Der Boden unter ihm
Liz H. General
Hunter Eyes – Gefangen in seinem Blick
“Im tiefsten Dunkel erkennt man das wahre Gesicht der Menschen.“
– Haruki Muraka
Kälte.
Sie war das Erste, was Elias Merten spürte, als er langsam zu sich kam. Der Boden unter ihm war nass, unnachgiebig. Kopfweh pochte gegen seine Schläfen, ein metallischer Geschmack lag auf seiner Zunge. Als er die Augen öffnete, dauerte es einen Moment, bis sich seine Pupillen an die Dunkelheit gewöhnten. Doch das, was er dann sah, ließ die Übelkeit in ihm aufsteigen.
Neben ihm lag ein Mann. Regungslos. Das Gesicht bleich. Die Augen geschlossen – oder offen? Elias konnte es nicht erkennen. Ein dunkler Fleck breitete sich unter dem Körper aus. Blut. Viel Blut.
Er sog scharf die Luft ein. Seine rechte Hand zitterte, als er sie hob – und erstarrte.
Ein Messer. Blutverschmiert. Seine Finger darum geschlossen.
Ein Würgen stieg in seiner Kehle auf. Panik. Instinktiv ließ er die Waffe fallen. Sie landete mit einem klirrenden Laut auf dem Asphalt. Er wich zurück, rutschte weg, fiel beinahe wieder. Der Tote lag reglos da, nur Zentimeter entfernt.
Elias wollte schreien, aber kein Laut kam über seine Lippen. Nur sein Atem – schnell, stoßweise.
Etwas in seinem Inneren wehrte sich gegen das Bild, das sich ihm bot. Es durfte nicht sein. Das war ein Albtraum.
Doch der Schmerz in seinem Kopf war real. Das Pochen, das Brennen – es war echt.
Und der tote Mann neben ihm ebenso.
Dann kam die Erinnerung. Bruchstücke.
Die dunkle Gasse, die dunkelgelb leuchtenden Laternen, die nassen Kopfsteinpflaster.
Ein Schatten in der Dunkelheit. Ein Angriff.
Und dann: Nichts mehr. Es ging alles schnell. Ohne Vorwarnung. Ohne Worte.
Plötzlich hörte er das Aufheulen von Sirenen. Zuerst fern, kaum hörbar. Dann immer näher. Blaulicht flackerte am Ende der Gasse, spiegelte sich im regennassen Boden. Stimmen riefen, Schuhe schlugen hart auf Stein.
Elias stand auf, taumelte, hob reflexartig die Hände, als sich mehrere Polizisten näherten – Waffen gezogen, Bewegungen kontrolliert.
„Hände über den Kopf! Keine Bewegung!“
Er ließ sich zu Boden drücken, spürte kaltes Metall an seinen Handgelenken, den harten Druck eines Knies im Rücken. Noch immer verstand er nicht, was geschehen war.
„Ich war’s nicht“, murmelte er. „Ich weiß nicht, was passiert ist… aber ich war es nicht…“
Doch niemand hörte auf ihn.
„Ich war es nicht!“, rief er diesmal laut und verzweifelt in der Hoffnung, dass ihn nun jemand erhört.
Nicht in dieser Nacht. Und schon gar nicht mit einem Messer, das seine Fingerabdrücke trug.
Mit einer Leiche.
Und einer Vergangenheit, die gegen ihn sprach.