Ganz oben
| PHIN |
Was war das für ein Geräusch? Ich nehme meine Kopfhörer runter und starre auf die gegenüberliegende Tür. Hat etwa jemand geklopft?
„Phin! Ich komme jetzt rein!“
Ich höre die Stimme unseres Agenten und muss schmunzeln. Er lässt Vorsicht walten. Als er gestern ohne Vorwarnung in meinen Umkleideraum gestürmt ist, hatte unsere Stylistin gerade mein bestes Stück im Mund.
Ganz langsam schiebt Eric seinen Kopf durch den Türspalt, bevor er reinkommt. Grinsend erhebe ich mich von dem kleinen Sofa, auf dem ich die letzte halbe Stunde verbracht habe, um mich auf unseren nächsten Auftritt einzustimmen.
Eric bleibt vor mir stehen: „Hast du fünf Minuten? Es geht um die neue Assistentin …“
„Können wir das nicht nach dem Gig machen?“, falle ich ihm ins Wort.
Er gibt ein angestrengtes Schnauben von sich: „Das ist die Tochter vom Plattenboss, Phin. Es ist nicht so, als hätten wir eine Wahl. Bring’s einfach hinter dich und stell dich ihr kurz vor.“
Ich verschränke die Arme vor meiner Brust: „Warum hat es die Tochter von Joshua Sanders nötig so einen Job zu machen?“
„Meine Güte, Phin“, gibt Eric genervt zurück. „Das kannst du sie gern selbst fragen, wenn es dir so wichtig ist. Und jetzt komm, die Zeit läuft uns davon.“
Ich folge Eric durch den engen, langen Flur Richtung Aufenthaltsraum. Im Hintergrund höre ich unsere Vorband spielen, die das Publikum auf unseren Auftritt einstimmt. Ein Blick auf meine Patek Philippe verrät, dass uns noch eine Dreiviertelstunde bleibt, bis wir auf die Bühne müssen.
Als wir den fensterlosen Raum betreten, grinst mich mein bester Freund an. Lässig sitzt er auf einem abgenutzten Sessel mit einer heißen Tasse Kräutertee in der Hand. Es tut seinen Stimmbändern gut, behauptet Miles. Ich bevorzuge vor unseren Auftritten einen Joint zu rauchen. Viel Zeit bleibt mir dafür heute jedoch nicht.
Ihm gegenüber sitzt unsere neue Assistentin. Ich kann ihr Gesicht noch nicht sehen, da sie mir mit dem Rücken zugekehrt ist. Ihr langer, geflochtener Zopf schwingt gleich darauf zur linken Seite, als sie ihren Kopf in unsere Richtung dreht. Als wir näher kommen, erhebt sie sich von ihren Sessel. Ich blicke in ihr puppenhaftes Gesicht und erstarre.
„Hallo“, gibt sie von sich und schiebt gleichzeitig ihre große, runde Hornbrille hoch. Im Anschluss streckt sie mir ihre rechte Hand entgegen.
Ich reagiere nicht. Sichtlich irritiert über mein Verhalten zieht sie ihre Hand wieder zurück.
„Phin? Ist alles in Ordnung?“, höre ich unseren Agenten fragen.
Ich löse meinen versteinerten Blick von dem Mädchen und gucke Eric an: „Das funktioniert nicht.“
Er runzelt seine Stirn und wartet auf eine Erklärung. Ich setzte mich jedoch in Bewegung und verlasse ohne weiteren Kommentar das Zimmer.
Schnellen Schrittes kehre ich in meinen Umkleideraum zurück und knalle die Tür hinter mir zu. „Wo ist das verdammte Gras?“, geht mir gleichzeitig durch Kopf.
Während ich meine Sachen durchforste, kommt Miles herein. „Was war das für ne Shitshow?“, wirft er mir vor. „Weißt du überhaupt, wer das Mädchen …“
„Die Tochter vom Plattenboss“, falle ich ihm ins Wort.
„Ja genau“, spricht er weiter. „Du kannst sie doch nicht einfach so stehen lassen und …“
Ich unterbreche meine Suche und gucke meinen Bandkollegen an: „Sie kommt nicht in Frage!“
Die Verständnislosigkeit ist meinem Freund im Gesicht geschrieben, was mich noch mehr in Rage bringt. Warum muss ich es ihm erklären? Es ist doch offensichtlich!“
„Was ist das verdammte Problem, Phin?“, will er von mir wissen.
