Souls of E.V.I.L.L.

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Summary

Fünf Mädchen. Ein Foto, das niemals hätte existieren dürfen. Und eine Entscheidung, die alles verändern wird. Als Valerie und ihre Freundinnen an der Porter High School Opfer einer grausamen Erpressung werden, scheint es keinen Ausweg zu geben. Die Schule schweigt, die Beweise fehlen – und Tabitha, die Schuldige, genießt ihre Macht. Aus Angst und Verzweiflung greifen die Mädchen zu einem alten Buch. Ein Ritual. Ein letzter Versuch, die Wahrheit ans Licht zu zwingen. Doch was sie damit auslösen, ist größer als erwartet. Während alte Regeln, verborgene Mächte und moralische Grenzen verschwimmen, müssen die Mädchen entscheiden, wie viel sie bereit sind zu opfern. Für Gerechtigkeit. Für Wahrheit. Für einander. Eine Geschichte über Schuld, Macht und die Frage, ob der schnelle Ausweg wirklich der richtige ist. Düster, emotional und nah an der Realität – auch wenn sie längst nicht mehr nur menschlich ist.

Status
Ongoing
Chapters
56
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Imago

Im Ostflügel der Fair Mall lag das Shake Up in einer Ecke, die gleichzeitig einladend und ruhig wirkt. Der Eingang grenzt an den Hauptgang der Mall und bot durch große Fenster Einblicke in Chrom und Neonlicht, während eine Nebentür in einen ruhigeren Seitenflur führte. Der L-förmige Innenraum umschloss eine offene Küche und eine Shake-Bar mit Sitznischen an den Wänden und einer Reihe verchromter Barhocker an der Theke. In einer kleinen Nische in der hinteren Ecke befand sich eine Vintage-Jukebox und eine abgenutzte Fotosammlung mit dem Titel „Wall of Shakes“.

Normalerweise war es einer von ihren Lieblingsorten, an den sie regelmäßig mit den anderen nach der Schule saß und einfach spaß hatte. Aber nicht heute.

Es war einer dieser Tage, an dem sie am liebsten die Schule gewechselt hätte. Aber das war keine Option. Sie konnte ihre Freundinnen schließlich nicht so zurücklassen.

Valerie blickte von ihrem Milchshake auf, den sie nachdenklich betrachtet hatte, und betrachtete ihre vier Freundinnen, die mit ihr am Tisch saßen.

Emma, Isabell, Lena und Luna, jede mit ihren eigenen Getränken und Problemen, die plötzlich so klein erschienen im Vergleich zu dem, was vorhin geschehen war.

Geistesabwesend rührte Val mit dem Strohhalm in ihrem Shake und beobachtete, wie sich die Schlagsahne in die Erdbeermischung mischte.

Das Neonlicht des Shake Up warf ein künstliches Licht auf die Umgebung, sodass alles leicht verwaschen aussah.

„Also reden wir einfach nicht darüber?“, brach Isabell schließlich das Schweigen, ihre dunklen Augen huschten zwischen den Freundinnen hin und her.

Val seufzt. „Was soll ich dazu sagen, Isa? Wir wissen doch alle, wer das Foto gemacht und herumgeschickt hat.“

„Tabitha ist so ein Miststück“, sagte Luna ärgerlich. „Ich wünschte, dass man es ihr nachweisen könnte. Ein Unterwäsche-Foto von einem Mädchen rumzuschicken, das ist sogar für sie low.“

Valerie fühlte, wie sich ihre Schultern anspannen. Der süße Geschmack des Milchshakes klebte plötzlich unangenehm in ihrem Mund. Sie schob das Glas ein Stück von sich weg und betrachtete Lunas gerötete Wangen.

Die Wut ihrer Freundin war fast greifbar, vibrierte durch die Luft zwischen ihnen.

„Low ist noch untertrieben“, murmelt Emma und zeichnete nervös Kreise in ihr Notizbuch.

