𝕻𝖗𝖔𝖑𝖔𝖌
Oakhaven 1969
Der Jahrmarkt von Oakhaven war im September 1969 verendet. Er war ein Skelett aus bunten Lichtern und rostigem Stahl, das im fahlen Mondlicht klapperte. Die Luft schmeckte nach verbranntem Diesel und dem süßlichen Gestank klebriger Zuckerwatte. Ein blechernes Echo vonCanned Heatmischte sich mit dem rhythmischen Quietschen des Riesenrads.
Jake taumelte aus der Gondel. Seine Schlaghose war am Knie aufgerissen, das bunte Hemd klebte ihm am Leib. Er blinzelte gegen die Glühbirnen-Ketten an, die wie schwärende Wunden über den staubigen Gehwegen hingen. Er wirkte verloren – ein Überbleibsel einer Party, die blutig geendet hatte.
Er bemerkte das Kaugummi an seiner Hand, fluchte und wischte es ab. Sein Blick suchte einen Ausgang aus diesem Irrgarten aus grellen Vinylbannern und schweigenden Schießbuden.
Aus dem Schatten eines leerstehenden Popcorn-Wagens trat sie hervor. Ein weißes Kleid flatternte im Wind wie die Flügel eines Nachtfalters.
„Lorie.“
„Lass uns als Nächstes mit dem Riesenrad fahren, Liebling!“, rief sie. Ihre Stimme war hell, aber ohne Resonanz. Sie war eine Aufnahme aus einer besseren Zeit, die im Jahr 1969 keinen Platz mehr fand.
Jake wich zurück. Er stammelte von einem Unfall, von fünf Jahren der Qual, von einem Ende, das längst hätte besiegelt sein müssen. Doch Lorie lachte nur – ein hohles Kichern, das die Luft gefrieren ließ. Das Flackern der Lichter wurde wilder, ein elektrisches Gewitter, das die Schatten über den Boden peitschte.
„Ich habe gewartet, Jake“, flüsterte sie, während ihr Gesicht grau wurde und die Haut wie trockenes Pergament riss. „Im Leben und im Tod.“
Es geschah zwischen zwei Herzschlägen. Ihre bleiche Hand schoss vor, durchbrach Stoff, Haut und Rippen. Das Geräusch brechender Knochen war so laut wie ein Schuss aus einer Winchester. Jake keuchte, Blut quoll über seine Lippen. Er sank auf die Knie, während sie sein Herz aus der Brust riss – ein pulsierendes Opfer für ein gebrochenes Versprechen.
„Jetzt können wir für immer zusammen sein“, flüsterte die Gestalt und zerquetschte das Fleisch mit einem nassen Geräusch. Jakes Körper sackte zusammen.
Nur das Riesenrad drehte sich weiter.
Hinter der Spiegel-Bude trat ein Mann hervor. Er war groß gewachsen, die Schultern breit unter einem hellen Hemd, das im Mondlicht leuchtete. Er blieb am Rand des Scheins stehen. Sein Haar war so hellblond, dass es fast weiß wirkte.
Er hatte alles gesehen. Jeden Schrei gehört. Jeden Tropfen Blut gezählt.
Ein kühles Lächeln umspielte seine Lippen. Er holte eine silberne Taschenuhr hervor und knipste sie auf.
„Pünktlich“, murmelte er. Seine Stimme war so unnachgiebig wie der Stahl der Fahrgeschäfte.
Er rückte sich den Kragen zurecht und verschwand im Labyrinth der Buden, während hinter ihm die Musik des Karussells von Neuem begann.
Er war nicht hier, um zu retten. Er war hier, um zu bezeugen.








