sich an wie Bestrafung. Macht zu unterdrücken ist ein schmerzhaftender Prozess für Körper und Psyche. Kaum sind die Ketten gesprengt, materialisiert sich die Gabe und leuchtende Blitze, die an Schlangen erinnern, liegen wie ein eleganter Schal um den Hals und Flügel. In einem gesunden Abstand zum Federkleid. Die heiligen Schwingen erreichten die doppelte Länge eines Kanus.

Trügerisch wirkt der strahlend blaue Himmel. Aber von der ersten Sekunde an des Erwachens ziehen Wolken auf. Angesteuert werden Lavendelfelder. Wohin das Auge reicht tauchen die Blüten die Landschaft in ein leuchtendes Lila. Begleitet von dem beruhigenden und charakteristischen Duft. Eine der wenigen Pflanzen, die Sadies Zorn besänftigt bekommt. Ein paar kräftige Flügelschläge und sie wirbelt den Duft auf. Einzelne Blütenköpfe lösen sich und steigen mit in die Lüfte. Ein Stück Heimat, das Sadie noch einige Kilometer begleitet. Ihr geliebter Lavendelwind. Bei dem das Herz höher schlägt. Ein Blick hinauf zeigt die beeindruckende Wolkendichte und auch die Natur reagiert mit aufgeheizter Luft.

Die Provinz British Columbia beeindruckt bereits mit den Landschaften, doch der Nachbar Alberta wirkt noch unberührter. Nur die wenigsten Menschen wissen dies zu schätzen. Selten verirren sich welche an jenen Ort, den Sadie zuerst als zuhause in Betracht gezogen hat. Ein Ort mit endloswirkenden Steppen und bizarren Felsformationen. Schluchten, wohin das Auge reicht. Wald- und Wassereich. In Alberta begrüßt die Dürre den Thunderbird. Durstig hängen die Köpfe der Blumen hinab und das Gras verlor an Farbe. Es erinnert mehr an Stroh. Nun ist Rettung unterwegs. Dunkel und schwer hängen die Wolken. Bereit, den Wachstum der Pflanzen zu sichern. Die Windstärke nimmt stetig zu. Eine angenehme Brise pustet Sadie durchs Federkleid und bringt die gewünschte Kühle nach den heißen Sommertagen. Begleitet von dem starken Lavendelduft. Für den gewünschten Regen fehlt nur eine kleine Prise Zorn. Die Menschheit liefert ihr genug Treibmittel: Umweltsünde, Amtsbehinderung, purer Egoismus, schmälender Respekt gegenüber den Schutzbringern ... Die List ist lang und wirkt endlos. Es bedarf keinen zweiten Versuch, um Funken zu entzünden. Geballte Energie wird gierig aufgesaugt vom Himmel. Mit offenen Armen empfängt dieser all den angestauten Frust und zurück bleibt eine befreiende Leere.

Ein kurzer Frieden. Ein Blick hinab und die Zornbatterie ist schon zur Hälfte aufgefüllt. Menschen! Todesmutig trotzen sie ihrem Fluchtinstinkt und unterschätzen die Naturgewalten. Unterschätzen das Unwetter, das der Thunderbird mit sich bringt. Ein Sturm zieht auf. Die gesamte Tierwelt hat sich verdrückt und Schutz gesucht. Nur die Menschen sind von Neugier getrieben und spielen bereitwillig mit ihrem Leben.

Trottel! Wohin das Auge blickt. Dieser kommt auch noch allein. Ausgerüstet mit der neusten Technik und einem strahlen Gesicht, als sei er Zeuge vom wohl schönsten Sonnenuntergang. Eine hagere Gestalt, klein und gewappnet mit einer Brille. Kein Schwergewicht, das einem Sturm trotzen kann. Schon leichte Winde werden die todesmutige Seele in die Lüfte reißen. Das mobile Radar-System spricht für einen Tornadojäger. Ein Gerät zur Messung der Windgeschwindigkeit mit Schall. Aber noch befindet sich das Unwetter im Aufbauprozess. Die Gewitterzelle hat zwar genug Potenzial, doch es wird dauern, bis sich ein Wolkentrichter am Boden bildet.