Ihre roten Haare fielen ihr ins Gesicht, als sie den Kopf senkt. Valerie spürte, wie der vertraute Knoten der Verantwortung sich in ihrem Magen zusammenzog. Sie sollte etwas sagen, etwas tun. Aber was?

Die Bilder waren schon da draußen, schon gesehen worden. Das Gelächter auf den Fluren hallt noch in ihren Ohren nach.

„Wir könnten es der Schulleitung melden“, sagte sie schließlich, obwohl die Worte schwach klangen, sogar für sie selbst.

Luna schnaubte. „Ja, klar. Und dann? Tabitha wird es abstreiten, wie immer. Und dann sind wir Lügnerinnen für die Lehrer und Petzen für diejenigen, die die Wahrheit kennen.“

„Wir können nicht einfach nichts tun“, sagt Isabell. „Val, das kann dich doch nicht kalt lassen, dass sie das mit dir gemacht haben?“

Valerie spürt, wie sich ihre Wangen erhitzen unter Isabells direktem Blick. Kalt lassen? Als ob das möglich wäre. Die Demütigung brannte noch immer unter ihrer Haut, ein konstantes Prickeln der Scham, das sie nicht abschütteln konnte.

„Natürlich lässt es mich nicht kalt“, sagt sie leise. Ihre Stimme klang heiser, als hätte sie geschrien, obwohl sie das nicht getan hatte. „Aber was soll ich denn machen? Zu Tabitha hingehen und sie zur Rede stellen?“

Die Vorstellung allein ließ ihren Puls schneller werden. Tabitha mit ihrem süffisanten Lächeln und ihrer Clique von Mitläufern, die alles abstreiten würden. Die Konfrontation würde nur noch mehr Aufmerksamkeit auf die ganze Sache lenken.

„Vielleicht sollten wir das“, sagte Luna und lehnte sich vor. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt auf dem Tisch. „Vielleicht ist es Zeit, dass jemand diesem Miststück endlich einen Dämpfer verpasst.“

Augenblicklich konnte Val fühlen wie sich ihre Kehle zuschnürte. Sie konnte die Entschlossenheit in Lunas Augen sehen, diesen grimmigen Blick, der normalerweise bedeutet, dass Ärger bevorsteht.

„Hör zu“, sagt sie und versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten, „sie zu konfrontieren könnte es nur noch schlimmer machen.“

Emma schaute von ihrem Notizbuch auf. „Was wäre, wenn wir … was wäre, wenn wir Beweise hätten? Etwas Konkretes, das wir Direktorin Winters vorlegen können?“

Val spürte dabei einen kleinen Funken Hoffnung. Direktorin Winters war zumindest immer fair gewesen. Aber wie sollten sie an Beweise kommen? Tabitha war zu vorsichtig, zu berechnend.

„Was zum Beispiel?“, fragt Isabell und lehnt sich vor. Die Vinylbank knarrt unter ihr. „Es ist ja nicht so, dass sie gesteht, wenn wir sie aufnehmen.“

„Vielleicht nicht direkt“, sagt Emma, und ihre Stimme gewann an Kraft, als sie sich für ihre Idee erwärmt. „Aber was wäre, wenn wir sie dazu bringen könnten, etwas zu gestehen?“

Isabells Gesicht verzog sich zu einem langsamen Lächeln. „Mir gefällt, wie du denkst, Em.“

Val fühlte, wie sich das Unwohlsein, das sie verspürte, steigerte. „Ich weiß es nicht, Leute. Wenn wir dabei erwischt werden, wie wir sie zu einem Geständnis zwingen wollen …“

„Dann werden wir eben nicht erwischt“, unterbrach Luna, deren Augen entschlossen aufblitzen. „Val, dieses Foto … die anderen an der Schule haben es bestimmt. Das ist kein verdammter Scherz.“

Val wusste, dass Luna recht hat. Sie hatte die Blicke auf dem Flur gespürt, hat das Geflüster gehört, das verstummte, als sie vorbeiging. Das Gewicht davon lastete schwer auf ihrer Brust und machte das Denken nicht einfach.