„Was das Problem ist?! Guck sie dir doch mal an!“
„Das habe ich getan“, entgegnet mein Freund. „Ist sie dir etwa nicht hübsch genug?“
Ich gebe ein zynisches Lachen von mir: „Nicht hübsch … sag mal, bist du blind, oder was?!“
„Worauf, zum Teufel, willst du hinaus?!“
„SIE SIEHT AUS, WIE LIZZY!“, schreie ich.
Miles verstummt und starrt mich mit seinen dunkelblauen Augen entsetzt an. Er hat es wirklich nicht gesehen. Wie konnte er es nicht gesehen haben?
Es vergehen weitere Sekunden, bis er wieder zum Leben erwacht: „Phin … ist das … ist das wirklich dein Ernst?“
„Es ist mein voller Ernst“, gebe ich entschlossen zurück.
Mein Freund fährt sich mit seiner rechten Hand durchs Gesicht und atmet zeitgleich tief ein und wieder aus. Dann kommt er paar Schritte näher und bleibt direkt vor mir zum Stillstand: „Das Mädchen und meine Schwester könnten unterschiedlicher nicht sein, Phin. Wenn du dir die Mühe gemacht hättest mit ihr paar Worte zu wechseln, dann wüsstest du das.“
„Die Antwort ist nein“, gebe ich stur zurück. „Eric soll jemand anderes finden.“
„Das kannst du nicht von ihm verlangen.“
„Wir sind auf das verdammte Label nicht mehr angewiesen“, widerspreche ich. „Guck doch mal, was da draußen los ist, Miles! Unsere Konzerte sind restlos ausverkauft! Wir sind ganz oben angekommen!“
„Wir haben dem Label unseren Erfolg zu verdanken! Sie haben uns die beste Unterstützung geboten, die man sich von einer Plattenfirma wünschen kann! Ohne Sanders Records würden wir heute hier nicht stehen! Also reiß dich gefälligst zusammen und steck’ dir deine verdammten Star-Allüren sonst wo hin!“
Ich bin perplex. Miles hat noch nie in so einem Ton mit mir gesprochen. Auf sein Verständnis brauche ich nicht hoffen. Resigniert drehe ich mich von ihm weg. Dabei entdecke ich die kleine Plastiktüte mit meinem Gras auf dem Sofa. Sie ist fast vollständig zwischen die Kissen gerutscht.
„Muss das wirklich sein?“, fragt Miles, als ich die Tüte greife und einen fertig gedrehten Joint herausfische.
„Wo ist das verdammte Problem?“, grummele ich.
„Ich habe den Eindruck, dass du ohne das Zeug überhaupt nicht mehr klarkommst.“
„Blödsinn.“
Miles wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. Dann guckt er mich entschlossen an: „Das Mädchen bekommt den Job.“
Als er sich gleich darauf umdreht, um den Raum zu verlassen, ergreife ich nochmal das Wort: „Sie soll sich gefälligst die Haare färben! Und dunkle Kontaktlinsen tragen!“
Miles schüttelt beim Rausgehen den Kopf: „Ich glaube langsam, du verlierst den Verstand.“
„Fick dich“, nuschele ich, doch er hat mich nicht mehr gehört.
Als ich endlich alleine bin, lasse ich mich auf das Sofa fallen. Aus der Gesäßtasche meiner Jeanshose fische ich ein Feuerzeug und zünde den Joint an. Bereits nach dem ersten, tiefen Zug entspannen sich meine Muskeln. Gleichzeitig komm mein Gedanken-Karussell langsam aber sicher zum Stillstand und schenkt mir inneren Frieden …
| ELLA |
Arschloch. So ein arrogantes Arschloch. Ich habe es von Anfang an gewusst. Was, zur Hölle, mache ich hier eigentlich? Warum sitze ich hier noch?