Sadie mag aus großer Entfernung gestochen scharf sehen und doch wird sie das Gefühl nicht los, dass an der Anwesenheit des Menschen etwas faul ist. Das am Boden verteilte Material spricht für ein Zelt, das in Eile abgebaut wurde, aber die Zeit fürs Wegräumen nicht reichte. Die Richtung, wohin der junge Mann seinen Kopf schwenkt, lässt den Verdacht keimen, er habe sie auf dem Schirm, aber das wäre unmöglich! Aus der Entfernung sollte es keinem Menschen vergönnt sein, sie ausfindig zu machen. Ungeachtet ihrer Größe. Die Erkenntnis lässt sie erschaudern, denn die Technik der Menschen schreitet immer weiter fort und das gewaltige Ding, womit er in die Wildnis reiste, könnte sie verraten. Die Möglichkeit besteht! Vielleicht handelt es sich um keinen Sturmjäger, sondern um einen Menschen, der Jagd nach Mythen und Legenden macht. Sollten die Vermutungen stimmen und der Mensch Erfolge erzielen, dann beginnt die Hetzjagd. Alte Gefühle und unschöne Erinnerungen keimen hoch. Kiana wurde schon einmal geschnappt und in Ketten gelegt. Eingesperrt in einen Käfig und begafft. Sie vergoss einen See an Tränen und ihre Gefangenschaft nahm ihr die Anmut und den Glanz, den der Phönix ausmacht. Ihre Flammen drohten zu ersticken und ihr Herz schlug zu ruhig. Zu leise. Um dem Versprechen nach ihrer Rettung gerecht zu werden, gilt es, die Technik zu zerstören. In der Hoffnung, das Ganze befindet sich noch in der Entwicklungsphase und ein Versagen kostet dem Burschen den Job.

Kräftige Flügelschläge mit trommelndem Donner verkünden den Zorn des Thunderbirds. Auf der Stelle schwebend bereitet sich Sadie auf die Entladung vor. Sie sammelt so viel Energie wie möglich, sodass von dem Fahrgestell nichts mehr übrig bleiben sollte. Ein ermüdender Prozess, auf den Sadie nicht ganz zu oft zurückkommen darf, denn ansonsten wird sie die Reise zu ihrer Schwester nicht bewerkstelligen können. Doch zu viel steht auf dem Spiel, dass der Mensch Erfolge erzielt. Zum Schutz aller Beschützer der Mythologie gilt es aufs Ganze zu gehen. Das Energieknäuel lässt sich kaum länger halten. Um gesundheitliche Risiken zu beugen, muss die Energie schnell abgeleitet werden, bevor das Herz an der Last zerbricht. Kaum werden die Flügel ruhig gehalten und zur Wolkendecke hochgestreckt, befindet sich Sadie im freien Fall. All die Macht, die ihren Körper verlässt, erhellt die Landschaft und wird jeden Narren erblinden lassen, der ins grelle Licht blickt.

Der Boden nähert sich gefährlich. Handelt Sadie nicht schnell genug, kann es ihr Leben kosten. Aber kaum werden die Flügel ausgebreitet, erfassen sie ihre Lavendelwinde und treiben sie hinauf in die Lüfte. Zufrieden beobachtet der Thunderbird das Spektakel über ihrem Kopf, wo sich der Strom fortbewegt und über dem Fahrzeug sammelt, um sich dort gewaltsam zu entladen. Nicht ein Blitz, sondern eine Säule aus einem ganzen Geflecht. Kaum wird das Ziel getroffen, kommt es zu einer gewaltigen Explosion, dessen Druckwelle selbst den Thunderbird zurückdrängt. Die Erde bebt und der Schrei des Menschen klingt nicht fern. Der Glückspilz hat die Gefahr rechtzeitig erkannt und traf die richtige Entscheidung, seine Beine in die Hand zu nehmen und sich schnell in Sicherheit zu begeben. Weit genug, um der Sache unbeschadet zu entkommen.

