Die Schwalbe

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Summary

,,Ich glaube kaum, dass der Durchschnittsmensch Feinde hat, Miss Roman." ,,Der Durchschnittsmensch wird auch nicht heimtückisch ermordet." ⋙⋙⋙ ⚓︎ ⋘⋘⋘ England, 1834: Marie Roman hat alles, was man sich wünschen kann: Geld, luxuriöse Parties und eine Europatour als Ballettänzerin. Bis sie von einem Tag auf den anderen alles zurücklässt, um sich auf eine Schiffreise ins weit entfernte Amerika zu begeben, um das eine Puzzleteil zu finden, das ihrem Leben fehlt. Auf der ,,Schwalbe" trifft sie auf Adam, einen Künstler und Erben einer einflussreichen, britischen Familie. Bald schon empfinded sie eine gewisse Sympathie für den etwas verschrobenen, introvertierten jungen Mann. Doch Adam verbirgt etwas. Maries Befürchtungen werden bestätigt, als auf einmal eine Leiche an Deck auftaucht - Mit Adam und ihr als einzigen Zeugen. Nun liegt es an ihnen, sich durch ein Netz an Intrigen und Lügen zu kämpfen, um den Täter zu finden. Bevor es zu spät ist. ⋙⋙⋙ ⚓︎ ⋘⋘⋘

Status
Ongoing
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Der Tote im Hafen

Jedes Mal, wenn Adam Ruskis sich aus seinem abgeschotteten Anwesen begab und London besuchte, endete es mit einer Leiche. Diese, zugegeben, recht kurzweilige Tradition hatte an dem Tag begonnen, als sein Vater darauf bestand, der Beerdigung seines Onkels Charles beizuwohnen.


,,Er ist immerhin Familie", hatte Edward Ruskis gesagt und sein Hemd glatt gestrichen. Alles an dem Mittvierziger war glatt wie ein feuchter Gehsteig im Winter. Es begann bei dem gegelten, kupferroten Haar und endete in den schwarzen Lackschuhen, die an diesem Morgen ganz besonders im Licht des teuren Kronleuchters geglänzt hatten.


Dieser Ansatz hatte Adam überrascht. Denn einerseits bestellte sein Vater ihn und seine vier Brüder jeden Sonntag nach der Heiligen Messe in die Schreibstube und ließ sie nicht zum Spielen gehen, bevor nicht jeder von ihnen einen Brief an ihren Bruder Joseph nach Liverpool geschrieben hatte. Die Fähigkeit, Kontakte halten zu können, sei in der Politik- und Geschäftswelt überlebenswichtig, hatte er erklärt.


Andererseits schien Kontakt zu seinem jüngeren Bruder Charles nicht unter die Kategorie Lebenswichtig zu fallen. Dessen Gesicht sah Adam zumindest zum ersten Mal, als sie kurz vor dem Trauergottesdienst den offenen Sarg passierten.


Das zweite Mal war ein grauer Regentag zwei Jahre später gewesen und Adam hatte aus Langeweile die Zeitung aufgeschlagen. Er konnte sich nicht mehr erinnern, worum es in dem Artikel ging, aber er beinhaltete die Kohlezeichnung einer toten Frau und somit den Stoff seiner Alpträume in den folgenden drei Nächten.


Nun war er längst nicht mehr dreizehn und fürchtete sich auch nicht mehr vor reißerischen Klatschmagazinen, doch leider war die Gestalt, die keinen Katzensprung von ihm entfernt zusammengesunken an einer Hauswand gelehnt saß, von einer Kohlezeichnung so weit entfernt wie der Londoner Oktober von einer anhaltenden Schönwetterperiode.


Sein Puls ging ungewöhnlich schnell, während die Finger seiner linken Hand schützend den Ledereinband seines Skizzenbuchs umklammerten, das tief in seiner Manteltasche verstaut war.


,,Entschuldigen Sie?" Adam räusperte sich. Außer ihnen wirkte die kleine Gasse, die vom regen Hafentreiben weg und an einer Mauer zu den Docks entlang führte, wie ausgestorben. Die meisten Häuser waren mit den Rücken zu ihnen gewandt, sodass sich kaum einer, der nach Gasthäusern und Fischereien suchte, hierher verirrte.


Ein merkwürdiger Platz für einen Obdachlosen, schoss es Adam durch den Kopf, als er sich zögerlich ein paar Schritte näherte. Denn daran, dass der Mann dort ein Obdachloser war, ließ die zerschlissene und schmutzige Kleidung keinerlei Zweifel. Dunkelblondes Haar, das in fettigen Strähnen über die geschlossenen Augen fiel, und die umgestoßene kleine Blechdose zu seinen Füßen, bestätigten seine Vermutung.