„Ich denke, das wird nur noch mehr Ärger bringen“, sagte Lena, die bisher ruhig gewesen war.

Valerie blickte zu Lena, die sich normalerweise aus solchen Diskussionen heraushielt. Luna warf ihr einen genervten Blick zu.

„Lena, wir können nicht einfach nichts tun“, sagte ihre Zwillingsschwester , ihre Stimme angespannt.

„Ich sage ja nicht, dass wir nichts tun sollen“, erwiderte Lena ruhig. „Aber Tabitha in eine Falle zu locken? Das könnte nach hinten losgehen.“

Valerie spürte, wie sich ihre Schultern noch mehr anspannten. Die Schwestern hatten schon wieder unterschiedliche Meinungen, und sie steckte mittendrin. Das war das Letzte, was sie jetzt brauchte.

„Vielleicht hat Lena recht“, murmelte sie und schob den Milchshake noch weiter von sich weg.

Der süße Geruch ließ sie sich plötzlich übel fühlen.

Luna schnaubte wieder. „Val, du kannst doch nicht einfach aufgeben. Das Bild ist überall. Jeder hat es gesehen.“

Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Valerie wusste es bereits, aber es ausgesprochen zu hören, machte es noch realer. Ihre Wangen brannten voll Scham, aber sie wusste, dass es keine gute Idee war, sich mit Tabitha anzulegen. Sie war das populärste Mädchen an der Schule, und keiner würde sich gegen sie stellen, ohne dass sie sich dafür rächen würde.

Val hatte den Fehler gemacht, mit Tabithas Freund zu reden, nur zu reden. Ganz normal, aber das hatte schon gereicht. Jetzt konnten sie alle sehen, was passiert war.

Das Neonlicht des Shake Up flackerte über ihr Gesicht, und Valerie spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie blinzelte schnell, um sie zurückzuhalten.

Nicht hier. Nicht vor ihren Freundinnen.

„Es war nur ein Gespräch“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Ich habe nur mit ihm über die Mathehausaufgaben geredet.“

Aber das hatte gereicht. Tabitha hatte sie in der Umkleidekabine nach dem Sportunterricht erwischt, als Valerie dachte, sie wäre allein. Zumindest glaubte sie, dass es Tabitha war, da sie ihr ein triumphierendes Lächeln zugeworfen hatte, als sie mit den anderen aus der Schule gekommen war.

„Das ist so krank“, sagte Luna, und ihre Stimme zitterte vor Wut.

Emma steckte ihr Notizbuch weg. „Wir könnten versuchen herauszufinden, wer das Foto noch hat. Vielleicht können wir sie dazu bringen, sie zu löschen.“

„Träum weiter“, murmelte Isabell. „Das ist schon überall. Snapchat, Instagram, WhatsApp-Gruppen. Wahrscheinlich haben die Hälfte der Jungs aus der Schule sie gespeichert.“

Valerie fühlte einen Schauer über ihren Rücken laufen. Die Vorstellung, dass all die Jungs… . Sie konnte den Gedanken nicht einmal zu Ende denken.

„Vielleicht sollten wir einfach…“, begann Lena vorsichtig, „vielleicht sollten wir einfach warten, bis es vorbeigeht? Nächste Woche wird irgendein anderer Skandal passieren, und alle werden das hier vergessen haben.“

„Vergessen?“ Lunas Stimme wurde lauter, und ein paar Leute am Nachbartisch drehten sich um. „Das ist Vals Privatsphäre! Das ist … das ist praktisch illegale Scheiße!“

„Shh“, ermahnte Emma, deren Blick nervös zu den anderen Gästen huschte.

Etwas zog sich in Valerie zusammen. Die Diskussion ihrer Freundinnen klang plötzlich weit entfernt, als käme sie durch eine dicke Glasscheibe. Sie beobachtete, wie sich ihre Lippen bewegen, wie ihre Gesichter sich in der Diskussion veränderten, aber sie konnte sich nicht darauf konzentrieren, was sie sagten.