Womit Sadie jedoch nicht rechnete, ist ein Komplize. Getarnt und aus einem sicheren Versteck folgt der Schuss, der den Thunderbird streift. Unzählige Federn verteilen sich in der Luft. Der Schaden lässt sich kaum richtig ausmalen und doch zeigt sich, dass einige Federspitzen beschädigt sind, sodass Sadie vor Schreck sich für den Landeflug entscheidet. Auf einem Felsen soll der Schaden begutachtet werden, nur irritiert sie ein unnatürliches Brummen. Aus dem Augenwinkel fallen Sadie blinkende Lichter auf. Zu gut versteckt, um aus der Luft ausgemacht zu werden. Surrend erheben sich fliegende Objekte. Kleine Silberkugeln mit einem kleinen Sensor in der Mitte. Ein jede schwebt hinauf, um einen Käfig aus roten Lasern zu erschaffen. Groß genug, um den Thunderbird und eine gute Fläche einzusperren. Sadie bleibt keine Gelegenheit, der List zu entkommen. Oft überschätzt sich der Mensch. Aber selbst eine geballte Ladung Blitze überlastet die Technik nicht. Das Blitzgewirr erstreckt sich im gesamten Raum, aber findet keine Lücke hinaus. Noch ehe der Strom verschwindet, empfängt Sadie diese mit offenen Armen. Ihr Körper speichert die Energie für ihren nächsten Schachzug. Die Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, als der Thunderbird zu einer verzweifelten Maßnahme gezwungen wird. Zu einer List. Sadie beginnt zu schrumpfen und legt das Kostüm des kleinen Singvogels an. Noch unbeobachtet hüpft sie voran zu den vielen Sträuchern. Ein gutes Versteck, um den nächsten Schritt zu planen.

Sicher im Verborgenen wird die Geduld auf die Probe gestellt. Ein hyperaktives Wesen wie Sadie kann nicht still sitzen bleiben und vertreibt daher ihre Zeit mit Rumgehüpfe. Immer schneller und höher. In ihr tobt so viel Macht, die raus will. Überschüssig Energie, die sich kaum länger halten lässt. Das Gewitter zieht ohne sie weiter. Hoffentlich beeilen sich die Menschen, damit ihr Werk nicht verloren geht.

Trottel! Alles nur Trottel! Sie unterschätzen den Thunderbird. Halten sie für riesengroß, was werden sie wohl staunen bei ihrer Ankunft. Leere werden sie vorfinden und glauben, der Fang ihres Lebens sei entkommen. Sadie bezweifelt, dass sie von der Formwandlung wissen. Sie unterschätzen jene auserkorene Beschützer der Erde. Und tatsächlich nähern sich Schritte. Den Profi erkennt Sadie allein an seinen leisen, fast kaum hörbaren Schritten. Gang und Körperhaltung sprechen für einen Soldaten. Auch dem Atmen hält der Fremde kontrolliert. Der Overall dient der Tarnung. Grün und Brauntöne, die ihn hinter Blattwerken schwer erkennbar machen. Das Scharfschützengewehr angewinkelt. Eisblaue Augen. Hart wie gefrorenes Wasser. Empathielos und verschlingend. Nur ein Schnaufen vermittelt den Frust. Sadies Vorfreude vergeht ihr in dem Moment, als sie das Monster zu Gesicht bekommt. Ihn hätte sie nicht bemerkt, würde sich sein Kollege nicht wie eine Horde Elefanten bewegen. Der Kerl vom fahrbaren Messgerät tritt auf sämtliche Zweige und keucht, als habe er einen Marathon hinter sich.

Was für ein starker Kontrast das Team doch abgibt. Ein genauerer Blick und Sadie erkennt, dass sie keinen der beiden unterschätzen darf. Der Brillenträger mag vielleicht unbeholfen wirken und doch beweist er mit dem Schwall Worten, das er sich mit schwieriger Materie befasst. Allgemeine Relativitätstheorie wie sich schnell zeigt. Der Kerl analysiert das Verschwinden vom Thunderbird. Sein erster Gedanke: Ein Wurmloch. Eine Menge wirrer Daten werden in den Raum geworfen und sein Partner macht zuerst nicht den Anschein, ihm ein offenes Ohr zu schenken. Bis er in die Knie geht und das Gefängnis aus einer anderen Perspektive betrachtet und sogar hinterfragt.