,,Hallo, können Sie mich hören?" Es war nur noch ein Schritt, der ihn von der Gestalt trennte. Adam konnte es förmlich knistern hören, als das Blut in seinen Adern gefror und er musste sich anstrengen, nicht zu würgen.


Der strenge Geruch und das ungepflegte Äußere waren nichts im Vergleich zu der Blutlache, die sich wie eine unschuldige Pfütze um ihn gebildet hatte.


,,Großer Gott." Entgegen aller Vernunft beugte Adam sich runter und rüttelte den Fremden an der Schulter. ,,He! Hallo!"


Mit einem Ruck riss der Fremde seinen Kopf hoch und öffnete die Augen. Sofort sprang Adam zurück, stolperte dabei beinahe über die eigenen Füße.


,,Fchh, chh-" Der Mann, dessen Gesicht unter den strähnigen Haaren überraschend jung aussah, röchelte schwer. Adam stand nur da und starrte ihn an, unfähig, etwas zu tun.


,,Fjechhh!" Die Augen weit aufgerissen starrte der Fremde zurück, während er sich offensichtlich abmühte, die Hand zu heben. Die knochigen Finger zitterten unter der Anstrengung und mit jeder Sekunde sah es so aus, als würde er wieder zusammenbrechen.


Adam ging in die Hocke. ,,Alles... alles gut?" Er hustete, als der Gestank nach Straße und Schweiß, vermischt mit dem süßlichen Blutgeruch, ihm auf dieser Höhe mit voller Wucht entgegen schlug.


,,Ganz ruhig!", wies er ihn an und hob beschwichtigend die Hand. ,,Ich laufe los und hole Hilfe, in Ordnung?" Er verfluchte seine Entscheidung, den überfüllten Hafen zu verlassen, um abseits ein wenig Ruhe zu finden. Hätte er nur Henry ins Gasthaus begleitet. Hätte er seinen dummen Stolz einmal runtergeschluckt, säße er nun nicht hier neben einem sterbenden Obdachlosen.


Vielleicht war es aber auch Schicksal. Adam seufzte und wollte aufstehen, als besagter Sterbender sein Handgelenk packte. Er zuckte zusammen. Der Griff war überraschend fest.


Eisblaue Augen starrten ihn an, die Pupillen klein wie Stecknadelköpfe.


,,Halt!" Das Sprechen kostete ihn offensichtlich jedes Fünkchen seiner verbleichenden Lebenskraft.


,,Ich bin sofort wieder da", versuchte Adam, ihn zu beruhigen.


Der andere schüttelte den Kopf. Mit einer Handbewegung deutete er ihm, näher zu kommen. Kurz zögernd warf er einen Blick über die Schulter, tat dann jedoch, was der Fremde wollte. Adam beugte sich weiter vor, bis er nahe genug war, dass dieser ihm das Ohrläppchen hätte abbeißen können. Ein eisiger Schauer lief ihm bei diesem Gedanken über den Rücken.


,,Fyodor", hauchte der Straßenjunge so leise, dass Adam trotz der unkomfortablen Nähe Mühe hatte, ihn zu verstehen. ,,Fyo-" Er verdrehte die Augen und sank wieder in sich zusammen.


Tod, schoss es Adam sofort durch den Kopf. Er ist tot. Verdammte Scheiße.


Doch viel Zeit, um darüber nachzudenken, blieb ihm nicht, denn ein greller Schrei zerriss die Stille.


,,Mörder!"


Überrascht drehte Adam sich um und sah drei Gestalten auf ihn zurennen. Dem Aussehen nach zu urteilen ebenfalls Straßenjungs. Doch im Vergleich zu Fyodor - wenn das sein Name war - wirkten sie nicht ansatzweise so ungefährlich.


Adam konnte sich gerade noch aufrichten und ausweichen, bevor der erste Faustschlag auf sein Gesicht zielte. Überrumpelt stolperte er zurück.


,,Du Schuft hast ihn umgebracht!"


Knapp schaffte er es, sich wegzuducken, bevor der größte von ihnen wieder zum Angriff überging.


,,Das ist ein Missverständnis!", keuchte er, langsam zurückweichend. ,,Ich hab ihn hier gefunden."


,,Ach ja?" Sein Gegner überragte ihn mit den geschätzten ein Meter neunzig deutlich. Die krumme Nase zeugte von einem Bruch, der in der Vergangenheit nicht richtig verheilt war und eine schmale Narbe zog sich vom rechten Wangenknochen bis hoch über die Augenbraue. Alles an dem Auftreten des Jungen schrie nach jemandem, mit dem man sich besser nicht anlegte.