Ihr Handy vibrierte in ihrer Tasche. Dann noch einmal. Und noch einmal. Mit zitternden Fingern zog sie es heraus und warf einen Blick auf den Bildschirm. Drei neue Nachrichten von unbekannten Nummern. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie die ersten Worte der Vorschau las.

„Hey Süße …“

Sie ließ das Handy fallen, als hätte es sie verbrannt. Es landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Vinylsitz neben ihr.

„Val? Was ist los?“ Emmas Stimme drang zu ihr durch, aber sie klang gedämpft, als käme sie von sehr weit weg.

Valerie starrte auf das Handy, dessen Bildschirm noch immer aufleuchtete. Sie konnte nicht atmen. Die Luft im Shake Up fühlte sich plötzlich dick und klebrig an, vermischt mit dem süßlichen Geruch von Milchshakes und dem Fett der Fritteuse.

„Wer schreibt dir?“ Isabell griff nach dem Handy, aber Valerie war schneller.

Sie schnappte es sich und drückte es fest gegen ihre Brust.„Niemand“, sagte sie schnell, aber ihre Stimme klang schrill und unecht. „Nur … nur Spam oder so.“

Aber das war es nicht. Sie wusste es, und an den Blicken ihrer Freundinnen zu urteilen, wussten sie es auch. Das Handy vibrierte wieder gegen ihre Rippen, und sie zuckte zusammen, als hätte es sie geschockt.

„Val.“ Isabells Stimme war sanfter geworden, aber fest. „Zeig uns die Nachrichten.“

„Nein.“ Das Wort kam zu schnell, zu scharf. Valerie spürte, wie sich ihre Finger um das Handy verkrampfen. „Es ist nichts. Wirklich.“

Luna lehnte sich über den Tisch. „Sind das … sind das Typen, die das Foto gesehen haben?“

Valerie konnte nicht antworten. Ihr Mund war plötzlich trocken, als hätte sie Sand geschluckt. Das Neonlicht über ihnen flackerte wieder, und leichte Schatten tanzten über die Gesichter ihrer Freundinnen. Sie sahen alle so besorgt aus, so wütend für sie, und das machte alles nur noch schlimmer.

„Ich muss nach Hause“, sagte Val und stand abrupt auf.

Die Welt um sie verschwamm, als sie aus der Nische des Shake Up hastete, ihre Tasche gegen die Hüfte schlagend. Sie hörte das Rufen ihrer Freundinnen hinter sich, aber es war, als wäre ihr Kopf unter Wasser – die Geräusche gedämpft, verzerrt.

„Val, warte!“ Isabells Stimme erklang hinter ihr.

Aber Valerie konnte nicht warten.

Konnte nicht atmen.

Konnte nicht denken.

Alles brach auf einmal auf sie ein. Sie stieß die Tür auf, und kühle Abendluft traf ihr erhitztes Gesicht. Das Handy in ihrer Hand vibrierte wieder, eine unheimliche Erinnerung an das, was jetzt ihr Leben sein würde.

Eine Hand griff nach ihrem Arm, und Valerie zuckte zusammen, drehte sich um und sieht in Lunas besorgte Augen.

„Du kannst jetzt nicht allein gehen“, sagte Luna, ihre Stimme sanfter, als Valerie sie je gehört hat. „Nicht in diesem Zustand.“

Sie schluckt den Kloß in ihrem Hals herunter. „Ich bin okay.“ Die Lüge schmeckt bitter auf ihrer Zunge.

Die anderen hatten sie eingeholt und bildeten einen Halbkreis.

„Das ist Unsinn, Val“, sagte Isabell. „Du musst nicht die Starke spielen. Wir sind Freunde und für dich da.“

Emma trat näher heran, ihre blauen Augen huschten zwischen Valeries Gesicht und dem Telefon, das sie an ihre Brust drückte. „Vielleicht sollten wir deine Mutter anrufen? Oder dich wenigstens nach Hause begleiten?“

Bei diesem Vorschlag krampfte sich Valeries Magen noch mehr zusammen. Ihre Mutter würde Fragen stellen, wissen wollen, was passiert war, warum sie so blass und erschüttert aussah. Der Gedanke, das Foto zu erklären, die Nachrichten, die Art und Weise, wie jeder in der Schule sie jetzt ansieht – das war zu viel.