„Interessante Theorie, Doktor. Wie mögen Sie diese These belegen und überprüfen. Eine Brücke hinterlässt sicherlich Spuren. Führen Sie die Technik mit sich, um Anomalien ausfindig zu machen?“

Bedrohlich schleifend und tief klingt die Stimme des vermeintlichen Soldaten. Sadies Fluchtinstinkt meldet sich. Jede Körperzelle will schnell eine gewaltige Distanz zu diesem Mann legen. Der Angesprochene schnippt freudig mit den Fingern.

„Im Wagen. Ist schnell geholt!“

Damit eilt er voller Elan fort. Und zurück bleibt das Monstrum von Mensch. Der kalte Blick schweift durch das abgesperrte Areal. Scannt jeden Zentimeter nach Hinweisen. Sadie fürchtet aufzufliegen, indem sie Spuren zurückließ. Immer dann wenn der Kerl in ihre Richtung blickt, fühlt sich das Versteck nicht mehr sicher an. Seine Aura versteckt so viel Dunkelheit, dass sich Sadie für winzige, machtlose Beute hält. Dieser Kerl verschluckt Licht und Hoffnung. Je mehr Zeit verstreicht, desto schneller schlägt Sadies Herz vor Furcht und Sorge.

Diesmal rollt der Brillenträger mit einem Geländewagen an. Vollgepackt mit Technik im Kofferraum. Dieser mag verdeckt sein, aber Sadie spürt die starken Magnetfelder. Eine lästige Angelegenheit. Sie sollte besser verschwinden, bevor der Aufbau im vollen Gang ist. Freudestrahlend schlägt der Forscher die Wagentür auf und mit einem Knopfdruck schaltet er die Laserstrahlen ab. Der Weg in die Freiheit ist zum Greifen nah. Noch blickt Sadie skeptisch, aber sie findet keine gefährliche Amartur, die sie aufhalten könne. Das Monstrum von Mensch dreht sich zu seinem Partner, da hüpft Sadie aus ihrem Versteck. Sie war nicht untätig, denn die Fluchtroute mit den meisten Verstecken ist bereits gewählt.

„HEY!“

Der Ruf lässt sie erstarren. Mit klopfenden Herzen dreht sich Sadie um. Ein Schulterblick genügt, um zu sehen, dass nicht sie gemeint war. Mit wutverzerrter Maske pampt der gemeinte Soldat seinen Kollegen an. „Bist du bescheuert? Wieso stellst du den Käfig ab? Und wieso führst du ein EMF-Gerät mit dir? Wir suchen keine elektromagnetischer Felder sondern Gravitationswellen!“

Unbeeindruckt von dem Vulkanausbruch schreitet der Brillenträger zuversichtlich voran. „Reine Vorkehrungen, mein Freund.“

Mit dem Ding wird er Ergebnisse erzählen, das ist sicher! Die Rückstände von Sadies Macht sind messbar. Kaum zu Ende gedacht schlägt das Ding auch schon aus. So wie das Sonnenlicht in der Brille reflektiert und das Grinsen des Forschers einer Sichel nahekommt, fällt es dem Thunderbird schwer, zu bestimmen, wer gerade von den beiden Menschen furchteinflößender sei.