Und um den Adam, der mit seiner schmalen Statur, einer höchstens durchschnittlichen Körpergröße und dem frisch gebügelten Anzug so ziemlich das Gegenteil zu dem Straßenjungen darstellte, unter normalen Umständen einen großen Bogen gemacht hätte.


Er schnaubte innerlich. Normale Umstände. Sein ganzes Leben war gerade fernab normaler Umstände.


Während er den stechenden Blick des anderen erwiderte, begann Adam automatisch, sich seine Gesichtszüge einzuprägen. Sie gäben durchaus eine interessante Zeichnung... Wenn er das hier überlebte.


Seine Chancen dafür schwanden zunehmend. Rechts und links rückten die Handlanger des Riesen nach. Einer von ihnen, der sein weiß-blondes Haar unter einem ausgeblichenen Filzhut verbarg, hielt eine Art nagelbesetzte Holzkeule in der Hand.


,,Wirklich, ich verspreche es." Abwehrend hob Adam die Hände und musste dabei ärgerlich feststellen, dass sie zitterten. ,,Mein Vater ist ein wohlhabender Mann, ich bin mir sicher, wenn ihr mich in Ruhe lasst, wird er euch gut entlohnen." Wird er nicht. Aber das musste dieser Schlägertrupp ja nicht wissen.


Der Riese blickte sich zu seinen Kumpanen um. Für einen winzigen Moment keimte Hoffnung in Adam auf, die jedoch sofort durch das Aufblitzen einer Zahnlücke zunichte gemacht wurde, als der augenscheinliche Anführer der Gruppe die Lippen zu einem Grinsen verzog.


,,Sicherlich, Bürschchen."


,,Es ist so!"


Er seufzte. ,,Das glauben wir dir ja gerne. Leider hast du unseren Kameraden umgebracht." Sein Grinsen verschwand so schnell, wie es gekommen war. Stattdessen glitzerte Mordlust in seinen schmalen Augen. ,,Und da kann Daddy dich leider nicht mehr rauskaufen. Jungs!"


Mit einem Kopfnicken deutete er den anderen beiden, anzugreifen. Im selben Moment tat Adam einen letzten Schritt nach hinten, bevor er gegen dieselbe rauhe Hauswand stieß, an der Fyodors lebloser Körper lehnte. Links und rechts näherten sich die Straßenjungen, vorne stand der Riese und wartete wie eine Katze, die mit ihrer Beute erst spielen wollte, bevor sie sie verschlang.


Es gab kein Entkommen.


Adams Herz pochte wie verrückt, sein Rachen war staubtrocken. Wäre er nur im Hafen geblieben, hätte er diesen Jungen doch im Dreck liegen lassen. Ein einziges Mal hatte er die Nächstenliebe zeigen wollen, die der Priester in der Kirche stets predigte. Nun zahlte er den Preis dafür.


,,Was sagste, Jocke", grinste der Blonde mit Filzhut. Die Nägel in seiner Keule blitzten in der Abendsonne. ,,Zuerst schlagen wir die Zähne einzeln raus, dann hacken wir ihm die Finger ab?"


Der andere namens Jocke wiegelte den Kopf hin und her. Er trug ein überdimensionales Messer bei sich. ,,Dauert mir zu lang. Warum nicht gleich kurzen Prozess machen?" In einer demonstrativen Handbewegung machte er eine 'Kopf ab' Geste.


,,Boss?" Der Blonde drehte sich um. Die Antwort war ein unbeteiligtes, geradezu gelangweiltes Schulterzucken.


,,Solange ihr mir was übrig lasst. Juri war mein bester Mann."


,,Na dann." Jocke seufzte. ,,Werden wir's wohl auf deine Art machen."


Ehe Adam verarbeiten konnte, was das bedeutete, rangelte der Dunkelhaarige ihn bereits zu Boden. Verzweifelt schlug und trat er um sich, hatte aber gegen den deutlich stärkeren Straßenjungen nicht den Hauch einer Chance. Dennoch war ein tief sitzender Überlebensinstinkt in ihm erwacht, der ihn dazu anhielt, weiter zu kämpfen. Er konnte jetzt nicht sterben. Nicht heute!


,,Zum Teufel, halt still!"


,,Biste zu doof?", feixte der Blonde lachend. ,,Komm, ich helf dir."


,,Maul", schnauzte Jocke und ächzte, als Adam es schaffte, mit einem Tritt sein Schienbein zu erreichen.


Da ertönte ein Schuss.


⋙⋙⋙ ⚓︎ ⋘⋘⋘