„Nein“, sagte sie schnell und schüttelte den Kopf. „Meine Mutter braucht das nicht zu wissen. Sie wird sich nur Sorgen machen und vielleicht die Schule anrufen, und dann wird es noch schlimmer.“

Im bernsteinfarbenen Schein der Parkplatzbeleuchtung des Einkaufszentrums sah sie die Zweifel in den Gesichtern ihrer Freunde aufflackern.

Ein Auto fuhr vorbei, seine Scheinwerfer streiften sie, und Valerie zog instinktiv die Schultern ein, als wolle sie verschwinden.

Das Telefon vibrierte wieder. Und wieder.

„Fuck, wie kommen die alle an deine Nummer?“ In Lunas Stimme schwang Wut mit.

Valerie wollte nicht hinsehen, aber sie konnte sich nicht helfen. Sie kippte das Display gerade so weit, dass sie sehen kann, wie die Anzahl der Benachrichtigungen stieg.

Sieben neue Nachrichten. Acht. Neun.

Ihre Hände zitterten jetzt, sie zitterten wirklich, und sie spürte diese vertraute Enge in ihrer Brust, die bedeutete, dass sie kurz davor stand, zu weinen oder sich zu übergeben oder beides.

Der süße Geruch von Trichterkuchen aus dem Food Court des Einkaufszentrums wehte mit der Abendbrise herüber, vermischte sich mit Autoabgasen und wurde dadurch unerträglich.

„Na, wen haben wir denn da?“, durchschnitt eine Stimme den Moment.

Tabitha und ihre Clique Mädchen. Allesamt perfekt gestylt und gekleidet, als wären sie Filmstars. Valerie fühlt, wie sich alles in ihr versteifte . Von allen Momenten, von allen Zeiten – warum musste Tabitha gerade jetzt auftauchen? Als wäre der Abend nicht schon schlimm genug gewesen.

Sie schritt näher, ihre langen blonden Haare perfekt gestylt, ihr Lächeln scharf wie eine Rasierklinge.

Ihre Clique folgte ihr wie eine Gruppe gut gekleideter Geier – Mackenzie, Alicia, Kelly und Colleen, alle mit derselben überheblichen Miene. Einzig Rachel, die erst seit kurzem im Kreis um Tabitha war, wirkte unbehaglich und sogar mitfühlend.

„Valerie“, sagte Tabitha, und ihre Stimme tropfte vor gespielter Besorgnis. „Du siehst ein wenig… angespannt aus. Alles in Ordnung?“

Das Handy in Valeries Hand vibrierte wieder, und sie erkannte, wie Tabithas Blick darauf fiel. Ihr Lächeln wurde breiter. „Oh, bekommst du viele Nachrichten heute Abend?“, fragte sie unschuldig. „Wie schön für dich.“

Valerie spürt, wie sich ihre Kehle zusammenschnürt. Sie konnte nicht antworten, konnte kaum atmen. Die Luft um sie herum fühlte sich unnormal dick und dicht an.

„Lass sie in Ruhe, Tabitha“, sagte Isabell, und ihre Stimme schnitt durch die bedrohliche Atmosphäre.

Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, und Valerie konnte die Spannung, die von ihrer Freundin ausging, praktisch spüren.

„Oh, ich tue doch nichts“, entgegnete Tabitha und drückte eine manikürte Hand in gespielter Unschuld auf ihre Brust. „Ich mache mir nur Sorgen um die arme Valerie. Sie sieht so … entblößt aus.“

Das Wort traf Valerie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihre Wangen brennen vor Scham, und sie wollte am liebsten im Asphalt verschwinden.