Dieses Duo im Nacken zu haben wäre ein Problem. Noch kann Sadie handeln. Mit eigenen Augen macht sie die Fernbedingung aus, womit sich das Lasergefängnis bedienen lässt. Jetzt muss nur noch der andere in den gewünschten Bereich gelockt werden. Aber als Thunderbird steht Sadie eine ungeheure Macht zur Verfügung, die sie zu nutzen weiß. Auf ihren Wunsch färbt sich der Himmel. Im Wolkenstrudel braut sich direkt über ihnen ein Gewitter zusammen und verdeckt die Sonne. Bereits die Körperbehaarung reagiert auf Sadies Zorn. Die Menschen werden gewarnt. Dem Forscher stehen die Haare zu Berge. Ein Zeichen, dass der Blitz ihn in Betracht zieht. Aber noch ehe einer der beiden klugen Köpfe schalten kann, entlädt sich die Wolke über ihnen. Nicht nur ein Blitz donnert hinab, sondern direkt drei vier. Betroffen sind wenige Bäume in unmittelbarer Nähe. Der gewünschte Effekt tritt ein. Der große Mensch springt mit dem Schrecken voran in das Areal. Sadie fasst sämtlichen Mut zusammen und erhebt sich in die Lüfte. Noch immer als kleiner Singvogel. So bleibt sie zuerst unbemerkt und es fällt ihr leicht, dem Forscher die Fernbedingung zu entwenden. Diese reißt sie ein gutes Stück von ihnen fern zu Boden und setzt sich provokativ davor, sodass sie Blickkontakt zu den beiden hat. Der Forscher hat den Mund vor Erstaunen geöffnet, während der Kopf des anderen schaltet.

„NICHT!“

Sein Ruf ist jedoch nur verschwendeter Atem, denn Sadies springt auf die Fernbedingung und aktiviert die Laser. Zwei kluge Köpfe – eingesperrt wie Zootiere. Die Blicke – göttlich. Ihnen wird die missliche Lage allmählich bewusst. Zusammen finden die beiden sicherlich eine Lösung. Doch da wäre noch ein anderes Problem...

Die Technik der Menschen schreitet immer weiter fort. Eigentlich beeindruckend, würden sie nicht die Folgen ausblenden. Dieser Forscher befasst sich mit Materie, die dem Planeten mehr schaden kann, als helfen. Sadie hält es für wichtig das Gefahrengut aus dem Weg zu räumen. Allein die Entsorgung solch starker Magnete führt zur Umweltverschmutzung. Oft landet der Müll im Meer. Eine tickende Zeitbombe und zum Leidtragen der Meeresbewohner. Vielleicht wäre ein aktiver Vulkan die bessere Lösung und doch mag sich Sadie beraten. Gemeinsam mit Kiana.

Was für ein Ärgernis!

Erneut halst der Mensch dem Thunderbird Probleme auf!

Warum spielen die Menschen mit Mächten, denen sie unterlegen sind?

Kontrollverlust kann zum Kollateralschaden führen. Und so wird es sicherlich eines Tages kommen. Aber in diesem winzigen Körper wird Sadie nicht in der Lage sein, das Auto an einen sicheren Ort zu verstecken, wo es schlummern darf, bis eine Lösung gefunden wird.

Lästig! Die Verwandlung muss im Geheimen erfolgen. Nicht vor den Augen der Menschen. So sind die Regeln! Die willkürliche Richtung, die Sadie für ihre Runde wählt, hat am Ende etwas Gutes, denn sie findet unterwegs ihren geliebten Lavendel. Dieser würde sie beim Transport des Wagens mit dem Duft verraten, daher folgt der späte Abstecher, wenn die lästige Angelegenheit erledigt ist. Im Schutz der Bäume folgt die Verwandlung. Unterhalb der Baumkronen, um schließlich empor zu steigen und um zum Wagen zurückzukehren. Statt im Ruhigen an eine Lösung zu feilen hört sie die beiden Menschen schon aus der Ferne laut und wild diskutieren. Es klingt nach einem Streit. Bis sich Sadie ihnen in der Gestalt des Thunderbird aus nächster Nähe präsentiert. Im Sturzflug wie der Adler greift sich Sadie das Fahrzeug und muss schlucken. Sie hatte solche Transporter leichter im Kopf. Sicherlich trägt das Gewicht vom Magneten dazu bei. Das wird eine Prüfung, solch ein Schwergewicht auch nur auf einer kurzen Strecke zu transportieren. Aber das gehört zu den Pflichten des Thunderbird. Als Beschützer. Und als Symbol für Stärke, Kraft und Schutz. Noch mögen die beiden Menschen Sadie verfluchen und das vielleicht für ihr ganzes Leben, weil sie nie erkennen, vor welchen Fehlern sie die beiden bewahren mag. Aber der Thunderbird agiert nicht für Anerkennung, sondern zum Wohl aller. Auch zur Menschheit. Würde diese doch den Planeten mehr schätzen!