Die Tür geht auf und reißt mich aus meinen Gedanken. Miles Cole und sein Agent betreten wieder den Raum. Ich ernte mitleidende Blicke. Das habe ich nun wirklich nicht nötig. Bevor einer von ihnen etwas sagen kann, stehe ich vom abgenutzten Sessel auf und sehe beide nacheinander an: „Entschuldigt, dass ich eure Zeit verschwendet …“
„So ein Unsinn“, fällt mir Eric ins Wort. „Wir müssen uns entschuldigen. Bitte nimm es nicht persönlich. Phin ist heute nicht er selbst.“
Miles’ Gesichtsausdruck verändert sich. Er scheint die kläglichen Versuche seines Agenten, die Wogen zu glätten, auch nicht besonders überzeugend zu finden.
Schade eigentlich. Ich habe Miles von Anfang an gemocht. Es schien gut zu laufen, bis sein armseliger Bandkollege aufgekreuzt ist.
„Ich komme bestimmt woanders unter“, antworte ich und setze ein künstliches Lächeln auf. Dann öffne ich meine kleine Umhängetasche und hole mein Smartphone heraus, um ein Uber zu bestellen.
„Bitte, Ella“, spricht Eric weiter. Er klingt ein bisschen verzweifelt. Vermutlich macht er sich Gedanken, wie meine Eltern auf diese unerfreuliche Situation reagieren, wenn sie davon erfahren.
„Keine Sorge, Mr. Parker. Ich werde Ihnen keinen Ärger machen.“
Miles kommt einen Schritt näher und schneidet mir den Weg ab. Dann lächelt er mich an: „Bleib doch bitte hier und schau dir das Konzert an. Backstage natürlich.“
Ich runzele meine Stirn: „Warum?“
„Du könntest die Zeit nutzen, um nachzudenken, ob du uns nicht doch noch eine Chance gibst.“
Sein perfektes Lächeln zeigt Wirkung. Ohne es zu wollen grinse ich zurück. Was ist da bitte los mit mir? Falle ich jetzt ernsthaft meinen Hormonen zum Opfer?
Eric nimmt meinen Moment der Schwäche zum Anlass, um seinen Arm um meine Schultern zu legen: „Du wirst es nicht bereuen, Ella. Die Show der Jungs ist legendär.“
Ich gebe mich geschlagen. Wir haben Samstagabend und ich habe sowieso nichts Besseres vor. Es wäre gelogen, wenn ich behaupte, die Musik von Succession würde nichts in mir auslösen. Ich bin dem aktuellen Hype um die Poprock-Band mehr verfallen, als ich es zugeben möchte. Vielleicht trifft mich die eiskalte Abfuhr von Phin Turner gerade deswegen so tief, weil ich seine künstlerische Leistung bislang aufrichtig bewundert habe. Ich habe mir vorgestellt, er sei ein umgänglicher Typ. Selten habe ich so falsch gelegen.
„Und? Wie gefällt es dir?“
Ich erschrecke mich, als mir eine unbekannte, weibliche Stimme plötzlich ins rechte Ohr brüllt. Als ich mich umdrehe, strahlen mich zwei haselnussbraune, kugelrunde Augen an. Bevor ich etwas sagen, ergreift die Unbekannte wieder das Wort: „Du musst Ella sein. Die neue Assis…“
„Bin ich nicht“, gebe ich trotzig zurück, bevor sie ihren Satz zu Ende bringen kann.
Die Fremde legt ihre Stirn in Falten: „Aber Eric sagte, dass du …“
„Ich gucke mir bloß das Konzert an“, falle ich ihr nochmal ins Wort.
„Mein Name ist Joy“, stellt sie sich mir ungefragt vor. „Ich assistiere dem Tourmanager und mache nebenbei Content für Social Media. Du hättest nicht zufällig Lust …“
„Nein.“
Kaum habe ich ihr eine Abfuhr erteilt, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Meinen persönlichen Frust an einer fremden Person auszulassen ist wirklich schäbig.