Tabitha machte einen Schritt nach vorne und sagte so leise, dass nur Valerie es hören konnte: „Mach dich noch einmal an meinen Freund ran, dann gibt es auch noch Fotos aus der Dusche, die sehr gut in der Schule ankommen würden.“

Augenblicklich gefror Valerie das Blut in ihren Adern. Die Bedrohung hing in der Luft zwischen ihnen, giftig und erstickend. Sie konnte sich nicht bewegen, konnte nicht über das Dröhnen in ihren Ohren hinweg denken.

„Was hast du gerade zu ihr gesagt?“, fragte Luna und trat einen Schritt vor.

Tabithas Lächeln wich nicht von ihrem Gesicht, als sie sich zu Luna umdrehte. „Ich wollte nur nach einer Freundin sehen. Du weißt, wie sehr ich mich um das Wohlergehen aller an der Porter High sorge.“

Isabell rückte näher an Valerie heran und drückte ihre Schulter zur stillen Unterstützung an ihre.

„Du machst niemandem etwas vor, Tabitha. Wir wissen, dass du es warst, die dieses Foto gemacht hat.“

„Foto?“ Tabithas Augenbrauen hoben sich in gespielter Verwirrung. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Vielleicht solltest du Valerie fragen, welche Art von … Inhalten … sie geteilt hat.“

Emma trat vor, ihre Stimme war erstaunlich ruhig. „Das ist genug. Lasst uns gehen, Leute.“

„Ihr geht schon?“, rief Tabitha ihnen hinterher, als Emma begann, Valerie in Richtung Parkplatz zu lenken. „Das ist wahrscheinlich das Beste. Manche Leute kommen mit dem Rampenlicht einfach nicht klar.“

Das Lachen ihrer Freundinnen verfolgte sie über den Asphalt, und der Klang schnitt durch die Abendluft wie Glasscherben. Valeries Handy vibrierte wieder in ihrer Hand.

Sie wollte es werfen, es auf den Asphalt knallen lassen, bis es aufhörte. Bis alles aufhörte.

„Val, atme“, murmelte Emma und legte ihre Hand fest auf Valeries Rücken. „Einfach atmen.“

Valerie versuchte es, aber die Luft wollte nicht richtig in ihre Lungen. Jeder Atemzug fühlte sich oberflächlich an, als würde sie durch einen Strohhalm atmen.

Das Lachen von Tabithas Clique hallte noch immer in ihren Ohren nach, vermischte sich mit dem Summen der Parkplatzbeleuchtung über ihnen.

„Wir bringen dich nach Hause“, sagte Isabell, ihre Stimme fest und entschlossen. „Sofort.“

„Nein“, flüsterte Valerie, aber das Wort kam kaum über ihre Lippen. „Ich kann nicht … meine Mutter wird …“

Das Handy vibrierte wieder. Und wieder. Es war wie ein Herzschlag in ihrer Hand, unerbittlich und beängstigend. Die Anzahl der Benachrichtigungen auf dem Bildschirm stieg weiter – zwölf, dreizehn, vierzehn.

„Gib mir das Ding“, sagte Luna und streckte die Hand aus. „Ich lösche jeden einzelnen von diesen Perversen.“

Valerie zog das Handy näher an sich.

„Nein, das macht es nur schlimmer. Wenn ich nicht antworte, werden sie vielleicht noch wütender werden.“

Isabell schnaubte, aber ihre Augen waren voller Sorge. „Val, die können dir nichts tun. Das sind nur feige cabrones, die sich hinter ihren Handys verstecken.“

Aber Valerie wusste, dass das nicht stimmte. Sie konnten ihr sehr wohl etwas antun. Sie taten es bereits.

Jede Nachricht, jede Benachrichtigung war ein kleiner Stich, der sie daran erinnerte, dass ihre Privatsphäre zerstört wurde, dass sie jetzt ein Objekt für fremde Augen war.

„Ich gehe zu Fuß“, murmelt sie und wandte sich von ihren Freundinnen ab.

„Auf keinen Fall“, sagte Lena sofort. „Nicht allein. Nicht heute Abend.“

„Ich komme mit“, bot Emma an. „Meine Mutter kann uns abholen.“

Valerie schüttelt den Kopf. Der Gedanke, Emmas Mutter zu begegnen, Fragen zu beantworten, normal zu wirken, wenn sie sich fühlte, als würde sie innerlich zerbrechen – das war unmöglich.