Bevor sich Joy wegdreht und verschwindet setze ich nochmal zum Sprechen an: „Tut mir leid. Das Kennenlernen mit der Band ist nicht so gut gelaufen. Deswegen bin ich mies gelaunt und weiß nicht, ob der Job wirklich was für mich ist.“
Die junge Frau guckt mich überrascht an: „Was war denn los?“
„Phin war los“, gebe ich grummelnd von mir. „Er hat mich abblitzen lassen, bevor ich einen vollen Satz mit ihm wechseln konnte.“
Das Fragezeichen in Joys Gesicht wird immer größer: „Bist du sicher, dass du Phin Turner meinst?“
„Ganz blind bin ich noch nicht“, gebe ich zurück und schiebe mir gleichzeitig die Brille hoch. Dann hebe ich meinen linken Zeigefinger und deute auf die Bühne: „Der blonde Arsch, der gerade seine herzzerreißende Ballade trällert.“
Joy fängt an zu glucksen: „Er trällert ziemlich gut, hm?“
„Geht so“, lüge ich.
Meine neue Bekanntschaft wirkt auf einmal konzentriert und greift sich dabei ans rechte Ohr. Erst jetzt stelle ich fest, dass sie darin einen Knopf trägt, über den sie wahrscheinlich mit der Crew kommuniziert.
„Sorry, ich muss los“, sagt Joy schließlich. „Wir haben schon wieder einen Ohnmachtsanfall. Diese verrückten Mädels trinken den ganzen Tag nichts, damit sie ihren Stehplatz an der Bühne nicht verlieren.“
„Das kann mir hier nicht passieren“, scherze ich und bin gleichzeitig dankbar, dass ich mir das Konzert ganz in Ruhe im Backstage-Bereich anschauen darf.
Einige Zeit später nimmt die Show ihr Ende. Ich war sehr gut unterhalten, was mich für die unangenehme Begegnung mit Phin entschädigt. Die Tänzer verschwinden zuerst hinter der Bühne. Nachdem sich die Band von ihrem Publikum verabschiedet hat - welches einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht - eilen die Jungs schließlich auch Richtung Bühnenausgang.
Miles grinst mich wieder mit seinem perfekten Lächeln an, als er mir entgegen kommt. Dabei fährt er sich mit einer Hand durch sein dunkles, verschwitztes Haar. Sein Anblick verpasst mir eine angenehme Gänsehaut.
„Du kommst hoffentlich mit zur After-Party?“, fragt er beim Vorbeigehen.
Noch bevor ich reagieren kann, ist er weitergelaufen. Während ich ihm hinterher gucke, bleibt Phin dicht vor mir stehen. Irritiert über sein Verhalten schaue ich zu ihm hoch. Mit seinen hellen Locken und eisblauen Augen bildet er einen totalen Kontrast zu seinem Bandkollegen. Er ist fast einen ganzen Kopf größer als ich und guckt, mit verschränkten Armen vor seiner Brust, zu mir herab: „Sieh zu, dass paar Mädels aus der ersten Reihe in den Club mitkommen. Keine Blondinen, verstanden?“
Ich spüre, wie meine Kinnlade zu Boden sackt. Wie kann er sich erdreisten mir Arbeitsanweisungen zu erteilen? „Ich bin kein Zuhälter. Wenn du was zum bumsen brauchst, mach’ das nicht zu meinem Problem.“
Die Wut in seinen Augen ist nicht zu übersehen. Ich spüre, wie mein Herz beschleunigt. Es gelingt ihm tatsächlich mich einzuschüchtern, was ich um jedem Preis verbergen muss.
„Du tust, was ich sage oder du kannst direkt wieder verschwinden“, gibt er von sich.
Meine Verunsicherung wird augenblicklich von einer Welle purer Verachtung überschwemmt. Gleichzeitig hebe ich meine rechte Hand und halte meinen Mittelfinger in sein Gesicht.
Ein herablassendes Schmunzeln entweicht seinen Lippen: „Geh’ nach Hause und richte deinem Daddy aus, dass wir mit verzogenen Gören nichts anfangen können.“
Ich nehme meine Hand runter und setze ein hässliches Grinsen auf: „Dumm nur, dass du das nicht zu entscheiden hast. Ich hatte tatsächlich nicht vor zu bleiben, aber der Job hat auf einmal einen völlig neuen Anreiz bekommen.“
„Du hältst es keine Woche durch“, behauptet er.
Herausfordernd hebe ich eine Augenbraue und verschränke ebenfalls meine Arme: „Das werden wir noch sehen.“