„Bitte“, flüstert sie. „Ich brauche nur … ich brauche nur …“

„Du brauchst uns“, sagte Lena und lächelte Valerie aufmunternd an.

„Genau“, stimmte Luna zu. „Wir lassen dich nicht allein damit, Val.“

Das Licht des Parkplatzes flackerte, warf zitternde Schatten über ihre Gesichter.

Valerie starrte auf den rissigen Asphalt unter ihren Füßen. Die Angst, nach Hause zu gehen, zu ihren Eltern, die nichts von all dem wussten – es erschien unmöglich.

Gleichzeitig wollte sie nur noch weg von hier, weg von Tabitha und ihren Freundinnen, die immer noch am Eingang des Shake Up standen und zu ihnen herübersahen.

„Okay“, flüsterte Valerie schließlich. „Emma, kannst du … kannst du deine Mutter anrufen?“

Emma nickte sofort, Erleichterung in ihren Augen. „Natürlich. Sie ist wahrscheinlich noch wach.“

Während Emma ihr Handy zückte und auf Abstand ging, um zu telefonieren, vibrierte Valeries Telefon erneut. Sie konnte nicht anders – ihr Blick fiel unwillkürlich auf den Bildschirm.

-„Hey Süße, nette Unterwäsche. Zeigst du mir mehr?“-

„Gib mir das Ding“, sagte Isabell plötzlich und griff nach dem Telefon.

Dieses Mal war Valerie zu erschöpft, um Widerstand zu leisten. Sie ließ zu, dass ihre Freundin das Gerät aus ihren zitternden Fingern nahm.

Isabells Gesicht wurde dunkel, als sie die Nachricht las. Ihre Finger wischten über den Bildschirm, und Valerie konnte sehen, wie sich ihre Augen verengten. Mit jedem Wischen wurde ihr Ausdruck grimmiger.

„Diese kranken puercos“, murmelte sie, und ihre Stimme zitterte vor Wut. „Wie sind die überhaupt an deine Nummer gekommen?“

Valerie spürt, wie sich ihre Knie schwach anfühlten. Sie lehnte sich gegen das kalte Metall eines Lampenmasts, und die Kühle drang durch ihren Pullover.

„Wahrscheinlich von jemandem aus der Schule“, flüsterte sie. „Meine Nummer steht in der Klassen-WhatsApp-Gruppe.“

Luna trat näher und warf einen Blick auf das Display. Ihr Gesicht verzog sich vor Ekel. „Das ist widerlich. Absolut widerlich.“

„Sie schreiben, als würdest du sie einladen“, sagt Isabell und schüttelte ungläubig den Kopf. „Als wärst du diejenige, die …“

„Ich weiß“, unterbrach Valerie sie schnell.

Die Worte brannten in ihrem Hals. Sie wusste, dass es nicht ihre Schuld war, aber die Scham brannte trotzdem, als wäre sie irgendwie mitverantwortlich für das, was geschehen war.

Emma kehrte zu ihnen zurück, ihr Handy noch in der Hand. „Meine Mutter ist in zehn Minuten da. Sie holt uns alle ab.“

Valerie nickte dankbar. Die Vorstellung, noch zehn Minuten hier zu stehen, mit dem Wissen, dass Tabitha und ihre Clique sie immer noch beobachteten, ließ ihren Magen sich verkrampfen. Sie konnte deren Blicke auf sich spüren, konnte das gelegentliche Kichern hören, das über den Parkplatz driftete.

„Hier“, sagte Isabell und hielt ihr das Handy hin. „Ich habe deine Nummer erst mal auf privat gestellt.“

Valerie nahm das Gerät mit zitternden Fingern entgegen. Der Bildschirm war sauber, keine Benachrichtigungen mehr, aber sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis neue kommen würden.

Die Fotos waren da draußen, und es gab kein Zurück mehr.